Bad Buchau (Baden-Württemberg)

Datei:Bad Buchau in BC.svg Bad Buchau ist heute ein Kurort mit derzeit ca. 4.000 Einwohnern am Federsee in Oberschwaben – ca. 15 Kilometer westlich von Biberach gelegen (Karte Hagar, 2010, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Buchau – Statt und Stifft“ - Stich M. Merian, um 1645 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Buchau war die einzige schwäbische Reichsstadt, in der vom 16.Jahrhundert an bis um 1800 ununterbrochen Juden ansässig waren. Um die Mitte des 19.Jahrhunderts war die jüdische Gemeinde Buchau mit mehr als 800 Gemeindeangehörigen die zweitgrößte in Württemberg.

Erste urkundliche Belege für die Anwesenheit einiger weniger Juden in Buchau stammen bereits aus dem Jahre 1382. 1401 erhielten sie mit „nit mehr denn 1 Roß, 1 Kuh und 1 Gaise“ das dortige Wohnrecht. An der Alten Salgauer Straße soll damals ihr eigener Begräbnisplatz gelegen haben.

Schon vor dem Dreißigjährigen Krieg sollen dann in der kleinen Reichsstadt mehrere jüdische Familien gelebt haben, die vermutlich zunächst nur über befristete Wohnrechte verfügten. Das ihnen zugewiesene Wohngebiet waren die Schuster-, die Waldhorn- und die Judengasse. Bis ins beginnende 19.Jahrhundert hinein wohnten die jüdischen Familien, die ein jährliches Schutzgeld zahlen mussten, in den ihnen zugewiesenen Gassen. Ab der zweiten Hälfte des 17.Jahrhunderts gab es eine israelitische Gemeinde mit einem eigenen Friedhof in der Flur "Buchauer Insel“, der auch von Juden aus Orten der Umgebung mitgenutzt wurde, darunter Aulendorf, Leutkirch, Ravensburg, Riedlingen und Wangen. Zuvor waren die verstorbenen Buchauer Juden in Kappel beerdigt worden. Im 18. Jahrhundert soll das räumlich begrenzte Gelände zweimal aufgefüllt worden sein, so dass teilweise die Gräber mehrfach übereinander liegen. 

Im Jahre 1730 erteilte die Stadt der Judenschaft die Erlaubnis, eine kleine Synagoge einzurichten. Zuvor hatte es bereits Beträume in Privathäusern gegeben. Der Betsaal der Synagoge war im obersten Stockwerk eines dreistöckigen Hauses untergebracht, und später danach gab es für einige Jahrzehnte ein separates Gebäude in der Judengasse: hier ist die wohl älteste erhalten gebliebene Versammlungsstätte der Buchauer Juden zu finden, ein Betsaal mit einer bemalten Holztafeldecke.

Anm.: Die Besonderheit dieser Decke besteht darin, dass sie zu öffnen ist und so die Möglichkeit besteht, das Laubhüttenfest („Sukkot“) der Schrift gemäß zu feiern, da man die Gestirne am Himmel sehen soll, um sich so an das Leben der Juden auf der Wüstenwanderung zu erinnern.

Ende der 1830er Jahre errichtete die jüdische Kultusgemeinde dann eine neue, größere „Glockensynagoge“ in der Schussenrieder-/Hofgartenstraße; damit war Buchau wohl die einzige jüdische Gemeinde in Deutschland, die - nach dem Vorbild christlicher Kirchen - mit Glockengeläut zum Gottesdienst rief. Bei der festlichen Einweihung des Gebäudes, die der Rabbiner Moses Bloch vornahm, war sogar der württembergische König anwesend.

Moses Bloch wurde 1804 als Sohn eines Landwirts im badischen Gailingen geboren. Nach einer akademischen Ausbildung in Karlsruhe und Mannheim, danach in Heidelberg und Stuttgart wurde er einer der ersten staatlichen geprüften Rabbiner in Württemberg. Der dem Reformjudentum zuzurechnende Moses Bloch war von 1834 bis zu seinem frühen Tode (1841) Bezirksrabbiner in Bad Buchau. Sein Grab befindet sich auf dem dortigen jüdischen Friedhof.

