Heppenheim/Bergstraße (Hessen)

Datei:Municipalities in HP.svg Heppenheim (Bergstraße) - mit derzeit ca. 26.000 Einwohnern - ist die Kreisstadt des Kreises Bergstraße im südlichen Hessen am Rande des Odenwaldes (Karte Hagar, 2009, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Palatinatus Rheni (Merian) b 069.jpg

Heppenheim – Stich Merian, um 1645 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Jüdische Ansiedlung in Heppenheim reicht bis zu Beginn des 14.Jahrhunderts zurück; als erste dürften Mainzer Juden in den Ort gezogen sein; anschließend wurden vermutlich auch jüdische Flüchtlinge aus Frankreich hier aufgenommen, die dem Mainzer Oberstift unterstanden. Als 1429 der Erzbischof Konrad III. alle erzstiftischen Juden verfolgen und ihre Güter konfiszieren ließ, waren davon auch die in Heppenheim lebenden Familien betroffen. In den folgenden Jahrhunderten wurden die Juden zeitweilig geduldet, mehrmals wieder vertrieben; in Heppenheim dürften aber kaum mehr als ein paar jüdische Familien gelebt haben. Bis ca. 1700 sind urkundliche Belege über Juden in Heppenheim sehr selten. Zwei große Stadtbrände hatte zahlreiches Archivmaterial vernichtet. Seit den 1820er Jahren konnte Juden in Heppenheim das Ortsbürgerrecht verliehen werden; damit waren diese den anderen Heppenheimer Bürgern gleichgestellt; eine Bürgerurkunde bestätigte unwiderruflich ihren Status als "Vollbürger" von Heppenheim.

Die alte Synagoge in der Kleinen Bachstraße muss bereits vor 1800 bestanden haben; ein neues Synagogengebäude wurde 1900 am Bensheimer Weg/Starkenburgweg eingeweiht - zu einem Zeitpunkt, als die jüdische Gemeinde in Heppenheim in voller Blüte stand. Die Kosten für den Synagogenneubau, der nach Plänen des Bergsträßer Architekten Heinrich Metzendorf erstellt wurde, trugen die aus Heppenheim stammenden und in London als Bankiers lebenden drei Brüder Adolf, Heinrich und Leopold Hirsch. In einem Artikel der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 25. Oktober 1900 hieß es:

Heppenheim (Bergstraße). Am Chol HaMoed fand dahier die feierliche Einweihung der prächtigen, neuerbauten Synagoge durch Rabb. Dr. Marx - Darmstadt statt. Die meisten Kosten für die Erbauung der Synagoge leisteten die von hier stammenden und jetzt in London wohnenden Gebr. Hirsch, die auch persönlich anwesend waren. Von allen Seiten waren Leute herbeigeströmt, um Zeuge dieser hübschen Feier zu sein. Alles verlief in herrlichster Ordnung; besonders gefiel uns die Abschiedsrede des Herrn Rabb. Dr. Marx, gehalten in der alten Synagoge, sowie der Toast des Herrn Kreisraths Dr. Göttelmann auf den Großherzog. Wie wir hörten, sollen die Gebr. Hirsch bei ihrem Weggange jüdische und christliche Arme von Heppenheim reichlich bedacht haben.

  •               Die Synagoge blieb im Besitz der Familie Hirsch.
  •                        Synagoge in Heppenheim (hist. Aufn. um 1910, aus: P. Arnberg) 

Zu den religiös-kultischen Einrichtungen der Heppenheimer Gemeinde gehörte auch eine 1715 erstmals erwähnte Mikwe; dieses Bad existierte bis um 1900.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20326/Heppenheim%20Israelit%2014041869.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20111/Heppenheim%20Israelit%2003021875.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20111/Heppenheim%20adB%20Israelit%2024111904.jpg

Ausschreibungen der Gemeinde aus der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 14.4.1869, 3.2.1875 und 24.11.1904

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20111/Heppenheim%20adB%20Israelit%2031031893.jpg Privatanzeige des jüdischen Lehrers Oppenheimer von 1893

Dagegen hat die Gemeinde in Heppenheim, die dem orthodoxen Rabbinat Darmstadt unterstand, nie einen eigenen Friedhof besessen. Ihre Verstorbenen bestattete sie auf dem jüdischen Sammelfriedhof an der Bergstraße in Alsbach, der von fast 30 Gemeinden genutzt wurde; dorthin wurden die Toten mit dem eigenen Leichenwagen überführt.

