Günzburg/Schwaben (Bayern)

 Datei:Günzburg in GZ.svg Günzburg ist eine schwäbische Kreisstadt mit derzeit ca. 20.000 Einwohnern – knapp 30 Kilometer nordöstlich von Ulm (Karte von Oberschwaben: M. Dörrbecker, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 2.5 und Hagar, 2010, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Durch Zuwanderung eines Teils der aus der Reichsstadt Ulm vertriebenen Familien vergrößerte sich ab 1499 die Judengemeinde in Günzburg; sie entwickelte sich damals zur einzig überregional bedeutenden jüdischen Gemeinde im Südwesten Deutschlands. Enge wirtschaftliche Kontakte zum kaiserlichen Hof stärkten die Position der Günzburger Gemeinde; so ließen sich die schwäbischen Landesrabbiner ihre Amtsbefugnisse durch kaiserliche Privilegien bestätigen. Seit 1525 war Günzburg Sitz eines Landesrabbinats; eine Reihe bedeutender Rabbiner lehrten hier. Während des 16.Jahrhunderts wurde die hiesige Gemeinde von den Mitgliedern der einflussreichen und machtbewussten Familie Ulma-Günzburg dominiert; mehr als vier Jahrzehnte lang stand Schimon ben Elieser Ulmo-Günzburg (geb. 1506) - auch bekannt als Seligman Ginzburg - an der Spitze der Gemeinde, der als Großfinanzier weit über die Region wirkte. Als Vertreter der schwäbischen Juden vertrat er ihre Anliegen auf kaiserlichen Reichstagen.

Vermutlich gehörte Schimon Ulmo-Günzburg (auch ‚Gintzburg’) zu den jüdischen Persönlichkeiten, die unter Führung von Josel von Rosheim die deutsche Judenschaft beim Kaiser repräsentierte. Welche Bedeutung er (und seine Familie) hatte, wurde daran deutlich, dass der Kaiser ihm und seiner Familie persönliche Schutzbriefe ausgestellt hatte. Im Eigentum der wohlhabenden Familie war die berühmte Pariser Talmudhandschrift von 1342; auch wertvolle hebräische Schriften aus dem schwäbischen Raum waren zumeist Auftragsarbeiten der Familie Günzburg. Seine Nachfahren wurden später in süddeutschen Städten und in Frankfurt/M. ansässig. Noch heute tragen zahlreiche jüdische Familien den Namen ‚Günzburg’ bzw. ‚Gunzburg’ - eine Erinnerung an die Herkunft ihrer Vorfahren aus Schwaben.

  

Illustrationen aus dem 1589 vollendeten Gebetsbuch der Familie Ulma-Günzburg

Das Jahr 1617 (andere Angabe: 1632) bedeutete das Ende der Judengemeinde in Günzburg; der Landesherr der vorderösterreichischen Markgrafschaft Burgau, Markgraf Karl, vertrieb - auf Drängen der Bürgerschaft - die jüdische Bevölkerung aus seiner neuen Residenzstadt; gleiches galt auch für die Juden in Scheppach und Hochwang. Die vertriebenen Günzburger Juden fanden z.T. Aufnahme in Märkten und Dörfern, die in den Händen von Reichsrittern waren. Als Händler auf den Günzburger Wochen- u. Jahrmärkten waren Juden aber weiterhin geduldet, da der Stadtamtmann sowie der Zolleinnehmer auf die dabei anfallenden Steuern/Gebühren nicht verzichten wollten.

Das religiöse Zentrum Schwabens verlagerte sich dann von Günzburg zwischenzeitlich nach Thannhausen. [vgl. Thannhausen (Bayern)]

Die Zahl der im 19. und beginnenden 20.Jahrhundert in Günzburg lebenden jüdischen Bewohner ist kaum erwähnenswert. Heute erinnert in der Stadt nichts mehr an die vor Jahrhunderten einst bedeutende jüdische Gemeinde.

 

In Neuburg a.d.Kammel - im heutigen Kreis Günzburg gelegen - bestand von der ersten Hälfte des 15.Jahrhunderts bis ca. 1675 eine kleine jüdische Gemeinde, die über eine Synagoge/Schule, eine Metzgerei und einen Friedhof verfügte. Ihre Ansiedlung hatte die damalige Ortsherrschaft (Familie v. Ellerbach) betrieben: So durften sich ab 1431 aus dem Wittelbachischen vertriebene Juden (vor allem aus Donauwörth) hier ansiedeln; sie erhielten einen Straßenzug am westlichen Ortsrand zugewiesen, der bis ins 19.Jahrhundert die Bezeichnung„Judengasse“ (heutige Bergstraße) trug. Nachdem der Burgauer Markgraf die Ausweisung der Juden aus Neuburg verfügt hatte (diese Ankündigung aber nicht mit Nachdruck betrieb), verließen die jüdischen Familien dann um 1675 den Ort. Vermutlich machten sie sich danach in Hürben oder Ichenhausen ansässig.