In einem Artikel in der Zeitschrift „Sulamith“ (Jg. 1839) hieß es dazu:

          

   Synagoge Bad Buchau 1.jpg

            Bad Buchauer Synagoge (Postkartenausschnitt um 1900, aus: Sammlung J. Hahn und Foto um 1925, aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

        Synagogeninnenraum mit Thora-Schrein (aus Sammlung Mayenberger) 

Hinweis: "Eine Glockensynagoge in Deutschland. Glocken, wie wir sie in der Kirche finden, gehören nicht zu den Gerätschaften einer Synagoge und sind eigentlich unvereinbar mit unseren Vorstellungen vom jüdischen Kult. Glocken in Synagogen sind tatsächlich eine höchst seltene Erscheinung und auf der ganzen Welt kennen wir nur drei Ausnahmefälle. Eine dieser 'Glockensynagogen' soll sich in Rom befinden; die zweite in Gibraltar. Die dritte ... haben wir in Deutschland, und zwar in Buchau, einem Städtchen in Württemberg. (aus einem Artikel in der "Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung" vom 28.6.1929)

In der Schustergasse befand sich auch eine Mikwe. Ab den 1820er Jahren verfügte die jüdische Gemeinde über ein eigenes Schulhaus; Mitte des 19.Jahrhunderts besuchten mehr als 100 Kinder die zweiklassige öffentliche jüdische Elementarschule.

                         Rabbinatsgebäude (hist. Aufn., aus: bad-buchau.de)

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 Ausschreibung der Buchauer Rabbinatsstelle (1851) und der Kantorstelle (1865)

Neben der Synagoge befand sich die Wohnung des Rabbiners; im Hause erhielten die Kinder ihren Hebräischunterricht; im Erdgeschoss war eine Bücherei, die nicht nur von Juden, sondern auch von Christen genutzt wurde.

Rabbiner Dr. Güldenstein führte am Ort seit 1850 eine Privatschule, die als „Vorbereitungsanstalt“ für Gymnasien oder gewerbliche Schulen diente; einige Jahre später nahm er auch auswärtige Schüler auf, die in der angeschlossenen „Pension“ untergebracht wurden. Doch bereits 1860 war er genötigt, seine Privatschule aufzugeben (vgl. Zeitungsartikel rechts).

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Kurznotizen aus: Allgemeine Zeitung des Judentums" vom 18.Oktober 1852 und vom 18.Dezember 1860

Von 1887 bis zu seinem Tode (1914) hatte Jonas Jomtov Laupheimer (geb. 1846 in Laupheim)  das Rabbinat in Bad Buchau inne, das während seiner Amtstätigkeit mit dem Rabbinat Buttenhausen fusionierte. Seine Ausbildung hatte er am Jüdisch-Theologischen Seminar in Breslau erhalten und war seit 1880 Rabbinatsverweser in Buttenhausen, ehe er fast drei Jahrzehnte in Bad Buchau tätig war.. Dort starb er im Jahre 1914.

Bis in die 1930er Jahre gab es in Buchau mehrere jüdische Vereine.

Im Jahre 1873 wurden die jüdischen Bewohner von Kappel der Gemeinde Buchau angeschlossen.

Juden in (Bad) Buchau:

       --- um 1750 ...................... ca.  45 jüdische Familien,

    --- 1807 ............................. 345 Juden (ca. 70 Familien),

    --- 1824 ............................. 504   “  ,

    --- 1843 ............................. 625   “   (ca. 30% d. Bevölk.),

    --- 1854 ............................. 724   “  ,

    --- 1858 ............................. 828   “  ,

    --- 1869 ............................. 677   “  ,

    --- 1886 ............................. 373   “  ,

    --- 1900 ............................. 290   “  ,

    --- 1910 ............................. 242   “  ,

    --- 1925 ............................. 202   “  ,

    --- 1933 (Dez.) ...................... 162   “  ,

    --- 1942 (Dez.) ...................... keine.

