Calvörde (Sachsen-Anhalt)

Calvörde ist eine Kommune mit derzeit knapp 4.000 Einwohnern im Norden des Landkreises Börde in Sachsen-Anhalt (zwischen Gardelegen und Haldensleben) – ca. 35 Kilometer nordwestlich der Landeshauptstadt Magdeburg gelegen (topografische Karte der Altmark ohne Eintrag von Calvörde, ulamm, 2008, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0).

Stadt und Burg Calvörde - Stich von M. Merian, um 1655 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Eine jüdische Gemeinschaft bildete sich im Marktflecken Calvörde vermutlich in der zweiten Hälfte des 18.Jahrhunderts, als jüdische Familien aus verschiedenen Orten Deutschlands hierher zogen. Der erste Einwohner mosaischen Glaubens war Jacob Levin, der 1752 aus dem damaligen Reg.bez. Posen in den Ort gekommen war. Ein Betraum befand sich auf dem Gelände eines Grundstücks in der Neustadtstraße; dieser wurde wahrscheinlich im letzten Jahrzehnt des 18.Jahrhunderts eingerichtet. Einmal im Monat soll ein „Rabbi aus Haldensleben“ hierher gekommen sein, um Gottesdienst abzuhalten.

Eine jüdische Begräbnisstätte - in der Gemarkung "Schäffertrift", etwa einen Kilometer südlich des Ortes gelegen - wurde in den 1780er Jahren angelegt; der älteste von sieben noch vorhandenen Grabsteinen datiert aus dem Jahre 1787. Alle Grabmale sind mit traditionellen jüdischen Motiven geschmückte Stelen, die ausschließlich hebräische Inschriften tragen.

drei Grabsteine (Aufn. N., 2010, aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Juden in Calvörde:

    --- um 1770 ......................  4 jüdische Familien,

    --- 1798 ......................... 11    “        “    ,

    --- 1808 ......................... 40 Juden (in 8 Familien),

    --- 1835 ......................... 15   “   (in 3     “   ),

    --- 1851 .........................  5 jüdische Familien,

    --- 1874 ......................... eine   “       “  ().

    --- 1900.......................... keine,

    --- 1930 ......................... eine jüdische Familie.

                            Angaben aus: Susanne Weihmann, Jüdisches Leben im Helmstedter Land. Eine Spurensuche in Calvörde, ...

 

Der wirtschaftliche Niedergang der Gemeinde war mit der Verlegung der Hauptstraßenverbindung von Hamburg nach Leipzig verbunden, die durch Calvörde führte; die jüdischen Familien verließen nun den Flecken, um anderswo ihren Geschäften nachzugehen. Vermutlich musste gegen Mitte des 19.Jahrhunderts der Betraum aufgegeben werden, da der zur Abhaltung des Gottesdienstes benötigte Minjan (d.h. Anwesenheit von zehn religionsmündigen Männern) nicht mehr aufgebracht werden konnte.

 Marktplatz einst.jpg  Calvörde-Neustadt.png

Zwei historische Postkarten: Marktplatz, um 1900  und  Neustadtstraße, um 1905 (beide Abb. aus: commons.wikimedia.org, CCO)

Nur einzelne jüdische Familien haben bis in die NS-Zeit hinein in Calvörde gelebt; so soll Anfang der 1930er Jahre die Familie Bloch am Markt ein Textilgeschäft betrieben haben.

Die Calvörder Synagoge wurde während der NS-Zeit als Lagerraum eines Handwerksbetriebs genutzt und ist bis heute als eines der ältesten jüdischen Gotteshäuser Sachsen-Anhalts erhalten; doch weisen nur wenige bauliche Spuren auf seine frühere Nutzung hin.

                                                      Ehem. Synagogengebäude in Calvörde (Aufn. aus: meinestadt.de)

 

Initiiert von der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Calvörde wurden 2009 am Markt vor dem ehemaligen Wohn- und Geschäftshaus der Familie Bloch – sie war damals die einzige jüdische Familie in der Kleinstadt gewesen - zum ehrenden Gedenken sechs sog. „Stolpersteine“ verlegt.

 

 

 

Weitere Informationen:

Reinhard Rücker, Geschichte der Juden in Calvörde, Maschinenmanuskript, Calvörde 1984

Rudi Fischer (Red.), Die Geschichte der Juden in Calvörde, in: R. Rücker (Hrg.), 800 Jahre Calvörde – eine Chronik, (1992 ?)

Reinhard Rücker, Zur Geschichte der Juden in Calvörde, in: "Jahresschrift der Museen des Ohrekreises", Band 7/2000, S. 55 - 67

Ulrich Knufinke, Das Bauwerk der Synagoge in Calvörde, in: "Jahresschrift der Museen des Ohrekreises", Band 7/2000, S. 68 - 72

M.Brocke/E.Ruthenberg/K.U.Schulenburg, Stein und Name. Die jüdischen Friedhöfe in Ostdeutschland (Neue Bundesländer/DDR und Berlin), in: "Veröffentlichungen aus dem Institut Kirche und Judentum", Hrg. Peter v.d.Osten-Sacken, Band 22, Berlin 1994, S. 280/281

Geschichte jüdischer Gemeinden in Sachsen-Anhalt - Versuch einer Erinnerung, Hrg. Landesverband Jüdischer Gemeinden Sachsen-Anhalt, Oemler-Verlag, Wernigerode 1997, S. 51 - 53

Susanne Weihmann, Jüdisches Leben im Helmstedter Land. Eine Spurensuche in Calvörde, Helmstedt und Schöningen, in: "Beiträge zur Geschichte des Landkreis Helmstedt und der ehem. Universität Helmstedt", Hrg. Landkreis Helmstedt, Heft 17, Helmstedt 2006, S. 20 - 22 und S. 65 - 68

Jürgen Schrader, Der Flecken Calvörde – Eine 1200-jährige Geschichte, Calvörde 2011

Werner Bloch, Konfrontation mit dem Schicksal – Eine Calvörder Überlebender des Holocaust, übersetzt aus dem Holländischen (Selbstzeugnis eines Überlebenden)

Auflistung der Stolpersteine in Calvörde, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Calvörde

Anett Roisch (Red.), Calvörder Heimatforscher auf den Spuren jüdischen Lebens, in: „Volksstimme“ vom 8.6.2021