Gaukönigshofen (Unterfranken/Bayern)

Datei:Gaukönigshofen in WÜ.svg Gaukönigshofen ist eine Kommune mit derzeit ca. 2.500 Einwohnern im unterfränkischen Landkreis Würzburg - knapp 20 Kilometer südlich der Kreisstadt gelegen (Karte Hagar, 2010, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Bereits in der Mitte des 16.Jahrhunderts ließen sich in Gaukönigshofen - nahe Würzburg gelegen - Juden nieder, was aber nicht von Dauer war. So ist als erster namentlich bekannter Jude im Jahre 1555 „Samuel Jude von Gew Königshouen“ in den Gerichtsbüchern  von Ochsenfurt aktenkundig geworden. Gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges sollen einzelne Familien im Dorf ansässig geworden sein. Eine jüdische Gemeinde gründete sich erst etwa ein Jahrhundert später (um 1750). Von Anbeginn bestanden enge Verbindungen zur nahen jüdischen Nachbargemeinde Acholshausen.

Schutzherren der hiesigen Juden waren die Besitzer des mit ritterschaftlichen Rechten ausgestatteten Freihofs, der im 18.Jahrhundert den Freiherren von Rosenberg gehörte. Auf dem Areal des ummauerten ritterschaftlichen Hofes befanden sich die Häuser der jüdischen Familien.

Anm.: Neben den „Freihof-Juden“ gab es auch einige wenige, die dem Hochstift unterstellt waren.

Bereits in der Mitte des 16.Jahrhunderts ließen sich in Gaukönigshofen - nahe Würzburg gelegen - Juden nieder, was aber nicht von Dauer war. Eine jüdische Gemeinde gründete sich erst etwa 200 Jahre später (um 1750). Aus dem Jahre 1768 ist urkundlich die Existenz einer Synagoge belegt. Ob es allerdings das erste jüdische Gotteshaus im Dorfe war, ist nicht bekannt. Die Synagoge wurde im Laufe der beiden folgenden Jahrhunderte oft umgebaut.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2087/Gaukoenigshofen%20Synagoge%20011.jpg Thoravorhang, gestiftet um 1760 (Abb. aus: Th. Harburger, 1928)

Eine Mikwe befand sich im Keller des Gebäudes; zudem soll es ein 1819 errichtetes separates Frauenbad im „Unterdorf“ gegeben haben.

Elementarunterricht für die jüdischen Kinder erteilten ab 1802 zunächst Privatlehrer, ab 1827 besuchten sie die christliche Ortsschule.

Ein an die Synagoge angebautes Gemeindehaus (mit Lehrerwohnung) entstand erst um 1910. Religiös-rituelle Aufgaben der Gemeinde verrichtete ein angestellter Lehrer. (Anm. 1817 ist auch von einem Rabbiner der Gemeinde die Rede.)

 http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2087/Gaukoenigshofen%20Israelit%2001011891.jpg   

Anzeigen aus der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 1.Jan. 1898 und vom 1.Juli 1931

Ihre Verstorbenen begrub die hiesige Judenschaft auf dem jüdischen Bezirksfriedhof von Allersheim, der auch von zahlreichen anderen Gemeinden der Region genutzt wurde.

Die Gemeinde gehörte zum Rabbinatsbezirk Kitzingen, ab 1937 zum Bezirksrabbinat Würzburg.

Juden in Gaukönigshofen:

        --- um 1750 ................... ca.  10 jüdische Familien,

    --- 1786 ..........................  73 Juden (in 16 Familien),

    --- 1800 .......................... 105   “  ,

    --- 1816 .......................... 108   “   (ca. 20% d. Dorfbev.),

    --- 1834 .......................... 117   “  ,

    --- 1848 ..........................  96   "  ,

    --- 1867 ..........................  89   “   (ca. 16% d. Bevölk.),

    --- 1880 ..........................  99   “  ,

    --- 1900 ..........................  91   “  ,

    --- 1910 ..........................  80   “   (ca. 11% d. Bevölk.),

    --- 1925 ..........................  67   “  ,

    --- 1933 ..........................  54   “  ,

    --- 1937 (Apr.) ...................  51   “  ,

    --- 1939 ..........................  41   “  ,

    --- 1941 ..........................  26   “  ,

    --- 1942 (März) ...................  29   "  ,

             (Aug.) ...................  keine.