     Angaben aus: Paul Sauer, Die jüdischen Gemeinden in Württemberg und Hohenzollern, S. 34

Buchau um 1820 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Wuchs die jüdische Gemeinde in der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts noch enorm an, so erfolgte ab der Jahrhundertmitte ein ebenso rascher Rückgang. Ihren Lebensunterhalt bestritten die in Buchau lebenden Juden bis ins beginnende 19.Jahrhundert mit Hausierhandel, dann zunehmend mit Textil- und Viehhandel. Später gründeten jüdische Unternehmer die ersten Industriebetriebe, und zwar in der Textilbranche. Die Gebrüder Hermann und Franz Moos waren mit ihrer Trikotagenfabrik Anfang des 20. Jahrhunderts die Hauptarbeitgeber in Buchau. Um 1900 zählten die jüdischen Geschäftsleute zu den größten Steuerzahlern in der Stadt. Darüber hinaus engagierten sich die Buchauer Juden auch in städtischen Vereinen und nahmen aktiv am kommunalpolitischen Leben teil, so etwa im Gemeinderat. Zu Beginn der NS-Machtübernahme zählte die Stadt ca. 2.300 Einwohner, davon etwa knapp 200 Juden. Das Verhältnis zwischen christlicher und jüdischer Bevölkerung war gut; dies lässt sich dadurch belegen, dass es in den ersten Jahren der NS-Herrschaft nicht gelang, die hier ansässige nichtjüdische Bevölkerung gegen den jüdischen Bevölkerungsteil aufzubringen.

Aus der NS-Zeitschrift „Flammenzeichen” vom März 1937:

„ ... Das Judendienertum, das wir als Verrat am deutschen Volke bezeichnen müssen, wird vor allem in dem schwunghaften Handel zwischen Juden und Buchauer Volksgenossen sichtbar. Da wird gekauft und verkauft, getauscht und geschachert, und die Freundschaft hat schier keine Grenzen. Da hilft keine Verwarnung, keinAbmahnen, und keine jüdische Beerdigung geht vorbei, ohne daßein paarZuchauer mit ihren Gattinnen im jüdischen Leichenzuge mitwandeln und vor Trauer über das Ableben einer Jüdin oder eines Juden beinahe den Verstand verlieren. ...”

Trotz der NS-Propaganda blieben die wirtschaftlichen Kontakte der jüdischen Viehhändler mit den Bauern der umliegenden Dörfer zunächst weiterhin bestehen.

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Die ausgebrannte Synagoge von Buchau, Nov. 1938 (aus: Sammlung Mayenberger)

In der Pogromnacht des November 1938 misslang der erste Versuch von SA-Männern aus Ochsenhausen und Saulgau, die Synagoge in Brand zu setzen, denn Buchauer Einwohner konnten das Feuer löschen. Erst der zweite Versuch in der folgenden Nacht gelang, und die Synagoge, die bis dahin auch von Juden aus Ravensburg, Leutkirch im Allgäu, Riedlingen, Wangen im Allgäu und Saulgau besucht worden war, brannte bis auf die Grundmauern nieder. Zehn Tage später wurde die Ruine gesprengt. Nachdem dann das Synagogengelände von der Buchauer jüdischen Gemeinde an die Stadt verschenkt worden war, schritt der württembergische Innenminister ein und machte die Schenkung rückgängig, weil dies „mit den rassischen Grundsätzen des nationalsozialistischen Staates unvereinbar” war. Von 1938 bis zur Deportation der Buchauer Juden 1941/1943 war im Rabbinatsgebäude ein Betsaal eingerichtet. Fast alle männlichen Juden des Ortes wurden verhaftet, zwölf ins KZ Dachau verschleppt. Treibende Kraft des nun folgenden weiteren antisemitischen Terrors in Buchau war der neue NSDAP-Ortsgruppenleiter, der penibel darauf achtete, dass alle antijüdischen Gesetze und Verordnungen streng befolgt wurden. Er war es auch, der in den Jahren bis 1941 wiederholt Ausschreitungen gegen die Juden des Ortes organisierte.

