Hürben-Krumbach/Schwaben (Bayern)

Datei:Krumbach (Schwaben) in GZ.svg Krumbach ist heute eine Kommune mit ca. 13.000 Einwohnern; die Kleinstadt liegt etwa 30 Kilometer nordöstlich von Ulm (Karte Hagar, 2010, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Im Dorfe Hürben, seit 1902 ein Ortsteil von Krumbach, waren um 1810/1820 fast 50% (!) aller Einwohner jüdischen Glaubens; ihren höchsten Stand erreichte die Zahl der israelitischen Einwohner um 1840 mit ca. 650 Personen.

Seit Beginn des 16.Jahrhunderts - aus dem Jahre 1504 stammt die erste urkundliche Erwähnung von vier jüdischen Familien - existierte in Hürben eine zunächst sehr kleine jüdische Gemeinde, die sich nach der Judenvertreibung aus dem Residenzort Günzburg (um 1618) und aus der Herrschaft Thannhausen (1718) im Laufe des 18.Jahrhunderts stark entwickelte. Relativ hohe Schutzgeldzahlungen an die Ortsherrschaft der Grafen von Liechtenstein lassen auf eine nicht unvermögende Ortsjudenschaft schließen, die damals besonders im Pferdehandel tätig war. Zu Beginn des 19.Jahrhunderts verdienten die Hürbener Juden ihren Lebensunterhalt mehrheitlich als „Hausier-Warenhändler“ und als „Markt-Warenhändler“. Über die Lebenssituation der zahlreichen jüdischen Bewohner gibt ein 1808 verfasster Bericht des Landgerichts Ursberg Auskunft; darin heißt es u.a.:

„ ... Ihr physischer Zustand in Rücksicht ihrer Wohlhabenheit hat sich seit Anfang des Franzosenkrieges außerordentlich verbessert, indem einen jeden Durchreisenden die teils guten und solid und fast meistens neugebauten Häuser als Judenhäuser betrachtet sogleich auffallen. ... Es sind zwar wie überall auch hier bei den Juden einige Arme, welche das Glück nicht so begünstigte, oder wegen Gesundheit-Umständen ihren ‘Speculationen’ nicht mehr nachgehen können; allein auch diese darben im Grund nicht, weil sie von den reichen Juden ohne weiteres verhalten werden, und in diesem einzigen Stück verdienen sie auch ihr Lob, da sie manche Christengemeinde zu Schanden machen, die ihre wahrhaft Armen schmachten läßt. ...”

Eine im Jahre 1675 erbaute Synagoge, die im Laufe des 18.Jahrhunderts mehrfach erweitert wurde, ließ die jüdische Gemeinde dann durch einen Neubau ersetzen; Verwendung des Abbruchmaterials der alten Synagoge und Nutzung der Innenausstattung sollten die Kosten senken. Im Jahre 1819 konnte das neuerrichtete Synagogengebäude vom Ortsrabbiner Israel Kahn feierlich eingeweiht werden.

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Synagoge in Hürben (hist. Ansicht, aus: H.P.Schwarz, Die Architektur d. Synagoge  und  Postkartenausschnitt, um 1895)      

Neun Jahrzehnte später wurde das Gebäude restauriert und erneut eingeweiht; darüber berichtete die „Allgemeine Zeitung des Judentums“ in ihrer Ausgabe vom 25.9.1908:

Krumbach, 11. September. In feierlicher Weise wurde durch den Distriktsrabbiner Dr. Cohn die Einweihung der prächtig restaurierten hiesigen Synagoge vollzogen. Ursprünglich im Empirestil gehalten, wurde bei der Renovierung im Jahre 1872 aus unbekannten Gründen die alte Malerei übertüncht und zugedeckt. Maler Schnitzler von hier hat die alten Ornamente freigelegt und in prächtigen Farben und Tönen wieder hergestellt, daß sie die Bewunderung der Besucher des Gotteshauses erregen. Die heilige Lade ist sehr geschmackvoll im gleichen Stile restauriert und war an diesem Abend mit einem fast 200 Jahre alten, reich gestickten Vorhang geschmückt. Möge das schöne Gotteshaus seiner hehren Bestimmung geweiht sein, und der Gottesdienst auf Herz und Gemüt veredelnd wirken!"

