Hüttenheim (Unterfranken/Bayern)

Datei:Willanzheim in KT.svg Karte Hüttenheim ist heute ein Ortsteil von Markt Willanzheim im unterfränkischen Landkreis Kitzingen mit kaum 600 Einwohnern (Kartenskizzen 'Landkreis Kitzingen', Hagar, 2010, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0  und  M., 2019, aus: wikipedia.org, CC BY 3.0).

Im Dorfe Hüttenheim gab es zeitweilig eine der größten jüdischen Gemeinden der Region. Mehrere Dorfherren - besonders die Fürsten zu Schwarzenberg - hatten die Ansiedlung von Juden gefördert. Ein erster urkundlicher Hinweis auf die Existenz von Juden im Dorf stammt aus dem Jahre 1498: Laut der damaligen Dorfordnung mussten Juden den doppelten Betrag Bürgergeld zahlen als die christlichen Bewohner. Gegen Ende des 16.Jahrhunderts lebten nachweislich fünf jüdische Familien in Hüttenheim. 

Die Hüttenheimer Juden bestritten ihren Lebensunterhalt vor allem im Vieh- und Landhandel. Im ersten Drittel des 19.Jahrhunderts betrug ihr Anteil an der Dorfbevölkerung ca. 20 %.

Zu den gemeindlichen Einrichtungen gehörten eine 1754 (oder 1800) erbaute Synagoge*, ein Gemeindehaus, eine Schule, eine Mikwe und ein Friedhof

* Bereits um 1715 war den Hüttenheimer Juden seitens des Fürsten von Schwarzenberg eine Einrichtung eines Betraums erlaubt worden; dieser befand sich im Obergeschoss eines Wohnhauses, im Erdgeschoss war die Lehrerwohnung und im Keller die Mikwe untergebracht.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2084/Huettenheim%20Israelit%2017051876.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20136/Huettenheim%20Israelit%2020121876.jpg

Ausschreibung einer Lehrer-/Vorbeter- u. Schächterstelle, aus: "Der Israelit" vom 17.5.1876 und vom 20.12.1876

Der 1816/1817 angelegte jüdische Friedhof befand sich an einem Hang des Tannenberges. Das Begräbnisgelände mitten in den Hüttenheimer Weinbergen war auf Initiative der drei jüdischen Gemeinden Hüttenheim, Nenzenheim und Dornheim angekauft worden. Seit 1818 wurden hier die Toten aus Bullenheim, Dornheim, Mainbernheim, Marktbreit, Nenzenheim, Uffenheim, Weigenheim und Hüttenheim bestattet. Die ca. 470 Gräber sind in langgezogenen Reihen angelegt. Vor 1816 war der jüdische Bezirksfriedhof in Rödelsee genutzt worden.

 Jüdischer Friedhof von Hüttenheim (Aufn. Ulrich A., 2010, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Die jüdische Gemeinde Hüttenheim gehörte von 1838 bis 1880 zum Distriktsrabbinat Welbhausen, danach zu dem Bezirksrabbinat von Kitzingen.

Juden in Hüttenheim:

         --- um 1585 .....................   5 jüdische Familien,

    --- um 1625 .....................   6     "       "    ,

    --- 1694 ........................  12     “       “    ,

    --- 1720 ........................  19     “       “    ,

    --- 1747 ........................  25     "       "    ,

    --- 1813 ........................ 173 Juden (ca. 20% d. Bevölk.),

    --- 1830 ........................ 175   “   (in ca. 30 Familien),

    --- 1867 ........................ 105   "  ,

    --- 1875 ........................ 108   “  ,

    --- 1890 ........................ 109   "  ,

    --- 1900 ........................  69   “   (ca. 9% d. Bevölk.),

    --- 1910 ........................  37   “   (ca. 5% d. Bevölk.) ,

    --- 1925 ........................  24   “  ,

    --- 1933 ........................  23   “  ,

    --- 1939 ........................  10   "  ,

    --- 1942 (Sept.) ................  keine.