Bis Anfang 1941 gelang es etwa 80 Buchauer Juden zu emigrieren, zumeist in die USA und nach Palästina. 1941/1942 wurden aus Buchau etwa 65 Juden deportiert, darunter auch solche, die zuvor aus Stuttgart und Ulm nach Buchau zwangsumgesiedelt worden waren. Ziele der „Umsiedlung“ waren das Rigaer Ghetto, Izbica und Theresienstadt. Noch Ende Februar 1945 (!) wurden zwei Juden aus Buchau nach Theresienstadt abtransportiert. Mindestens 56 gebürtige bzw. längere Zeit am Ortansässig gewesene jüdische Bürger Buchaus kamen während der NS-Verfolgung ums Leben, nach neuesten Recherchen sollen es 102 Personen gewesen sein.

 

Nach Kriegsende kehrten nur vier Juden nach Buchau zurück.

Auf dem Friedhof, der weitgehend von Zerstörung verschont blieb und noch mehr als 800 Grabsteine (der älteste datiert von 1675, der jüngste von 2003) beherbergt, steht ein 1990 errichtetes stelenförmiges Mahnmal mit den Namen der während der NS-Zeit deportierten und ermordeten Juden.

  

Teilansichten des jüdischen Friedhofs (Aufn. Veit Feger, 2008 und Richard Mayer, 2012, aus: wikipedia.org, CC BY 3.0)

  Am Rande des Friedhofsgeländes sind Steinblöcke – Relikte der ehemaligen Synagoge – abgelegt, die jüngst auf einem Bauernhof entdeckt wurden und dort als Einfassung der Jauchegrube (!) gedient hatten (Aufn. Richard Mayer, 2012, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0).

Im Jahr 1981 wurde am ehemaligen Standort der Bad Buchauer Synagoge - hier befindet sich heute eine Grünanlage - eine Gedenktafel mit folgender Inschrift angebracht:

Hier stand die Synagoge der seit dem Ende des 16.Jahrhunderts blühenden Jüdischen Gemeinde der Stadt Buchau.

In den Jahren 1837 - 1839 erbaut,

wurde sie bei der Verfolgung unserer jüdischen Mitbürger am 9.November 1938 durch Brandlegung zerstört.

Gestiftet aus dem Nachlaß von Frau Pepi Dreifuss

Buchau - New York 1901 - 1977

Neben dieser Gedenktafel gibt seit 1993 eine zweite, in eine Mauer eingelassene Bronzetafel mit chronologischen Informationen zur jüdischen Geschichte von Bad Buchau.

Auf den Standort der ersten Synagoge Buchaus (von 1730/1731) weist seit dem Jahre 2000 die Steinskulptur "Der zerbrochene Stern" - eine Arbeit des Buchauer Künstlers Heinz Weiss - hin.

(Aufn. Atelier Weiß, 2000)

Seit 2013 gibt es auch eine Gedenktafel, die namentlich 270 ehemalige jüdische Bewohner Bad Buchaus auflistet; zudem erinnert eine „Stolperschwelle“ am ehemaligen Bahnhof mit der Inschrift:

Buchau 1933-1945. Von hier aus werden 106 Juden zur Auswanderung gezwungen, 113 Juden werden deportiert: Riga – Auschwitz – Izbica – Theresienstadt. 4 kommen zurück.