Seit ca. 1830 verfügte die Hürbener Judenschaft über ein neues Gemeindehaus mit Schulräumen und Lehrerwohnung; eine ältere Mikwe – sie war im jüdischen Schulhaus untergebracht – wurde Anfang der 1830er Jahre durch einen Neubau (gegenüber der Synagoge gelegen) ersetzt.

Zu ihrer Blütezeit hatte die Kultusgemeinde neben ihrem Rabbiner bis zu drei Lehrer verpflichtet, die auch für die rituellen Verrichtungen zuständig waren.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20137/Huerben%20Israelit%2023081871.jpg  http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20137/Huerben%20Israelit%2014081872.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20191/Krumbach%20Israelit%2004051922.jpg gemeindliche Stellenangebote von 1871 - 1872 - 1922

Eine eigene Begräbnisstätte stand den Hürbener Juden seit ca. 1630 westlich des Ortes, am sog. Schelmenloh, dem einstigen Richtplatz, zur Verfügung; auf Anordnung von Erzherzog Leopold hatte der markgräfliche Vogt Johann Weber von Krumbach den jüdischen Familien des Ortes diesen Platz zugewiesen. Später (1832 und 1852) wurde dann zur Erweiterung der Begräbnisfläche Land zugekauft. Vor 1630 waren Verstorbene auf dem ca. 30 Kilometer entfernten zentralen Friedhof der Markgrafschaft Burgau im Norden der Stadt Burgau beerdigt worden. Seit 1898 besaß die Gemeinde auch ein Tahara-Haus.

                                        Ehem. Taharahaus (Aufn. J. Hahn, 2004)

Juden in Krumbach-Hürben:

    --- um 1505 ......................   4 jüdische Familien,

--- um 1580 ......................   8     “       “    ,

    --- um 1600 ......................  12     “       “    ,

    --- um 1650/60 ...................   3     “       “    ,

    --- um 1700 ......................  22     “       “    ,

    --- um 1760 .................. ca.  50     “       “    ,

    --- 1811 ......................... 421 Juden (ca. 46% d. Bevölk.),

    --- 1820/21 ...................... 484   “  ,

    --- 1840 ......................... 652   “   (ca. 115 Familien),

    --- 1870 ..................... ca. 330   “  ,

    --- 1880 ......................... 251   “   (ca. 21% d. Bevölk.),

    --- 1900 ......................... 123   "   (ca. 10% d. Bevölk.),

    --- 1910 .........................  94   “  ,

    --- 1925 .........................  79   “  ,

    --- 1933 .........................  59   “   (1,5% d. Bevölk.),

    --- 1941 .........................  15   “  ,

    --- 1942 (Mai) ...................  eine Jüdin.

Angaben aus: Alfons Schmidt, Krumbach unter bayrischer Herrschaft ...

und                Barbara Sallinger, Verfolgung der Jude, in: Georg Kreuzer (Hrg.), Krumbach

Bis ins 19. Jahrhundert hinein lebten die Juden vor allem vom Handel mit Vieh und Landesprodukten, sowie von verschiedenen Handwerken. So soll es um 1840 - neben den mehrheitlich Handelstreibenden - vier Bäcker, vier Metzger, zwei Schuster, einen Schneider, vier Tuchmacher, zwei Uhrmacher, einen Seifensieder, einen Barbier, einen Hutmacher, einen Buchbinder, einen Glaser, einen Drechsler, einen Hafner, einen Stricker, sechs Weber, einen Weißgerber, einen Kürschner, einen Spengler und einen Bürstenbinder gegeben haben. Im Laufe des 19. Jahrhunderts eröffneten dann jüdische Familien Handlungen, Handwerksbetriebe und auch Fabriken am Ort, die von großer wirtschaftlicher Bedeutung für den Ort waren. So hatte Moses Samuel Landauer im Jahr 1857 mit seiner Weberei den ersten Krumbacher Industriebetrieb gegründet.

