Höchst/Odenwald (Hessen)

Odenwaldkreis Karte Höchst i. Odenwald ist eine Kommune mit derzeit ca. 9.500 Einwohnern im hessischen Odenwaldkreis - ca. 30 Kilometer südlich von Aschaffenburg bzw. 40 Kilometer östlich von Darmstadt gelegen (Karte aus: ortsdienst.de/hessen/odenwaldkreis).

Gegen Ende des 17.Jahrhunderts sind erstmals wenige jüdische Familien im kleinen Marktflecken Höchst urkundlich nachweisbar; sie waren vermutlich nach Ende des Dreißigjährigen Krieges zugezogen. Zu Beginn des 19.Jahrhunderts nahm die jüdische Bevölkerung in Höchst deutlich zu. Ihren Lebensunterhalt verdienten die allermeisten jüdischen Familien im Klein- und Viehhandel sowie in der Hausiererei. Auf Grund ihrer wirtschaftlichen Notlage wanderten einige Familien in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts nach Nordamerika aus.

Nach dem Abriss der baufälligen, um 1800 errichteten Synagoge weihte die jüdische Gemeinde Höchst im Februar 1904 auf einem Grundstück in der Wilhelminenstraße ihr neues, im maurischen Stil gestaltetes Synagogengebäude ein. An der Finanzierung des Baues hatte sich Moses Mai, ein aus Höchst stammender, nun in Frankfurt lebender vermögender Jude, wesentlich beteiligt.

Synagoge in Höchst, hist. Bildpostkarte (aus: alemannia-judaica.de)

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20133/Hoechst%20im%20Odenwald%20Synagoge%20110.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20133/Hoechst%20im%20Odenwald%20Synagoge%20111.jpg

                Der „Centralanzeiger” berichtete am 5.Jan. 1904 über den Synagogenbau:

Höchst, 2.Jan.  Der Synagogenbau hier ist alsbald vollendet, die Einweihung soll nächsten Monat stattfinden. Das Gebäude ist im maurischen Stil gehalten, die Umfassungsmauern mit Blendsteinen ausgeführt. Als Architekt fungierte Herr J. Fleckenstein in Darmstadt. Seine Ausführungen legen beredtes Zeugnis ab, daß ihm auf dem Gebiete des Bauwesens gute Erfahrungen zur Seite stehen. Besonders hervorzuheben ist die Vorderfacade mit den 2 Eckpfeilern und je darauf befindlichen Kuppeln, das Portal, das große farbige Portalfenster, und die steinernen Gesetzestafeln. Der Bau ist eine Zierde für unseren Ort und fesselt das Auge der Passanten.

                 Sechs Wochen später (25.2.1904) vermeldete die Zeitschrift „Der Israelit“ im folgenden Artikel die Einweihung der Synagoge:

Höchst i.O. ... Die hiesige Synagogenweihe gestaltete sich zu einem wahren Kiduschhaschem (Anm.: Heiligung des Gottesnamens). Aus der weitesten Umgebung waren nicht nur Juden, sondern auch Nichtjuden in großer Anzahl herbeigeeilt, um an unserem Feste theilzunehmen. Der ganze Ort prangte in Flaggen- und Guirlandenschmuck und eine große Anzahl hiesiger Bürgersleute betheiligten sich nebst den Beamten und Vereinen an dem die Feierlichkeiten einleitenden Festzuge. Nachdem Mittags 12 3/4 im seitherigen Betlokale das Mincha-Gebet gesprochen und Herr Landesrabbiner Dr. Marx - Darmstadt in tief ergreifenden, zu Herzen gehenden Worten Abschied von der bisherigen Andachtsstätte genommen, wurden die Thorarollen den Trägern übergeben und der Festzug formierte sich. ... Ein  nicht zu übersehender Zug war es, der sich zur neuen Synagoge bewegte, und allgemein herrschte die Ansicht vor, daß Höchst eine solche Menge Menschen noch nie bei einem Feste vereinigte. ... Vor der neuen Synagoge überreichte Frl. Lina Muhr mit einer kurzen Ansprache den Schlüssel des Gotteshauses dem Vertreter der Staatsbehörde, Herr Kreisamtmann Langmann. Dieser gab seiner Freude Ausdruck über das schöne Verhältnis des Friedens und der Eintracht in hiesiger Gemeinde, das sich heute durch das Betheiligen aller Stände und Konfessionen in großartiger Weise gezeigt habe und schloß mit dem Wunsche, daß dies immer so bleiben möge. Er überreichte den Schlüssel dem Vorstand hiesiger Gemeinde und dieser dem Herrn Landesrabbiner, ... Ein herrlicher Anblick bot sich nun allen Besuchern. Das in allen seinen Theilen wohl gelungene Gotteshaus erstrahlte in elektrischem Lichte und machte auf alle Beschauer einen geradezu überwältigenden Eindruck. ... Auch für weltliche Vergnügungen war Sorge getragen, indem Freitag Abend ein Festkonzert, Samstag Abend drei Festbankette und Sonntag Abend ein Schlußfest abgehalten wurden, die sich eines solch regen Besuches erfreuten, daß sämtliche zur Verfügung stehenden Räume nicht ausreichten, um alle Besucher aufzunehmen. Hoch befriedigt dürfen auch wir auf die schöne Feier zurückblicken, die nach allgemeiner Übereinstimmung sämtlicher Festteilnehmer eine der herrlichsten Synagogeneinweihungen des letzten Dezenniums war. Hoffentlich hält die Begeisterung für die neu erbaute Synagoge bei den hiesigen Gemeindemitgliedern auch recht lange an, ...