Stolperschwelle Bad Buchau.jpg "Stolperschwelle" (Aufn. Ch. Mayenberger, 2014, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)

Aus Bad Buchau stammte Friedrich Elias Laupheimer (geb. 1890), Sohn des Rabbiners Jonas Laupheimer. Sein Jura-Studium in Heidelberg schloss er 1913 mit seiner Dissertation ab und arbeitete zunächst als Ökonom an einer Bank. Von 1928 bis 1931 besuchte er das Rabbinerseminar in Breslau, um danach das Amt des orthodoxen Distriktrabbinats Bad Ems - Weilburg zu übernehmen. Im Gefolge des Novemberpogroms wurde er ins KZ Dachau eingewiesen; seine Entlassung erreichte er, nachdem er seine Ausreise aus Deutschland zugesagt hatte. Via Holland und Frankreich erreichte er mit seiner Familie Palästina. Von 1940 bis 1961 war Friedrich Laupheimer dann Leiter des Allgemeinen Altersheims in Jerusalem. Er verstarb 1965 in Jerusalem.

 

Im Bad Buchauer Stadtteil Kappel existierte vom ausgehenden 18.Jahrhundert bis in die 1870er Jahre auch eine selbstständige jüdische Gemeinde mit eigenen Gemeindeeinrichtungen. Um die Mitte des 19.Jahrhunderts hatte sie mit mehr als 160 Mitgliedern ihre größte Zahl erreicht. Bereits zwei Jahrzehnte später gab es in Kappel keine Gemeinde mehr; ab 1872 suchten die wenigen Kappeler Juden die Synagoge in Buchau auf. Das 1802 eingeweihte Synagogengebäude wurde in den 1880er Jahren abgerissen, nachdem fast alle jüdischen Bewohner den Ort verlassen hatten.  [vgl. Kappel (Baden-Württemberg)]

 

In dem südlich von Buchau gelegenen ehem. Marktflecken Aulendorf gab es bis zum ausgehenden 17.Jahrhundert eine israelitische Gemeinde. Das Wohngebiet der ca. 20 jüdischen Familien konzentrierte sich um die Radgasse, wo auch die „Judenschule(Synagoge) lag; zu den gemeindlichen Einrichtungen zählten auch ein Bade- u. ein Schlachthaus. Verstorbene wurden – gemeinsam mit denen aus (Bad) Buchau und Mittelbiberach – seit 1659 auf einem neuangelegten Begräbnisareal auf der Flur „Buchauer Insel“ Lage bestattet. Möglicherweise stand vor diesem Zeitpunkt ein eigener Friedhof in (oder bei) Aulendorf zur Verfügung.

 

In Grundsheim - nördlich von Bad Buchau - gab es eine jüdische Gemeinde vom Ende des 16. Jahrhunderts bis zur Vertreibung ihrer Angehörigen im Jahr 1720. In den letzten Jahrzehnten ihres Bestehens soll die israelitische Gemeinde sich aus bis zu 20 Familien zusammengesetzt haben. Ihre von der Ortsherrschaft angemieteten Wohnhäuser mitsamt der um 1695 erbauten Synagoge standen im „Judengässle“ (Ortsausgang Richtung Ruppertshofen). Verstorbene wurden auf einem eigenen Areal - heutige Flur „Judengottesacker (an der heutigen Kreisstraße nach Hundersingen) - begraben. Spuren des Friedhofs sind nicht mehr vorhanden. Auch das ehemals als Synagoge genutzte Gebäude wurde in den 1930er Jahren abgerissen.

 

In Riedlingen/Donau - ca. 15 Kilometer nordwestlich von Bad Buchau - hat es im Spätmittelalter jüdische Ansiedlung - vermutlich bis in die erste Hälfte des 14.Jahrhunderts - gegeben.

Riedlingen – Stich M. Merian, um 1640 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Nach jahrhundertelangem Niederlassungsverbot sind nach 1870 hier wieder einzelne jüdische Familien (nie mehr als 20 Personen) nachweisbar, die hier eine Bleibe fanden - so die beiden aus Buttenhausen stammenden Familien Abraham und Moses (gen. Moritz) Landauer, die sich mit ihrem Textilgeschäft in Riedlingen eine besseren Standort erhofften. Fast alle hier ansässig gewordenen Juden – so auch die Familien Oettinger und Weil - waren ebenfalls im Textilhandel tätig. Bereits in den Jahrzehnten zuvor waren jüdische Händler auf den Riedlinger Vieh- und Pferdemärkten – sie gehörten zu den wichtigsten Oberschwabens - präsent gewesen; die meisten der hier jüdischen Viehhändler kamen aus Buchau, Buttenhausen und Haigerloch.

