Baumbach (Hessen)

Datei:Alheim in HEF.svg Baumbach ist seit 1972 ein Teil der aus acht Dörfern neugebildeten Gesamtgemeinde Alheim im Landkreis Hersfeld-Rothenburg (Karte Hagar, 2009, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Eine organisierte jüdische Gemeinde hat in Baumbach seit dem beginnenden 19.Jahrhundert bestanden; erste vereinzelte Ansiedlungen waren aber bereits nach 1700 zu verzeichnen; seitdem haben - ohne Unterbrechung - bis 1942 Juden in Baumbach gelebt. Neben Schutzgeldzahlungen an die Landgrafschaft Hessen mussten die jüdischen Familien weitere finanzielle Leistungen aufbringen, darunter Leibzoll, Neujahrsgelder und sog. Einzugs- und Abzugsgelder.

Seit der Gemeindegründung gab es auch einen Synagogenraum, der bis in die 1830er Jahre in einem jüdischen Privathaus untergebracht war. Als dieser den Ansprüchen nicht mehr genügte, baute man ein Gebäude in der Lindengasse zu einer Synagoge mit Empore aus, die ca. 40 Sitzplätze hatte und zugleich eine Schule und eine Lehrerwohnung beherbergte. Die Mikwe befand sich in einem rückseitigen Anbau; sie wurde später verlegt.

Rekonstruktionsskizze des Synagogengebäudes, um 1930 (aus: Thea Altaras)

Eine ca. 1860 ins Leben gerufene jüdische Schule erhielt nach 20jährigem Bestehen den Status einer öffentlichen israelitischen Elementarschule. Sie blieb bis in die Jahre des Ersten Weltkrieges bestehen, wurde in den 1920er Jahren wieder eröffnet und 1934 endgültig geschlossen.

                                                         Lehrer Benjamin Stiefel u. seine Schüler (um 1925)

aus: „Jüd. Wochenzeitung für Kassel, Kurhessen u. Waldeck" vom 30.5.1930

Anfangs wurden verstorbene Baumbacher Juden auf dem Friedhof in Rotenburg beerdigt, 1909 wurde dann ein kleines Beerdigungsareal - etwa einen Kilometer vom Ortskern entfernt - angelegt.

Die Gemeinde gehörte zum Rabbinatsbezirk Niederhessen mit Sitz in Kassel.

Juden in Baumbach:

         --- 1711 ..........................  4 jüdische Familien,

    --- 1744 ..........................  4     “       “ (ca. 25 Pers.),

    --- um 1807 .......................  5     “       “   ,

    --- 1824 .......................... 37 Juden (in 8 Familien),

    --- 1861 .......................... 77   “  ,

    --- 1885 .......................... 84   “  ,

    --- 1895 .......................... 78   “   (ca. 14% d. Dorfbev.),

    --- 1912 .......................... 66   “  ,

    --- 1925 ...................... ca. 60   “   (in 14 Familien),

    --- 1933 .......................... 39   “  ,

    --- 1939 ..........................  8   “  .

Angaben aus: Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Bd. 1, S. 55

und                 Heinrich Nuhn, Baumbachs jüdische Geschichte, S. 148

Im Zusammenhang mit revolutionären Unruhen im Jahre 1848, die sich gebietsweise auch gegen die Gleichstellung von Juden richteten, kam es in Baumbach zu Ansätzen von Gewalt, die aber eingestellt wurden, als die Baumbacher Juden ‚freiwillig’ auf die neuen Rechte verzichteten. So hieß es in einem Schriftsatz des Kurfürstl. Kreisamtes vom 2.5.1848: „ ... Erschien der Gemeindeälteste Meyer Wallach von Baumbach auf geschehene Vorladung und erklärte auf Vorhalt: Sämtliche Israeliten aus Baumbach hätten aus eignem Antriebe und ohne Zwang auf allen und jeden gemeinheitlichen Nutzen, unter der Bedingung, daß sie die Gemeinde gegen Gewaltthätigkeiten in Schutz nehme, verzichtet. ...”

Gegen Ende des 19.Jahrhunderts normalisierte sich das Verhältnis zwischen christlichen und jüdischen Dorfbewohnern zusehends, was Mitgliedschaften von Juden in lokalen Vereinen belegen.