Nachdem die Zahl der jüdischen Gemeindemitglieder bis gegen Mitte des 19.Jahrhunderts stetig angestiegen war, setzte nach Aufhebung des Matrikelparagraphen 1861 eine Abwanderungswelle ein. Innerhalb weniger Jahrzehnte verkleinerte sich die Zahl der im Orte lebenden jüdischen Familien erheblich. Die damit verbundene Verarmung der Gemeinde führte dazu, dass nach dem Tode des Ortsrabbiners (1875) dessen Stelle nicht mehr neu besetzt wurde; zu besonderen Anlässen bediente man sich dann des Distriktsrabbiners.

Die noch im 20.Jahrhundert hier lebenden Juden waren weitestgehend in die kleinstädtische Gesellschaft integriert; so bestanden rege wirtschaftliche und soziale Kontakte zur christlichen Bevölkerungsmehrheit. Auf Grund der weiter zurückgehenden Zahl jüdischer Bewohner schloss die jüdische Schule im Jahre 1925 ihre Tore; die wenigen jüdischen Kinder und Jugendlichen besuchten nun die allgemeine Ortsschule. Mit dem rasanten Stimmenzugewinn der NSDAP in Krumbach (ab 1930) fiel auch die antijüdische Propaganda auf fruchtbaren Boden. So marschierten bereits zwei Jahre später SA-Angehörige durch die Straßen Hürbens und skandierten vor den von Juden bewohnten Häusern antisemitische Lieder. Während des Frühjahrs 1933 häuften sich antijüdische Ausschreitungen: Während des Boykotts wurden Geschäftsinhaber misshandelt, und Tage später fanden im Rahmen einer „Säuberungsaktion“ Hausdurchsuchungen und Festnahmen in jüdischen Geschäften statt. Im Laufe des Sommers 1935 verschärfte sich noch weiter der antijüdische Kurs in Krumbach; es kam zu Zuzugs- und Badeverboten für Juden; auch gewalttätige Übergriffe auf jüdisches Eigentum und den jüdischen Friedhof wurden verzeichnet. Krumbacher Bewohner, die sich gegen die offizielle Parteilinie in der „Judenfrage“ stellten, wurden denunziert.

Anfang der 1930er Jahre betrieb eine jüdische Hilfsorganisation aus München am Ort ein Kindererholungsheim, die „Ferienkolonie Krumbach”. Diese 1904 in München gegründete jüdische Kinderfürsorge betreute Kinder aus sozial schwachen Familien; seit den 1920er Jahren gab es in der Antonienstraße ein Kinderheim, das bis 1942 bestand. Nach 1935 wurden vermehrt jüdische Kinder auf ihre Auswanderung nach Palästina vorbereitet. Die „Ferienkolonie“ in Krumbach musste 1934 (oder 1938) aufgegeben werden; das ehemalige Kinderheim wurde anschließend für NS-Zwecke genutzt.

Während des Novemberpogroms von 1938, der in Krumbach am 10. November begann und mehrere Tage andauerte, wurden alle erwachsenen Juden der Stadt, auch die Frauen, verhaftet und ins Amtsgefängnis nach Günzburg gebracht; einige Männer wurden dem KZ Dachau überstellt. Während ihrer Abwesenheit drangen Angehörige der NSDAP-Ortsgruppe in die jüdischen Geschäfte und Wohnungen ein; dabei kam es zu Plünderungen und Diebstählen. Das Synagogengebäude blieb zwar äußerlich fast unbeschädigt, doch Inventar und Ritualgegenstände wurden zerstört; dabei mussten die jüdischen Gemeindemitglieder selbst mit Hand anlegen. Zudem waren die jüdischen Männer Demütigungen ausgesetzt: auf Befehl musste der Pferdehändler Gustav Götz den Leichenwagen besteigen, den andere Glaubsgenossen zur Synagoge ziehen mussten.

