Groß-Gerau (Hessen)

Groß-Gerau (Landkreis) Karte Groß-Gerau mit derzeit knapp 25.000 Einwohnern ist die Kreisstadt des gleichnamigen Kreises - gelegen im südlichen Rhein-Main-Gebiet zwischen Darmstadt und Mainz (Karte aus: ortsdienst.de/hessen/landkreis-gross-gerau).

Erste Informationen über Juden in Gerau stammen aus dem Jahre 1236, als Kaiser Rudolf von Habsburg einige Juden dem Grafen von Katzenelnbogen verpfändete. Gegen 1300 haben sich vermutlich weitere jüdische Familien in Gerau und Umgebung niedergelassen; in dieser Zeit soll es bereits einen jüdischen Friedhof gegeben haben (im Bereich der heutigen Berliner Straße gelegen).

Blick auf Groß-Gerau - Topographia Hassiae, Merian um 1655 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Eine neuzeitliche Gemeinde entstand um 1600. Die in Gerau befindliche Synagoge wurde während des Dreißigjährigen Krieges zerstört, später aber wieder aufgebaut.

In einem Brief des Zentgrafen Heinrich May zu Groß-Gerau von 1663 hieß es: Was es mit hisiger hiebevor gewesenen und Anno 1660 wieder angerichter Judenn-Synagog vor ein bewandnus, Ist aus den 3 beygelegten Copieen gnedig zu ersehen; Dieser Synagog nun, gebrauchen sich die Grosengerauer 3 Juden, als Menle, so ein 60.jähriger Jud, vf 30 iahr alhier gewohnet, ein weib und 2 Kind, auch ein klein eigen Häusslein und ein geringes Krämlein hat, So dan Isaak, welcher von 40. Jahren, auch etwa in 12. Jahr alhir gewohnet, desgleichen ein weib und 5. klein Kinder und sein eigen Haus, auch einen feinen Kram, Frucht und Vihe Parthierung hat, Und dan Moises, der ein witmann mit 3. Kindern ist, und etwa 10. Jahre alhir gewonet ..."

Seit 1741 gab es einen Betsaal im Garten des „Schutzjuden Aron". 1891/1892 ließ die inzwischen stark angewachsene jüdische Gemeinde einen Synagogenneubau an der Frankfurter Straße errichten; er wurde nach ca. einjähriger Bauzeit im September 1892 feierlich eingeweiht. Finanziert war der Bau auch aus Finanzmitteln einer Lotterie.

Bauzeichnung der Synagoge (1890)

                                   

              Anzeige aus: „Der Israelit“ vom 20.7.1891                                   Synagoge von Groß-Gerau (Aufn. um 1900)

Die alte Synagoge in der Galgenstraße war zuvor abgerissen worden. Zwei Jahre später wurde auch eine Mikwe angelegt. Über die Synagogeneinweihung berichtete die „Allgemeine Zeitung des Judentums” in ihrer Ausgabe vom 23. September 1892:

Großgerau, 11. September. In würdiger Weise fand letzten Freitag die Einweihung unserer neuen Synagoge statt; um 3 Uhr Nachmittags wurde in der alten der letzte Gottesdienst abgehalten; in einer weihevollen Abschiedsrede gedachte Herr Rabbiner Dr. Selver aus Darmstadt der Stätte, in welcher über 140 Jahre Geschlecht auf Geschlecht seine Andachten verrichteten; alsdann wurden die Torah-Rollen in feierlicher Weise durch Herrn Rabbiner Dr. Saalfeld aus Mainz den Trägern übergeben; der Zug, welcher sich nun durch die mit Fahnen und festlich geschmückten Häuser der Hauptstraße inmitten der nach Tausenden zählenden Zuschauermenge unter den Klängen der Musik nach der neuen Synagoge in Bewegung setzte, bot einen prächtigen Anblick; voran die Schulkinder, das Musikcorps, Ehrendamen, Schlüsselträgerin, die beiden Rabbiner, isr. Gemeinde-Vorstand, die Behörden, ... Die Übergabe des goldenen Schlüssels erfolgte... an Herrn Baumeister Lohr und von diesem an Herrn Kreisrath von Löw; derselbe begleitete die Überreichung an Herrn Rabbiner Dr. Selver mit den Worten: er möge die Tür zu dem Gotteshause öffnen, welches unserm gemeinsamen Gott geweiht werden solle. Sodann öffnete Herr Rabbiner Dr. Selver die Tür zur Synagoge und es begann der Festgottesdienst. ... Nach Absingen eines Chorliedes folgte alsdann das Weihegebet über die einzelnen Theile der Synagoge, welchem Herr Rabbiner Dr. Saalfeld in warmer, ergreifender Weise Ausdruck verlieh. Den Schluß der erhebenden Feier bildete der allgemeine Segen für Kaiser und Großherzog, sowie die Behörden und der dreifache Segen für die versammelte Gemeinde. ...

Gottesdienste folgten dem orthodoxen Ritus, obwohl nicht alle Glaubensangehörigen dieser religiösen Richtung angehörten; deshalb nahm ein Teil von ihnen nur bei Gottesdiensten an hohen Feiertagen teil. Zur religiösen Unterweisung der Kinder hatte die Gemeinde einen Lehrer angestellt, der zugleich auch als Vorbeter und Schochet tätig war.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20112/Grossgerau%20Israelit%2002011861.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20112/Grossgerau%20Israelit%2025111868.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20112/Grossgerau%20Israelit%2021031907.jpg

Stellenanzeigen aus der Zeitschrift "Der Israelit" vom 2.Jan. 1861, vom 25.Nov. 1868 und vom 21.März 1907

Anm.: Die Lehrerstelle in Groß-Gerau muss einem häufigen Wechsel unterworfen gewesen sein, auf die die zahlreichen Ausschreibungen hindeuten.

Im 17.Jahrhundert befand sich ein (zweiter) jüdischer Friedhof beim Burggraben an der Galgenpforte; er wurde - nach mehrmaligen Erweiterungen - bis Ende des 19.Jahrhunderts genutzt. Ein neues Begräbnisgelände wurde im Jahre 1841 an der Gernsheimer Straße (Theodor-Heuss-Straße) angelegt, das als jüdischer Verbandsfriedhof auch die Verstorbenen zahlreicher umliegender Orte - im Einzugsbereich zwischen Darmstadt, Bickenbach, Mainz, Rüsselsheim, Wiesbaden und Frankfurt - aufnahm.

Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gehörte die Gemeinde dem liberalen Rabbinat Darmstadt I an.

Juden in Groß-Gerau:

         --- 1663 ...........................   3 jüdische Familien,

    --- 1738 ...........................  60 Juden,

    --- 1770 ...........................  12 jüdische Familien,

    --- 1809 ...........................  54 Juden,

    --- 1830 ...........................  45   “   (ca. 4% d. Bevölk.),

    --- 1861 ...........................  97   “   (ca. 3% d. Bevölk.),

    --- 1875 ........................... 127   “   (knapp 5% d. Bevölk.),

    --- 1885 ........................... 141   "   (ca. 4% d. Bevölk.)

    --- 1895 ........................... 129   “  ,

    --- 1910 ........................... 140   “   (2,5% d. Bevölk.),

    --- 1925 ........................... 164   “  ,

    --- 1930 ........................... 210   “  ,

    --- 1933 ....................... ca. 140   “  ,

    --- 1936 ...........................  85   “  ,

    --- 1937/38 .................... ca.  40   “  ,

    --- 1939 ...........................  keine.

