Kulmbach (Oberfranken/Bayern)

Der Main: Eine faszinierende Wasserstraße | Events & Konzerte | Bayern 2 |  Radio | BR.deDatei:Kulmbach in KU.svg Kulmbach ist eine oberfränkische Kreisstadt mit derzeit ca. 27.000 Einwohnern; sie liegt am Main etwa 20 Kilometer nördlich von Bayreuth (Karte vom Verlauf des Main, aus: br.de  und  Kartenskizze Hagar, 2010, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Erste gesicherte Hinweise auf jüdisches Leben in Kulmbach gibt es seit 1372; in diesem Jahre erklärte der Nürnberger Burggraf Friedrich V. den Bayreuther „Judenmeister“, Meir zu Peyerreut, zum Landesrabbiner über die Judengemeinden Bayreuth, Hof und Kulmbach. In einem Steuererlass von 1373 gestand Burggraf Friedrich den in Kulmbach lebenden Juden bestimmte Rechte zu; im gleichen Jahr wurde in der Stadt auch ein Judengericht eingerichtet, das vor der Synagoge („Judenschul“) tagte. Dem sechsköpfigen Gremium stand der landesherrliche Amtmann vor; ihm saßen zwei christliche Urteilsfinder und drei „ehrbare Juden“ bei. Ein zunächst auf einige Jahre ausgestellter kollektiver Schutzbrief wurde ab 1381 durch individuelle Schutzbriefe abgelöst. Die im 14.Jahrhundert in Kulmbach ansässigen Juden lebten vor allem vom Kreditgeschäft; ihre Wohnsitze lagen vermutlich am „Judenplatz“ bzw. in der „Judengasse“ (seit 1845  Waaggasse).

Blick in die ehem. Judengasse/Waaggasse (Aufn. W. Schoberth) http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20183/Kulmbach%20Abb%20174.jpg

Zu Beginn des 15.Jahrhunderts schien aber keine jüdische Gemeinde mehr bestanden haben. In den folgenden vier Jahrhunderten haben sich stets nur wenige jüdische Familien vorübergehend in Kulmbach aufgehalten; Duldung und Vertreibung wechselten einander ab. Während die Landesherrschaft aus finanziellem Eigeninteresse eher geneigt war, Juden in ihrem Territorium zu dulden, war der Rat der Stadt Kulmbach strikt gegen deren Aufenthalt; hierbei wurden rein wirtschaftliche Beweggründe mit pseudo-religiöser Rechtfertigung verbrämt: „... weil ihre Voreltern unseren Herrn Jesum unschuldig ermördert” hätten. So wies z.B. der regierende Marktgraf 1560 die jüdischen Bewohner aus Kulmbach aus, worauf der Mob gewalttätig gegen die Juden vorging und sich ihrer Habe bemächtigte. Die restriktive Judenpolitik des Kulmbacher Stadtmagistrats dauerte auch in den folgenden Jahrzehnten an.

                  In den im Jahre 1713 erneuerten Privilegien der Stadt Kulmbach hieß es u.a.:

„ ... weilen biss anhero wahrgenommen worden, dass die Juden sich in hiesiger Stadt einzuschleichen trachten, hingegen der Bürgerschaft dadurch grossen Abbruch in der Nahrung beschiehet, solle von nun an und zu ewigen Zeiten in der Stadt Kulmbach oder deren Vorstädten kein Jud ... sich niederlassen, einkaufen oder anbauen. ...”

Zu Beginn des 19.Jahrhunderts durften sich jüdische Kleinhändler nur tagsüber auf Kulmbacher Stadtgebiet aufhalten, um ihren Geschäften nachzugehen. Erst nach der rechtlichen Gleichstellung der Juden in Bayern siedelten sich nach Mitte des 19.Jahrhunderts zögerlich jüdische Familien auch in Kulmbach an; allerdings war ihre Zahl anfangs sehr gering. Erst 1903 konstituierte sich eine kleine, aus 33 Personen bestehende halb-autonome israelitische Kultusgemeinde, die eng mit dem Burgkunstadter Rabbinat verbunden war. Bei der Gründung der neuen Gemeinde war es in Kulmbach bereits zu einer antisemitischen Hetzveranstaltung gekommen, in der hiesige Juden verunglimpft wurden; eine Anzeige gegen den „Judenhetzer“, einen einheimischen Handwerksmeister, führte zu einem Strafprozess.

Ein angemieteter Betsaal im „Hotel Goldener Hirsch” stand den Kulmbacher Juden seit der Jahrhundertwende zur Verfügung; danach wurden in Räumlichkeiten im „Cafe Beyerlein” und bis 1933 in der „Krone” Gottesdienste abgehalten. Nach der NS-Machtübernahme 1933 zog man sich in Privaträume zurück.