Angaben aus: Jutta Sporck-Pfitzer, Die ehemaligen jüdischen Gemeinden im Landkreis Würzburg, S. 61

und                 Thomas Michel, Die Juden in Gaukönigshofen / Unterfranken (1550 - 1942), S. 671/672

Von 1760 bis 1800 gab es in Gaukönigshofen massive Streitigkeiten zwischen Pfarrer und jüdischer Gemeinde; dabei ging es um das „Benehmen der Juden“ während der christlichen Festtage. Das Verhältnis zwischen christlicher und jüdischer Dorfbevölkerung verschlechterte sich in der Folgezeit erheblich.

Um 1800 bestritten die Gaukönigshofener Juden ihren Lebenserwerb fast völlig vom Handel. Es gab 19 Kaufleute/Warenhändler; im Viehhandel in der nahen Region besaßen die Juden Gaukönigshofens praktisch eine Monopolstellung. 

1817 wurden 22 Matrikelplätze in Gaukönigshofen bereitgestellt; Aufnahme fanden nur diejenigen Juden, die bereits zuvor einen Schutzbrief besessen hatten. Die Juden Gaukönigshofens lebten um 1900 meist in relativ guten wirtschaftlichen Verhältnissen; neben Viehhandel im größeren Stile existierte am Orte auch die bedeutende Landmaschinenfabrik der Gebrüder Weikersheimer. Weit über die Grenzen des Dorfes wurden die Mitglieder der Familie Hirsch bekannt, die zunächst als Pferdehändler und Gütermakler, später dann in der Landwirtschaft, als Kaufleute und vor allem im Bankwesen tätig waren.

Jüdische Bewohner Gaukönigshofens waren weitgehend in die dörfliche Gesellschaft integriert: so zählten mehrere zu den Gründungsmitgliedern der Freiwilligen Feuerwehr und waren im örtlichen Krieger- und Schützenverein aktiv.

In den ersten Jahren der NS-Zeit verließen nur sehr wenige jüdische Bewohner das Dorf, obwohl in dieser Zeit gezielte Einzelaktionen gegen sie und ihre Gemeindeeinrichtungen zu verzeichnen waren.

Der Novemberpogrom von 1938 fand in Gaukönigshofen erst in der Nacht vom 10. auf den 11. d.M. statt. SA- und SS-Angehörige aus Ochsenfurt und Giebelstadt - unterstützt von Einheimischen - brachen in die Häuser der jüdischen Familien ein und demolierten das Mobiliar. Auch die Synagoge wurde aufgebrochen, die Inneneinrichtung zerschlagen und danach vor dem Gebäude verbrannt; das Synagogengebäude selbst blieb von einer Brandlegung verschont. Die männlichen Juden des Ortes wurden festgenommen und - zusammen mit Glaubensgenossen aus umliegenden Dörfern - ins Ochsenfurter Gefängnis gebracht; von dort überstellte man einige ins KZ Dachau.

                   Einen Tag nach der Pogromnacht berichtete der „Ochsenfurter Stadt- und Landbote”:

Die Juden im Bezirk Ochsenfurt.

Auch im Bezirk Ochsenfurt hat sich infolge der Ermordung des Gesandtschaftsrates vom Rath durch einen nichtsnutzigen Judenbengel die bisher zurückgehaltene Empörung gegen die noch anwesenden Luft gemacht. In den verschiedensten Orten kannte die Wut der Massen keine Schonung des jüdischen Besitzes mehr ... Jeder Jude ist der Todfeind des Nationalsozialismus. Nun ist den Juden der Weg gezeigt, endlich aus dem Ochsenfurter Gau zu verschwinden ...