Angaben aus: Menachem Kaufmann, Die Jüdische Gemeinde in Groß-Gerau, S. 8

und                 Angelika Schleindl, Verschwundene Nachbarn - Jüdische Gemeinden und Synagogen..., S. 190

Im Laufe des 18.Jahrhunderts lebten etwa 60 bis 80 jüdische Bewohner in der Ortschaft; wiederholt forderten die Zünfte, sie aus der Stadt zu vertreiben, weil sie „den bürgerlichen Krämern die Nahrung entziehen” würden. Doch die Landesherrschaft lehnte dies ab, versprach aber, in der Folgezeit keine neuen Schutzbriefe mehr auszustellen.

Die Groß-Gerauer Juden verdienten ihren Lebensunterhalt vornehmlich im Vieh-, Pferde- und Leinwandhandel; im beginnenden 20.Jahrhundert waren sie ortsgebundene Kaufleute.

In den letzten beiden Jahrzehnten des 19.Jahrhunderts war der in Deutschland aufkommende Antisemitismus auch in Groß-Gerau spürbar; 1891 und 1894 fanden hier Treffen antisemitischer Gruppierungen statt. In den Jahren 1909 und 1918 wird auch von Schändungen des jüdischen Friedhofs berichtet.

Ihren zahlenmäßigen Höchststand - mit mehr als 200 Personen - erreichte die jüdische Gemeinde in den 1920er Jahren.

Groß-Gerauer Essig-Fabrik Hirsch & Söhne (Briefkopf)

http://www.gross-gerau-evangelisch.de/bild.php%3Fimg%3Dbilder%252Fmittlere_spalte%252F1-stolperstein.jpg Kaufhaus Kahn, Darmstädter Straße (Abb. aus: gross-gerau-evangelisch.de)

Anm.: In der Darmstädter Straße 10 (Sandböhlplatz) wurden die ersten fünf sog. „Stolpersteine“ in den Straßen Groß-Geraus verlegt; sie erinnern an Julius und Frieda Kahn mit Sohn Karl, sowie Leopold und Johanna Kahn.

Bereits wenige Wochen nach der NS-Machtübernahme kam es in Groß-Gerau zu gewalttätigen Übergriffen auf jüdische Bewohner; SA-Angehörige verschafften sich Zugang in Wohnungen und schlugen deren Bewohner zusammen.

             Aus der „Hessischen Landeszeitung” vom 24.8.1935:

Juden in deutschen Geschäften unerwünscht

Heute werden an allen deutschen Geschäften in Groß-Gerau Schilder “Juden unerwünscht” angebracht. Wir haben schon wiederholt darauf hingewiesen, daß es eine Selbstverständlichkeit ist, daß Geschäfte, die durch die Anbringung des Schildes “Deutsches Geschäft” ausgezeichnet wurden, auf den Besuch von Juden verzichten. Durch die Anbringung der Schilder “Juden unerwünscht” wird dieser Selbstverständlichkeit auch nach außen hin sichtbar Ausdruck gegeben.

Im Sommer 1934 drangen Unbekannte in die Synagoge ein und zerstörten Kultgegenstände. Zwei Jahre später musste die Gemeinde ihren alten Friedhof aufgeben und das dortige Gräberfeld räumen; die sterblichen Überreste wurden in ein Massengrab auf den neuen Friedhof gebracht. Im Jahre 1937 hatten die Nationalsozialisten vor der Synagoge einen Galgen aufgerichtet und eine Strohpuppe daran aufgezogen.

Um die wertvollen Thorarollen zu schützen, wurden diese im Frühjahr 1938 aus der Synagoge entfernt und in Privathäusern deponiert. In der „Reichskristallnacht“ wurde auf Befehl des Führers der SA-Standarte Kurpfalz Mannheim die Synagoge in der Frankfurter Straße angezündet. Die Lokalzeitung berichtete stattdessen, dass „aufgebrachte Bürger“ die Synagoge in Brand gesetzt hätten.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2069/GrossGerau%20Synagoge%20040.jpg Brennende Synagoge in Groß-Gerau (hist. Aufn., Stadtarchiv)

Wohnungen der wenigen hier noch lebenden Juden wurden demoliert und Wertgegenstände entwendet. Jüdische Männer wurden festgenommen, in der Bürgermeisterei festgehalten und anschließend auf dem Marktplatz vor aller Augen gedemütigt; anschließend verfrachtete man sie auf einen Lastwagen und transportierte sie ins KZ Buchenwald. Das Taharahaus auf dem jüdischen Friedhof wurde völlig zerstört.


