Insterburg (Ostpreußen)

Insterburg und Gumbinnen auf einer Landkarte von 1936

1583 erhielt der Flecken Insterburg durch den Regenten Markgraf Georg Friedrich von Hohenzollern-Ansbach Stadtrechte verliehen. Mit der Verwaltungsreform in Preußen (1818) avancierte Insterburg zur Kreisstadt im Regierungsbezirk Gumbinnen. Das ehemalige ostpreußische Insterburg (poln. Wystruc) ist das heute Tschernjachowsk (auch Czerniachowsk/Черняховск) in der russischen Exklave Kaliningrad.

Juden siedelten sich im preußischen Insterburg relativ spät an; die erste Familie soll sich erst um 1830 hier niedergelassen haben. Eine jüdische Kultusgemeinde wurde aber bereits gegen Ende der 1830er Jahre gegründet; sie wuchs sehr schnell an. Bald zählte sie - nach Königsberg, Allenstein und Memel - zu den größeren jüdischen Kultusgemeinden Ostpreußens. 1865 weihte die hiesige Judenschaft einen Synagogenneubau in der Forchestraße ein.

 

              Insterburger Synagoge (hist. Aufn., Zwi Josselowitz)                            Innenansicht  (hist. Aufn.)

Um 1840 war bereits ein Friedhof angelegt worden; ein zweites Begräbnisareal wurde Jahrzehnte später eröffnet.

Welche Bedeutung die jüdische Gemeinde Insterburg besaß, zeigte sich 1880, als in der Stadt Vertreter aller bestehenden 43 jüdischen Gemeinden der Provinz zusammenkamen und sich hier zum „Verband der Synagogengemeinden in Ostpreußen“ zusammenschlossen. Der hiesige Rabbiner Dr. Augapfel gehörte zu den Mitbegründern des 1896 geschaffenen Allgemeinen Rabbinerverbandes in Deutschland.

Julius Aufapfel (ge. 1892 in Jaroslaw/Galizien) wuchs in Wien auf. Nach seinem Abitur absolvierte er ein Studium an der Universität Wien und schloss es mit seiner Promotion ab. Während des Ersten Weltkrieges war er als Feldrabbiner tätig. Seit 1926 übte er das Rabbineramt in Insterburg aus; zudem hatte er mehrere Funktionen inne, wie Leiter der zionistischen Ortsgruppe Insterburg u. Vorsitzender des Nordostdeutschen Rabbinerverbandes. 1939 emigrierte Dr. Augapfel in die Niederlande.Im KZ Westerbork war er mehrere Jahre als Seelsorger tätig, ehe er 1944 ins Ghetto Theresienstadt und von dort nach Auschwitz deportiert wurde, wo er ums Leben kam.

Juden in Insterburg:

         --- 1834 ..........................  eine jüdische Familie,

    --- 1843 ..........................   41 Juden,

    --- 1880 ..........................  363   “   (ca. 2% d. Bevölk.),

    --- 1890 ..........................  348   “  ,

             ..........................  419   “  ,*        * Kreis Insterburg

    --- 1925 ..........................  338   “  ,

    --- 1933 ...................... ca.  275   “  ,

    --- 1938 (Juni) ...................  135   “  ,

    --- 1939 (Mai) ....................   90   “  .

Angaben aus: The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 1), S. 549

Hindenburgstraße in Insterburg (hist. Postkarte)

Anfang der 1930er Jahre lebten etwa 350 Juden in Stadt und Kreis Insterburg. Auch damals war Insterburg für die in der Region lebenden Juden noch die zentrale Gemeindeorganisation, die die wenig begüterten Glaubensgenossen finanziell unterstützte.

Erste antisemitische Attacken waren schon vor 1933 in der Stadt zu verzeichnen. Bereits in den beiden ersten Jahren der NS-Herrschaft wanderten zahlreiche jüdische Bewohner ab; bis 1938 hatte mehr als die Hälfte der Gemeindeangehörigen Insterburg verlassen. In der Pogromnacht wurde die Synagoge in Insterburg von Nationalsozialisten in Brand gesetzt.

                 Aus dem Abschiedsbericht von Josef Wilkowski vom 24.April 1941:

Zum Abschied

Als die Kreis-Synagogengemeinde Insterburg ihre Vorbereitungen für den 22.Mai 1938 traf und diesen Tag des Gedenkens an Einhundert Jahre Bestehen mit zahlreichen Ehrengästen aus den Provinzgemeinden im Gotteshause festlich beging, ahnte sie es nicht, dass das Jahr 1938 des einhundertjährigen Bestehens gleichzeitig das Jahr ihres Unterganges bedeuten werde.