          Beschädigte Synagoge Ende 1939 (Aufn. aus: heimatverein-krumbach.de)

Im „Krumbacher Bote“ wurde am 12.Nov. 1938 vermeldet: „Gestern Abend wurde die Krumbacher Judenschaft zusammengetrommelt, um ihre Synagoge auszuräumen. Die seltene Gelegenheit, von der Arbeit schwitzende Juden zu sehen, wurde von vielen Volksgenossen wahrgenommen. Merkwürdige Dinge schleiften sie da aus ihrem Versammlungsraum und verluden die Gebetsrollen und die sonstigen mosaischen Utensilien auf die bereitstehenden Lastwagen der Gestapo. Auch die Judenschule mussten sie ausräumen. Ja wer hätte das gedacht, als Kurt Eisner (er war ab November 1918 bis zu seinem gewaltsamen Tod im Februar 1919 erster bayerischer Ministerpräsident) hoher Gast bei ihnen war oder als unsere einstigen Judengrößen in Kultur und Stadt Verwaltung ,machten’?“

Etwa ein Jahr später brannte das Synagogengebäude - inzwischen als Lagerraum durch die Wehrmacht genutzt - nieder; die Kommune erwarb dann die Ruine und ließ diese 1941 niederlegen.

Ein Bericht aus der Lokalpresse vom 27.Nov. 1939: „Am gestrigen Sonntagmorgen durcheilte gegen vier Uhr Feueralarm die schlafende Stadt. Das Gedäude der früheren Synagoge, das jetzt als Heulager verwendet wurde, stand in Flammen. Da die umliegenden Häuser stark gefährdet waren, musste die Freiwillige Feuerwehr Krumbach energisch eingreifen, ... , was ihr glücklicherweise auch gelang. Die Synagoge brannte innen vollständig aus. Das Feuer zerstörte auch den Dachstuhl, der teilweise zusammenstürzte. Den sehr massiv gebauten Außenmauern konnte das Feuer nichts anhaben. Am Brandplatz waren Landrat Ludwig Nachreiner und Oberstaatsanwalt Riebermeier-Remmingen erschienen. Über die Brandursache bestehen zwar, wie von der Polizeibehörde erfahren, Verdachtsgründe auf Brandstiftung; sie bedürfen jedoch noch einwandfreier Aufklärung.“

Zu Beginn des Jahres 1942 lebten noch 15 jüdische Bewohner in Krumbach; am 1.April d.J. wurden 14 von ihnen ins "Generalgouvernement" nach Piaski deportiert; von dort kehrten sie nicht mehr zurück. Die letzte Krumbacher Jüdin musste die Stadt Mitte August 1942 in Richtung Theresienstadt verlassen.

Nach Angaben der Gedenkstätte Yad Vashem/Jerusalem und des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden ..." wurden insgesamt 65 gebürtige bzw. längere Zeit am Ort ansässig gewesene jüdische Bewohner Opfer der NS-Gewaltherrschaft (namentliche Nennung der betroffenen Personen siehe: alemannia-judaica.de/huerben_synagoge.htm).

 

Nach Kriegsende kehrte kein einziger ehemaliger jüdischer Bewohner nach Krumbach zurück.

 http://www.hagalil.com/wp-content/uploads/krumbach.jpg Jüdische Religionsschule in der ehem. jüdischen Ferienkolonie, ab 1946 (Repro Herbert Auer, aus: hagalil.com vom 25.6.2011)

Von Mitte des Jahres 1946 an wurden im Gebäudekomplex der ehemaligen jüdischen Ferienkolonie streng-religiöse jüdische DPs aus Osteuropa einquartiert. Diese waren Anhänger der chassidischen Bewegung; sie richteten hier eine Jeschiwa (eine religiöse „Hochschule“) ein. Im Jahre 1949 lebten in Krumbach noch 113 Juden, 1950 waren es noch ca. 80; die letzten jüdischen DPs verließen die Stadt im September 1951.

