Bad Berleburg (Nordrhein-Westfalen)

Datei:Bad Berleburg in SI.svg Bad Berleburg ist eine Kleinstadt mit derzeit ca. 20.000 Einwohnern im nordrhein-westfälischen Kreis Siegen-Wittgenstein – ca. 40 Kilometer nordöstlich von Siegen bzw. ca. 50 Kilometer nordwestlich von Marburg gelegen (Karte TUBS, 2008, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Ansicht von Berleburg – Stich M. Merian, um 1655 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Die in religiöser Hinsicht tolerant eingestellten Grafen der Grafschaft Wittgenstein-Berleburg nahmen am Ende des 17.Jahrhunderts wegen ihres Glaubens Verfolgte auf, darunter auch jüdische Familien. Erstmalige Niederlassung von Juden in Berleburg erfolgte vermutlich bereits um die Mitte des 17.Jahrhunderts. Sie mussten jährlich an die gräfliche Regierung ein Schutzgeld entrichten, was dem Magistrat der Stadt Berleburg missfiel, da er so keine steuerlichen Einnahmen von jüdischer Seite beziehen durfte.

Die Zahl der Schutzjuden Berleburgs, die ihren Lebensunterhalt als Klein- u. Viehhändler und Metzger bestritten, blieb während der folgenden Jahrzehnte zunächst stets sehr gering. Doch als deren Zahl zunahm, wurde sogar Kritik seitens des späteren Vorstehers der Gemeinde laut, der um die Einkünfte seiner Glaubensgenossen fürchtete.

Im Laufe des 18.Jahrhunderts bildete sich in Berleburg eine kleine Gemeinde heraus. Im Jahre 1730 wurde erstmals eine „Schul“ erwähnt.

Ihr Synagogengebäude konnte die jüdische Gemeinde - auf Grund eines landesherrlichen Privilegs - um 1800 in der Unterstadt an der heutigen Ederstraße errichten. In diesem war neben einem Schulraum auch die Lehrerwohnung untergebracht. Doch bereits im Sommer 1825 wurde die Synagoge bei einem großen Stadtbrand völlig eingeäschert, „kostbare Geräthschaften von Werth“ wurden ein Raub der Flammen. Streitigkeiten innerhalb der Gemeinde verzögerten dann die Neubauplanungen der Synagoge; erst Mitte der 1830er Jahre konnte in der Mittelstraße bzw. der heutigen Jakob-Nolde-Straße das neue Gebäude eingeweiht werden. Es unterschied sich äußerlich kaum von den Nachbarhäusern, weil der Landrat zur Bedingung gemacht hatte, dass die Synagoge „als solche äußerlich nicht bezeichnet werde“; nur eine hebräische Inschrift über der Eingangstür wies auf deren Funktion hin. Zur Finanzierung des Baues hatten maßgeblich christliche Familien der kleinen Berleburger Oberschicht durch Darlehen beigetragen.

Jüdische Lehrer in Berleburg sind urkundlich seit den 1730er Jahren nachgewiesen. Der Versuch, eine jüdische Privatschule ins Leben zu rufen, scheiterte zunächst wegen der mangelnden Qualifikation des damaligen Lehrers; ansonsten besuchten die jüdischen Kindern die evang. Elementarschule. 1842 gründete sich dann aber doch eine jüdische Privatschule, die von Kindern aus Berleburg und zeitweise von denen aus Burholdingshausen und Littfeld besucht wurde. Der Unterricht fand in einem „kleinen gemietheten Locale“ statt.

Im Nordwesten des Schlosses wurde am Berlebach um 1740/1750 ein jüdischer Friedhof angelegt, nachdem Tote zuvor auf Friedhöfen in hessischen Nachbargemeinden beerdigt worden; der älteste hier noch vorhandene Grabstein trägt die Jahreszahl 5524, was dem Jahr 1763/1764 entspricht. Nach etwa 250jähriger Nutzung - das Areal war zwischenzeitlich noch erweitert worden - wurde der Friedhof wegen vollständiger Belegung geschlossen; ab 1905 diente den verstorbenen Juden dann ein Teil des städtischen Friedhofs am Sengelsberg als letzte Ruhestätte.

