Goßmannsdorf/Main (Unterfranken/Bayern)

Datei:Ochsenfurt in WÜ.svg Die Ortschaft Goßmannsdorf (Main) mit ihren derzeit ca. 1.000 Bewohnern ist seit 1972 ein im Nordwesten gelegener Ortsteil von Ochsenfurt – ca. 20 Kilometer südlich von Würzburg entfernt (Karte Hagar, 2010, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Im Dorf Goßmannsdorf, südlich von Würzburg gelegen, müssen bereits zu Beginn des 16.Jahrhunderts Juden ansässig gewesen sein; wann sich eine Gemeinde bildete, ist unbekannt.

Als um die Mitte des 17.Jahrhunderts die jüdischen Bewohner aus Eibelstadt von ihrem „Schutzherrn“, dem Würzburger Domkapitel, ausgewiesen worden waren, siedelte sich ein Teil von ihnen im nahen Goßmannsdorf an, das unter der Herrschaft dreier reichsritterschaftlicher Familien stand. Einige jüdische Familien fanden zunächst Unterschlupf im „Schlösschen“ der Familie Zobel. Zwischen 1694 und 1715 wurden von der fürstbischöflichen Behörde insgesamt zwölf Schutzbriefe ausgestellt. Ihren Lebenserwerb bestritten die Juden im Vieh- und Pferdehandel sowie vom Handel mit Gebrauchtwaren und Landesprodukten. Im 18. Jahrhundert mussten die jüdischen Handelsleute auf hochstiftischem Gebiet etliche Beschränkungen und Auflagen in Kauf nehmen.

Eine im Jahre 1762 abgefasste Dorfordnung legte die Höchstzahl der jüdischen Familien auf 15 fest (Anm.: Noch fünf Jahrzehnte zuvor sollte die Zahl der jüdischen Haushaltungen auf 9 festgeschrieben werden).

Zu Beginn des 18.Jahrhunderts verfügte die Judenschaft im Dorf über einen Betraum in einem Privathause eines wohlhabenden Gemeindemitglieds. Nach dessen jahrzehntelanger Nutzung wurde der Gemeinde erlaubt, eine Synagoge neu zu errichten. Nach längeren Verhandlungen mit den drei Dorfherren, aber gegen den Widerstand des Ortspfarrers konnte der Neubau im Jahre 1765 realisiert werden. Über dem Portal des schlichten Steinbaues stand das Psalmwort: „Dies ist das Tor zum Herrn.

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ehem. Schulhaus u. Synagoge hinten im Bild (Aufn. aus: J. Braun, 1988) - Almemor der Synagoge (hist. Aufn., P. Wolff 1936)

Hinweis: Das um 1610/1620 in Eibelstadt angelegte Memorbuch, das von dort abgewanderten jüdischen Familien nach Goßmannsdorf mitgebracht worden war, wurde nun hier weitergeführt. Dieses Gedenkbuch hat die NS-Zeit unbeschadet überstanden und befindet sich heute in den „Central Archives for the History of the Jewish People“ in Jerusalem.

Ausschreibungen der Lehrer/Kantor/Schächterstelle:

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Anzeigen aus der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 11.Okt. 1882 und 14.Aug. 1893

Wie aus der folgenden Kleinanzeige hervorgeht, verdiente sich u.a. der hiesige Lehrer Sigmund Pollack ein „Zubrot“ mit der Herstellung von „Wimpeln und Jahrzeittabellen“.

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Anzeigen in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 20.Aug. 1894 und vom 11.März 1901

Neben einem Gemeindehaus mit Schulraum verfügte die Gemeinde auch über ein rituelles Bad; diese in einem Kellerraum eines Privathauses am Mühlbach gelegene Mikwe - erstmals 1723 erwähnt – wurde bis ins 19.Jahrhundert genutzt.

Ihre Verstorbenen begrub die Goßmannsdorfer Gemeinde auf dem jüdischen Bezirksfriedhof in Allersheim.

Juden in Goßmannsdorf:

--- 1532 .........................  10 jüdische Familien (?),

--- um 1655 ......................   7     “        “   ,

--- um 1715 .................. ca.  12     “        “   ,

--- 1731 .........................   9     “        “   ,

--- 1756 .........................  15     “        “   ,

--- 1790 .........................  14     “        “   ,

--- 1814 .........................  68 Juden (ca. 10% d. Bevölk.),

--- 1839 .........................  63   “   (in 18 Familien),

--- 1848 .........................  58   “   (in 19 Familien),

--- 1867 .........................  75   “  ,

--- 1880 .........................  62   “  ,

--- 1900 .........................  46   “   (ca. 7% d. Bevölk.),

--- 1910 .........................  16   “   (ca. 2% d. Bevölk.),

--- 1925 .........................  12   “  ,

--- 1933 .........................   7   “  ,

--- 1939 .........................   6   “  ,

--- 1942 (April) .................   keine.