Angaben aus: Baruch Z. Ophir/Falk Wiesemann, Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 - 1945, S. 325                                                    

und                 Israel Schwierz, Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern, S. 76

und                 W.Kraus/H.-Chr. Dittscheid/G. Schneider-Ludorff (Hrg.), Mehr als Steine Synagogengedenkband Bayern, Unterfranken, Teilband III/2.2, S. 1034

Bei der ersten Erstellung der bayrischen Matrikel (1813) gab es in Hüttenheim ca. 30 jüdische Haushaltungen. Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts setzte eine deutliche Aus- und Abwanderung jüdischer Familien aus dem Dorf ein, die innerhalb weniger Jahrzehnte zu einer Ausblutung der Gemeinde führte; Anfang der 1920er Jahre bestand die Kultusgemeinde dann nicht mehr.

Bereits im Herbst 1933 erließen die Ortsbehörden ein Zugangsverbot für auswärtige Juden; sie durften Hüttenheim ohne Genehmigung nicht mehr betreten. Bis 1937 verließ mehr als die Hälfte der jüdischen Bewohner ihr Dorf.

Während des Novemberpogroms wurden die gemeindlichen Einrichtungen von SS-Angehörigen aus Kitzingen, denen sich zahlreiche Dorfbewohner angeschlossen hatten, stark beschädigt; die Inneneinrichtung der Synagoge zusammen mit den Ritualien wurden zertrümmert. Die letzten drei jüdischen Bewohnerinnen mussten im März 1942 ihr Heimatdorf verlassen; von Kitzingen aus wurden sie nach Izbica (Ostpolen) deportiert und dort ermordet. Damit war jegliches jüdische Leben in Hüttenheim erloschen.

Nach Angaben der Gedenkstätte Yad Vashem/Jerusalem und des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden ..." wurden 25 gebürtige bzw. längere Zeit am Ort ansässig gewesene jüdische Bewohner Hüttenheims Opfer der NS-Gewaltherrschaft (namentliche Nennung der betroffenen Personen siehe: alemannia-judaica.de/huettenheim_synagoge.htm).

 

1950 fand vor dem Landgericht Würzburg ein Prozess gegen fünf der an den Ausschreitungen beim Novemberpogrom 1938 Beteiligten statt; ein Angeklagter erhielt eine siebenmonatige Gefängnisstrafe, die anderen wurden freigesprochen.

Hüttenheimer Judenfriedhof2.jpgTeilansicht des jüdischen Friedhofs (Ulrich A., 2010, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0) 

Der zwischen den Weinbergen liegende jüdische Friedhof wurde in der NS-Zeit teilweise zerstört und 1950 - außer dem vollständig vernichteten Taharahaus - wieder hergerichtet. Heute steht zwischen den mehr als 200 erhaltengebliebenen Grabmälern ein Denkmal mit der folgenden Inschrift:

Dieser Friedhof wurde 1938 unter der Naziherrschaft zerstört,

1950 von den Opfern des Faschismusses wieder hergestellt.

Alle von der ehemaligen jüdischen Gemeinde genutzten Gebäude sind in ihrer Bausubstanz noch erhalten. In den Nachkriegsjahrzehnten wurde das Synagogengebäude zu landwirtschaftlichen Zwecken genutzt und verfiel zusehends; um 2000 erfolgte durch einen privaten Eigentümer, der das Haus nun zu Wohnzwecken nutzt, eine denkmalgerechte Sanierung. Der Hochzeitsstein und das sog. Misrachfenster kennzeichnen das Bauwerk auch heute noch als ehemalige Synagoge aus. Westlich daran grenzt das bereits 1662 errichtete Fachwerk-Vorsängerhaus; darunter befand sich ein Ritualbad.

https://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20232/Huettenheim%20Synagoge%20175.jpg

            Synagogengebäude in Hüttenheim vor und nach der Sanierung (Aufn. J. Hahn, 2006  bzw. Bayrisches Kunstministeium, 2009)

Die Sanierung des Gebäudeensembles (Synagoge und Vorsängerhaus) ist mit der Denkmalschutzmedaille 2009 ausgezeichnet worden.

                                                                   http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2074/Huettenheim%20Synagoge%20206.jpg saniertes Gebäude-Ensemble (Aufn. J. Hanke, Kronach)

Auch Hüttenheim wird sich künftig mit einer aus Sandstein gefertigten Koffer-Skulptur - geschaffen von Schülern der Karlheinz-Spielmann-Schule in Iphofen - am zentralen „DenkOrt Deportationen 1941-1944“ in Würzburg beteiligen.