Erregte Menschenmassen in der Straßen / Juden in Schutzhaft     Wie überall kam es gestern auch in der Kreisstadt und in den Orten des Kreises ... zu spontanen Kundgebungen der Bevölkerung gegen die Vertreter des Judentums, ...  Als in den frühen Morgenstunden die Synagoge in Groß-Gerau brannte und auch die Wagenhalle des israelitischen Friedhofs in Brand aufging, sammelten sich erregte Menschenmassen in den Straßen der Stadt. ... Die öffentliche Meinung war derart, daß zum Schutz des Lebens der noch in der Kreisstadt ansässigen Juden deren Inschutzhaftnahme geboten erschien. So wurden dann in den Vormittagsstunden des Donnerstag die Juden männlichen Geschlechts von der örtlichen Polizei in Schutzhaft genommen und in Gewahrsam gebracht. Als die Hebräer in die Schutzhaft abgeführt wurden, ließen es die Menschenmengen ... nicht an deutlichen Ausdrücken ihrer Abscheu über das Judenpack fehlen. Keinem Juden wurde indessen ein Haar gekrümmt! Die Polizei nahm in den Wohnungen der Juden Haussuchungen vor und förderte Stich- und Schußwaffen zutage ... Den ganzen Nachmittag über stand vor dem Stadthaus in Groß-Gerau, wo die Juden inhaftiert waren, eine erregte Menschenmenge. Vor Geschäften und Wohnhäusern der Juden kam es zu lebhaften Demonstrationen. Bis in die Abendstunden bevölkerten die Menschen die Straßen und gaben immer wieder ihre Verachtung gegenüber der Judenclique ... An den Brandstätten versah die Feuerwehr die Brandwache. ...

Ausgabe vom 11.11.1938

                                       Festgenommene Juden in Groß-Gerau

Auch am 12.November gingen die „Demonstrationen“ noch weiter. Wer nicht nach Buchenwald abtransportiert worden war, musste Tage später die Straßen säubern und die Hausfassaden ausbessern. 

Bereits in den ersten Jahren der NS-Zeit hatten die allermeisten Juden Groß-Gerau verlassen; sie emigrierten bzw. verzogen in deutsche Großstädte wie Frankfurt, Mainz und Wiesbaden. Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges wohnten in Groß-Gerau dann keine jüdischen Bewohner mehr. Der letzte hatte die Stadt im Juni 1939 verlassen, wie aus einer Meldung der „Hessischen Landes-Zeitung” vom 29.6.1939 hervorging:

                    

Der einzige Hebräer, der sich noch in der Kreisstadt herumtrieb, der Jude Strauß, allgemein unter dem Namen ‘Schachteljud’ bekannt, ist nun endlich weggezogen. Dieser lästige Jude hat bis zuletzt versucht, bei den Volksgenossen seinen stets in einer Schachtel mitgeführten Dreck loszuwerden. Nun ist er nach Frankfurt ‘ausgewandert’. Damit ist Groß-Gerau judenfrei. ... Groß-Gerau darf sich glücklich preisen, den letzten Juden losgeworden zu sein. Es ist interessant festzustellen, daß sich im gesamten Kreisgebiet noch rund 120 Zionsverteidiger aufhalten. Aber auch diese letzten Reste werden bald der Vergangenheit angehören.