Zu einer Gemeindegründung kam es in Riedlingen aber nicht; die Familien gehörten der Kultusgemeinde von Bad Buchau an.

Mit dem Boykott der drei hiesigen Textilgeschäfte am 1.4.1933 setzte nun auch in Riedlingen die Diskriminierung u. Verfolgung ein; es waren die Geschäfte von Herbert Siegfried Oettinger (Lange Straße), David u. Rosa Weil (Marktplatz) und ... (?).

Wenige Wochen vor der „Reichskristallnacht“ wurde auch das letzte noch bestehende jüdische Geschäft „arisiert“. Im lokalen Tageblatt wurde „die Ausmerzung sämtlicher drei Judengeschäfte und ihre Überführung in arischen Besitz“ lobend erwähnt und angekündigt, dass „im neuen Jahr ... Riedlingen also vollkommen judenfrei sein (wird), wie es bereits im Januar gelungen war, die Juden, diese gerissenen und gewissenlosen Schmarotzer am deutschen Wirtschaftsleben, von den Märkten auszuschalten. Bereits Anfang des Jahres 1938 war Juden der Aufenthalt und Handel auf dem hiesigen Viehmärkten verboten worden.

Die letzte Familie mosaischen Glaubens verließ Riedlingen Anfang 1939 und verzog nach Stuttgart. Fast allen Kindern u. Jugendlichen der Riedlinger Familien gelang die Flucht, zumeist in die USA.

Nach Angaben der Gedenkstätte Yad Vashem/Jerusalem und des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden ..." sind zehn aus Riedlingen stammende jüdische Bewohner Opfer der NS-Gewaltherschaft geworden (namentliche Nennung der betroffenen Personen siehe: alemannia-judaica.de/riedlingen_synagoge.htm).

 2016 wurden in Riedlingen an fünf Standorten insgesamt 20 sog. „Stolpersteine“ verlegt.

Nach Ludwig Peter Walz (geb. 1898 in Ulm) wurde in Riedlingen eine Straße benannt; der 1974 als „Gerechter unter den Völkern“ geehrte Walz hatte während der NS-Zeit über Jahre hinweg u.a. Angehörige der jüdischen Gemeinde Buttenhausen durch Lieferung von Lebensmitteln unterstützt.

 

In Leutkirch – einer Kleinstadt zwischen Memmingen und Wangen gelegen – haben im Laufe der Jahrhunderte sich zeitweise nur vereinzelt Juden aufgehalten. Erst im Laufe der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts ließ sich hier dauerhaft eine Familie (Lippmann Gollowitsch) nieder. Aus kleinsten Anfängen (als Hausierer) entstand im Laufe mehrerer Jahrzehnte ein Textilgeschäft, das als größtes im württembergischen Allgäu galt.

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Hist. Aufn. des Kaufhauses Gollowitsch - Werbeanzeige von 1909 (Abb. Stadtarchiv Leutkirch)

Zu keiner Zeit haben in der Kleinstadt mehr als zehn jüdische Bewohner gelebt; sie gehörten offiziell der israelitischen Kultusgemeinde Buchau an.

Heute erinnern mehrere „Stolpersteine“ an Angehörige der jüdischen Familie Gollowitsch, von denen einige deportiert und ermordet wurden, andere ihr Leben durch Emigration retten konnten.