 

 

Im nur wenige Kilometer südlich gelegenen Bullenheim (seit 1978 Gemeindeteil von Ippesheim) existierte bis gegen Ende des 19.Jahrhunderts eine kleine jüdische Gemeinde; mit etwa 60 Personen erreichte die Judenschaft Bullenheims um 1840 ihren höchsten Stand. Bereits zu Beginn des 17.Jahrhunderts lassen sich hier vier jüdische Haushaltsvorstände nachweisen, die der schwarzenbergischen Herrschaft schutzgeldpflichtig waren. Bei der Erstellung der Matrikel (1813) sind sieben Familien genannt.

Zu den rituellen Einrichtungen zählten nachweislich eine Synagoge (als "Schul"in einem Privathaus erstmals 1831 erwähnt) und eine Mikwe; Verstorbene wurden auf dem Friedhof in Hüttenheim beerdigt. Zeitweise erledigte ein angestellter Lehrer die religiösen Belange der kleinen Gemeinde; danach wurden die wenigen Familien vom Lehrer aus Hüttenheim betreut. Die Gemeinde gehörte bis 1880 zum Bezirksrabbinat von Welbhausen. Ab den 1850er Jahren verließen die meisten jüdischen Familien das Dorf; einige sahen ihre Zukunft in Nordamerika. 1900 hielt sich nur noch eine einzige Familie im Dorf auf. Die jüdische Gemeinde Bullenheim wurde offiziell im Jahre 1899 aufgelöst.

Ein Flurstück nahe Bullenheims trägt heute noch die Bezeichnung „Judenbuck“.

 

 

Weitere Informationen:

Baruch Z. Ophir/Falk Wiesemann, Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 - 1945. Geschichte und Zerstörung, Oldenbourg-Verlag, München/Wien 1979, S. 325/326

Gerhard Wilhelm Daniel Mühlinghaus, Der Synagogenbau des 17. u. 18.Jahrhunderts im aschkenasischen Raum, Dissertation, Philosophische Fakultät Marburg/Lahn, 1986, Band 2, S. 201/202

Israel Schwierz, Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern, in: Bayrische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, München 1992, S. 75 - 77

Karl-Ernst Stimpfig, Die Juden im Fürstlich-Schwarzenbergischen Herrschaftsgericht Hohenlandsberg ..., o.O. o. J.

Markus Greulich, Die Juden in Hüttenheim im 20.Jahrhundert, Facharbeit im Leistungskurs Geschichte, Hüttenheim 1993 (unveröffentlichtes Manuskript)

Michael Trüger, Der jüdische Friedhof in Hüttenheim, in: "Der Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern", 11.Jg., No. 72/1997, S. 18 f.

Hans-Christof Haas, Landsynagogen des 18. und 19.Jahrhunderts in Franken, o.O. 2002/2003

Herbert Liedel/Helmut Dollhopf, Jerusalem lag in Franken. Synagogen und jüdische Friedhöfe, Echter-Verlag GmbH, Würzburg 2006, S. 86 - 91

Hüttenheim, in: alemannia-judaica.de (mit Text- und Bilddokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Bullenheim, in: alemannia-judaica.de

ksch (Red.), Bullenheim, Jüdisches Zeugnis wird abgerissen - Gemeinde hatte sich bereits im 19.Jahrhundert ausfgelöst, in: „Main-Post“ vom 20.4.2008

Andreas Lehnhardt (Bearb.), Geniza-Projekt Hüttenheim, Johannes Gutenberg-Universität Main (2013), online abrufbar unter: blogs.uni-mainz.de

Richard Schmitt, Zur Geschichte der Bullenheimer Juden, in: Marktgemeinde Ippesheim (Hrg.), 1200 Jahre Bullenheim, Ippesheim 2016, S. 62 - 65

Ralf Dieter (Red.), Iphofen: Wo Schüler für ein lebendiges Gedenken schaffen, in: inFranken.de vom 3.5.2021

Hans Schlumberger/Hans-Christof Haas (Bearb.), Hüttenheim mit Bullenheim, in: W.Kraus/H.-Chr. Dittscheid/G. Schneider-Ludorff (Hrg.), Mehr als Steine Synagogengedenkband Bayern, Unterfranken, Teilband III/2.2, Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg/Allgäu 2021, S. 1020 - 1038