Hüffenhardt (Baden-Württemberg)

Datei:Hüffenhardt in MOS.svg Hüffenhardt ist ein Dorf mit derzeit ca. 2.000 Einwohnern, das westlich des Neckars zwischen Kraichgau und Odenwald liegt - ca. 30 Kilometer südöstlich von Heidelberg entfernt (Karte Hagar, 2010, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

In Hüffenhardt war nach dem Dreißigjährigen Krieg eine sehr kleine jüdische Gemeinde beheimatet; die damalige Ortsherrschaft, die Adelsfamilie von Gemmingen-Gutenberg, hatte die Ansiedlungen jüdischer Familien unterstützt.

Große Bekanntheit besaß der Mohel (Beschneider) R. Seligmann, der in mehr als vier Jahrzehnten seiner Tätigkeit (von 1686 bis 1730) in einem Umkreis von mehr als 100 (!) Kilometern um Hüffenhardt etwa 1.200 Beschneidungen vornahm. Vermutlich unterhielt er in Hüffenhardt auch eine Talmudschule.

In einem Artikel der Zeitschrift "Der Israelit" vom 26. November 1936 hieß es über ihn u.a.:

"Das Mohelbuch des Rabbi Seligmann von Hüffenhardt. Der Mohel, R. Seligmann, der Sohn des berühmten und gelehrten Dajans des Bezirks, R. Naftali Herz, aus dem Geschlechte Ginz, wohnte in Hüffenhardt, einem Bauerndorf im östlichen badischen Kraichgau, das etwa drei Wegstunden von Mosbach entfernt ist. Von hier aus besorgte er seinen heiligen Dienst vollkommen leschem schomajim (um des Himmels willen ohne jede Gegenleistung), wie ihm Andere in diesem Buches still und ohne Aufhebens bescheinigen. Das Gebiet seiner Tätigkeit erstreckte sich auf den Umkreis von mehr als 100 Kilometer. Man denke an die Beschwerden der Reise in jenen Zeiten, an die Unsicherheit der Wege, an die Schwierigkeiten der Nachrichten-Übermittlung, an das Fernsein von der Familie an Sabbaten und Feiertagen und man kann sich einen Begriff machen von der Jiroh - der Gottesfurcht dieses Mannes, von seiner Seelengröße, seiner Opferbereitschaft. Die meisten Orte, an denen er fungierte, waren sicher nur von wenigen jüdischen Familien bewohnt, oft musste er an einem Tage an zwei weit auseinander liegenden Plätzen sein heiliges Amt vollziehen. In jüngeren Jahren versieht er den Eintrag der Miloh mit einem Wort aus der laufenden Sidroh (= Wochenabschnitt aus der Thora), so treffend gewählt, daß man staunen muss über all dieses Wissen und dieses Mitgefühl. Da segnet er das Kind, dessen Vater nicht mehr lebt, dort weint er mit einem anderen um die tote Mutter. Daß er in seiner so großen Verwandtschaft überall herangezogen wird, ist wohl zu verstehen. Aus den Einträgen sind die weit verzweigten Äste der Familie wohl zu erkennen. Er führt Söhne, Enkel und Urenkel in den heiligen Abrahamsbund ein. 109 verschiedene Orte sind es, an denen er tätig war. An vielen Orten seiner Tätigkeit wohnen heute noch Juden, an vielen anderen sind sie längst verschwunden. Manche Orte stehen mit Molos in dem Buche, die als ehemaliger Wohnsitz von Juden nicht bekannt waren. Ich nenne hier Biberach, Kirchhausen, beide bei Heilbronn, Dilsberg bei Heidelberg, die berühmte Veste aus Tillis Zeiten, die Hofgüter Zimmerhof, Eulenhof, Ehrenberger Schloss, das Dörflein Helmhof, alles an der badisch-württembergischen Grenze gelegen. Auch im Hause des Mohels selbst muß sich eine Talmudschule befunden haben, was daraus hervorgeht, daß in dem Mohelbuch Einträge von Lehrern sich befinden, die im Hause des Mohels tätig waren und da gelebt haben.“

Ihre gottesdienstlichen Zusammenkünfte hielten die Gemeindeangehörigen in einem kleinen Betsaal an der Ecke Reisengasse/Bohnengasse ab, der zuletzt auch von Wollenberger Juden aufgesucht wurde.

Die wenigen Kinder der Hüffenhardter Juden besuchten die hiesige Dorfschule; Religionsunterricht wurde von einem „Wanderlehrer“ erteilt, der für mehrere kleine Gemeinden zuständig war.

   aus: „Der Israelit“ vom 21.Nov. 1904 u. 22.Juli 1920

Verstorbene wurden auf Friedhöfen der nahen Umgebung, so in Waibstadt, Heinsheim oder in Bad Rappenau begraben.