Im Sommer 1939 gingen die jüdischen Gemeindeeinrichtungen in kommunalen Besitz über; dabei diente die ehemalige Synagoge als Wohn- und Lagerhaus. In den folgenden Monaten wurden die jüdischen Haus- und Grundbesitzer gezwungen, ihr Eigentum - weit unter Wert - zu verkaufen; mit dem Entzug ihrer Wirtschaftsgrundlage setzte die Ab- bzw. Auswanderung der meisten jüdischen Dorfbewohner ein. Etwa 40 gebürtige Gaukönigshofener Juden wurden 1941/1942 deportiert, ca. die Hälfte direkt aus dem Dorfe; von den Deportierten kehrte keiner wieder zurück.

Drei Jahre nach Kriegsende standen elf aktiv Beteiligte des Pogroms in Gaukönigshofen vor dem Landgericht Würzburg; acht Angeklagte wurden zu kurzen Freiheitsstrafen verurteilt.

Seit dem Jahre 1988 beherbergt das restaurierte Synagogengebäude in Gaukönigshofen die Gedenkstätte für die jüdischen Opfer im Landkreis Würzburg.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2087/Gaukoenigshofen%20Synagoge%20130.jpg (Aufn. Gemeinde Gaukönigshofen)

Auf einer dreisprachig abgefassten Gedenktafel sind alle ehemaligen jüdischen Einwohner Gaukönigshofen genannt, die von den Nationalsozialisten verschleppt und ermordet wurden.

Der frühere Synagogenraum dient als Gedenkstätte; er wurde fast originalgetreu restauriert, allerdings ohne Bima; in den anderen Räumen - dem früheren Schulraum, der Lehrerwohnung und der ehemaligen Frauensynagoge - ist eine Dauerausstellung untergebracht, die in Bild und Text die Besucher über die jüdische Kultur und das Ende der jüdischen Gemeinden im Würzburger Raum informiert.

   Seitenfront der Synagoge (Aufn. Rebekka Denz, 2012) 

Die noch vorhandene Mikwe am Königshof, der früheren Judengasse, ist fast originalgetreu wiederhergestellt worden und heute Teil der Gedenkstätte.

  http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2087/Gaukoenigshofen%20Synagoge%20134.jpg

Ehemalige Mikwe (Aufn. 2018, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0  und  Dörfler, 2013)

Anm.: Eine vor dem Novemberpogrom 1938 aus der Gaukönigshofener Synagoge in Sicherheit gebrachte Thorarolle, die ein Gemeindemitglied bei der Auswanderung in die USA mitgenommen hatte, befindet sich heute in einer Synagoge in Baltimore. 

Seit 2008 erinnern in Gaukönigshofen mehr als 20 sog. "Stolpersteine" an ehemalige jüdische Einwohner, die Opfer der nationalsozialistischen Herrschaft geworden sind; die meisten wurden nach Izbica deportiert und ermordet.

Gaukönigshofen Stolperstein Mainzer, Elsa.jpg Gaukönigshofen Stolperstein Grünebaum, Saly.jpg Gaukönigshofen Stolperstein Grünebaum, Tilly.jpg Gaukönigshofen Stolperstein Kahn, Leo.jpg Gaukönigshofen Stolperstein Kahn, Mina.jpg Gaukönigshofen Stolperstein Kahn, Hannelore.jpg Gaukönigshofen Stolperstein Thalheimer, Josef.jpg Gaukönigshofen Stolperstein Thalheimer, Martha.jpg Gaukönigshofen Stolperstein Thalheimer, Walter.jpg alle Aufn. W.S.bcr, 2018, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)

Nahe des Gaukönigshofer Bahnhofs - von hier aus musste der Großteil der 29 in dem Dorf ansässigen jüdischen Bewohner seine Fahrt in den Tod antreten - steht seit 2018 ein vom Bildhauer Reinhard Kraft gestalteter steinerner Koffer, der symbolisch an die Deportationen erinnern soll. Eine Doublette dieses Koffers befindet sich am Würzburger "DenkOrt Aumühle", dem zentralen Ort für die Deportationen der Juden aus Unterfranken.