Zur jüdischen Synagogengemeinde Berleburg zählten - laut Statut von 1855/1857 - alle Juden, die auf dem Gebiet der heutigen Stadt Bad Berleburg lebten. In Elsoff existierte eine Untergemeinde mit eigener Betstube und Friedhof.

Juden in Berleburg:

        --- um 1700 ........................   4 jüdische Familien,

    --- 1725 ...........................   5     "       "     ,

    --- 1734 ...........................  10     “       “    ,

    --- 1763 ...........................  20     “       “    ,

    --- 1770 ...........................  18     “       “    ,

    --- 1819 ........................... 102 Juden,

    --- 1832 ........................... 107   “  ,

    --- 1843 ........................... 119   “  ,

    --- 1855 ...........................  93   "  ,

    --- 1871 ...........................  96   "  ,

    --- 1895 ...........................  87   “  ,

    --- 1925 ...........................  55   "  ,

    --- 1935 ...........................  27   “  ,

    --- 1939 ...........................  23   "  .

Angaben aus: Karl-Ernst Riedesel, Die Anfänge einer jüdischen Gemeinde in Berleburg während des 18.Jahrhunderts

und                Angaben der Stadtverwaltung Bad Berleburg

Auf Grund der kontinuierlichen Abnahme der jüdischen Bevölkerung in Berleburg war es schwierig, regelmäßige Gottesdienste abzuhalten. Um die für den Minjan notwendige Zahl von zehn religionsmündigen Männern zusammenzubringen, griff man bei Feiertagen auf Mitglieder der Untergemeinde aus dem Edertal und Elsoff zurück.

Bald nach der NS-Machtübernahme mussten die zu Beginn des 20.Jahrhunderts weitestgehend gut integrierten jüdischen Bewohner dann erkennen, wie man sie aus der kleinstädtischen Gesellschaft verdrängte. Anordnungen und antisemitische Plakate im Ort, die vor allem auf Betreiben des Berleburger Bürgermeisters erstellt worden waren, brachten das Wirtschaftsleben der Juden fast zum Erliegen. Immer mehr Gemeindemitglieder verließen nun Berleburg und gingen in die Emigration.

Im Anschluss an eine am 9.November 1938 stattgefundene „Gedenkfeier zu Ehren der Kämpfer des Jahres 1923“, an der NSDAP-Mitglieder und Angehörige anderer NS-Organisationen teilnahmen, soll sich ‚spontan’ eine mehr als hundertköpfige Menschenmenge in Richtung Synagoge aufgemacht haben. Das Gebäude wurde aufgebrochen, Fenster und Inneneinrichtung wurden zerschlagen und anschließend auf den Marktplatz gekarrt, dort mit Benzin übergossen und - begleitet von Verunglimpfungen - öffentlich verbrannt. Ein Schwelbrand im Synagogengebäude konnte von Nachbarn gelöscht werden. Im Frühjahr 1939 wurde das Gebäude veräußert, und der neue Besitzer ließ es alsbald zu einem Wohnhaus umbauen. Die am Ort verbliebenen, meist älteren jüdischen Einwohner wurden deportiert, die letzten 15 kamen am 27.7.1942 nach Theresienstadt; von ihnen kehrte nur ein einziger zurück.

Wenige Jahre nach Kriegsende standen mehrere am Synagogenbrand von Berleburg Beteiligte vor dem Landgericht in Siegen: Sie wurden zu kurzen Haftstrafen verurteilt, und im Revisionsverfahren wurden die Strafen dann aufgehoben.

 

Auf dem bis Anfang des 20.Jahrhunderts belegten jüdischen Friedhof findet man heute noch ca. 40 Grabsteine; insgesamt sollen auf dem Gelände etwa 300 Beerdigungen stattgefunden haben.

alter jüdischer Friedhof (Aufn. U. Buschmann, 2012, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Auf dem seit Beginn des 20.Jahrhundert bestehenden jüdischen Begräbnisfeld auf dem Kommunalfriedhof von Bad Berleburg findet man etwa 35 Grabstätten.

neues Friedhofsgelände (Aufn. U. Buschmann, 2012, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Seit dem Jahr 2000 erinnert ein Mahnmal am Berlebach an die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus. Die Inschrift lautet:

verfolgt, entrechtet und ermordet

Zum Gedenken an die jüdischen Bürgerinnen und Bürger der Stadt Berleburg

1933   -   1945

Darüber weine ich, mein Auge, mein Auge fließt in Tränen

Klagelieder 1, 16

(Nun folgen 54 Namen Juden aus Berleburg)

                           Jüdische Gedenkstätte (aus: sgv-bad-berleburg.de)

In Bad Berleburg und seinen Stadtteilen erinnern zahlreiche sog. „Stolpersteine“ an Opfer der NS-Gewaltherrschaft; die ersten wurden 2008 verlegt, inzwischen sind es mehr als 60 Steine (Stand 2020).