Stolperstein Leutkirch Karlstraße 12 Heinrich GollowitschStolperstein Leutkirch Karlstraße 12 Alice GollowitschStolperstein Leutkirch Karlstraße 12 Liselotte GollowitschStolperstein Leutkirch Marktstraße 27 Friedrich GollowitschStolperstein Leutkirch Marktstraße 27 Lilly GollowitschStolperstein Leutkirch Marktstraße 27 Margot ForbesStolperstein Leutkirch Karlstraße 12 Ilse Neuberger alle Aufn. GmbO, aus: wikipedia.org, CCO

 

Weitere Informationen:

Otto Heuschele, Riedlingen - Das Lebensbild einer alten Donaustadt, Stuttgart/Bad Cannstatt 1950

Der ‘Gute Ort’ von Bad Buchau - Besuch auf dem jüdischen Friedhof, in: "Allgemeine Jüdische Wochenzeitung", Ausgabe April 1964

J. H. Gabelmann, Die Buchauer Synagogenglocke, in: "Pessach 5725" (1965) S. 20

Paul Sauer, Die jüdischen Gemeinden in Württemberg und Hohenzollern. Denkmale - Geschichte - Schicksale, Hrg. Archivdirektion Stuttgart, Kohlhammer Verlag, Stuttgart 1966, S. 31 - 36

Utz Jeggle, Judendörfer in Württemberg, Dissertation (Universität Tübingen), Nagold 1969

Joseph Mohn, Der Leidensweg unter dem Hakenkreuz (Dokumentation), Bad Buchau 1970

Bad Buchau und der Federsee - Im Herzen Oberschwabens, Ortschronik (mit verschiedenen Beiträgen; u.a. Jüdische Gemeinde, Federsee-Verlag, S. 94 ff.

Joachim Gladewitz, Riedlingen. Ein Porträt von Stadtbild und Landschaft, Geschichte und Kultur, Riedlingen 1976

Reinhold Adler, Moritz Vierfelder - Aus dem Emigrantenschicksal des letzten Vorstehers der jüdischen Gemeinde Buchau, in: "BC – Heimatkundliche Blätter für den Kreis Biberach", 5. Jg., 1/1982

Joachim Hahn, Synagogen in Baden-Württemberg, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1987

Reinhold Adler, Materialien zur Geschichte der Juden in Bad Buchau. Lehrerfortbildungsveranstaltung zur Landeskunde/Landesgeschichte, 1987

Reinhold Adler, Judenverfolgung in Bad Buchau 1933 - 1940, in: "BC – Heimatkundliche Blätter für den Kreis Biberach", 11. Jg., 2/1988

Joachim Hahn, Erinnerungen und Zeugnisse jüdischer Geschichte in Baden-Württemberg, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1988, S. 112 (Grundsheim) und S. 119 – 124 (Bad Buchau)

Reinhold Adler, Judenverfolgung in Buchau 1933 - 1940, in: "Zeit und Heimat - Beiträge zur Geschichte, Kunst und Kultur von Stadt und Kreis Biberach", Sonderdruck, 31.Jg., Nov., 1988

Georg Ladenburger, Die jüdische Gemeinde Buchau im Mittelalter (1). Buchaus jüdische Geschichte im 3.Reich (3), aus: Vortragsreihe vom September 1988 (abgedruckt in SZ vom 15.9. und 17.9.1988)

Tatjana Ilzhöfer (Bearb.), Der jüdische Friedhof in Bad Buchau, Unveröffentlichte Grunddokumentation im Auftrag der Stadt Bad Buchau und in Zusammenarbeit mit dem Landesdenkmalamt Baden-Württemberg, 1992

A.P. Kustermann/D.R.Bauer (Hrg.), Jüdisches Leben im Bodenseeraum. Zur Geschichte des alemannischen Judentums ..., Schwabenverlag Ostfildern 1994, S. 54 f.

Siegfried Kullen, Spurensuche. Jüdische Gemeinden im nördlichen Oberschwaben, in: "Blaubeurer Geographische Hefte" 5/1995

Carol Herselle Krinsky, Europas Synagogen. Architektur, Geschichte und Bedeutung, Fourier Verlag, Wiesbaden 1997, S. 262/265

Volkshochschule Bad Buchau (Hrg.), Jüdisches Leben in Buchau, Begleitheft zur Ausstellung 1998

Moritz Vierfelder, Leben und Schicksal eines Buchauer Juden, in: "Geschichte und Kultur, Landkreis Biberach", Band 4, Federsee-Verlag, Bad Buchau 2000