Etwa 60 jüdische Personen, die in Groß-Gerau gebürtig waren bzw. längere Zeit hier gelebt hatten, sind nach Angaben der Gedenkstätte Yad Vashem/Jerusalem Opfer des NS-Terrors geworden (namentliche Nennung der betreffenden Personen siehe: alemannia-judaica.de/gross-gerau_synagoge.htm).

 

Nach Kriegsende kehrte nur ein einziger aus Groß-Gerau stammender Jude in seine Heimatstadt zurück.

In Groß-Gerau erinnern verschiedene Gedenktafeln an die ehemaligen jüdischen Bürger der Stadt. So wurde im November 1978 am ehemaligen Standort der Synagoge in der Frankfurter Straße ein Denkmal errichtet; unter einem Relief der zerstörten Synagoge trägt es eine Inschrift.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20113/GrossGerau%20Synagoge%20188.jpg http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20113/GrossGerau%20Synagoge%20189.jpg

Relief der zerstörten Synagoge und die darunter befindliche Inschrift (Aufn. J. Hahn, 2007

Eine andere Gedenktafel trägt den Text:

Die Bürger der Stadt Groß-Gerau ehren das Andenken der jüdischen Mitbürger der Stadt und des Kreises Groß-Gerau,

die durch das unmenschliche Nazi-Regime 1933 - 1945 umgekommen und deren letzte Ruhestätte unbekannt ist.

Die Stadtverordnetenversammlung, die zunächst der Verlegung von sog. „Stolpersteinen“ ablehnend gegenüber gestanden hatte, stimmte dann 2012 doch zu, nachdem das  Evangelische Dekanat Groß-Gerau insistiert hatte, doch auch in Groß-Gerau sog. „Stolpersteine“ zu gestatten. Inzwischen sind in mehreren Verlegeaktionen ca. 70 solcher Erinnerungstäfelchen (Stand: 2020) in das Gehwegpflaster eingefügt - so allein zehn Steine für Angehörige der Familie Schott.

Stolperstein für Alfred Mattes Stolperstein für Paula Mattes Stolperstein für Arnold Mattes verlegt in der August-Bebel-Straße

http://www.lbs-gg.de/images/bilder/news/2015-5-stolpersteine.jpg Stolperstein für Paul Oppenheimer

für Fam. Hirsch, Frankfurter Straße und Fam. Oppenheimer, Mainzer Straße (Aufn. H., 2015, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)

Der jüdische Friedhof in der Theodor-Heuss-Straße hat die NS-Zeit fast unbeschädigt überdauert; ca. 1.200 Grabsteine - der älteste stammt aus dem Jahre 1843 - befinden sich auf dem Areal.

 

In Wallerstädten - heute Teil der Stadt Groß-Gerau - bestand bis gegen Ende des 19.Jahrhunderts eine jüdische Kleinstgemeinde; bereits vor 1750 sind erstmals jüdische Bewohner nachweisbar. Außer einem Friedhof standen den Gemeindeangehörigen alle notwendigen rituellen Einrichtungen zur Verfügung; Verstorbene wurden in Groß-Gerau beerdigt. Im Jahre 1865 wurde ein Gebäude am Sanddeich als eine Art Gemeindezentrum erstellt, in dem ein Betsaal (mit Frauenempore) und eine Wohnung für den Lehrer (im Dachgeschoss) sich befanden; in einem Anbau wurde ein rituelles Bad eingerichtet. Mitte der 1890er Jahre wurde auf Grund der zurückgegangenen Zahl der jüdischen Einwohner – es waren kaum noch 20 Personen - die Synagoge geschlossen; das Gebäude wurde an eine nichtjüdische Familie veräußert, die es zu einem Wohnhaus umbaute. Zu Beginn der NS-Zeit lebten noch acht jüdische Bewohner im Ort; dabei handelte es sich um die beiden Familien Oppenheimer und Rohrheimer; zumeist wurden deren Angehörige Opfer der Shoa.

