Bodersweier (Baden-Württemberg)

Datei:Kehl in OG.svg Bodersweier ist heute ein Stadtteil von Kehl/Rhein im Ortenaukreis (Karte Hagar, 2009, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Seit etwa der Mitte des 17.Jahrhunderts sollen Juden in Bodersweier ansässig gewesen sein, zu einer Zeit, als der Ort noch unter der Herrschaft der Grafen von Hanau-Lichtenberg stand. Der erste urkundliche Nachweis dafür, dass jüdische Familien hier ansässig waren, stammt aber erst aus dem Jahre 1755. Um 1775 verfügten die Familien über einen eigenen Betraum, der auf Grund der wachsenden Gemeindemitglieder zu Beginn des 19.Jahrhunderts durch einen Synagogenneubau ersetzt wurde. Standort der Synagoge war die Querbacher Straße. Zur Finanzierung des Bauvorhabens wurden die Betpulte unter den einzelnen Familien versteigert. Als die Synagoge in den 1830er Jahren vergrößert wurde, war von den Gemeindemitgliedern eine Umlage zu zahlen; danach sollten z.B. die Viehhändler in die gemeindliche Kasse abführen: „ ...sechs Kreuzer auf jedes Stück großes Vieh, Ochsen, Kühe, Rinder, Pferde, ob sie gekauft, eingetauscht oder auf andere Weise an sich gebracht wurden“.

                                                                                        Synagogengebäude Bodersweier (hist. Aufn. um 1935) und Innenansicht (Sammlung J. Hahn)

Anm.: Die beiden Türen an der Giebelwand des Gebäudes führten zum Männer- und Frauenbereich.

Neben der 1812 erbauten Synagoge befand sich auch das Gemeindehaus - seit 1858 im Besitz der inzwischen größer gewordenen Gemeinde. In ihm waren die Schule und eine Mikwe untergebracht.

Für die religiöse Unterweisung der jüdischen Kinder und die Verrichtung der rituellen Belange der Gemeinde (Vorbeter/Schächter) war ein Lehrer angestellt.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20155/Bodersweier%20Israelit%2003021875.jpg Stellenanzeige aus der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 3.2.1875

Der im Dorf lebende Lehrer Pollaschek betrieb zusammen mit seinem Sohn eine kleine Werkstatt, in der gebrauchte rituelle Gegenstände restauriert wurden. 

                                           Kleinanzeige aus der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 17.März 1887

Ihre Verstorbenen begrub die Bodersweier Judenschaft zunächst auf dem jüdischen Verbandsfriedhof in Kuppenheim, später wurde der Friedhof in Freistett mitgenutzt. 

Ab 1827 gehörte die Gemeinde Bodersweier dem Rabbinatsbezirk Bühl an.

Juden in Bodersweier:

          --- 1811 ...........................  41 Juden  (in 7 Familien),

    --- 1825 ...........................  60   “    (ca. 6% d. Bevölk.),

    --- 1875 ........................... 116   “    (ca. 10% d. Bevölk.),

    --- 1887 ...........................  94   "  

    --- 1900 ...........................  82   “    (ca. 7% d. Bevölk.),

    --- 1910 ...........................  61   “    (ca. 5% d. Bevölk.) ,

    --- 1925 ...........................  46   “  ,

    --- 1933 ...........................  34   “  ,

    --- 1940 (Sept.) ...................  15   “  ,

             (Nov.) ....................  keine.

Angaben aus: F.Hundsnurscher/G.Taddey, Die jüdischen Gemeinden in Baden - Denkmale, ..., S. 46

Um die Jahrhundertwende setzte ein deutlicher Rückgang der Zahl der jüdischen Einwohner ein; Anfang der 1930er Jahre lebten noch eine überschaubare Familienanzahl Bodersweier; neben drei Viehhandlungen waren vier Geschäfte verschiedener Branchen in jüdischem Besitz (Auflistung der jüdischen Gewerbebetriebe siehe dazu: alemannia-judaica.de).

Während des Novemberpogroms zerstörten NS-Sympathisanten die Inneneinrichtung der Synagoge; acht männliche Juden wurden in Haft genommen und mehrere Wochen im KZ Dachau festgehalten. Im Rahmen der sog. „Aktion Buerckel“ wurden die letzten 15 jüdischen Bewohner aus Bodersweier ins südfranzösische Gurs deportiert. Von den zu Beginn der NS-Zeit in Bodersweier lebenden Bürgern mosaischen Glaubens kamen nachweislich 17 in Konzentrations- bzw. Vernichtungslagern gewaltsam ums Leben.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2029/Bodersweier%20Denkmal.jpg Seit 1984 erinnert eine Gedenkstele auf dem kommunalen Friedhof an die 17 jüdischen Opfer der NS-Verfolgung (Aufn. Karl Britz, 2003, aus: alemannia-judaica.de).

Das ehemalige Synagogengebäude wurde Anfang der 1940er Jahre abgebrochen. Einer anderen Angabe zufolge soll der Abbruch allerdings erst Anfang der 1950er Jahre stattgefunden haben; auf dem Gelände wurde ein Wohn- u. Geschäftshaus gebaut.

Im Rahmen des zentralen Mahnmalprojektes (Neckarzimmern) wurde auch eine Gedenkstele nahe der Kirche in Bodersweier aufgestellt. Bei der Gedenkfeier in Bodersweier (Okt. 2005) war auch der Großrabbiner René Gutmann aus Straßburg anwesend.

Memorialstein (Aufn. Gerd Eichmann, 2017, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0) 

[vgl. Kehl (Baden-Württemberg)]

 

Weitere Informationen:

F.Hundsnurscher/G.Taddey, Die jüdischen Gemeinden in Baden - Denkmale, Geschichte, Schicksale, Hrg. Archivdirektion Stuttgart, Kohlhammer Verlag, Stuttgart 1968, S. 46/47

Hans Nußbaum/Ulrike Nußbaum/Karl Britz, Geduldet und geachtet, entrechtet und vernichtet – Das Schicksal der Juden von Bodersweier, in: Bodersweier – Berichte, Erzählungen und Bilder aus der Geschichte eines Dorfes im Hanauerland, Kehl 1984, S. 49 - 74

Hans Nußbaum/Karl Britz (Hrg.), Das Schicksal der Juden von Bodersweier. Erinnerung und Mahnung, Dokumentation nach dem Jubiläum ‘1100 Jahre Bodersweier’, Stadt Bodersweier 1986

Joachim Hahn, Synagogen in Baden-Württemberg, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1987, S. 25

Joachim Hahn, Erinnerungen und Zeugnisse jüdischer Geschichte in Baden-Württemberg, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1988, S. 404/405

Denise u. Jules Kaufmann/Karl Britz, Glück, ganz besonderes Glück, Verlag Medien u. Dialog, 2005 (Anm. in deutscher u. französischer Edition)

Joachim Hahn/Jürgen Krüger, “Hier ist nichts anderes als Gottes Haus ...” Synagogen in Baden-Württemberg, Teilband 2: Orte und Einrichtungen, Konrad Theiss Verlag GmbH, Stuttgart 2007, S. 239 - 242

Bodersweier, in: alemannia-judaica.de (mit Text- und Bilddokumenten zur jüdischen Ortshistorie)