Die Baumbacher Juden arbeiteten als Handwerker, Viehhändler und Kleinbauern, zudem hatten sie sich auf den Pferdehandel spezialisiert. Gegen Ende der 1920er Jahre lebten im Dorf noch 14 jüdische Familien, ihr Bevölkerungsanteil machte damit immerhin ca. 10% aus.

Der „Juden-Boykott“ vom April 1933 erreichte auch Baumbach; besondere Initiative zeigte dabei der hiesige NSDAP-Ortsgruppenleiter und Bürgermeister, der eigenhändig antijüdische Plakate im Dorf anbrachte und die „arischen“ Bewohner aufforderte, jegliche Kontakte zu Juden zu unterlassen. Begleitet wurden die rhetorischen Attacken auch von physischer Gewalt: In den Jahren 1933/35 waren mehrere Überfälle auf jüdische Dorfbewohner und Sachbeschädigungen ihres Eigentums zu verzeichnen.

Ortsfremde wie auch einheimische SA-Angehörige waren in der „Kristallnacht“ dafür verantwortlich, dass in Baumbach das Synagogengebäude gestürmt und zerstört, von Juden bewohnte Häuser geplündert, Inventar zerschlagen und ihre Bewohner in Angst und Schrecken versetzt wurden; das demolierte Mobiliar wurde dann in der Nähe der Fuldabrücke verbrannt. Bis zur Zwangsdeportation 1942 hatten die meisten Baumbacher Juden bereits den Ort verlassen; die letzten drei jüdischen Bewohner wurden Anfang September 1942 ins „Altersghetto“ Theresienstadt abgeschoben.

Nach Angaben der Gedenkstätte Yad Vashem/Jerusalem und des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden ..." wurden nachweislich 35 aus Baumbach stammende bzw. längere Zeit hier ansässig gewesene Juden Opfer der "Endlösung" (namentliche Nennung der betroffenen Persionen siehe: alemannia-judaica.de/baumbach_synagoge.htm).

 

Einziges Relikt der jüdischen Gemeinde Baumbach ist das kleine Friedhofsgelände mit nur wenigen Grabsteinen.

 http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20207/Baumbach%20Friedhof%20183.jpg

Jüdischer Friedhof in Baumbach (Aufn. J. Hahn, 2009)

2009 wurde eine Gedenktafel mit den Namen der ermordeten Baumbacher Juden enthüllt; sie ist am Gebäude der ehemaligen Synagoge, Lindengasse 10, angebracht. Zudem informiert eine Hinweistafel wie folgt:

Ehemalige Synagoge. Das Gebäude von 1830 ist Kulturdenkmal aufgrund seiner geschichtlichen Bedeutung als Synagoge. Es beinhaltete außer dem Synagogensaal mit dreiseitiger Empore auch die im Obergeschoss untergebrachte Schulstube und die Lehrerwohnung. Seit 1881 öffentliche israelitische Elementarschule, aufgehoben im Jahre 1934 und später zum Wohnhaus umgebaut.

Eine auf dem Dachboden der Rotenburger Jakob-Grimm-Schule untergebrachte „Geschichtswerkstatt“ mit einer Dauerausstellung informiert über die Traditionen jüdischen Lebens in der Kleinstadt und der nahen Region.

 

Weitere Informationen:

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Societäts-Verlag, Frankfurt/M. 1971, Bd. 1, S. 55

Heinrich Nuhn, Der jüdische Friedhof in Baumbach, in: "kulturgeschichte", Bad Hersfeld 1998

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 1), New York University Press, Washington Square, New York 2001, S. 92

Heinrich Nuhn, Baumbachs jüdische Geschichte, in: 1000 Jahre Baumbach - Eine Reise durch die Zeit, Hrg. Arbeitsgemeinschaft Baumbacher Vereine, 2001/2002, S. 141 ff.

Projektarbeit einer Schülergruppe der Rotenburger Jakob-Grimm-Schule (2002) / CD-Rom (Ansprechpartner: Dr. Heinrich Nuhn, 36199 Rotenburg/Fulda)

600 Jahre jüdisches Kleinstadt- und Landleben in Wald-Hessen. Lokale Spurensuche im Raum Hersfeld - Rotenburg, in: ag-spurensuche.de (Anm.: gelungene Internetpräsentation)

Thea Altaras, Synagogen und jüdische Rituelle Tauchbäder in Hessen – Was geschah seit 1945?, Königstein im Taunus, 2007, S. 125/126 

Baumbach, in: alemannia-judaica.de (mit Text- und Bilddokumenten zur jüdischen Ortshistorie)