Angaben aus: Jutta Sporck-Pfitzer, Die ehemaligen jüdischen Gemeinden im Landkreis Würzburg, S. 65

und                Synagogen-Gedenkband Bayern (Unterfranken), Band III/1, Mehr als Steine …, S. 678

Als Goßmannsdorf 1814 bayrisch geworden war, besaß das Dorf einen jüdischen Bevölkerungsanteil von ca. 10%. Bei der Erstellung der Matrikellisten (1817) wurden 16 jüdische Familienvorstände aufgeführt. Im ausgehenden 19.Jahrhundert verminderte sich durch Abwanderung die Anzahl der jüdischen Bewohner; so wurde es für die Kultusgemeinde immer schwieriger, an ihrem traditionellen Gemeindeleben festzuhalten. Schon vor dem Ersten Weltkrieg brachte die Gemeinde die für einen Gottesdienst notwendige Zahl männlicher Mitglieder (Minjan) nicht mehr aus eigener Kraft auf, sodass Juden von auswärts zu Gottesdiensten geladen wurden. Zu Beginn der 1930er Jahre lebten nur noch zwei bis drei jüdische Familien im Ort. Offiziell aufgelöst wurde die nicht mehr lebensfähige Gemeinde im Frühjahr 1938; der Großteil des Synagogeninventars wurde dem Verband Bayrischer Israelitischer Gemeinden in München übereignet.

Obwohl im November 1938 nur noch zwei jüdische Familien in Goßmannsdorf lebten, kamen SA-Angehörige aus Ochsenfurt in den Ort, um hier die noch verbliebene Inneneinrichtung der Synagoge zu zerstören; auch die Wohnungen der beiden Familien wurden demoliert, die Familienväter inhaftiert.

Zwei jüdische Bewohner Goßmannsdorf gehörten dem großen Deportationstransport an, der Ende März 1942 Kitzingen verließ und über Nürnberg ins besetzte Polen, in die Region um Lublin, fuhr

Nach Angaben der Gedenkstätte Yad Vashem/Jerusalem und des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden ..." wurden insgesamt 20 aus Goßmannsdorf stammende bzw. länger am Ort ansässig gewesene Personen mosaischen Glaubens Opfer der Shoa (namentliche Nennung der betroffenen Personen siehe: alemannia-judaica.de/gossmannsdorfsynagoge.htm).

In mehreren Prozessen beim Landgericht Würzburg wurden in den Jahren 1946 bis 1951 die im Bezirk Ochsenfurt Gewalttaten während des Novemberpogroms – darunter auch die in Goßmannsdorf – abgeurteilt. Insgesamt wurden elf Beteiligte zu kurzen Haftstrafen verurteilt.

 

Das einstige Synagogengebäude - es war 1939 in kommunale Hände übergegangen - ist zwar heute noch erhalten, doch nach Umbauten kaum mehr als solches zu erkennen. Die auf dem Dachboden des Gebäudes entdeckten Fragmente jüdischer Schriften aus dem 16. bis 19.Jahrhundert befinden sich heute als Dauerleihgabe im Stadtarchiv von Ochsenfurt.

 

Weitere Informationen:

Baruch Z. Ophir/Falk Wiesemann, Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 - 1945. Geschichte und Zerstörung, Oldenbourg-Verlag, München/Wien 1979, S. 307/308

Gerhard Wilhelm Daniel Mühlinghaus, Der Synagogenbau des 17. u. 18.Jahrhunderts im aschkenasischen Raum, Dissertation, Philosophische Fakultät Marburg/Lahn, 1986, Bd. 2, S. 150/151

Jutta Sporck-Pfitzer, Die ehemaligen jüdischen Gemeinden im Landkreis Würzburg, Hrg. Landkreis Würzburg 1988, S. 63 - 65

Franz Schicklberger, Aus der Geschichte der ehemaligen jüdischen Gemeinde von Goßmannsdorf a.M., Ochsenfurt 1988

Joachim Braun, Geschichte der ehemaligen jüdischen Gemeinde von Goßmannsdorf am Main, Hrg. Stadt Ochsenfurt (1988/1989 ?)

Israel Schwierz, Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern. Eine Dokumentation, Hrg. Bayrische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, München 1992, S. 66/67

Goßmannsdorf, in: alemannia-judaica.de (mit Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Joachim Braun, Drangsaliert, denunziert und deportiert. Vor 65 Jahren mussten die letzten Juden den Ochsenfurter Gau verlassen. Goßmannsdorfer Juden unter den Opfern, in: „Main-Post – Ausgabe Ochsenfurt“ vom 24.3.2007

Joachim Braun, Fragmente zeugen vom jüdischen Leben. Wertvolle Innenaufnahme der Goßmannsdorfer Synagoge entdeckt, in: "Main-Post – Ausgabe Ochsenfurt" vom 12.4.2008

Dirk Rosenstock (Bearb.), Die unterfränkischen Judenmatrikeln von 1817. Eine namenkundliche und sozialgeschichtliche Quelle, in: "Veröffentlichungen des Stadtarchivs Würzburg", Band 13, Würzburg 2008, S. 223

Axel Töllner/Hans-Christof Haas (Bearb.), Goßmannsdorf, in: W.Kraus/H.-Chr.Dittscheid/G.Schneider-Ludorff (Hrg.), Mehr als Steine ... Synagogen-Gedenkband Bayern, Band III/1 (Unterfranken), Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg/Allgäu 2015, S. 666 - 680