 

Im Ortsteil Acholshausen gab es bis ins beginnende 20.Jahrhundert auch eine kleine selbstständige jüdische Gemeinde. Mit dem Rückgang ihrer Angehörigen löste sich die Gemeinde kurz nach dem Ersten Weltkrieg auf; die wenigen Juden Acholshausens schlossen sich nun denen von Gaukönigshofen an.

[vgl. Acholshausen (Bayern)]

Weitere Informationen:

Baruch Z.Ophir/F. Wiesemann (Hrg.), Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 - 1945. Geschichte und Zerstörung, Oldenbourg-Verlag, München/Wien 1979, S. 293 - 295

Jutta Sporck-Pfitzer, Die ehemaligen jüdischen Gemeinden im Landkreis Würzburg, Hrg. Landkreis Würzburg, Würzburg 1988, S. 56 f.

Thomas Michel, Die Juden in Gaukönigshofen / Unterfranken (1550 - 1942), in: Beiträge zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Band 38, Franz Steiner Verlag Wiesbaden GmbH 1988  (Anm.: Detaillierte Gesamtdarstellung der Geschichte der jüdischen Gemeinde Gaukönigshofen)

Martin Umscheid, Gedenkstätte des Landkreises Würzburg - Die ehemalige Synagoge von Gaukönigshofen, Hrg. Landkreis Würzburg, Würzburg 1988 (Faltprospekt)

Thomas Michel, Streifzug durch die jüdische Geschichte Gaukönigshofens, in: Gemeinde Gaukönigshofen (Hrg.), 1250 Jahre Gaukönigshofen, Gaukönigshofen 1991, S. 54 – 71

Paul Lesch, Errichtung der jüdischen Gedenkstätte durch den Landkreis Würzburg, in: Gemeinde Gaukönigshofen (Hrg.), 1250 Jahre Gaukönigshofen, Gaukönigshofen 1991, S. 83 f.

Israel Schwierz, Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern - eine Dokumentation, Hrg. Bayrische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, München 1992, S. 59/60

Theodor Harburger, Die Inventarisation jüdischer Kunst- und Kulturdenkmäler in Bayern, Band 2: Adelsdorf - Leutershausen, Hrg. Jüdisches Museum Franken - Fürth & Schnaiitach, Fürth 1998, S. 224/225

Herbert Liedel/Helmut Dollhopf, Jerusalem lag in Franken. Synagogen und jüdische Friedhöfe, Echter-Verlag GmbH, Würzburg 2006, S. 54 – 59

Dirk Rosenstock (Bearb.), Die unterfränkischen Judenmatrikeln von 1817. Eine namenkundliche und sozialgeschichtliche Quelle, in: Veröffentlichungen des Stadtarchivs Würzburg, Band 13, Würzburg 2008, S. 231

Spuren jüdischer Geschichte in Stadt und Landkreis Würzburg. Ein Wegweiser für junge Leute, hrg. vom Landkreis Würzburg in Zusammenarbeit mit dem Partnerlandkreis Mateh Jehuda (Israel), Würzburg 2013, S. 28 – 32

Michael Schneeberger, „Der Juden Häuser samt der umgebenden Mauern“. Geschichte der Juden von Gaukönigshofen, in: Jüdisches Leben in Bayern. Mitteilungsblatt des Landesverbandes der israelitischen Kultusgemeinden in Bayern, 28. Jg, Nr. 123/Dez. 2013, S. 26 – 31

Cornelia Berger-Dittscheid (Bearb.), Gaukönigshofen mit Acholshausen, in: W.Kraus/H.-Chr.Dittscheid/G.Schneider-Ludorff (Hrg.), Mehr als Steine ... Synagogen-Gedenkband Bayern, Band III/1 (Unterfranken), Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg/Allgäu 2015, S. 613 - 639

Gaukönigshofen, in: alemannia-judaica.de (mit diversen Informationen zur jüdischen Historie)

Jüdische Gedenkstätte Gaukönigshofen, online abrufbar unter: wuerzburgwiki.de/wiki/Jüdische_Gedenkstätte_Gaukönigshofen

Auflistung der in Gaukönigshofen verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Gaukönigshofen

Hannelore Grimm (Red.), Zwei Koffer zum Gedenken, in: "Main-Post" vom 4.5.2018