Charlotte Mayenberger, Von Buchau nach Theresienstadt, Dr. Oskar Moos (1869-1966), in: "Heimatkundliche Blätter für den Kreis Biberach", 23. Jg., Heft 2/2000

Charlotte Mayenberger, Moritz Vierfelder - Leben und Schicksal eines Buchauer Juden, in: Landkreis Biberach (Hrg.), Geschichte und Kultur, Band 4, Bad Buchau 2000

Charlotte Mayenberger, Der jüdische Friedhof in Bad Buchau: Der Gute Ort, Bad Buchau 2005

Christoph Knüppel, Zur Geschichte der Juden in Riedlingen, in: "Heimatkundliche Blätter für den Kreis Biberach", Jg. 29, No. 2, Nov. 2006, S. 38 - 65

Jürgen Simon, Steinerne Zeugen: Vieles in Bad Buchau erinnert noch an die früher hier lebenden Juden, in: Orte des Gedenkens und Erinnerns in Baden-Württemberg, Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, 2007, S. 48 - 53

Joachim Hahn/Jürgen Krüger, “Hier ist nichts anderes als Gottes Haus ...” Synagogen in Baden-Württemberg, Teilband 2: Orte und Einrichtungen, Konrad Theiss Verlag GmbH, Stuttgart 2007, S. 13 – 16 und S. 164

Charlotte Mayenberger, Juden in Buchau, in: Landkreis Biberach (Hrg.), Geschichte und Kultur Band 8, Federsee-Verlag, Bad Buchau 2008 (auch onlineabrufbar unter: judeninbuchau.de)

Rüdiger Bäßler (Red.), Charlotte Mayenberger, Hobbyhistorikerin aus Bad Buchau und Trägerin des German Jewish History Award - Sanft wird der Schleier des Vergessens weggezupft, in: „Stuttgarter Zeitung“ vom 25.2.2008

Bad Buchau, in: alemannia-judaica.de (mit zahlreichen Dokumenten zur jüdischen Gemeindehistorie)

Riedlingen, in: alemannia-judaica.de

Klaus Weiss (Red.), Von hier aus gingen sie den letzten Gang. Stolperschwelle am ehemaligen Bahnhof erinnert an das Schicksal der Buchauer Juden, in: „Schwäbische Zeitung“ vom 19.4.2013

Arbeitskreis „Juden in Buchau“ (Bearb.), 175 Jahre Synagoge Buchau – Ausstellung Sept./Okt. 2014 (mit Begleitbroschüre)

Waltraud Wolf (Red.), Mit „Stolpersteinen“ an die Riedlinger Juden erinnern, in: "Alb-Bote - Südwest-Presse“ vom 2.3.2015

Bruno Jungwirth (Red.), Stolpersteine werden am 24.Mai verlegt, in: „Schwäbische Zeitung“ vom 6.1.2016 (betr. Riedlingen)

Waltraud Wolf (Red.), Riedlingen: „Stolpersteine“ zur Erinnerung, in: „Alb-Bote - Südwest-Presse“ vom 24.5.2016

Auflistung der Stolpersteine in Leutkirch, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Leutkirch_im_Allgäu

Charlotte Mayenberger, Die Erinnerung darf nicht enden. Juden in Buchau, erg. u. erw. Neuaufl., 2018

Karin Kiesel (Red.), Aulendorfer Juden lebten unter dem Schutz des Grafen, in: „Schwäbische Zeitung“ vom 5.1.2019

Mechthild Zimmermann (Red.), Riedlingen. Kleine Steine des Erinnerns, in: „Schwäbische Zeitung“ vom 29.1.2019

Waltraud Wolf (Red.), Die Erinnerung an einen „Gerechten unter den Völkern“ wachhalten, in: „Schwäbische Zeitung“ vom 27.7.2019

N.N. (Red.), Reichspogromnacht in Bad Buchau: „Grausig scholl das Schreien der fanatischen Horden“, in: „Schwäbische Zeitung“ vom 8.11.2019