                       Anzeige in der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 15.4.1889

 

Ab 1923 bildeten die Religionsgemeinden Höchst, Groß-Umstadt, Lengfeld, Habitzheim und Ober-Klingen eine Verbandsgemeinde; diese unterhielt eine kleine Bezirksschule in Höchst, die bis 1940 in Betrieb war. Ab 1935 gehörten auch die wenigen Juden aus Mümling-Grumbach und Hetschbach zur Höchster Gemeinde.

Um 1900 wurde auch ein jüdischer Friedhof in Höchst angelegt; in den Zeiten zuvor waren die Verstorbenen auf dem jüdischen Friedhof in Michelstadt beerdigt worden.

Die jüdische Gemeinde gehörte zum orthodoxen Bezirksrabbinat Darmstadt II.

Juden in Höchst/Odenwald:

    --- 1680 ...................... ca.  10 Juden,

    --- 1750 ...................... ca.  25   “  ,

    --- 1814 ..........................  31 jüdische Familien,

    --- 1830 .......................... 146 Juden,

    --- 1861 .......................... 174   “  ,

    --- 1871 .......................... 189   “  ,

    --- 1905 .......................... 126   “  ,

    --- 1931 .......................... 120   “  ,

    --- 1933 .......................... 102   “  ,

    --- 1936 (März) ...................  80   “  ,

    --- 1938 ..........................  61   “  ,

    --- 1940/41 .......................  15   “  ,

    --- 1942 ..........................  11   “  ,

    --- 1943 ..........................  keine.

Angaben aus: Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Bd. 1, S. 376 f.

und                 Gemeindevorstand Höchst (Hrg.), Geschichte und Schicksale der Juden zu Höchst, S. 33

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20133/Hoechst%20iO%20Israelit%2010081870.jpgAnzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 10.8.1870 (Annonce. Bei dem Unterzeichneten sind fertige Tefillin und Mesussot fortwährend zu mäßigen Preisen zu beziehen ....)

Werbeanzeige von 1902 mit "streng koscherer Küche" http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20133/Hoechst%20iO%20FrfIsrFambl%2006051904.jpg

Lebensgrundlage der in Höchst lebenden Juden war um 1920/1930 zum einen der Handel mit Agrarprodukten, zum anderen der mit Alltagswaren wie Textilien.

Nach der NS-Machtübernahme mied die „deutsche“ Bevölkerung zunehmend die jüdischen Geschäfte des Ortes; auch in der Öffentlichkeit wurden die Juden in Höchst an den Rand gedrängt; antisemitische Aktionen der SA verstärkten diese Haltung noch.

Nachdem die jüdischen Kinder ab 1935 die öffentlichen Volksschulen nicht mehr besuchen konnten, gründete der seit 1900 in Höchst tätige Lehrer Hermann Kahn - mit Unterstützung der Reichsvereinigung der deutschen Juden - eine jüdische Bezirksschule in Höchst; diese wurde in der Folgezeit von Kindern im schulpflichtigen Alter aus bis zu neun umgebenden Gemeinden besucht.

                                               Anzeige vom März 1938 

An den Ausschreitungen der Novembertage des Jahres 1938 sollen sich in Höchst nicht nur SA-Angehörige, sondern auch bis zu 200 Zivilisten beteiligt haben. Diese plünderten von Juden bewohnte Häuser und zerstörten sie auch teilweise. Auch die Höchster Synagoge in der Wilhelminenstraße wurde während des Novemberpogroms ausgeplündert und ihr Inventar zerschlagen; das gleiche galt für die neben dem Synagogengebäude liegende Schule und Mikwe. Die Inneneinrichtung der Synagoge wurde anschließend auf den örtlichen Sportplatz gefahren und dort verbrannt. Von einer Inbrandsetzung der Synagoge wurde Abstand genommen, da der Bürgermeister auf die Gefahr eines Großbrandes hinwies. Während der Kriegsjahre diente das Gebäude als Übungsraum für Luftschutzübungen; nach 1945 wurde es abgerissen.