Der Tod des Distriktrabbiners Dr. Ezechiel Goitein (1914) bedeutete eine Zäsur für die jüdische Gemeinde in Kulmbach. Formell wurde die Gemeinde dem Distriktrabbinat von Bayreuth zugewiesen, doch bestanden weiterhin Bindungen zu Burgkunstadt. So fanden verstorbene Kulmbacher Juden ihre letzte Ruhe auf dem Ebnether Friedhof in Burgkunstadt. Nach ortsüblichem Zeremoniell wurde sie auf dem gemeindeeigenen Leichenwagen von ihren Glaubensgenossen zu der 20 Kilometer entfernten Begräbnisstätte geleitet.

Juden in Kulmbach:

        --- um 1510 .......................  3 jüdische Familien,

--- 1712 ..........................  4 jüdische Haushalte,

    --- 1772 ..........................  keine,         

    --- 1899 ..........................  5 jüdische Familien,

    --- um 1914 ................... ca. 40 Juden,

    --- um 1930 ....................... 43   “ (ca. 15 Familien),

    --- 1935 .......................... 34   “  ,

    --- 1937 (Juli) ................... 23   “  ,

    --- 1938 (Apr.) ................... 16   “  ,

    --- 1939 (Jan.) ................... 10   “  ,

    --- 1941 ..........................  8   “  ,

    --- 1942 (März) ...................  keine.

Angaben aus: Wolfgang Schoberth, Geschichte des Judentums in Kulmbach

Die jüdischen Einwohner bildeten in Kulmbach eine verschwindende Minderheit und lebten eher unauffällig; als Vieh- und Kleinhändler, später - nun als Inhaber kleinerer Ladengeschäfte - konnten sie sich nur einen bescheidenen Lebensstil leisten.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20183/Kulmbach%20Abb%20166.jpg Spitalgasse (Aufn. um 1925/30)
  rechts Bildmitte: "Damen- und Herrenkonfektions"-Geschäft von Franz Weiß u. Georg Goldzweig

Der nach dem Ersten Weltkrieg aufkommende Antisemitismus besaß in Kulmbach zahlreiche Anhänger; gegen Ende der 1920er Jahre gewann die NSDAP in der Stadt deutlich an Einfluss; Kulmbach gehörte bald zu einer ihrer Hochburgen in Bayern. Zu Beginn der 1930er Jahre lebten hier ca. 15 jüdische Familien. Diskriminierung, Boykotte, Ausgrenzung und Verfolgung ließen im Laufe der nächsten Jahre ihre Zahl deutlich sinken.

                    http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20183/Kulmbach%20Abb%20155.jpgBoykott jüdischer Geschäfte in Kulmbach, 1933

Am Kressenstein befanden sich zwei Läden mit jüdischen Inhabern: Kressenstein 8 (rechts im Bild: Max Michaelis, Schuhwaren), Kressenstein 12 (Helene Wortsmann mit Schwiegersohn Alfred Grünhut, Damen- und Herrenkonfektion)

Der Davids-Brunnen im Stadtpark wurde wegen seines „jüdischen Motivs“ zerschlagen. Im Sommer 1938 wurde der Betsaal der Kulmbacher Judenschaft geschlossen.

Unmittelbar vor dem Novemberpogrom von 1938 gelang es dem Gemeindemitglied Karl Strauß, einige Ritualgegenstände in die Bamberger Synagoge zu schaffen; der nicht-jüdische Fahrer wurde tags darauf verhaftet und „wegen Beihilfe zum volksschädigenden Schmuggel der Tora und weiterer Kultgegenstände“ mit vier Tagen Arrest und dem Ausschluss aus der NSDAP bestraft. Die Ritualien wurden beim Brand der Bamberger Synagoge zerstört. Während des Novemberpogroms wurden fünf jüdische Männer zu ihrer „persönlichen Sicherheit” festgenommen und im Gerichtsgefängnis eingesperrt. Wenige Tage später wurde gegen den Viehhändler Karl Strauß vorgegangen, der angeblich ein „rassenschänderisches” Verhältnis unterhielt; der betroffenen „Arierin“ wurde daraufhin ein Schild mit der folgenden Aufschrift um den Hals gehängt: „Ich artvergessenes Schwein habe mit dem Juden Karl Strauß Rassenschande getrieben, obwohl ich verheiratet bin”. Danach wurde sie - von SS-Angehörigen eskortiert - unter den Augen einer mehrhundertköpfigen Menschenmenge durch die Straßen Kulmbachs geführt.