Im Jahr 1949 lebten in Krumbach noch 113 jüdische Personen, 1950 waren es noch 83. Zu welchem Zeitpunkt die Jeschiwa ihren Lehrbetrieb einstellte, ist nicht bekannt.

 http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2045/Huerben%20Synagoge%20154.jpg Ein Gedenkstein am ehemaligen Synagogenstandort (Aufn. J.Hahn, 2004) erinnert seit 1971 an das einstige jüdische Gotteshaus:

Hier stand von 1675 - 1939

die Synagoge der Israelitischen Kultusgemeinde zu Hürben

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2045/Huerben%20Synagoge%20155.jpg Nach der Umgestaltung des Synagogenplatzes (2003/2004) wurde ein neues Mahnmal errichtet (Aufn. J. Hahn, 2004), auf dem die folgenden Texte stehen:

Dieses Mahnmal soll an die ehemals blühende jüdische Gemeinde von Krumbach-Hürben und ihre Synagoge erinnern.

Gleichzeitig aber auch ein Mahnmal sein für ein zukünftig tolerantes Zusammenleben aller Menschen ganz im Sinne der Inschrift an der Synagoge nach Jesaja 56.8:

hebräische Inschrift

                                                                   Dieses Haus soll ein Gebetshaus heißen allen Völkern                                                                                                             Hier stand bis zum Jahre 1942 die Synagoge der Israelitischen Kultusgemeinde Krumbach-Hürben.

1504 erste Erwähnung von Juden in Hürben - 1675 Bau der ersten Synagoge nach Plänen des Maurermeisters Joh.Nep.Salzberger aus Buch - 1866 Renovierung - 1872 Aufsatz des Uhrenerkers - 1908 erneute Renovierung - 1938 Schändung durch Männer der SA und SS - 1939 Brandlegung - 1941 Abtransport der letzten Juden aus Krumbach ins Vernichtungslager Piasky in Polen.                                                                                                                                    Krumbach 1994

Aus Anlass der im April 1942 erfolgten Deportation und Ermordung der letzten 14 jüdischen Bewohner Krumbachs wurde jüngst eine neue Gedenktafel hinzugefügt, die namentlich an die Opfer erinnert.

Der jüdische Friedhof Krumbachs weist heute noch ca. 300 Grabsteine auf, die aber teilweise unleserlich sind.

Jüdischer Friedhof Hürben 3.JPG

Jüdischer Friedhof Hürben (Aufn. Krumbacher, 2012, aus: commons.wikimedia.org, gemeinfrei)

   Aufn. J. Hahn, 2004

In einem der Gräber liegt Hedwig Landauer-Lachmann (geb.1865 in Stolp/Pommern), eine der bedeutendsten jüdischen Schriftstellerinnen in Deutschland; sie starb 1918.

Hedwig Lachmann war das älteste von sechs Kindern des Kantors Isaak Lachmann (1838–1900); ihre Kinderjahre verbrachte sie zunächst in Stolp/Pommern, danach in Hürben. Als Fünfzehnjährige machte sie ihr Examen als Sprachlehrerin in Augsburg. Danach war sie in verschiedenen Ländern tätig, ab 1889 war Berlin dann ihr Wohnort, wo sie literarisch (zunächst als Übersetzerin) tätig war. Später veröffentlichte sie Gedichte und 1905 eine Oscar-Wilde-Monographie. Nach ihrer Übersiedlung nach Krumbach (1917) starb sie ein Jahr später an einer Lungenentzündung; sie wurde auf dem jüdischen Friedhof Krumbach beigesetzt.

Das Alte Heimatmuseum ist in einem früheren jüdischen Anwesen im Stadtteil Hürben untergebracht. Das Museum zeigt einige der wenigen noch vorhandenen Zeugnisse der ehemaligen jüdischen Kultur Hürbens. An das 2008 abgebrochene Gebäude der jüdischen Ferienkolonie - von 1939 bis 1945 hatte es dann als Schulungszentrum des NS-Fliegerkorps gedient und war 1951 in den Besitz der Stadt übergegangen – erinnert heute eine Gedenktafel. Unmittelbar nach Kriegsende war im Gebäude die einzige Rabbinatshochschule Deutschlands untergebracht.