Der Schulbetrieb der 1935 gegründete jüdischen Bezirksschule endete mit dem 10.November 1938.

Bereits am 10.November 1938 flohen zahlreiche Höchster Juden aus ihrem Heimatort. Nach dem Novemberpogrom wurde auch der Höchster Judenfriedhof geschändet: zahlreiche Steine wurden umgestürzt und Grabflächen verwüstet. 1940 lebten nur noch 15 jüdische Einwohner in Höchst. Die wenigen noch hier verbliebenen, meist älteren Gemeindemitglieder wurden im Laufe des Jahres 1942 - über die Zwischenstation Darmstadt - „in den Osten“ deportiert; über ihr weiteres Schicksal ist kaum etwas bekannt.

Im Jahre 1953 fand vor dem Landgericht Darmstadt ein Verfahren gegen zehn Teilnehmer der Ausschreitungen des Novembers 1938 statt.

Da sich der ehemalige Standort der Synagoge für die Aufstellung eines Mahnmals als ungeeignet erwies, wurde das Denkmal am Montmelianer Platz aufgestellt; seit 1985 erinnert hier ein aus zwei Quadern bestehendes Mahnmal an die Zerstörung des Gotteshauses in den Novembertagen des Jahres 1938. Die Inschrift lautet:

Zum Gedenken an die jüdische Gemeinde Höchst und zur Mahnung an die Zeit,

in der sie verfolgt wurde und in der die Zerstörung ihrer Synagoge möglich war.

            Relief der Synagoge am Mahnmal (Aufn. J. Hahn, 2009)

Etwas außerhalb von Höchst liegt am Waldrand der jüdische Friedhof; auf dem Areal wurden auch verstorbene Glaubensgenossen aus der näheren Umgebung (aus Neustadt, Mümling-Grumbach und Hetschbach) begraben. 

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20196/Hoechst%20iO%20Friedhof%20902.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20196/Hoechst%20iO%20Friedhof%20913.jpg

Jüdischer Friedhof in Höchst i. Odenwald (beide Aufn. J. Hahn, 2009)

Anm. Das von schweren Sturmschäden des Jahres 2008 betroffene Friedhofsgelände ist inzwischen wiederhergerichtet worden.

An den letzten ehemaligen jüdischen Lehrer der Höchster Gemeinde (geb. 1878, gest. 1968 in New York), der fast vier Jahrzehnte hier tätig war, erinnert heute der Hermann-Kahn-Weg.

 

In Hetschbach – heute Ortsteil der Kommune Höchst i.O. – gab es während des 19.Jahrhunderts zeitweise eine jüdische Gemeinde, die aber kaum mehr als 40 Personen umfasste. Ab den 1830er Jahren existierte am Ort eine Synagoge. Verstorbene wurden anfangs in Michelstadt, ab 1900 auf dem neuangelegten Friedhof in Höchst beerdigt. Noch vor 1900 wurden die Hetschbacher Juden der Höchster Gemeinde angeschlossen. Zu Beginn der 1930er Jahre lebten nur noch zwei jüdische Bewohner im Ort.

 

In Breuberg-Neustadt - nur wenige Kilometer nordöstlich von Höchst - wurden 2009 sog. "Stolpersteine" verlegt, die am Alten Markt an Angehörige der beiden jüdischen Familien Kempe und Marx erinnern.

Weitere Informationen:

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Societäts-Verlag, Frankfurt/M. 1971, Bd. 1, S. 376 f.

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Bilder - Dokumente, Eduard Roether Verlag, Darmstadt 1973, S. 92/93

Reiner Guth, Geschichte und Schicksale der Juden zu Höchst, Hrg. Heimat- u. Geschichtsverein/Gemeindevorstand Höchst, Höchst i.O. 1985

Wolf-Arno Kropat, Kristallnacht in Hessen - Der Judenpogrom vom November 1938 - Eine Dokumentation, in: Schriften der Kommission für die Geschichte der Juden in Hessen X, Wiesbaden 1988, S. 105 f.

Hans-Peter Schwarz (Hrg.), Die Architektur der Synagoge. Ausstellungskatalog Dt. Architekturmuseum Frankfurt/M., Frankfurt/M. 1988, S. 246

Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933 - 1945, Hessen I: Regierungsbezirk Darmstadt, VAS-Verlag, Frankfurt/M. 1995, S. 251/252

Höchst/Odenwald, in: alemannia-judaica.de (mit Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Hetschbach, in: alemannia-judaica.de

Auflistung der in Breuberg verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter. wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Breuberg