Am 10.November 1938, sechs Monate nach der Jubelfeier war es in der Frühe zwischen 3 und 4 Uhr, als das schöne Gotteshaus, die Stätte einhundertjährigen jüdischen Lebens in der Stadt Insterburg, in Flammen aufging und es mit allem, was sie an Gedenktafeln und an sonstigen Denkwürdigkeiten aus der Zeit von 1838 bis 1938 enthielt, mit etwa 20 Thorarollen und ihren kostbaren Mänteln, mit wertvollen Vorhängen der heiligen Lade, mit der schönen Chuppa, ... mit einer reichhaltigen Bibliothek u.a. in Schutt und Asche legte.

Einhundert Jahre jüdischen Lebens sind damit ausgelöscht, die Arbeit zielbewusster, kraftvoller führender Männer, die ihr Alles hingaben, der Gemeinde und dem Judentum zu dienen, sie ist umsonst gewesen; ...

... Ein von einem Bretterzaun umgebener ... freier Platz deutet z.Z. noch die Stelle an, auf welcher unsere erhabene Synagoge gestanden hat.  Nur ein winzig kleiner Rest von Mitgliedern unter Führung des Seniors der Gemeinde, des allverehrten zeitigen Vorstehers Herrn Josef Kador in biblischen Alter von 81 Jahren bildet den Bestand einstiger Größe der Gemeinde. Diesem Restbestande gelingt es einstweilen noch, an Sabbaten und Festtagen Gottesdienst abzuhalten, ...

Wie lange dieses zusammengeschrumpfte Häuflein noch eine jüdische Einheit bilden wird, das liegt in deiner Hand, Du grosser erhabener Gott.

Erbarme Dich unser, erbarme Dich des ganzen jüd. Volkes !

Insterburg, 24.April 1941                                                                           Josef Israel Wilkowksi

Im Mai 1939 lebten nur noch ca. 90 Juden in Insterburg; sie wurden in „Judenhäusern“ konzentriert. Wer nicht mehr emigrieren konnte, wurde deportiert. Mehr als 130 Juden, die in Insterburg geboren bzw. über einen längeren Zeitraum gelebt hatten, wurden Opfer des Holocaust.

Im Januar 1945 wurde Insterburg von der Roten Armee erobert. Zu Ehren des gefallenen Befehlshabers der 3. Weißrussischen Front, General Iwan D. Tschernjachowski, benannte man die Stadt Insterburg in Tschernjachowsk um.

Nördlich der Innenstadt (nahe der Angerapp-Brücke) wurde in jüngster Zeit ein neues Synagogengebäude errichtet.

 

In Gumbinnen a.d. Pissa (russ. Gussev/Гусев) - ca. 25 Kilometer östlich von Insterburg gelegen - siedelten sich Juden bereits in den 1760er Jahren an; damit gehörte die Gemeinde zu den ältesten Ostpreußens. Die Zugezogenen rekrutierten sich vorwiegend aus den posenschen und westpreußischen Städten Krojanke, Flatow, Tütz u.a. Der erste jüdische Bürger in Gumbinnen war der Graveur und Steinschneider Daniel Joel, der das preußische Schutzprivileg besaß. Bereits 1768 wurde - mit obrigkeitlicher Erlaubnis - ein Friedhof angelegt; 1846 und 1864 ließ die Gemeinde zwei Synagogen erbauen.

Die Judenschaft erfreute sich der besonderen Unterstützung Friedrichs des Großen; denn ihre Handelsaktivitäten – auch über die Staatsgrenzen hinweg – brachten dem Staatshaushalt zusätzliche Einnahmen. So lag der Absatz der Produkte der Textilindustrie Gumbinnens nach Polen zumeist in den Händen jüdischer Kaufleute. Als dann in Lodz eine eigene Textilindustrie in Polen entstand, ging der Absatz aus Gumbinnen stark zurück; eine Konsequenz war die Abwanderung jüdischer Kaufleute. So sollen um 1780 nur noch zwölf jüdische Einwohner in Gumbinnen gelebt haben; in den Folgejahrzehnten ging deren Zahl noch weiter zurück. Aus einem Bericht des Stadtchronisten Gervais aus dem Jahre 1818: „Bis zur Erscheinung der neuen Städteordnung existierte in dieser Stadt nur ein einziger Schutzjude. Seit dieser Zeit können sich aber auch hier so viel Juden etablieren, als da wollen. Bis jetzt hat sich die Zahl der Judenfamilien auf sechse vermehrt, die als wirkliche Bürger ansäßig sind. Gegen ihre Ansäßigkeit hat zwar auch die Bürgerschaft protestiert, aber ohne Erfolg, denn das Gesetz, das Judenthum dem Christenthum näher zu bringen, nimmt sie in Schutz.“

