Lötzen (Ostpreußen)

   Im ca. 30 Kilometer östlich Rastenburgs liegenden Lötzen (poln. Gizycko*, derzeit ca. 30.000 Einw.) - auf einer Landenge zwischen dem Löwentinsee und dem Mauersee - sollen angeblich bereits im ausgehenden Mittelalter Juden gelebt bzw. Handel getrieben haben. (Anm.: Lötzen besaß erst seit 1612 Stadtrechte).

* Seinen heutigen Namen trägt Lötzen nach dem in Johannisburg geborenen Pastor Gustav Gizeviusz (1810-1848).

Ab 1813 siedelten sich wenige jüdische Familien aus Flatow hier an; in den folgenden Jahrzehnten entstand eine Kultusgemeinde, die Anfang der 1870er Jahre ca. 230 Angehörige besaß, sich aber durch Abwanderung schnell wieder verkleinerte.

Um 1880 (andere Angabe: in den 1860er Jahren) ließ die Gemeinde in der Boyenstraße ein Synagogengebäude errichten.

Giżycko. Synagoga, między 1901 i 1915 r. oraz w 1938 r. Synagoge in Lötzen - Skizzen Jerzy Łapo (Abb. aus: sztetl.org.pl)

Ein Friedhof war bereits bei Siedlungsbeginn angelegt worden (an der Lycker Straße), der nach 1860 durch ein anderes Gelände - unmittelbar angrenzend an den christlichen Friedhof - ersetzt wurde.

Juden in Lötzen:

    --- 1813 ...........................  eine jüdische Familie,

--- 1847 ...........................   32 Juden (in 10 Familien),

--- 1857 ...........................   77   “  ,

--- um 1870 .................... ca.  170   “  ,*   *andere Angabe: ca. 230 Pers. (bezogen auf Kreis)

--- 1890 ...........................  128   “  ,

--- 1895 ...........................  137   "  ,

--- 1925 ...........................  101   “  ,

--- 1933 ....................... ca.   70   “  ,

--- 1939 ...........................   20   “  .

Angaben aus: Gizycko, in: sztetl.org.pl

http://static2.akpool.de/images/cards/57/574289.jpg Lötzen: Lycker Straße (hist. Postkarte, um 1905)

Eine der wohlhabendsten jüdischen Familien in Lötzen war die von Daniel Jacoby; dessen Handelshaus war vor 1918 der offizielle Lieferant von Pelzen am kaiserlichen Hof. Die jüdischen Bewohner nahmen zu Beginn des 20.Jahrhunderts aktiv am gesellschaftlichen Leben der Kleinstadt teil.

Anfang der 1930er Jahre war die aus ca. 70 Mitgliedern bestehende Gemeinde antisemitischen Attacken ausgesetzt, die auch zur Zerstörung von jüdischen Geschäften führten. Im März 1933 wurden einige Juden festgenommen; ihnen wurde der Vorwurf kommunistischer Agitation und der unrechtmäßige Besitz von Waffen gemacht.

Vorläufiger Höhepunkt der antijüdischen Ausschreitungen war auch hier die „Kristallnacht“, in der die Synagoge in Brand gesetzt wurde.

              Synagoga giżycka (Synagoga), Giżycko - 1910 rok, stare zdjęcia Synagoge um 1910 (hist. Aufn. aus: gizycko.fotopolska.eu)

Ob die Juden, die im Frühjahr 1939 noch in Lötzen wohnten, rechtzeitig emigrieren und ihr Leben retten konnten, ist fraglich. Nach Schätzungen sollen ca. 50 gebürtige bzw. längere Zeit in Lötzen wohnhaft gewesene jüdische Personen ermordet worden sein.

 

Diejenigen, die die Kriegsjahre überlebt hatten, emigrierten später zumeist in die USA.

Nach dem Abriss des Synagogengebäudes wurde das Grundstück mit einem Mehrfamilienhaus überbaut.

Der jüdische Friedhof wurden in den Jahrzehnten nach Kriegsende aufgegeben; auf dem in eine Grünfläche umgewandelten Gelände an der Ul. Warszawska weist nur eine Informationstafel auf die einstige Begräbnisstätte des jüdischen Bevölkerungsteils hin.

 Aus Giżycko (Lötzen) stammte Paul Davidsohn (geb. 1871), Sohn eines jüdischen Kaufmanns; er gilt als „Vater“ der deutschen Filmindustrie. 1904 gründete er in Frankfurt/M. die „Kinematographische Gesellschaft“, die 1918 an der Gründung der Filmgesellschaft „Ufa“ beteiligt war. Davidsohn begründete 1906 in Mannheim das erste Kino-Theater in Deutschland, 1907 folgte in Berlin das erste Kino. Paul Davidsohn war Mitschöpfer verschiedener Filmprojekte; u.a. schuf er die Ateliers in Tempelhof und Neubabelsberg. Unter seiner Leitung entstanden über 200 Filme. 1927 schied er durch Selbstmord aus dem Leben.

 

Weitere Informationen:

Max Meyhöfer, Der Kreis Lötzen. Ein ostpreußisches Heimatbuch, Würzburg 1961 (in: "Ostdeutsche Beiträge aus dem Göttinger Arbeitskreis", No. 20)

M.Brocke/M.Heitmann/H.Lordick (Hrg.), Zur Geschichte und Kultur der Juden in Ost- und Westpreußen, Georg Olms Verlag, Hildesheim/u.a. 2000

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 2), New York University Press, Washington Square, New York 2001, Vol. 2, S. 745

Gizycko, in: sztetl.org.pl  (Anm.: hier auch weitere Literaturangaben, zumeist in polnischer Sprache)

Bernd Sawatzki (Red.), Der ehemalige Kreis Lötzen in Ostpreußen – Stadt- u. Kreisgeschichte Lötzen, online abrufbar unter: lötzen.de (2012)