Bisenz (Mähren)

Bisenz ist das heutige tschechische Bzenec - eine Kleinstadt mit ca. 4.500 Einwohnern etwa 65 Kilometer von Brno (Brünn) entfernt.

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts gehörte die jüdische Gemeinde von Bisenz zu einer der größten Gemeinden Mährens.

Die erste Ansiedlung jüdischer Familien im südmährischen Bisenz muss bereits im 14.Jahrhundert erfolgt sein, denn das Alter der 1859 abgebrochenen Synagoge wurde damals auf ca. 500 Jahre geschätzt. Damit gehört Bisenz zu den ältesten jüdischen Gemeinden Mährens. Im Spätmittelalter gab es in Bisenz ein jüdisches Viertel, das um 1550 - wie auch die gesamt Stadt - bei kriegerischen Auseinandersetzungen vollständig verwüstet wurde. In der Folgezeit unterstanden die jüdischen Bewohner wechselnden Grundherrschaften, welche sich ihre, meist wirtschaftlichen Zugeständnisse an die Judenschaft durch Abgaben und Steuern entgelten ließen. Im 17. und 18.Jahrhundert hatte die jüdische Gemeinde mehrfach unter Kriegseinwirkung zu leiden; aber auch Großbrände - so z.B. im Jahre 1777 – vernichteten jüdischen Wohnbesitz. 1798 wurde die Zahl der in Bisenz ansässigen jüdischen Familien auf 130 limitiert. Ihren Lebensunterhalt bestritten die Juden in Bisenz mit unterschiedlichen Tätigkeiten, zumeist mit Handel, aber auch zunehmend im Handwerk. Ab 1852 bildete die Gemeinde eine politische Körperschaft.

Das „Judenviertel“ befand sich im Zentrum der Stadt - zwischen dem Unterring und dem Schloss. Seit „alten Zeiten“ verfügten die hiesigen jüdischen Bewohner über ein eigenes Spital sowie eine Synagoge; in dieser war auch die Religionsschule untergebracht. Später gab es eine jüdische Elementarschule mit Deutsch als Unterrichtssprache. 1878 wurde diese vierklassige Schule staatlich, wobei die Lehrer von der jüdischen Gemeinschaft bezahlt werden mussten.

Im Jahre 1863 ließ die neu konstituierte Gemeinde eine repräsentative Synagoge bauen; der alte Tempel war zuvor abgebrochen worden.

            

Historische Postkarte mit Synagoge (links), Abb. néznamy-personal archiv, aus: wikipedia.org, Volné dilo)

                                                  

      Synagoge in Bisenz (hist. Aufnahmen, rechts: um 1930, aus Zanikleobce.cz)

Eine vierklassige öffentliche jüdische Schule vermittelte den jüdischen Kindern Elementarunterricht.

In der Nachbarschaft des städtischen Friedhofs gab es eine jüdische Begräbnisstätte, deren älteste Grabsteine aus dem ausgehenden 17.Jahrhundert stammen.

Juden in Bisenz:

    --- um 1585 ........................  25 jüdische Familien,

    --- 1604 ...........................  67     “       “    ,

    --- um 1810/20 ..................... 130     “       “    ,*

    --- 1830 ........................... 657 Juden,*

    --- 1848 ........................... 910   “  ,*     * gesamte Gemeinde

    --- 1857 ........................... 965   “  ,*

    --- 1869 ........................... 540   “  ,*

    --- 1880 ........................... 272   “  ,

    --- 1890 ........................... 228   “  ,

    --- 1900 ........................... 182   “  ,

             ........................... 416   “  ,*

    --- 1924 ....................... ca. 290   "  ,

    --- 1930 ........................... 138   “  .

Angaben aus: Theodor Haas, Juden in Mähren - Darstellung der Rechtsgeschichte und Statistik ..., S. 63

und                 Josef Hoff, Geschichte der Juden in Bisenz, S. 119/120

Bis unmittelbar nach Ende des Ersten Weltkrieges existierten zwei selbstständige Gemeinden in der Stadt: die eigentliche Stadtgemeinde (ursprünglich als „christliche Gemeinde“ bezeichnet) und die jüdische Gemeinde. Im Jahre 1919 wurden dann christliche und jüdische Gemeinde in eine gemeinsame politische Einheitsgemeinde (die Stadt Bisenz) überführt.