 

In Elsoff - heute ein Stadtteil von Bad Berleburg - lebten Mitte des 18.Jahrhunderts ca. zehn jüdische Familien, die enge Beziehungen zu den jüdischen Handelsleuten im Edertal pflegten. Die Bildung einer Synagogengemeinde erfolgte vermutlich um 1800. Neben einer in einem Privathaus untergebrachten Betstube stand den jüdischen Bewohnern ein relativ großes Friedhofsgelände am Heiligenberg zur Verfügung; hier fanden auch Verstorbene aus Arfeld, Bettelhausen, Richstein und Schwarzenau ihre letzte Ruhe.

Juden in Elsoff:

--- 1734 .........................  8 Schutzjuden (Familienzahl),

--- 1765 ......................... 11 jüdische Familien (ca. 20% d. Bevölk.),

--- 1819 ......................... 30 Juden,

--- 1843 ......................... 49   “  ,

--- 1858 ......................... 33   “  ,

--- 1871 ......................... 30   “  ,

--- 1895 ......................... 21   “  ,

--- 1925 ......................... 13   “  ,

--- 1933 ......................... 12   “  .

Angaben aus: Johannes Burkardt (Red.), Bad Berleburg-Elsoff und Bad Berleburg-Schwarzenau, in: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe, S. 173

Im letzten Drittel des 19.Jahrhunderts setzte eine Abwanderung der jüdischen Familien in größere Orte ein.

Nach dem Ersten Weltkrieg lebten in Elsoff noch zwei jüdische Familien; in den 1920er Jahren nur noch eine, nämlich die Familie Löwenstein.

An zehn ehemalige jüdische Einwohner, die in der NS-Zeit ermordet worden sind, erinnert seit 2002 eine Gedenktafe in Elsoff; acht Jahre später wurde ein Gedenkstein direkt unterhalb des jüdischen Friedhofs enthüllt; auf einer dort angebrachten Tafel werden unter der Inschrift: "Im Gedenken an die in Elsoff geborenen jüdischen Bürgerinnen und Bürger, die Opfer des nationalsozialistischen Rassenwahns geworden sind!" sind auch die Namen der Betroffenen aufgeführt.

Auf dem relativ großflächigen jüdischen Friedhofsgelände (es umfasst ca. 2.400 m²) - am "Unterm Heiligenberg" gelegen - sind heute noch ca. 25 Grabsteine vorhanden.

jüdischer Friedhof in Elsoff (Aufn. U. Buschmann, 2012, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

 

In Erndtebrück – südwestlich von Bad Berleburg – wurden im Rahmen des Projektes „Stolpersteine“ an drei Stellen insgesamt zehn Gedenktäfelchen in das Gehwegpflaster verlegt - davon acht in der Marburger Straße und zwei in der Bergstraße. Zudem erinnert eine Gedenktafel an die jüdischen Opfer.

 

Weitere Informationen:

Karl-Ernst Riedesel, Frauen in der jüdischen Gemeinde Berleburgs im 18.Jahrhundert, in: "Blätter des Wittgensteiner Heimatvereins e.V.", Band 55, Heft 4/1988, S. 126 - 136

Johanna Morgenstern-Wulff, Jüdische Begräbnisplätze und Grabmale in Wittgenstein, in: "Wittgenstein. Blätter des Wittgensteiner Heimatvereins", 52/188, S. 117 - 160

K.Dietermann/J.Morgenstern-Wulff/R.Röcher, Die jüdischen Friedhöfe im Kreis Siegen-Wittgenstein, hrg. von der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Siegerland e.V. 1991