Juden in Heppenheim:

         --- um 1640 .......................   2 jüdische Familien,

    --- um 1700 .......................  10 Juden,

    --- 1806 ..........................  56   “  ,

    --- um 1830 ................... ca.  80   “  (ca. 2% d. Bevölk.),

    --- 1861 .......................... 119   “  (ca. 3% d. Bevölk.),

    --- 1875 .......................... 137   “  ,

    --- 1890 .......................... 148   “  (in ca. 40 Familien),

    --- 1905 .......................... 111   “  ,

    --- 1910 .......................... 115   “  ,

    --- 1925 .......................... 124   “  ,

    --- 1933 (Jan.) ................... 113   “  ,

             (Dez.) ...................  99   “  ,

    --- 1934 (Dez.) ...................  86   “  ,

    --- 1936 ..........................  59   “  ,

    --- 1939 (Mai) ....................  37   “  ,

    --- 1941 (Dez.) ...................  17   “  ,

    --- 1942 (Sept.) ..................  17   “  ,

             (Dez.) ...................  keine.

Angaben aus: Wilhelm Metzendorf, Geschichte und Geschicke der Heppenheimer Juden, S. 68 u. S. 220

       Am Graben, Heppenheim um 1905 (Abb. aus: wikipedia.org, CCO)

Ende des 19./Anfang des 20.Jahrhunderts handelten die Juden Heppenheims zum einen mit Vieh und Getreide, zum anderen waren sie Besitzer von Ladengeschäften im Ort. In den 1860er Jahren lag der jüdische Anteil am Heppenheimer Handel bei etwa 25%. Allein zehn Zigarrenmanufakturen sollen um 1880 im Besitz von jüdischen Familien gewesen sein.

Schon wenige Wochen nach der NS-Machtübernahme wurden die ersten Juden in Heppenheim verhaftet: sie waren der Konspiration mit der Sowjetunion verdächtig worden! Nach dieser „Einzelaktion“ folgte der Boykott jüdischer Geschäfte, der bis Ende Mai 1933 durchgeführt wurde und die Heppenheimer Bevölkerung mit Parolen wie „Kauft nicht bei Juden!” und „Wer beim Juden kauft, ist ein Volksverräter!” einschüchterte. Doch zahlreiche Landwirte der Region, die mit jüdischen Viehhändlern jahrzehntelange Kontakte besaßen, schienen sich den Wünschen der NSDAP bzw. der NS-Behörden widersetzt zu haben.

Im Gefolge des Novemberpogroms von 1938 versuchten in Zivil gekleidete SA-Angehörige die Heppenheimer Synagoge zu sprengen; doch die Detonation richtete nur wenig Schaden an, sodass im Innenraum Feuer gelegt wurde. Der in unmittelbarer Nähe untergestellte Leichenwagen der jüdischen Gemeinde wurde zertrümmert und anschließend in Brand gesetzt. Die noch schwelende Synagogenruine mussten jüdische Männer selbst niederlegen. Anschließend wurden sie durch die Straßen der Stadt geführt und danach in Arrestzellen des Rathauses eingesperrt; inzwischen zogen SA-Männer durch den Ort, drangen in jüdische Wohnungen ein, zerstörten den Hausrat und verjagten die Bewohnerinnen und ihre Kinder. Hunderte von Heppenheimer Bürgern sollen den Ausschreitungen zugesehen haben. Nachdem bis Anfang November 1938 bereits etwa die Hälfte der jüdischen Geschäfte „freiwillig“ aufgegeben worden war, wurde wenige Wochen nach dem Pogrom auf behördlichem Weg der jüdische Grundbesitz „arisiert“. Ende 1941/Anfang 1942 lebten nur noch 17 Juden in Heppenheim; Mitte März 1942 wurden die meisten deportiert, ein halbes Jahr später die letzten jüdischen Bewohner; ihr weiteres Schicksal ist unbekannt. Nachweislich kamen 53 in Heppenheim geborene bzw. hier längere Zeit lebende Juden durch die NS-Gewaltherrschaft ums Leben.

1947 und 1950 wurden in zwei Prozessen vor dem Landgericht Darmstadt elf aktiv an der Heppenheimer Synagogenzerstörung Beteiligte angeklagt; der Haupttäter, ein früherer Schulrektor, wurde zu 2 1/2 Jahren Zuchthaus verurteilt.

