Landeck (Westpreußen)

 Bildergebnis für landeck pommern landkarteLandeck – wenige Kilometer nördlich von Flatow bzw. östlich von Ratzebuhr - ist das heutig poln. Lędyczek mit derzeit ca. 550 Einwohnern (Ausschnitt aus hist. Karte des Landeskreises Flatow, aus: wikipedia.org, gemeinfrei).

In der kleinen westpreußischen Ortschaft - im Südteil des ehemaligen Kreises Schlochau - lebten Juden dauerhaft vermutlich seit dem letzten Viertel des 18.Jahrhunderts. Eine erste Familie soll sich im Dorf bereits 1724 hier aufgehalten haben. Trotz der staatlich verfügten Ausweisungen von Juden aus den ländlichen Orten wurden die wenigen in Landeck lebenden Familien aus wirtschaftlichen Gründen weiterhin geduldet; so waren z.B. die Tuchmacher auf jüdische Händler angewiesen, die den Rohstoff Wolle hierher brachten und ihnen zum Kauf anboten.

Zuzüge aus anderen westpreußischen Ortschaften ließen die Zahl der Juden im damals nur 600 Einwohner zählenden Landeck (um 1800) weiter wachsen. Es bildete sich eine Gemeinde heraus; ihr Statut stammte aber erst aus dem Jahre 1858.

Zu den gemeindlichen Einrichtungen zählten ein Friedhof, der zu Beginn des 19.Jahrhunderts angelegt wurde, und eine Synagoge; der letzte Bau war erst in den 1920er Jahren errichtet worden und ersetzte ein inzwischen marodes Gebäude - zu einer Zeit, als die Zahl der Gemeindeangehörigen bereits stark rückläufig war.

Die jüdischen Kinder besuchten die öffentliche Volksschule. Die Gemeinde hatte lange Jahre einen Lehrer verpflichtet, der auch als Kantor und Schächter tätig war; das Amt war aber einem ständigen Wechsel unterworfen.

Juden in Landeck:

--- 1774 ..........................   4 jüdische Familien,

--- 1812 ..........................  24     “        “   ,

--- 1816 .......................... 100 Juden,

--- 1831 .......................... 143   "   (ca. 23% d. Bevölk.),

--- 1846 .......................... 185   “  ,

--- 1871 .......................... 182   “  ,

--- 1880 .......................... 193   “  ,

--- 1898 .......................... 108   “  ,

--- 1892 .......................... 169   “  (in 38 Familien),

--- 1905 .......................... 113   “  ,

--- 1913 ..........................  62   “  ,

--- 1925 ...................... ca.  50   “  (ca. 7% d. Bevölk.),*     *andere Angabe: 61 Pers.

--- 1939 (Mai) ....................  34   “  .

Angaben aus: Gerhard Salinger, Zur Erinnerung und zum Gedenken. Die einstigen jüdischen Gemeinden Westpreußens, Teilband 3, S. 634

In den 1880er Jahren setzte sich die jüdische Kultusgemeinde immerhin aus etwa 200 Personen zusammen. Die jüdischen Familien waren Händler und Handwerker; ihre Geschäfte befanden sich zumeist in der Chausseestraße.

Während des Novemberpogroms wurde die Synagoge niedergebrannt; tags darauf erschienen beim Vorstand der jüdischen Gemeinde einige Nationalsozialisten, die die Benzinrechnung zwecks Erstattung vorlegten! Kurz danach wurde die Synagogenruine abgerissen.

Die noch in der Kleinstadt verbliebenen Juden mussten 1939 den Ort verlassen; die meisten verzogen nach Berlin; von hier wurden sie dann 1942 „in den Osten“ deportiert. Diejenigen, die noch in Landeck geblieben waren, wurden in einem Lager bei Schneidemühl interniert und wenig später deportiert. Mindestens 16 gebürtige Landecker Juden wurden Opfer der Shoa.

 

Heute sind nur noch spärliche Relikte des während der NS-Zeit verwüsteten jüdischen Friedhofs erhalten; die sehr wenigen verbliebenen Grabsteine sind fast vollständig von der Vegetation überwuchert.   