Karl-Ernst Riedesel, Die Anfänge einer jüdischen Gemeinde in Berleburg während des 18.Jahrhunderts, in: "Blätter des Wittgensteiner Heimatvereins e.V.", Band 58, Heft 4/1994, S. 125 - 139

Karl-Ernst Riedesel, Die Synagoge in Berleburg , in: "Blätter des Wittgensteiner Heimatvereins e.V.", Band 59, Heft 4/1995, S. 130 - 151

Karl-Ernst Riedesel, Ein Berleburger Judeneid, in: "Blätter des Wittgensteiner Heimatvereins e.V.", Band 60, Heft 2/1996, S. 64 – 68

Karl Hüster, Christen und Juden in Elsoff, in: "Blätter des Wittgensteiner Heimatvereins e.V.", Jg. 85, Heft 3/1997, S. 109 - 114

Günter Birkmann/Hartmut Stratmann, Bedenke vor wem du stehst - 300 Synagogen und ihre Geschichte in Westfalen und Lippe, Klartext Verlag, Essen 1998, S. 106/107

Michael Brocke (Hrg.), Feuer an dein Heiligtum gelegt - zerstörte Synagogen 1938 in Nordrhein-Westfalen, Bochum 1999, S. 37/38

Rikarde Riedesel, Ruth Krebs - jüdische Kindheit in Berleburg, in: Aufsätze zu Geschichte u. Naturkunde Wittgensteins. Eberhard Bauer zum 75.Geburtstag, hrg. von J.Burkhardt/Ulf Lückel, Kreuztal 2004, S. 253 - 259

Karl-Ernst Riedesel, Berleburger Schutzjuden im 17. und 18.Jahrhundert, in: "Wittgenstein. Blätter des Wittgensteiner Heimatvereins", 68/2004, S. 122 - 129

Elfi Pracht-Jörns, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen - Regierungsbezirk Arnsberg, J.P.Bachem Verlag, Köln 2005, S. 480 – 489

Johannes Burghardt, Die Berleburger Juden, in: R.Riedesel/J.Burghardt/U.Lückel (Hrg.), Bad Berleburg – Die Stadtgeschichte, Bad Berleburg 2009, S. 142 f.

Auflistung der Stolpersteine in Bad Berleburg, in: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Bad_Berleburg

Auflistung der Stolpersteine in Erndtebrück, in: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Erndtebrück

Karl-Hermann Völker (Red.), Bürger von Elsoff errichteten ein Mahnmal für zehn ermordete jüdische Bürger. Stein erinnert an die Opfer, in: "HNA - Hessische Niedersächsische Zeitung" vom 25.8.2010

Der Geschichtsverein Battenberg e.V. eröffnete 2011 eine Dokumentation zum jüdischen Leben im Oberen Edertal; es wurden Einzelschicksale von jüdischen Familien dokumentiert, darunter auch das Schicksal der Familie Levi Elsoffer aus Elsoff

Eberhard Demtröder, Zehn Stolpersteine mahnen in Erndtebrück, in: "WAZ - Westdeutsche Allgemeine Zeitung" vom 5.4.2013

Georg Ludwig Braun, „Was haben wir denn getan?“ Die Elsoffer Juden, ein Beitrag zur Geschichte des Landjudentums in Elsoff/Kreis Siegen-Wittgenstein, 2014 (auch online abrufbar unter: elsoff-online.de/images/PDF/Elsaphu_Judaica [Deadline] HQ.pdf)

Hartmut Prange (Red.), Stolpersteine in Bad Berleburg-Schwarzenau, Aufsatz vom 26.9.2016 (abrufbar unter: siwiarchiv.de/wp-content/uploads/2016/09/Stolpersteine-in-Bad-Berleburg_2.pdf)

Johannes Burkardt (Bearb.), Bad Berleburg, in: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe – Die Ortschaften und Territorien im heutigen Regierungsbezirk Arnsberg, Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen, Ardey-Verlag Münster 2016, S. 164 – 172

Johannes Burkardt (Bearb.), Bad Berleburg-Elsoff und Bad Berleburg-Schwarzenau, in: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe – Die Ortschaften und Territorien im heutigen Regierungsbezirk Arnsberg, Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen, Ardey-Verlag Münster 2016, S. 172 - 178