Groß-Bieberau (Hessen)

  Datei:Municipalities in DA (district).svg Groß-Bieberau ist mit derzeit knapp 5.000 Einwohnern eine Kleinstadt im Südosten des hessischen Landkreis Darmstadt-Dieburg - am Nordrand des Odenwalds gelegen (Karte Hagar, 2009, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Laut einer kaiserlichen Urkunde - 1312 von Heinrich VII. ausgestellt - durften die Grafen Katzenelnbogen im Marktflecken Groß-Bieberau zwölf Schutzjuden aufnehmen, die nun den Grundstock der spätmittelalterlichen Gemeinde bildeten. Wie lange jüdische Familien hier ansässig waren bzw. zu welchem Zeitpunkt sie von hier vertrieben wurden, ist unbekannt.

Einzelne jüdische Familien sind in Groß-Bieberau erst wieder seit der ersten Hälfte des 18.Jahrhunderts urkundlich nachweisbar. Diese lebten anfänglich in recht ärmlichen Verhältnissen; Klein- und Hausierhandel waren ihre bescheidene Lebensgrundlage. Erst im Laufe des 19.Jahrhunderts besserte sich ihre ökonomische Situation.

Eine kleine Synagoge hatte die Gemeinde 1873 in der Hauptstraße errichten lassen, dieser Bau löste die alte ‚Judenschule’ ab. Drei Jahre später wurde der Synagoge eine Mikwe angeschlossen. Die religiös-orthodox ausgerichtete Gemeinde besaß einen eigenen Lehrer und Kantor.

    http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20128/Grossbieberau%20Israelit%2005011893.jpg

Stellenanzeigen aus der Zeitschrift "Der Israelit" vom 25.Juni 1891 und 5.Januar 1893

Seit den 1890er Jahren stand auch ein eigenes kleines Bestattungsareal („Am Schaubacher Berg“) zur Verfügung; bis dahin waren verstorbene Gemeindeangehörige auf dem jüdischen Friedhof in Dieburg beerdigt worden. Nach der Anlage des Friedhofs in Groß-Bieberau wurden hier auch Verstorbene aus Reinheim und Spachbrücken begraben.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20172/Gross-Bieberau%20Friedhof%20172.jpghttp://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20172/Gross-Bieberau%20Friedhof%20178.jpg

Eingang zum jüdischen Friedhof und Teilansicht des Geländes (Aufn. J. Hahn, 2009)

Trotz ihrer orthodoxen Ausrichtung gehörte die israelitische Gemeinde zum liberalen Bezirksrabbinat Darmstadt I.

Juden in Groß-Bieberau:

    --- 1830 .......................... 121 Juden,*   * andere Angabe: 50 Pers.

    --- 1861 ..........................  83   "   (ca. 5% d. Bevölk.),

    --- 1867 ..........................  76   “  ,

    --- 1880 ..........................  85   "  ,

    --- 1900/05 .......................  81   “  ,

    --- 1925 ..........................  56   “  ,

    --- 1933 ..........................  34   “  ,

    --- 1939 ..........................  keine.

Angaben aus: Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Bd. 1, S. 281

und                Thomas Lange, “L’chajim” - Die Geschichte der Juden im Landkreis Darmstadt-Dieburg, S. 25

Die jüdischen Familien bestritten um 1900 ihren Lebensunterhalt durch Vieh- und Einzelhandel und betrieben z.T. auch eine kleine Landwirtschaft. Nach der Jahrhundertwende wanderten vor allem jüngere Familien in städtische Zentren ab. Anfang der 1930er Jahre lebten noch knapp 50 jüdische Bewohner in Groß-Bieberau; wenige Jahre später verließen die meisten jüdischen Familien ihren Heimatort und gingen in die Emigration.

Im November 1938 drangen Mitglieder des SA-Sturms Groß-Bieberau/Niederhausen ins Synagogengebäude ein und zerstörten unter den Augen vieler Neugieriger die gesamte Inneneinrichtung; eine Brandlegung wurde unter Hinweis auf die Gefährdung umliegender Gebäude von der Feuerwehr verhindert. Der „spontane Volkszorn“ richtete sich anschließend gegen von Juden bewohnte Häuser: ihre Bewohner wurden attackiert, Mobiliar auf die Straße geworfen; ein Haus ging sogar in Flammen auf. Auch der kleine jüdische Friedhof wurde geschändet. 1939 soll das zerstörte Synagogengebäude abgerissen worden sein. Nach dem Pogrom verließen schließlich die noch verbliebenen Juden den Ort.

Ein im Jahre 1986 gesetzter Findling erinnert mit einer Inschriftentafel an die Ereignisse:

An dieser Stelle stand die 1873 errichtete Synagoge der jüdischen Gemeinde Groß-Bieberau.

Zerstört am 9./10.November 1938.

Zur Erinnerung an die jüdischen Einwohner, die der Gewaltherrschaft zum Opfer fielen.

gewidmet von der Stadt Groß-Bieberau.                           24.6.1985

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20196/Gross-Bieberau%20Synagoge%20900.jpg Gedenkstein mit -tafel (Aufn. J. Hahn, 2009)

2011 wurden auf Initiative von Schülern der Albert-Einstein-Schule die ersten sog.  „Stolpersteine“ verlegt.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20385/Gross%20Bieberau%20KK%20MZ%20Levi%20Ludwig.jpg 

J-Kennkarte von Ludwig Levi (geb. 1912) und zwei "Stolpersteine" für Familie Levi (Aufn. Albert-Einstein-Schule)

 

Weitere Informationen:

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Societäts-Verlag, Frankfurt/M. 1971, Bd. 1, S. 281/282

Groß-Bieberau im Rückblick - Vor 40 Jahren. Katalog zur Ausstellung, Groß-Bieberau 1985

Gerhard Merz, Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde in Groß-Bieberau, in: Magistrat der Stadt Groß-Bieberau (Hrg.), 1200 Jahre Groß-Bieberau, Groß-Bieberau 1987, S. 269 ff.

Karin u. Klaus Lötzsch/G.Wittenberger, Der jüdische Friedhof in Groß-Bieberau, in: Babenhausen - einst und jetzt, Band 20 (Sammelband)

Thomas Lange, “L’chajim” - Die Geschichte der Juden im Landkreis Darmstadt-Dieburg, Hrg. Landkreis Darmstadt-Dieburg, 1997, S. 135 f. und S. 221

Groß-Bieberau, in: alemannia-judaica.de (mit zumeist personenbezogenen Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Stadt Groß-Bieberau (Hrg.), Groß-Bieberauer Stadtlexikon, hrg. aus Anlass des 700jährigen Jubiläums der Verleihung der Stadtrechte, 2012