Hinweise auf die Anwesenheit jüdischer Familien zu Beginn des 18.Jahrhunderts lassen sich im Stadtarchiv finden. Anfang des 20.Jahrhunderts lebten in Neuburg nachweislich zwei jüdische Familien; ihre Angehörigen wurden nach ihrem Wegzug aus der Stadt vermutlich deportiert.

Vom jüdischen Friedhof (nördlich des Eisberges, auch „Judenberg“ genannt) lassen sich heute keinerlei Spuren mehr finden.

Im nahen Leipheim sollen sich nach den Verfolgungen z.Zt. des Schwarzen Todes erst wieder 1466 Juden niedergelassen haben, allerdings waren es wohl nur sehr wenige. Da Leipheim ab 1453 der Reichsstadt Ulm gehörte, besaß der Ulmer Magistrat hier auch das Judenprivileg. Nach vorübergehender kurzzeitiger Vertreibung im Jahre 1503 wurden schließlich die wenigen jüdischen Familien um 1565/1570 endgültig aus Leipheim vertrieben.

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurde im Dezember 1945 auf einem ehemaligen Fliegerhorst das DP-Camp Leipheim als erstes jüdisches Lager in Schwaben eingerichtet. Im Januar 1946 lebten dort 2.900 Juden; 1949 wurde das Camp aufgelöst.

 

Weitere Informationen:

Leopold Löwenstein, Günzburg und die schwäbischen Judengemeinden, in: "Blätter für jüdische Geschichte und Literatur" – Beilage zur Zeitschrift „Der Israelit“, verschiedene Jahrgänge von 1899/1901

Germania Judaica, Band III/1, Tübingen 1987, S. 478 – 482 (Günzburg) und S. 727/728 (Leipheim)

Rolf Kießling, Günzburg und die Markgrafschaft Burgau. Die Entwicklung eines ländlichen Raumes im Spannungsfeld der Großstädte, in: "Heimatkundliche Schriftenreihe für den Landkreis Günzburg" 10/1990

Israel Schwierz, Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern. Eine Dokumentation, Hrg. Bayrische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, München 1992, S. 257

Stefan Rohrbacher, Medinat Schwaben. Jüdisches Leben in einer süddeutschen Landschaft in der Frühneuzeit, in: R.Kießling (Hrg.), Judengemeinden in Schwaben im Kontext des Alten Reiches, Colloquia Augustana, Band 2, Institut für Europäische Kulturgeschichte der Universität Augsburg, Berlin 1995, S. 80 - 109

Rolf Kießling, Zwischen Vertreibung und Emanzipation - Judendörfer in Ostschwaben während der Frühen Neuzeit, in: R.Kießling (Hrg.), Judengemeinden in Schwaben im Kontext des Alten Reiches, Colloquia Augustana, Band 2, Institut für Europäische Kulturgeschichte der Universität Augsburg, Berlin 1995, S. 154 - 183

Rolf Kießling/Sabine Ullmann (Hrg.), Landjudentum im deutschen Südwesten während der Frühen Neuzeit, in: "Colloquia Augustana", Band 10, Institut für Europäische Kulturgeschichte der Universität Augsburg, Berlin 1999, S. 192 - 219

Rosemarie Mix, Die Judenordnung der Markgrafschaft Burgau, in: R.Kießling/S.Ullmann (Hrg), Landjudentum im deutschen Südwesten während der Frühen Neuzeit, Berlin 1999, S. 23 - 58

Sabine Ullmann, Nachbarschaft und Konkurrenz. Juden und Christen in Dörfern der Markgrafschaft Burgau 1650 - 1670, in: "Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte", Band 151, Göttingen 1999

Jüdisch-Historischer Verein Augsburg (Bearb.), Günzburg, online abrufbar unter: jhva.wordpress.com

Ralph Manhalter (Red.), Eine längst verschwundene Gemeinde, in: „Augsburger Allgemeine“ vom 10.10.2020 (betr. Neuburg a.d.Kammel)

Johannes Seifert (Red.), Was das Stadtarchiv über das jüdische Leben in Neuburg verrät, in: „Augsburger Allgemeine“ vom 17.3.2021