Bereits ab den 1860/1870er Jahren setzte eine deutliche Abwanderung jüdischer Familien ein (vor allem wohlhabendere), in deren Folge die Zahl der Gemeindemitglieder stark zurückging (vgl. Bevölkerungsstatistik); Mitte der 1930er Jahre zählte die Gemeinde nur noch ca. 100 Personen.

Zwei Jahre nach der deutschen Besatzung wurde die Synagoge auf Anweisung des Reichsprotektors Reinhard Heydrich geschlossen, die Ritualien und das Archiv der Gemeinde fielen dem Zentralen Jüdischen Museum Prag zu. Im Januar 1943 wurden die verbliebenen jüdischen Bewohner nach Theresienstadt deportiert; die meisten von ihnen sind in Auschwitz umgekommen.

Eine nach Kriegsende sich gebildete jüdische Gemeinde löste sich aber nach kurzer Zeit wieder auf.

Die Synagoge in Bzenec war eine der wenigen in Mähren, die die NS-Zeit fast unbeschadet überdauert hatte. Jedoch wurde das Bauwerk – inzwischen in einem sanierungsbedürftigen Zustand – Anfang der 1960er Jahre abgerissen.

                        Abriss des Synagogengebäudes (Aufn. 1960, Stary Bzenec)

Der jüdische Friedhof hat die Jahrhunderte überdauert; auf dem Areal sollen sich heute noch ca. 1.000 Grabsteine befinden. Dieses Gelände sowie die Relikte des ehemaligen Ghettos stehen seit 1988 vunter Denkmalschutz.

File:Jewish cemetery in Bzenec 18.JPG File:Jewish cemetery in Bzenec 14.JPG

jüdischer Friedhof in Bzenec (Aufn. Fet'our, 2012, aus: commons.wikimedia.org, gemeinfrei)

 Im Jahre 1877 wurde in Bisenz Norbert Jokl als einziger Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie geboren; Jokl machte sich einen Namen als Albanologe. Mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus wurde seine wissenschaftliche Arbeit unterbrochen; seine große Bibliothek wurde beschlagnahmt. Im März 1942 wurde er in Wien verhaftet; auf dem Deportationstransport nach Weißrussland kam er um (Selbstmord ?).

Weitere Informationen:

Theodor Haas, Juden in Mähren - Darstellung der Rechtsgeschichte und Statistik unter besonderer Berücksichtigung des 19.Jahrhunderts, Brünn 1908

Josef Hoff, Geschichte der Juden in Bisenz, in: Hugo Gold (Hrg.), Die Juden und Judengemeinden Mährens in Vergangenheit und Gegenwart, Jüdischer Verlag, Brünn 1929, S. 119 - 123

Hugo Gold, Gedenkbuch der untergegangenen Judengemeinden Mährens, Olamenu-Verlag, Tel Aviv 1974, S. 10 - 11

Harold Hammer-Schenk, Synagogen in Deutschland. Geschichte einer Baugattung im 19. u. 20.Jahrhundert, Hans Christians Verlag, Hamburg 1981, Teil 1, S. 122 und Teil 2, Abb. 98

Jiří Fiedler, Jewish Sights of Bohemia and Moravia, Prag 1991, S. 52/53

P.Ehl/A.Parík/ Jiří Fiedler, Alte Judenfriedhöfe Böhmens und Mährens, Paseka-Verlag, Prag 1991, S. 152

Mechthild Yvon, Das Schicksal des Albanologen Norbert Jokl und seiner Bibliothek, Wien 2004

Synagoge in Stary Bzenec, online abrufbar unter: starybzenec.cz/synagoga/ (in tsch. Sprache mit Aufnahmen der Synagogenruine)

Yıldız Tavacıoglu, Virtuelle Rekonstruktion der Synagoge in Bzenec (Bisenz), Diplomarbeit an der Technischen Universität Wien 2015 (Anm. als PDF-Datei abrufbar unter: publik.tuwien.ac.at/files/PubDat_239221.pdf)