Ihren Höchststand erreichte die Zahl der Gemeindeangehörigen Anfang der 1930er Jahre mit mehr als 200 Personen; 1939 waren es nur noch knapp 40. Die Ab- und Auswanderung förderten Zionisten, die in der Region ein Ausbildungszentrum für auswanderungsbereite Jugendliche geschaffen hatten. Während des Pogroms von 1938 wurde die Synagoge zerstört. Die meisten jüdischen Bewohner ergriffen alsbald die Flucht und wandten sich nach Polen und Litauen; nur wenige, meist ältere Leute, blieben zurück. 1940 wurden die letzten ins Generalgouvernement abtransportiert; hier verlieren sich ihre Spuren.  vgl. dazu: Gumbinnen (Ostpreußen)

 

In Nordenburg (russ. Krylovo/Крылово), einem Landstädtchen südwestlich von Insterburg, bildete sich eine kleine jüdische Gemeinde im Laufe der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts heraus. Die 1885 aus ca. 70 Angehörigen bestehende Judenschaft Nordenburgs besaß einen eigenen Friedhof und eine Synagoge. Das seit 1899 existierende Synagogengebäude – es befand sich an der Straße, die nach Angerburg führte - war durch eine Stiftung des Kaufmanns Benjamin Sandelowsky errichtet worden.

             Synagoge von Nordenburg (hist. Aufn., aus: flickr.com)

Mitte der 1920er Jahren lebten in Nordenburg nur noch etwa 35 Personen mosaischen Glaubens. Im Laufe der NS-Zeit verließen fast alle jüdischen Einwohner den Ort.

Das Synagogengebäude blieb während der "Kristallnacht" von einer Inbrandsetzung verschont, da man ein Übergreifen des Feuers auf die Nachbargebäude fürchtete; so begnügte man sich mit einer Demolierung des Gebäudes, das danach einer Tischlerei als Werkstatt diente.

Anm.: Kurz nach Kriegsende wurde die gesamte schwer zerstörte Altstadt – auch das ehemalige Synagogengebäude - abgetragen; nur die Ruine des Kirchturms blieb stehen. Krylovo liegt heute nur wenige hundert Meter von der polnisch-russischen Grenze entfernt.   vgl. dazu: Nordenburg (Ostpreußen)

 

Ca. 40 Kilometer westlich von Insterburg gab es in Tapiau (russ. Gvardejsk/Гвардейск) eine kleine israelitische Gemeinde, zu deren gemeindlichen Einrichtungen ein Friedhof (seit 1832) und ein Betraum zählten. Sie bestand 1895 aus 70, 1925 aus 40 Angehörigen. Um 1930 war die winzige Gemeinde in Auflösung begriffen. Das Schicksal der 28 jüdischen Bewohner, die 1933 noch in Tapiau lebten, ist unbekannt.

 

In Goldap - südöstlich von Insterburg gelegen, heute polnisches Staatsgebiet - war ebenfalls eine kleine jüdische Gemeinde existent, die sich gegen Ende der napoleoenischen Ära zu Beginn des 19.Jahrhunderts konstituiert hatte, gegen Ende des Jahrhunderts maximal 80 bis 100 Angehörige zählte. Doch schon in den Jahrhunderten zuvor hatten jüdische Händler den Ort aufgesucht.

Neben einem Friedhof besaß die Gemeinde auch eine Synagoge (Schulstraße), die in den 1820er Jahren eingerichtet worden war.

Während des Novemberpogroms zerstörten Nationalsozialisten das Synagogengebäude. Unmittelbar vor dem Kriege hielten sich noch 20 jüdische Bewohner in der Kleinstadt auf; die anderen waren zumeist nach Berlin übergesiedelt bzw. emigriert. Ihre Schicksale sind unbekannt.

Nahe dem ehemaligen Standort der Synagoge erinnert seit 2001 ein Gedenkstein – mit mehrsprachigen Inschriften – an die NS-Opfer der einstigen jüdischen Gemeinde. Die deutsche Inschrift lautet:

Zur Erinnerung an die Angehörigen der jüdischen Gemeinschaft in Goldap, an die Opfer des Nationalsozialismus in den Jahren 1933 bis 1945.