 

In Dornheim, einem weiteren Stadtteil von Groß-Gerau, bestand ehemals auch eine israelitische Kultusgemeinde. [vgl. Dornheim (Hessen)]

 

In Nauheim - bei Groß-Gerau gelegen - lebten bereits um 1730 jüdische Bewohner; allerdings waren es stets nur wenige Familien, die hier zumeist ihren Lebenserwerb durch Vieh- und Getreidehandel verdienten; seit der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts besaßen sie Gewerbebetriebe und einige Textilgeschäfte. Bis gegen Mitte des 19.Jahrhunderts suchten die wenigen jüdischen Familien die Gottesdienste in Groß-Gerau auf; später kam man in einem Raume eines Gemeindemitglieds zusammen. Ab 1907 war im Obergeschoss eines Privathauses in der Hintergasse der Betsaal untergebracht. Ihre höchste Zahl erreichte die Gemeinde im Jahre 1861 mit ca. 35 Angehörigen. Zur jüdischen Gemeinde Nauheim gehörten auch die im nahen Königsstädten lebenden Juden. Verstorbene bestattete man auf dem Friedhof in Groß-Gerau. Anfang der 1930er Jahre lebten in Nauheim noch knapp 20 jüdische Bewohner. Die letzten noch verbliebenen wurden nach Mainz abgeschoben; von hier wurden sie vermutlich deportiert.  [vgl. Nauheim (Hessen)]

 

Die Anfänge einer winzigen jüdischen Gemeinde in Büttelborn, in unmittelbarer Nachbarschaft Groß-Geraus gelegen, reichen bis in die Mitte des 18.Jahrhunderts zurück. 1770 waren es zwei jüdische Familien; in den 1860er Jahren erreichte die Zahl der jüdischen Bewohner ca. 40 Personen. Ihren Lebenserwerb bestritten die Familien vom Handel mit Vieh und als Handwerker. Seit den 1870er Jahren verfügte man über eine Synagoge, die in einem ausgebauten Gewerbebetrieb untergebracht war. Um 1925 lebten noch ca. 25 jüdische Bewohner in Büttelborn. Bereits 1936 wurde die Synagoge geschändet und demoliert, sodass man sich zum Verkauf des Gebäudes entschloss. Um 1937/1938 löste sich die kleine Gemeinde auf; im Nov. 1938 mussten die wenigen älteren jüdischen Bewohner miterleben, wie der Mob hier wütete. Zehn Büttelborner Juden fielen dem Holocaust zum Opfer. Seit 2011 wurden in mehreren Verlegaktionen diverse sog. „Stolpersteine“ an vertriebene, deportierte und ermordete ehem. jüdische Bewohner in das Gehwegpflaster eingelassen.  [vgl. Büttelborn (Hessen)]

 

In Worfelden bestand eine jüdische Gemeinde bis 1937/1938. Ihre Entstehung geht in die Zeit des ausgehenden 18. Jahrhunderts zurück. Zur jüdischen Gemeinde Worfelden, die sich stets nur aus wenigen Familien zusammensetzte, gehörten auch die jüdischen Einwohner von Klein-Gerau. Als Filialgemeinde war Worfelden der Kultusgemeinde von Mörfelden verwaltungsmäßig angeschlossen. Ein 1893 in der Sackgasse errichtetes kleines Bethaus mit Schulzimmer und ein rituelles Bad waren gemeindliches Eigentum. Verstorbene wurden in Groß-Gerau beerdigt.
Nach 1933 verließ ein Teil der jüdischen Gemeindemitglieder auf Grund zunehmender Repressalien seinen Heimatort. Das im Jahre 1937 an Privatleute veräußerte Synagogengebäude entging den Zerstörungen der Novembertage 1938.