 

Aus dem Jahre 1842 stammen die Memoiren von Lazarus Morgenthau; er verfasste dieses autobiografische Dokument in einer sprachlichen Mixtur aus Hochdeutsch und seiner bayerischen Muttersprache; hierin erzählt er seine Lebensgeschichte - angefangen von seiner Geburt (1815), über seine Tätigkeit als Schneider im schwäbischen Hürben bis zu seinem wirtschaftlichen Aufstieg als Krawattenfabrikant in Speyer. Den Memoiren fügte Lazarus' Enkelin Louise Heidelberg später eine kurze biografische Skizze bei, die die Zeit nach 1842 beinhaltet. Das Originalmanuskript von Lazarus Morgenthau wurde von seinem Urenkel, dem ehemaligen Bezirksstaatsanwalt von Manhattan, Robert Morgenthau, wiederentdeckt und 2018 dem Leo Baeck Institut zur Verfügung gestellt.

 

Weitere Informationen:

"Lebensgeschichte von Lazarus Morgenthau aus Hürben bei Krumbach von ihm selbst geschrieben. Speyer den 30ten November 1842" - handschriftliches Exemplar beim Leo-Baeck-Institut New York/Berlin

Isidor Kahn, Geschichtliches von Hürben-Krumbach, in: "Bayrische Israelitische Gemeindezeitung", No.5/1926

Doernberger, Die Ferienkolonie in Krumbach, in: "Bayrische Israelitische Gemeindezeitung" (1926)

Heinrich Sinz, Beiträge zur Geschichte des ehemaligen Marktes und der nunmehrigen Stadt Krumbach (Schwaben), Krumbach 1940, S. 251 ff.

Baruch Z. Ophir/Falk Wiesemann, Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 - 1945. Geschichte und Zerstörung, Oldenbourg-Verlag, München/Wien 1979, S. 477/478

Gerhard Wilhelm Daniel Mühlinghaus, Der Synagogenbau des 17. u. 18.Jahrhunderts im aschkenasischen Raum, Dissertation, Philosophische Fakultät Marburg/Lahn, 1986, Band 2, S. 232 - 236

Mehrere Aufsätze zur jüdischen Geschichte Krumbachs von Herbert Auer in: "Krumbacher Heimatblätter 4/5, Mitteilungen des Heimatvereins für den Landkreis Krumbach e.V.", 1988 (u.a. auch die Biographie von Hedwig Landauer-Lachmann)

Barbara Sallinger, Zum Schicksal der jüdischen Gemeinde in Krumbach im Dritten Reich, in: "Krumbacher Heimatblätter 4/5 - Mitteilungen des Heimatvereins für den Landkreis Krumbach e.V.", 1988, S. 19 - 62

Israel Schwierz, Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern. Eine Dokumentation, Hrg. Bayrische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, München 1992, S. 266/267

Wolfgang Wüst, Die Epoche zwischen Dreißigjährigem Krieg und dem Ende des Alten Reiches, in: Georg Kreuzer (Hrg.), Krumbach: vorderösterreichischer Markt, bayrisch-schwäbische Stadt, Band 1, S. 79 - 81

Alfons Schmidt, Krumbach unter bayrischer Herrschaft vom Jahre 1805 bis zum Ende des Ersten Weltkrieges, in: Georg Kreuzer (Hrg.), Krumbach: vorderösterreichischer Markt, bayrisch-schwäbische Stadt, Band 1, S. 211 - 215

Barbara Sallinger, Verfolgung der Juden, in: Georg Kreuzer (Hrg.), Krumbach: vorderösterreichischer Markt, bayrisch-schwäbische Stadt, Band 2, S. 85 ff

Herbert Auer, Die Einbindung der Juden in das öffentliche Leben und das Vereinswesen in der Gemeinde Hürben/Krumbach, in: "Irseer Schriften 2. Geschichte und Kultur der Juden in Schwaben", Hrg. Peter Fassl, Sigmaringen 1994, S. 117 - 128