                                      "Der Kulmbacher Umzug" (hist Aufn.)*

                                                                 * Dieses Foto vom sogenannten „Kulmbacher Umzug“ wurde weltweit veröffentlicht.

Karl Strauß, der ebenfalls unter dem Verdacht von „‚Wirtschaftsverbrechen“ stand, wurde 1939 der Prozess gemacht; da ihm die zur Last gelegten Vergehen nicht nachgewiesen werden konnten, wurde er „wegen des fortgesetzten Verbrechens der Rassenschande” zu einer achtjährigen Haftstrafe verurteilt.

Einzig die siebenköpfige jüdische Familie Davidsohn blieb in Kulmbach zurück; sie wurde Ende Februar 1942 vermutlich nach Izbica/bei Lublin deportiert.

Nach Angaben der Gedenkstätte Yad Vashem/Jerusalem und des „Gedenkbuches – Opfer der Verfolgung der Juden ...“ wurden zwölf längere Zeit in Kulmbach ansässig gewesene jüdische Bürger Opfer der „Endlösung“ (namentliche Nennung der betroffenen Personen siehe: alemannia-judaica.de/kulmbach_synagoge.htm).

 

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges bildete sich in Kulmbach kurzzeitig eine neue jüdische Gemeinde, die sich aus ca. 100 DPs zusammensetzte; ein provisorisches jüdisches Gemeindehaus wurde in der einstigen Parkschenke eingerichtet. Bereits nach drei Jahren löste sich die Gemeinschaft in Kulmbach wieder auf; ihre Mitglieder waren vor allem nach Palästina/Israel abgewandert.

Heute existieren in Kulmbach keine sichtbaren Zeugnisse jüdischer Vergangenheit mehr. Für das Projekt „Markgräfliches Burggut – ehemalige Synagoge“ wurde Kulmbacher Schülern im Jahre 2006 der Simon-Snopkowski-Preis zuerkannt*.

* Simon Snopkowski (geb. 1925 in Myszków/Oberschlesien), Sohn eines jüdischen Schneidermeisters, überlebte die NS-Zeit. Während er 1945 aus dem KZ Groß-Rosen befreit wurde, war seine Familie von den Nazis ermordet worden. Nach Kriegsende kam er als DP nach Bayern. Nach Abschluss eines Medizinstudiums arbeitete Snopkowski seit 1955 als Arzt. Von 1971 bis zu seinem Tode (2001) war er Präsident des Landesverbandes der Israelitischen Gemeinden in Bayern.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20380/Kulmbach%20Stolpersteine%20Mai%202014a.jpg Mit der Verlegung von sog. „Stolpersteinen“ in den Straßen Kulmbachs wurde 2012 begonnen (Aufn. Wolfgang Schoberth); inzwischen sind an verschiedenen Standorten weitere Steine hinzugekommen. Die Initiative dafür und die dazu notwendigen Recherchen für die ersten zehn "Stolpersteine" wurden von Oberstufenschüler/innen des Caspar-Vischer-Gymnasiums Kulmbach durchgeführt. Für ihr Engagement wurden sie 2013 mit dem Wilhelm-Pechmann-Preis ausgezeichnet.*

* Wilhelm v. Pechmann (1859-1948) war der erste gewählte Präsident der Evangelisch-Lutherischen Generalsynode in Bayern und ein entschiedener Gegner des NS-Regimes. Mit dem alle zwei Jahre vergebenen Preis zeichnet die Landeskirche herausragende Leistungen in der historisch-wissenschaftlichen Forschung oder in Bildungsarbeit und Publizistik aus, die sich vor allem mit Rolle der Kirche während des Nationalsozialismus befassen.

Stolperstein für Georg Davidsohn (Kulmbach).jpg Stolperstein für Berta Davidsohn (Kulmbach).jpg Stolperstein für Hildegard Davidsohn (Kulmbach).jpg Stolperstein für Albert Davidsohn (Kulmbach).jpg Stolperstein für Ingeborg Davidsohn (Kulmbach).jpg

verlegt für Angehörige der Familie Davidsohn am Holzmarkt (Aufn. Chr. Michelides, 2020, in: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)

Gedenkstein für Max und Emma Michaelis (Kulmbach).jpg Noch vor den ersten Verlegungen von Original-Stolpersteinen in Kulmbach wurde 2012 ein Gedenkstein für das Schuhhändler-Ehepaar Emma und Max und Michaelis am Kressenstein 12 verlegt.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20217/Kulmbach%20Strassenschild%20010.jpgIm Rahmen des „Projektes Burggut“ legte man bei Ausgrabungen in der Waaggasse (2005) ein Kellergewölbe frei, bei dem es sich vermutlich um Reste einer mittelalterlichen Mikwe handelt.

