Gardelegen (Sachsen-Anhalt)

Bildergebnis für gardelegen plz karte Gardelegen ist eine Stadt mit derzeit ca. 15.000 Einwohnern im Altmarkkreis Salzwedel in Sachsen-Anhalt – zwischen Wolfsburg (im W) und Stendal (im O) gelegen (Karte aus: suche-postleitzahl.org).

Erste Hinweise auf jüdisches Leben in Gardelegen stammen aus den 1340er Jahren, als der askanische Markgraf Ludwig ein Schutzversprechen den im Ort lebenden Juden gab und sich dieses durch Abgaben entgelten ließ. 70 Jahre später wurden sie - im Zusammenhang eines Ritualmord-Prozesses - aus der Stadt getrieben; nach kurzzeitiger Rückkehr wurden sie 1573 dann endgültig vertrieben.

Burg und Ort Gardelegen um 1600 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Erst im Laufe des 18.Jahrhunderts ließen sich erneut einige jüdische Familien in Gardelegen nieder. Eine Synagogengemeinde konstituierte sich erst im Jahre 1867. Einen Betraum besaß die kleine jüdische Gemeinschaft in dem Firmengebäude des Exportkaufmanns Salomon in der Magdeburger Straße; nach 1914 dienten andere private Räumlichkeiten gottesdienstlichen Zusammenkünften. An hohen Feiertagen suchte man die Synagoge in Stendal auf.

Eine jüdische Begräbnisstätte - weit außerhalb der Stadt, vor dem „Magdeburger Tor“ gelegen - wurde vermutlich um 1880 angelegt.

Juden in Gardelegen:

    --- um 1840 ...................... ca. 40 Juden,

    --- um 1865 ...................... ca. 40   “  ,

    --- 1910 ............................. 53   “  ,

    --- 1925 ............................. 65   “  ,*    * im Kreis Gardelegen

    --- 1933 ......................... ca. 45   “  ,

    --- 1939 ............................. 27   “  ,*

    --- 1941 (Aug.) ...................... 15   “  ,

    --- 1942 (Dez.) ...................... keine.

Angaben aus: M.Brocke/E.Ruthenberg/K.U.Schulenburg, Stein und Name. Die jüdischen Friedhöfe in ..., S. 354      

                    Bildergebnis für gardelegen historisch Magdeburger Straße - hist. Aufn. (aus: gardelegen.de)

Die im 19.Jahrhundert in Gardelegen lebenden jüdischen Familien bestritten ihren Lebenserwerb hauptsächlich vom Hopfenhandel. Die bekannteste jüdische Persönlichkeit der Kleinstadt war der „Hopfenkönig“ Friedmann Salomon (1818-1893), der sich auch in der Kommunalpolitik betätigte und auf Grund seiner allgemeinen Verdienste zum Ehrenbürger Gardelegens ernannt wurde. In den 1920er Jahren wohnten ca. 40 jüdische Bürger in der Stadt, weitere ca. 25 Personen im Kreis.

Während der Novembertage 1938 wurden Geschäfte jüdischer Eigentümer demoliert, der Friedhof verwüstet, Grabsteine zerstört bzw. entwendet. Einige Männer überstellten die Behörden ins KZ Buchenwald. Die im Sommer 1941 noch hier lebenden etwa 15 jüdischen Einwohner wurden zwangsweise im „Judenhaus“ („Blauesche Villa“) einquartiert; von hier wurden sie im Laufe des Jahres 1942 „in den Osten“ deportiert; nur ein einziger soll überlebt haben.

Nachdem Anfang der 1960er Jahre das Gelände des jüdischen Friedhofs an der Bahnhofstraße verkauft worden war, wurden die noch erhaltengebliebenen Grabsteine auf den kommunalen Friedhof (Bismarker Straße) verbracht; neben diesen Steinen befindet sich seit 1988 ein Mahnmal, das die Worte trägt:

Zum mahnenden Gedenken an unsere in den Jahren 1933 - 1945

verfolgten und ermordeten jüdischen Mitbürger aus Gardelegen.

Jüdisches Mahnmal auf dem Kommunalfriedhof (Aufn. 2011, aus: denkmalprojekt.org)

In der Sandstraße 34 erinnert seit 2008 eine Gedenktafel an die jüdische Familie Sonnenfeldt, die dort bis 1938 wohnte. Richard Sonnenfeldt avancierte später in den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen zum Chefdolmetscher für die amerikanische Anklage.