Gernot Römer (Bearb.), Ein fast normales Leben - Erinnerungen an die jüdischen Gemeinden Schwabens. Ausstellungskatalog der Stiftung, Jüdisches Kulturmuseum Augsburg- Schwaben, Augsburg 1995, S. 166

Theodor Harburger, Die Inventarisation jüdischer Kunst- und Kulturdenkmäler in Bayern, Band 2: Adelsdorf - Leutershausen, Hrg. Jüdisches Museum Franken - Fürth & Schnaittach, Fürth 1998, S. 356 - 370

Herbert Auer, Hayum Schwarz: Der letzte Rabbiner in Hürben, in P. Fassl (Hrg.), Geschichte und Kultur der Juden in Schwaben: Neuere Forschungen und Zeitzeugenberichte (Irseer Schriften 3), Stuttgart 2000, S. 66 – 80

Benigna Schönhagen/Herbert Auer, Jüdisches Krumbach-Hürben - Einladung zu einem Rundgang, Hrg. Jüdisches Kultusmuseum Augsburg-Schwaben, Haigerloch 2002

Hans Voh/Herbert Auer/Roland Wieser, Damals im Städtle, Krumbach 2004

Herbert Auer, Jüdische Erinnerung in der Nachkriegszeit (Vortrag 2005), unveröffentlichtes Manuskript

Hürben-Krumbach, in: alemannia-judaica.de (mit diversen, zumeist personenbezogenen Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

A. Hager/C. Berger-Dittscheid, Hürben/Krumbach, in: Mehr als Steine ... Synagogengedenkband Bayern, Band 1, Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg/Allgäu 2007, S. 468 - 477

Wlli Fischer (Red.), Jüdische Geschichte, hrg. vom Heimatverein Krumbach e.V., online abrufbar unter: heimatverein-krumbach.de

Willi Fischer/u.a. (Bearb.), Jüdische Geschichte von Hürben-Krumbach, in: „Krumbacher Heimatblätter“, 18 Hefte (diverse Aufsätze, siehe: alemannia-judaica.de)

Herbert Auer, „Ihre Seelen seien eingebunden im Bündel des Lebens“.  Eine Dokumentation der verbliebenen Grabmale auf dem Israelitischen Friedhof Krumbach-Hürben, hrg. vom Heimatverein Krumbach e.V., 2010

Jim G. Tobias, Eine jüdische Religionshochschule im schwäbischen Krumbach, in: haGalil.com vom 25.6.2011

Maxi Eder (Red.), Krumbach. Deportation: neue Gedenktafel, in: „Augsburger Allgemeine“ vom 21.5.2013

Erwin Bosch/Esther Bloch/Ralph Bloch, Der jüdische Friedhof von Krumbach-Hürben, in: Quellen und Darstellungen zur jüdischen Geschichte Schwabens Band 4, 2015

Krumbach – Jüdische DP-Gemeinde, online abrufbar unter: after-the-shoah.org

Peter Bauer (Red.), Die verborgene Geschichte eines kleinen Hauses, in: „Augsburger Allgemeine“ vom 17.8.2017 (betr. Mikwe)

Tabea Becker (Red.), Wie in Krumbach ein jüdisches Tauchbad entstand, in: „Augsburger Allgemeine“ vom 7.10.2017

Hans Bosch (Red.), Als in Krumbach die Synagoge brannte, in: „Augsburger Allgemeine“ vom 22.11.2019

Peter Bauer (Red.), Die aktuelle Botschaft der Hürbenerin Hedwig Lachmann, in: "Augsburger Allgemeine" vom 28.8.2020

Peter Bauer (Red.), Jüdische Kultur: Was Hürben, New York, Stefan Zweig und den FC Bayern verbindet, in: "Augsburger Allgemeine" vom 1.4.2021

Tobias Brinkmann (Bearb.), Die Memoiren des Lazarus Morgenthau, in: Shared History Project, Objekt 23/Juni 2021