 

 

Im Dörfchen Fassoldshof - heute Markt Mainleus - gab es bis ca. 1880 eine winzige jüdische Gemeinde, der kaum mehr als 50 Personen angehörten; doch stellten sie um 1840 ca. ein Drittel der dortigen Bevölkerung. Die Familien lebten vom Handel mit Schnitt- und Hausierwaren; gegen Mitte des 19. Jahrhunderts gab es hier auch drei jüdische Handwerker.  Seit ca. 1805 unterhielt die Gemeinschaft einen Betraum; zuvor wurden Gottesdienste in der Synagoge von Maineck aufgesucht.  Verstorbene wurden auf dem jüdischen Friedhof in Burgkunstadt beigesetzt. Als wegen des fehlenden Minjan keine Gottesdienste mehr abgehalten werden konnten, suchte man seit ca. 1865 die Synagoge in Altenkunstadt bzw. in Burgkunstadt auf. Die letzte jüdische Familie verließ in den 1890er Jahren den Ort.

 

 

Weitere Informationen:

A. Eckstein, Geschichte der Juden im Markgrafenthum Bayreuth, Bayreuth 1907

Baruch Z. Ophir/F. Wiesemann (Hrg.), Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 - 1945. Geschichte u. Zerstörung, München/Wien 1979, S. 140/141

Erwin Herrmann, Geschichte der Stadt Kulmbach, Kulmbach 1985, S. 115 - 120 und S. 389 ff.

Germania Judaica, Band III/1, Tübingen 1987, S. 694 - 696

Klaus Guth/u.a. (Hrg.), Jüdische Landgemeinden in Oberfranken (1800 - 1942). Ein historisch-topographisches Handbuch, Bamberg 1988, S. 161 - 164

Wolfgang Schoberth, Geschichte des Judentums in Kulmbach, in: "Geschichte am Obermain", No.18/1991/1992, S. 67 - 101

Israel Schwierz, Steinerne Zeugen jüdischen Lebens in Bayern - Eine Dokumentation, Hrg. Bayrische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, München 1992, S. 227

Peter Zeidler, Die Anfänge der NSDAP in Kulmbach, in: "Geschichte am Obermain", No. 20 (1995/96), S. 93 - 106

Helmut Paulus, Die ‘Reichskristallnacht’ und die Judenverfolgung in der Gauhauptstadt Bayreuth, in: "Historischer Verein für Oberfranken, Archiv für Geschichte von Oberfranken", Bd. 78, Bayreuth 1998, S. 403 ff.

Wolfgang Schoberth, Kristallnacht in Kulmbach. Eine Dokumentation zum 60. Jahrestag, in: Ausstellungskatalog des Markgraf-Georg-Friedrich Gymnasiums, Kulmbach 1998

"Historischer Fund in der Kulmbacher Waaggasse. Grabungen am Freitag brachten es an den Tag: Burggut steht vermutlich auf Resten einer Synagoge. Altes jüdisches Tauchbecken entdeckt?", in: "Frankenpost vom 21.2.2005

Angela Hager, Kulmbach, in: Mehr als Steine ... Synagogengedenkband Bayern, Band 1, Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg/Allgäu 2007, S. 186 – 192

Hans-Peter Süss, Jüdische Archäologie im nördlichen Bayern. Franken und Oberfranken, in: "Arbeiten zur Archäologie Süddeutschlands", Band 25, Büchenbach 2010, S. 82/83 (Fassoldshof) u. S. 186 – 192 (Kulmbach)

Kulmbach, in: alemannia-judaica.de (mit diversen Text- u. Bilddokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Fassoldshof (Markt Mainleus), in: alemannia-judaica.de

Wolfgang Schoberth (Red.), Schüler setzten Stolpersteine zum Gedenken, in: „Fränkischer Tag“ vom 12.11.2012

Auflistung der in Kulmbach verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Kulmbach

Wolfgang Schoberth (Red.), Mahnwache. Ein Freund der Juden, in: „Bayrische Rundschau“ vom 8.11.2020

Wolfgang Schoberth (Red.), Kulmbacher „Judengasse“: Die Schilder hängen wieder, in: „Bayrische Rundschau“ vom 21.12.2020

Wolfgang Schoberth (Red.), Kulmbach. Judenhetzer gab es auch in der Kirche, in: „Bayrische Rundschau“ vom 9.4.2021