2014 wurde auf Initiative einer Projektgruppe (Schülerinnen am Gardelegener Geschwister-Scholl-Gymnasium) mit der Verlegung von sog. „Stolpersteinen“ begonnen; mit der im Jahre 2018 erfolgten Verlegung weiterer acht Steine sind nun insgesamt etwa 40 Steine vorhanden.

http://www.gym-scholl-gardelegen.bildung-lsa.de/dat/cms1001126/images/Bilder_/AG_Stolpersteine/lippstaedt_(bahnhofstrasse_87_gardelegen_39638).jpg

 drei „Stolpersteine“ für Fam. Lippstädt – verlegt in der Bahnhofstraße (aus: gym-scholl-gardelegen.bildung-lsa.de)

Stolperstein Gardelegen Sandstraße-Marktstraße Hermann BehrensStolperstein Gardelegen Sandstraße-Marktstraße Frida BehrensStolperstein Gardelegen Sandstraße-Marktstraße Luise BehrensStolperstein Gardelegen Sandstraße-Marktstraße Joachim BehrensStolperstein Gardelegen Sandstraße-Marktstraße Charlotte BehrensStolperstein Gardelegen Sandstraße-Marktstraße Ulrike Kronheim

sechs Steine - verlegt in der Sandstraße/Marktstraße (Aufn. Gmbo, 2018, aus: wikipedia.org, CCO)

In den Apriltagen 1945 wurde Gardelegen zum Endpunkt der Todesmärsche aus den Außenlagern im Südharz (Dora-Mittelbau), dem KZ Neuengamme und dem AK Hannover-Stöcken. Mehr als 1.000 KZ-Häftlinge - darunter auch zahlreiche jüdische - wurden am 13.April 1945 in der Feldscheune des Gutes Isenschnibbe bei lebendigem Leibe verbrannt. Im April 1945 wurde ein Friedhof für die Opfer angelegt. Zwischen den weißen Grabkreuzen des Ehrenfriedhofes befinden sich sieben Grabstellen mit Davidstern; allerdings dürfte die Zahl der hier ermordeten jüdischen Häftlinge wesentlich größer gewesen sein. Entlang des Weges des Todesmarsches wurden Gedenksteine errichtet; ein Mauerrest der Feldscheune wurde 1953 als Gedenkmauer gestaltet.

Ehrenfriedhof (Aufn. D.Rohde-Kage, 2014, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

http://www.mz-web.de/image/6765610/2x1/940/470/6443577ea1527b125ca855325b6d347c/HS/gedenkstaette-isenschnibbe-in-gardelegen--1359272590467-.jpg Gedenkmauer (Aufn. aus: mz-web.de)

Im Jahre 1963 wurde eine historische Ausstellung zur Geschichte der KZ-Häftlinge in der Stadt Gardelegen eröffnet; Anfang der 1990er Jahre wurde diese grundlegend überarbeitet.

Weitere Informationen:

Germania Judaica, Band II/1, Tübingen 1968, S. 268/269

Gisela Bunge, Schicksale jüdischer Familien aus Gardelegen - Dokumentation, Kloster Neuendorf (b. Gardelegen), 1992

M.Brocke/E.Ruthenberg/K.U.Schulenburg, Stein und Name. Die jüdischen Friedhöfe in Ostdeutschland (Neue Bundesländer/DDR und Berlin), in: Veröffentlichungen aus dem Institut Kirche und Judentum, Hrg. Peter v.d.Osten-Sacken, Band 22, Berlin 1994, S. 354 - 356

Geschichte jüdischer Gemeinden in Sachsen-Anhalt - Versuch einer Erinnerung, Hrg. Landesverband Jüdischer Gemeinden Sachsen-Anhalt, Wernigerode 1997, S. 90 - 93

Joachim Neander, Gardelegen 1945 - Das Ende der Häftlingstransporte aus dem Konzentrationslager “Miittelbau”, Hrg. Landeszentrale für politische Bildung, Sachsen-Anhalt, Magdeburg 1998, S. 12 f.

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 1), New York University Press, Washington Square, New York 2001, S. 416

Elke Weisbach (Red.), Sieben Erinnerungsquader für die Familien Lippstädt, Cohn, Lemberg und Marcus - Verlegung der ersten Stolpersteine im Oktober, in: “Altmark-Zeitung” vom 17.4.2014 

Elke Weisbach (Red.), 16 weitere “Stolpersteine” in Gardelegen: “Meilenstein in der Geschichtsaufarbeitung”, in: “Allgemeine Zeitung - Altmark-Zeitung” vom 30.6.2015

Ilka Marten (Red.), Neun weitere Stolpersteine, in: volksstimme.de vom 29.10.2016

Stephan Schmidt (Red.), Erinnerungen, ins Gardelegener Pflaster gehauen, in: “Allgemeine Zeitung - Altmark Zeitung” vom 19.11.2016

Auflistung der in Gardelegen verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Gardelegen

Petra Hartmann (Red.), Gymnasiasten setzen 33 Stolpersteine, in: volksstimme.de vom 18.4.2018

Gesine Biermann (Red.), Erinnerung an drei jüdische Familien, in: volksstimme.de vom 31.5.2018

Petra Hartmann (Red.), Scholl-Schüler setzen neue Stolpersteine, in: volksstimme.de vom 13.6.2018