Das Synagogengelände blieb bis Anfang der 1950er Jahre als „Schandfleck“ im Ortsbild erhalten, ehe Nachbarn mit dem Aufräumen begannen. Vor dem noch original vorhandenen Treppenaufgang zur Synagoge entstand 1965 eine kleine Gedenkstätte.

Heppenheim, Gedenktafel Neue Synagoge.jpg Seit den 1980er Jahren befindet sich am Starkenburgweg/Eisenpfad eine Inschriftentafel mit den Umrissen der zerstörten Synagoge, die folgende Inschrift trägt:

Zur Erinnerung an die Heppenheimer Synagoge

-- Sie stand inmitten des Gartens oberhalb der Mauer

-- Gestiftet 1897 von den nach London ausgewanderten Söhnen des Baruch Hirsch,

   Vorsteher der jüdischen Gemeinde

-- Entwurf von Prof. Heinrich Metzendorf

-- Zerstört am 10.November 1938 nach der Pogromnacht

-- Am 30.Januar 1933 zählte die jüdische Gemeinde 113 Mitglieder

-- 24 Juden sind Opfer der Gewaltherrschaft des Nationalsozialismus geworden

-- Die Überlebenden sind in alle Welt zerstreut

Die Bürger der Stadt Heppenheim 10.November 1988

(obige Abbildung: Karsten Ratzke, 2018, aus: commons.wikimedia.org, CCO)

Auf einer weiteren Tafel sind die Namen 29 ehemaliger Heppenheimer Juden genannt, die deportiert wurden.

Auf Initiative des Vereins „Stolpersteine Heppenheim e.V. - Erinnern für die Zukunft“ wurden 2014 in Heppenheim die ersten sieben sog. „Stolpersteine“ verlegt, die an Angehörige der Familie Sundheimer erinnern. Ein Jahr später wurde ein Stein für Sofie Fischer (Darmstädter Str.) in den Gehweg eingefügt.

Stolperstein für Maier SundheimerStolperstein für Ida Sundheimer geb.RothschildStolperstein für Käthe SundheimerStolperstein für Else Miriam SundheimerStolperstein für Ludwig SundheimerStolperstein für Gertrud SundheimerStolperstein für Eva Sundheimer Stolpersteine für Angehörige der Fam. Sundheimer (Aufn. Gmbo, 2016, aus: wikipedia.org, CCO)

2017 kamen an zwei Standorten weitere acht sog. „Stolpersteine“ hinzu, die Angehörigen der Familien Baruch (Lorscher Str.) und Bach (Friedrichstr.) gewidmet sind.

2019 wurden vor dem ehem. Wohn- u. Geschäftshaus der jüdischen Kaufmannsfamilie Mainzer elf Stolpersteine in den Gehweg verlegt, zudem weitere fünf Steine zur Erinnerung an Angehörige der Familie Berthold Mainzer.

In Heppenheim befindet sich das „Martin-Buber-Haus“, in dem der jüdische Religionsphilosoph mit seiner Familie in der Zeit von 1916 bis zu seiner Emigration nach Palästina 1938 lebte.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20293/Heppenheim%20MBuber%20194.jpg 1976 wurde das Haus „als Kulturdenkmal wegen seiner geschichtlichen Bedeutung als Wohnstätte des Gelehrten Martin Buber“ ins Hessische Denkmalbuch eingetragen. Seitdem ist das „Martin-Buber-Haus“ Sitz des Internationalen Rates der Christen und Juden (ICCJ).

 Von 1916 bis zu seiner Emigration nach Palästina 1938 war Heppenheim Wohnsitz des 1878 in Wien geborenen jüdischen Religionswissenschaftlers und Sozialphilosophen Martin Buber; er war der Sohn einer wohlhabenden Familie und wuchs bei seinen Großeltern in Lemberg auf. Sein Großvater Salomon Buber war Midraschexperte und galt zu seiner Zeit als einer der wichtigsten Forscher und Sammler auf dem Gebiet der chassidischen Tradition des osteuropäischen Judentums.  Martin Buber war Mitbegründer des Jüdischen Verlags (1902); 1916 gründete er zusammen mit Salman Schocken die Monatszeitschrift „Der Jude“ (letztmalig 1928 erschienen). In den Jahren 1924 bis 1933 war er Lehrbeauftragter und Honorarprofessor für Jüdische Religionslehre und Ethik an der Universität in Frankfurt/M. Martin Bubers Hauptanliegen war die menschliche und politische Erneuerung des abendländischen Judentums aus dem Geiste der Bibel und des Chassidismus. Er übersetzte zahlreiche Erzählungen und Traditionen des Chassidismus in die deutsche Sprache; insbesondere seine umfangreiche Textsammlung „Die Erzählungen der Chassidim“ liefert dafür ein Zeugnis. 1938 verließ Buber mit seiner Familie Deutschland. Martin Buber starb 1965 in Jerusalem.

