Langenlonsheim (Rheinland-Pfalz)

Bildergebnis für landkreis bad Kreuznach ortsdienst karteLangenlonsheim ist eine Kommune mit derzeit ca. 3.600 Einwohnern im Landkreis Bad Kreuznach - ca. zehn Kilometer nördlich der Kreisstadt zwischen Bingen/Rhein und Bad Kreuznach gelegen (ohne Eintrag von Langenlonsheim, Karte aus: ortsdienst.de/rheinland-pfalz/landkreis-bad-kreuznach).

In der Ortschaft Langenlonsheim wurde erstmals im Jahre 1685 eine jüdische Familie urkundlich erwähnt. Gegen Mitte des 18.Jahrhunderts sind vier jüdische Familien nachweisbar. Die sich später hier gebildete Gemeinde zählte kaum mehr als 70 Angehörige; zunächst gehörten die Langenlonsheimer Juden zur Synagogengemeinde Bad Kreuznach.

Seit ca. 1860 besaß die Kultusgemeinde eine Synagoge in der Hintergasse, die einen älteren Betraum ablöste; der mit Rundbogenfenstern versehene Bau wies 50 Sitzplätze auf; eine Empore war den Frauen vorbehalten.

Synagoge Langenlonsheim (Ausschnitt aus hist. Karte, um 1900/1910)

Die jüdischen Kinder besuchten die evangelische Volksschule am Ort; Religionsunterricht erteilten eigene jüdische Lehrer, zeitweilig auch Gemeindemitglieder.

  Stellenangebote der Gemeinde von 1885 und 1900

Eine jüdische Begräbnisstätte ist seit den 1740er Jahren urkundlich belegt; diese lag ca. fünf Kilometer vom Dorf entfernt; auf diesem mitten in einem Waldgebiet liegenden Friedhof - in der Flur „Judenkirchhofschlägen“ - wurden auch verstorbene Juden aus Laubenheim beerdigt.


Größere Grabanlage und zwei stark verwitterte Grabsteine (Aufn. Otmar Frühauf, 2010)

1895 schlossen sich die wenigen jüdischen Familien aus Bretzenheim und Laubenheim der Gemeinde Langenlonsheim an.

Juden in Langenlonsheim:

         --- um 1700 .......................  2 jüdische Familien,

    --- 1769 .......................... 28 Juden,

    --- um 1810 ................... ca. 45   “  ,

    --- 1843 .......................... 42   “  ,

    --- 1858 .......................... 73   “  ,

    --- 1895 .......................... 70   “  ,

    --- 1925 .......................... 53   “  ,

    --- 1933 .......................... 40   “  (in 10 Familien),

    --- 1938 (Nov.) ................... 15   “  ,

    --- 1939 ..........................  5 jüdische Familien,

    --- 1942 (Dez.) ...................  keine.

Angaben aus: Karl-Wilhelm Höffler, Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde zu Langenlonsheim

Die Juden Langenlonsheims waren Händler, die vor allem Wein und Vieh vermarkteten und gleichzeitig Alltagsgüter ihrer bäuerlichen Kundschaft anboten. Nach 1895 wanderten die Langenlonsheimer Juden zunehmend ab. Das einvernehmliche Zusammenleben zwischen Christen und Juden in Langenlonsheim begann sich bereits ab 1930 einzutrüben; drei Jahre später begannen auch hier gegen die jüdische Minderheit erste „Aktionen“, die sich in den Folgejahren fortsetzten. Bis 1938 hatten drei jüdische Geschäftsleute ihre Betriebe aufgegeben; die fünf verbliebenen schlossen wenige Monate später. Die bis in die 1930er Jahre genutzte Synagoge wurde während des Novemberpogroms von 1938 geplündert und teilzerstört; die Inneneinrichtung und der Fußboden wurden herausgerissen, die Ritualien gestohlen; an der Schändung waren auch Schulkinder aktiv beteiligt. An den tätlichen Angriffen auf jüdische Bewohner und der Zerstörung ihrer Wohnungseinrichtungen beteiligte sich vor allem die einheimische Dorfbevölkerung; erst später traf ein SA-Trupp aus Bad Kreuznach ein, der angeblich aber vom Bürgermeister aus dem Dorf gewiesen wurde. Die meisten Juden Langenlonsheims, die nicht emigrieren konnten, wurden deportiert (Frühjahr 1942) und kamen in den Vernichtungslagern ums Leben.

Nach Angaben der Gedenkstätte Yad Vashem/Jerusalem und des „Gedenkbuches – Opfer der Verfolgung der Juden ...“ sind nachweislich 52 aus Langenlonsheim stammende bzw. hier längere Zeit ansässig gewesene Juden Opfer der Shoa geworden (namentliche Nennung der betroffenen Personen siehe:alemannia-judaica.de/langenlonsheim_synagoge.htm).

Fünf Jahre nach Kriegsende mussten sich 22 am Novemberpogrom beteiligte Personen vor Gericht verantworten; die meisten wurden freigesprochen.

 

Ende der 1950er Jahre wurde das in Privatbesitz übergegangene ehemalige Synagogengebäude abgerissen. 2001 wurde von der Kommune ein Gedenkstein aufgestellt, der an alle Opfer der NS-Gewaltherrschaft erinnern soll. Zehn Jahre später wurden sog. „Stolpersteine“ für die 20 jüdischen Opfer verlegt. Weitere sechs Steine fanden 2017 in der Naheweinstraße ihren Platz.