 Der Mykologe Prof. Dr. Richard Falck wurde 1873 als Sohn des jüdischen Färbereibesitzers, Landwirts und Kaufmanns Julius Falck im westpreußischen Landeck geboren. Nach einer Ausbildung als Apotheker absolvierte er an der Universität ein Studium, promovierte und war seit 1910 an der Forstakademie in Hann.-Münden tätig. Hier widmete er sich intensiv der Forschung. Bereits in den 1920er Jahren war er hier antisemitischen Anfeindungen (z.B. Boykott seiner Vorlesungen) ausgesetzt, die ihm dann auch seine Stellung kosteten. 1933 emigrierte er mit seiner Familie nach Palästina; er kehrte von dort wieder nach Europa zurück und war dann als Berater der polnischen Staatsforstverwaltung tätig. Nach Kriegsausbruch flüchtete er von Warschau in die UdSSR, wo er bis Kriegsende blieb. Via Israel gelangte Richard Falck schließlich in die USA, wo er in einem Privatlabor in Atlanta seine Forschungen weiterführte. 1947 wurden Richard Falck im Rahmen eines sog. „Wiedergutmachungsverfahren“ die Rechte eines emeritierten Professors an der Universität Göttingen zugestanden. Richard Falck verstarb 1955 in Atlanta/USA.

 

Der 1871 in Landeck geborene Emil Kraft erwarb durch seine Tätigkeit im überregionalen Holzhandel, den er weit über die Zentrale in Wunstorf (bei Hannover) ausbaute, ansehnlichen Wohlstand. Seine politischen Aktivitäten (als Mitglied der DDP), die ihm in der Stadt - neben seinem Engagement für hilfsbedürftige Bürger - zu hohem Ansehen verhalfen, gipfelten in seiner Ernennung zum ehrenamtlichen Senator der Stadt Wunstorf. Nach 1933 wurde ihm jedwede politische Tätigkeit untersagt, und er wurde seiner wirtschaftlichen Grundlagen beraubt. Nach seiner mehrwöchigen Inhaftierung im KZ Buchenwald (Nov./Dez. 1938) emigrierte der nun völlig mittellose Emil Kraft mit seiner Frau in die Niederlande (März 1939). Vier Jahre später wurde er via Westerbork nach Auschwitz deportiert, wo er ermordet wurde; seine Frau beging in Amsterdam Suizid.

 

 

Hinweis:

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/3/3d/Schlesien_Kr_Habelschwerdt.png Im niederschlesischen (Bad) Landeck (poln. Lądek-Zdrój, südöstlich von Glatz/Kłodzko ) hat es seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine kleine jüdische Gemeinschaft gegeben, die 1906 ca. 35 Angehörige zählte. Der dortige Friedhof – nahe der früheren evangelischen Kirche gelegen - wurde während der Kriegsjahre schwer beschädigt; heute erinnern auf dem ca. 300 m² großen ehemaligen Begräbnisgelände keine Grabrelikte mehr an dessen einstige Bestimmung. Nach Angaben der Gedenkstätte Yad Vashem/Jerusalem sind sieben aus Landeck stammende Juden Opfer der Shoa geworden.

 

Weitere Informationen:

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 2), New York University Press, Washington Square, New York 2001, S. 703

Gerhard Salinger, Zur Erinnerung und zum Gedenken. Die einstigen jüdischen Gemeinden Westpreußens, New York 2009, Teilband 3, S. 632 - 642 

Ledyczek, in: sztetl.org.pl

Richard Falck, in: Uta Schäfer-Richter/Jörg Klein (Bearb.), Die jüdischen Bürger im Kreis Göttingen, 1933–1945:  Ein Gedenkbuch, 2. Aufl., Wallstein, Göttingen 1993, S. 64 f

Felix Pütter, Emil Kraft. Eine biographische Skizze, in: “Wunstorfer Stadtspiegel. Mitteilungsblatt des Heimatvereins Wunstorf”, No. 80/2010