Die winzige Kultusgemeinde gehörte zum Bezirksrabbinat Sinsheim.

Juden in Hüffenhardt:

--- 1825 ........................ ca.  25 Juden,

--- 1850 ............................  24   “  ,

--- 1875 ............................  33   “  (ca. 3% d. Dorfbev.),

--- 1890 ............................  42   “  ,

--- 1900 ............................  28   “  ,

--- 1910 ............................  22   “  ,

--- 1924 ............................  21   “  ,

--- 1933 ............................  17   “  ,

--- 1940 (Nov.) .....................  keine.

Angaben aus: Joachim Hahn/Jürgen Krüger, “Hier ist nichts anderes als Gottes Haus ...” Synagogen in Baden-Württemberg, Band 2, S. 220 

und:                Hüffenhardt, in: alemannia-judaica.de

Die in Hüffenhardt lebenden Juden - um 1890 waren es etwa 40 Personen - lebten vorwiegend vom Landesprodukten- und Viehhandel.

Zu Beginn der NS-Herrschaft wohnten noch 17 jüdische Personen im Dorf. Zu den damals noch bestehenden Gewerbebetrieben gehörten eine Manufakturwaren-, eine Eisenwaren- u. Getreidehandlung sowie ein Viehhandel.

Während des Novemberpogroms von 1938 wurde das Synagogengebäude von SA-Angehörigen eingerissen und dem Erdboden gleichgemacht; auch Schüler unter Leitung ihres Lehrers nahmen an der „Aktion“ teil. Die Kultgeräte wurden in einer „Feierstunde“ vor aller Augen verbrannt. Die jüdischen Geschäfte wurden demoliert, ihre Eigentümer ins KZ Dachau überstellt.

Einigen jüdischen Bewohnern gelang noch ihre Emigration; andere verzogen in größere Städte, von denen sie wenige Jahre später zumeist deportiert wurden.

Zehn gebürtige bzw. längere Zeit im Dorf lebende Juden gehörten zu den Opfern der Shoa.

Eine Gedenktafel, die an das ehemalige Bethaus bzw. an die Angehörigen der kleinen jüdischen Gemeinde erinnert, ist nicht vorhanden.

Ein Sohn der jüdischen Gemeinde von Hüffenhardt war Sußmann Grombacher (geb. 1871). Schon frühzeitig für den Rabbinerberuf bestimmt machte er seine Ausbildung in Karlsruhe und am Berliner Rabbinerseminar und der Universität. Über Halberstadt und Frankfurt/M. führte sein Weg nach Straßburg, wo Dr. Grombacher 1901 zum Direktor der Religionsschule ernannt wurde; hier wirkte er fast zwei Jahrzehnte. Nach Ende des Ersten Weltkrieges übersiedelte er nach Frankfurt/M. und leitete die zentrale Stelle für jüdische Wohlfahrtspflege. Nach nur kurzer Tätigkeit verstarb er 1922 in Frankfurt.

Weitere Informationen:

"Das Mohelbuch des Rabbi Seligmann von Hüffenhardt“, in der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 26.11.1936

F.Hundsnurscher/G.Taddey, Die jüdischen Gemeinden in Baden - Denkmale, Geschichte, Schicksale, Hrg. Archivdirektion Stuttgart, Band 19, Kohlhammer Verlag, Stuttgart 1968, S. 137/138

Hans Luckchaupt, Die Juden im Dorf, in: 900 Jahre Hüffenhardt 1083 – 1983. Heimatbuch, S. 168

Joseph Walk (Hrg.); Württemberg - Hohenzollern – Baden, in: Pinkas Hakehillot. Encyclopedia of Jewish Communities from their foundation till after the Holocaust (hebräisch), Yad Vashem/Jerusalem 1986, S. 322/323

Michael Konnerth, Der Judenfriedhof bei Bad Rappenau-Heinsheim - eine der größten jüdischen Begräbnisstätten in Deutschland, Hrg. Kur- und Klinikverwaltung Bad Rappenau, o.J.

Joachim Hahn/Jürgen Krüger, “Hier ist nichts anderes als Gottes Haus ...” Synagogen in Baden-Württemberg, Teilband 2: Orte und Einrichtungen, Konrad Theiss Verlag GmbH, Stuttgart 2007, S. 220/221

Hüffenhardt, in: alemannia-judaica.de

Simon Gajer (Red.), Ein Parkplatz, wo einst die Synagoge stand. Theologe Thomas Siegmann erforscht das jüdische Leben in der Gemeinde, in: „Heilbronner Stimme“ vom 6.10.2016

Thomas Siegmann, … er heftete seine Seele an den lebendigen Gott – Spuren und Zeugnisse jüdischen Lebens in der Landgemeinde Hüffenhardt zwischen Odenwald, Kraichgau und Neckartal, Verlag BoD - Books on Demand, Norderstedt 2018