Langenlonsheim Stolperstein Naheweinstraße 132 Ludwig Mayer.jpgLangenlonsheim Stolperstein Naheweinstraße 132 Johanna Mayer.jpgLangenlonsheim Stolperstein Naheweinstraße 132 Liselotte Mayer.jpg verlegt Naheweinstraße (Aufn. Alfons Tewes, 2020, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)

Langenlonsheim Stolperstein Schulstraße 12 August Weiss.jpg Langenlonsheim Stolperstein Schulstraße 12 Isabella Weiss.jpg Langenlonsheim Stolperstein Schulstraße 12 Sally Weiss.jpg Langenlonsheim Stolperstein Schulstraße 12 Max Weiss.jpg Langenlonsheim Stolperstein Schulstraße 12 Kurt Norbert Weiss.jpg

verlegt in der Schulstraße (Aufn. Alfons Tewes, 2020, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)

Auf dem hiesigen jüdischen Friedhof findet man heute noch ca. 45 Grabsteine, die teilweise allerdings schon stark verwittert sind.

 

In Rümmelsheim - heute ein Ortsteil der Verbandsgemeinde Langenlonsheim - gab es eine kleine jüdische Gemeinschaft, deren erste Spuren bereits ins 16.Jahrhundert zurückverfolgt werden können. Offiziell gründete sich aber erst eine Kultusgemeinde zu Beginn des 19.Jahrhunderts. 

vgl. Rümmelsheim (Rheinland-Pfalz)

 

Im nur wenige Kilometer entfernten Dorfe Gensingen gab es eine um 1805 gegründete jüdische Gemeinde, die aber stets nur aus wenigen Familien bestand. Nach Auflösung der winzigen israelitischen Gemeinde im benachbarten Weindorf Horrweiler schlossen sich die noch verbliebenen Personen der Gensinger Gemeinde an. Um die Mitte des 19.Jahrhunderts erreichte die Zahl der Gemeindeangehörigen ca. 60 Personen; sie unterstanden dem Bezirksrabbinat Bingen. Zu den Kultuseinrichtungen zählten eine 1862 eingeweihte Synagoge in der Hundsgasse und ein Friedhofsgelände nördlich des Dorfes. Gegen Ende der 1930er Jahre hatten alle jüdischen Bewohner Gensingen verlassen. Nachweislich wurden sieben gebürtige bzw. länger im Dorf lebende jüdische Bewohner Opfer der Shoa. 

vgl. Gensingen (Rheinland-Pfalz)

 

In der nördlich von Bad Kreuznach gelegenen Ortschaft Bretzenheim sollen bereits im ausgehenden Mittelalter Juden gelebt haben. Nach 1650 setzte eine neuerliche Ansiedlung von Juden ein. Ihr Bevölkerungsanteil entsprach um 1800 mit ca. 50 Personen (in zehn Familien) etwa 8% der Dorfbevölkerung. Im Laufe des 19.Jahrhunderts sank diese Zahl und lag um 1900 bei nur noch 15 Personen. Die Betstube wurde aufgegeben und die wenigen verbliebenen Juden (kaum zehn Personen) schlossen sich 1895 der Kultusgemeinde Langenlonsheim an. 

vgl. Bretzenheim/Nahe (Rheinland-Pfalz)

 

Weitere Informationen:

C. Schertel/H.Hofmann, Die einstige jüdische Gemeinde, in: Gemeindeverwaltung Gensingen (Hrg.), Gensinger Chronik - Beiträge aus Kultur und Geschichte der Gemeinde 768-1968, o.O. 1968, S. 72 - 76

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Societäts-Verlag, Frankfurt/M. 1971, Bd. 1, S. 249

Kreisverwaltung Bad Kreuznach (Hrg.), Die jüdischen Synagogen im Landkreis Bad Kreuznach, Bad Kreuznach 1988, S. 28

Geschichte der Langenlonsheimer jüdischen Gemeinde, aus: Friedrich Schmitt/u.a. (Bearb.), Ortschronik von Langenlonsheim, Wiesbaden 1991, S. 357 - 366

Karl-Wilhelm Höffler, Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde zu Langenlonsheim, in: "SACHOR - Beiträge zur Jüdischen Geschichte in Rheinland-Pfalz", 1.Jg., Heft 1/1991, S. 4 – 35

Maren Heyne, Stille Gärten – beredte Steine. Jüdische Friedhöfe im Rheinland, Bonn 1994, S. 126 - 128

Dokumentation jüdische Grabstätten im Kreis Bad Kreuznach. Geschichte und Gestaltung, in: "Heimatkundliche Schriftenreihe des Landkreises Bad Kreuznach", Band 28/1995, S. 261 – 282

Hans Schneider, Die Geschichte der Juden von Bretzenheim an der Nahe, in: "SACHOR - Beiträge zur Jüdischen Geschichte und zur Gedenkstättenarbeit in Rheinland-Pfalz", Heft 19 - 2/2000 S. 32 - 49  

Stefan Fischbach/Ingrid Westerhoff (Bearb.), “ ... und dies ist die Pforte des Himmels “. Synagogen. Rheinland-Pfalz Saarland, Hrg. Landesamt für Denkmalpflege, Mainz 2005, S. 165 (Gensingen) und S. 230/231 (Langenlonsheim)

Langenlonsheim, in: alemannia-judaica.de (mit Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Dieter Ackermann (Red.), Stolpersteine erinnern an das Leid der Langenlonsheimer Juden, in: „Rhein-Zeitung“ vom 1.9.2011

Sonja Flick (Red.), An Opfer der Nazis erinnern: Gunter Deming verlegt in Langenlonsheim sechs Stolpersteine, in: „Allgemeine Zeitung. Rhein-Main-Presse“ vom 14.10.2017

Auflistung der Stolpersteine in Langenlonsheim, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Langenlonsheim