Seit 1988 erinnert eine Gedenktafel an die während der NS-Zeit ermordeten elf jüdischen Bewohner Worfeldens.  [vgl. Worfelden (Hessen)]

 

Im Kreis Groß-Gerau bestanden weitere jüdische Gemeinden, so in Biebesheim, Bischofsheim, Erfelden, Gernsheim, Ginsheim, Goddelau, Leeheim, Mörfelden, Stockstadt und Trebur.

 

Weitere Informationen:

D. Diehl, Zur Geschichte der Groß-Gerauer Synagogen, in: "Das Gerauer Land - Zeitschrift zur Pflege heimatkundlicher Interessen von Früher und Jetzt im Kreise Groß-Gerau", No. 10 vom 15.8.1912

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Societäts-Verlag, Frankfurt/M. 1971, Bd. 1, S. 285 – 288 und Bd. 2, S. 111/112

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Bilder - Dokumente, Eduard Roether Verlag, Darmstadt 1973, S. 77/78

Annie Bardon, Synagogen in Hessen um 1900, in: Schriften der Kommission für die Geschichte der Juden in Hessen VI, Neunhundert Jahre Geschichte der Juden in Hessen, Wiesbaden 1983, S. 354 - 356

Germania Judaica, Band III/1, Tübingen 1987, S. 474

H.G.Vorndran/J.Ziegler, Juden in Groß-Gerau - Eine lokale Spurensuche anläßlich des 50.Jahrestages der Reichspogromnacht, in: "Schriftenreihe des Evang. Arbeitskreises Kirche und Israel in Hessen und Nassau", Heft 5, Groß-Gerau 1989

Menachem Kaufmann, Die Jüdische Gemeinde in Groß-Gerau, in: H.G.Vorndran/J.Ziegler, Juden in Groß-Gerau - Eine lokale Spurensuche...., S. 5 ff.

Angelika Schleindl, Verschwundene Nachbarn - Jüdische Gemeinden und Synagogen im Kreis Groß-Gerau, Hrg. Kreisausschuß des Kreises Groß-Gerau, Groß-Gerau 1990, S. 78 – 87, S. 96 – 100, S. 109 ff. und S. 336 f.

Angelika Schleindl, Der Jüdische Friedhof in Groß-Gerau. Ein Beitrag zur Geschichte der Landjuden in Südhessen, Justus von Liebig Verlag, Darmstadt 1993

Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933 - 1945, Hessen I: Regierungsbezirk Darmstadt, VAS-Verlag, Frankfurt/M. 1995, S. 159 – 162

Groß-Gerau, in: alemannia-judaica.de (mit zahlreichen Text- u. Bilddokumenten zur jüdischen Ortshistorie; diverse Fotos vom jüdischen Friedhof von Stefan Haas)

Wallerstädten, in: alemannia-judaica.de

Evang. Dekanat Groß-Gerau/Förderverein jüdische Geschichte, „Orte der Erinnerung“ – ein Stadtplan, Groß-Gerau 2009 (online unter: gross-gerau-evangelisch.de)

Juden in Groß-Gerau. Eine lokale Spurensuche, online abrufbar unter: erinnerung.org

Stolpersteine für Groß-Gerau – Initiative gegen das Vergessen (online abrufbar unter: erinnerung.org\gg (Anm.: mit detaillierten biografischen Daten und Bildmaterial zu den Opfer-Familien)

Stolpersteine in Groß Gerau: Vier goldene Steine sollen an das Schicksal der Familie Hirsch erinnern, in: „Rüsselsheimer Echo“ vom 12.10.2016

Dirk Seidel (Red.), Weitere Stolpersteine gegen das Vergessen, in „Bürstädter Zeitung“ vom 6.3.2017

N.N. (Red.), Groß-Gerau. Zehn Stolpersteine für Familie Schott, in: „Bürstädter Zeitung“ vom 12.5.2018

Hans-Jürgen Vorndran, Jahreskalender „Beit Olam – Haus der Ewigkeit“ mit Impressionen vom jüdischen Friedhof in Groß-Gerau, 2018