 

Weitere Informationen:

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Societäts-Verlag, Frankfurt/M. 1971, Bd. 1, S. 347 - 351

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Bilder - Dokumente, Eduard Roether Verlag, Darmstadt 1973, S. 89

Wilhelm Metzendorf, Geschichte und Geschicke der Heppenheimer Juden, in: Geschichtsblätter Kreis Bergstrasse, Sonderband 5, Heppenheim 1982, S. 203 ff.

Germania Judaica, Band III/1, Tübingen 1987, S. 544

Wolf-Arno Kropat, Kristallnacht in Hessen - Der Judenpogrom vom November 1938 - Eine Dokumentation, in: Schriften der Kommission für die Geschichte der Juden in Hessen X, Wiesbaden 1988, S. 102 f.

Karl Schemel, Die Geschichte der Juden in Bickenbach und im südhessischen Raum, in: Bickenbach uffm Sand - Ortschronik der Gemeinde Bickenbach, Band II, Matchball-Verlag Tomas Klang, Bickenbach 1993, S. 306 - 308

Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933 - 1945, Hessen I: Regierungsbezirk Darmstadt, VAS-Verlag, Frankfurt/M. 1995, S. 18 f.

Harald Jost, Heppenheim, 10.November 1938: Die Zerstörung der Synagoge, Stadtarchiv Heppenheim, 1998

Magistrat der Stadt Lampertheim (Hrg.), Lampertheim - Ein Blick in die Stadtgeschichte, Band 2: Beiträge aus der Geschichte der ehemaligen jüdischen Gemeinde, Lampertheim 1998, S. 35 f.

Margarete Exner, Die Sundheimers - Von den Schicksalen einer jüdischen Familie aus einer deutschen Kleinstadt, in: “Zum Beispiel Heppenheim – Schicksale einer jüdischen Familie”, Geschichtsblätte Kreis Bergstraße, Band 33/2000, Heppenheim 2000, S. 273 ff.

Harald Jost, Die jüdische Gemeinde Heppenheim und ihr prominentestes Mitglied Martin Buber, in: Aschkenas - Zeitschrift für Geschichte und Kultur der Juden, Bd. 12/2002, Heft 1, S. 141 - 154  

Heppenheim an der Bergstraße, in: alemannia-judaica.de (mit diversen Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Martin Buber Kompakt. Themenheft der Martin-Buber-Schule Groß-Gerau - Integrierte Gesamtschule mit Ganztagsangebot, No. 1/Sept. 2002 (auch als PDF-Datei vorhanden, unter: kompassmbs.de/mb/mbscreen.pdf)

Erste „Stolpersteine“ in Heppenheim verlegt, aus: heppenheim.de (2014) 

N.N. (Red.), Stolperstein erinnert an Sofie Fischer, in: „Bergsträßer Anzeiger“ vom 16.11.2015

N.N. (Red.), Heppenheim: Acht Steine gegen das Vergessen, in: „Bürstädter Zeitung“ vom 17.2.2017

Auflistung der in Heppenheim verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Heppenheim_(Bergstraße)  (Anm.: noch unvollständig)

Stolpersteine Heppenheim e.V. - Erinnern für die Zukunft, obnline abrufbar unter: stolpersteine-heppenheim.de (Stand 2017)

Marion Menrath (Red.), Reste der Heppenheimer Synagoge ausgegraben, in: "echo-online.de" vom 25.11.2017

Sigrid Jahn (Red.), Hermann Müller berichtet über die im November 1938 zerstörte Heppenheimer Synagoge, in: "echo-online.de“ vom 23.3.2018

Christian Knatz (Red.), Heppenheimer Synagoge am Computer rekonstruiert, in: „Bürstädter Zeitung“ vom 2.11.2018

Bernd Sterzelmaier (Red.), Was von der Heppenheimer Synagoge übrig blieb, in: echo-online.de vom 19.1.2019

Doris Strohmenger (Red.), Stolperstein-Verlegung in Heppenheim, in: echo-online.de vom 27.3.2019