Der Obelisk wurde auf der Stelle der von Nationalsozialisten während der Kristallnacht am 9./10.November 1938 verbrannten Synagoge aufgerichtet.

vgl. dazu: Goldap (Ostpreußen)

 

In Wehlau (russ. Znamensk/Знаменск) - etwa 30 Kilometer westlich von Insterburg gelegen - gab es eine nur aus wenigen Familien bestehende jüdische Gemeinde. Bis 1937 hatten fast alle Juden den Ort verlassen.

 

In Schirwindt (russ. Kutusovo/Кутузово) - ehemals Grenzort und östlichste Stadt des Deutschen Reiches im Kreis Pillkallen - gab es während des 19.Jahrhunderts zeitweilig eine israelitische Gemeinde, der eine überschaubare Anzahl Familien angehörten. Nachdem Eydtkuhnen zum Grenzbahnhof für die Ostbahn nach St. Petersburg gemacht wurde, ging die wirtschaftliche Bedeutung Schirwindts zurück; damit verlor der Ort auch an Attraktivität für hiesige jüdische Händler, die mehrheitlich alsbald abwanderten.

Während der Pogromnacht im Nov. 1938 blieb die Synagoge von Schirwindt (in der Bergstraße) als einziges jüdisches Gotteshaus im Regierungsbezirk Gumbinnen von Zerstörung verschont; so soll der Landrat von Pillkallen (Wichard v. Bredow) durch sein entschiedenes Auftreten eine bevorstehende Brandstiftung verhindert haben.

Hinweis: Die ehemalige Kleinstadt Schirwindt ist auf Grund von Kriegsereignissen bzw- -folgen von der Landkarte völlig verschwunden. Bei der heute an gleicher Stelle liegenden russischen Siedlung Kutusowo handelt es sich um eine rein militärische Neuanlage.

 Auf der anderen Seite des Grenzflusses Sirvinta liegt die litauische Kleinstadt Kudirkos Naumiestis (Neustadt), in der es seit Mitte des 18.Jahrhunderts eine organisierte Gemeinde gegeben hat.

 

In der ehemaligen Grenzstadt Kudirkos Naumiestis (dt. Neustadt) – zwischen Litauen und Ostpreußen gelegen – lebten neben den litauischen Bewohnern vor allem jüdische und deutsche, aber auch russische Familien, die dem Ort eine multikulturelle Struktur gaben. Auf jiddisch hieß die Kleinstadt "Neishtot Sugint" (nach dem nahegelegenen Gut Sugint). Der grenzüberschreitende Handelsverkehr ließ den Ort in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts wachsen.

Seit dem 17.Jahrhundert hielten sich hier Juden auf. Gegen Ende des 17.Jahrhunderts bestand vermutlich bereits ein Friedhof; im frühen 18. Jahrhundert wurde eine Chewra Kaddischa gegründet. Neben einer Synagoge (erbaut 1816) und einem Bethaus gab eine jüdische Schule.

    

                                          Synagogengebäude (hist. Aufn. um 1940)                         Ehem. Synagogengebäude (Aufn. Leiserowitz, 2012)

In den letzten Jahrzehnten des 19.Jahrhunderts war eine Abwanderung jüdischer Familien zu verzeichnen, die ihre Zukunft in Amerika sahen.

Mit dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht begannen auch hier der antijüdische Terror: Juden mussten ihre Wohnungen verlassen und wurden ghettoartig zusammengepfercht; Massenerschießungen durch litauische Polizeieinheiten und Zwangsarbeit dezimierten die jüdische Bevölkerung; wer die Arbeitslager überlebte, wurde 1943 nach Auschwitz abtransportiert und dort ermordet.

Das ehemalige Synagogengebäude ist zwar heute noch erhalten, doch dessen Zustand ist völlig marode.

 

Weitere Informationen:

Ronny Kabus, Juden in Ostpreußen, Husum 1998, S. 145

Christopher Ogden, A Biography of Moses and Walter Annenberg, o.O. 1999

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust, New York University Press, Washington Square, New York 2001, Vol. 1 S. 439 (Goldap), S. 469 (Gumbinnen) und S. 549/550 (Insterburg); Vol. 2, S. 687 (Kudirkos Naumiestis) u. S. 898 (Nordenburg) und Vol. 3, S. 1287 (Tapiau)

Eve Wagner, Das tat weh: Martin, Du verdammter Jude!, in: Eckernförder Zeitung vom 15.7.2003

Rudolf Grenz, Die jüdische Gemeinde in Gumbinnen (Aufsatz), o.J.

Gołdap, in: sztetl.org.pl