Autenhausen (Oberfranken/Bayern)

Datei:Seßlach in CO.svg Autenhausen mit seinen derzeit ca. 300 Bewohnern ist heute ein Ortsteil der Stadt Seßlach bei Coburg (Karte 'Umgebung von Coburg' mit Eintrag von Seßlach, St. 2005, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 2.0 de  und  Kartenskizze 'Landkreis Coburg', Hagar 2010, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0).

 

Der jüdische Bevölkerungsanteil in Autenhausen betrug gegen Mitte des 19.Jahrhunderts etwa 40%.

Erste Hinweise auf jüdisches Leben im Dorf Autenhausen, das damals zum Bistum Bamberg gehörte, stammen aus der zweiten Hälfte des 17.Jahrhunderts: Um 1675 sollen sechs jüdische Familien am Ort gelebt haben. Bis ins 19.Jahrhundert lebten die hier ansässigen Juden vorwiegend vom Viehhandel, einige betrieben eine kleine Landwirtschaft, andere ein Handwerk.

Die sich bildende Gemeinde besaß zu keiner Zeit einen eigenen Rabbiner; das Amt des Vorsängers und Schächters übte der hier angestellte jüdische Lehrer aus.

 http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20112/Autenhausen%20Israelit%2017101911.jpg

gemeindliche Stellenangebote von 1909 und 1911 (aus der Zeitschrift "Der Israelit")

Während ihrer zahlenmäßigen Blütezeit erbaute die Gemeinde im Jahre 1829 eine Synagoge. Im Gebäude wurde auch die 1874 neugegründete jüdische Elementarschule untergebracht; gegenüber dem Synagogengebäude befand sich eine Mikwe.

https://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20470/Autenhausen%20Synagoge%20150.jpg Synagogengebäude um 1910 (Aufn. aus: alemannia-judaica.de)

Verstorbene fanden auf dem Mitte der 1830er Jahre angelegten jüdischen Friedhof von Autenhausen ihre letzte Ruhe. Mehrere Jahrzehnte diente das Gelände auch den Coburger Juden als Begräbnisstätte. Der Friedhof liegt auf einer Anhöhe etwa 300 Meter abseits der Ortschaft.

  

Jüdischer Friedhof (Aufn. S., 2011, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0 und Rensi, 2002, aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Die jüdische Gemeinde Autenhausen gehörte bis in die 1820er Jahre dem Distriktsrabbinat Burgpreppach an, danach kam sie zum Rabbinat Bamberg, um nach 1860 wieder Burgpreppach unterstellt zu werden.

Juden in Autenhausen:

         --- 1675 ........................   6 jüdische Familien,

    --- 1816 ........................  85 Juden (ca. 28% d. Dorfbev.),

    --- 1825 ........................  22 jüdische Familien,

    --- 1840 ........................ 125 Juden (ca. 40% d. Dorfbev.),

    --- 1852 ........................ 104   “  ,

    --- 1867 ........................  61   "   (ca. 20% d. Dorfbev.),

    --- 1875 ........................  68   “  ,

    --- 1890 ........................  64   “  ,

    --- 1910 ........................  20   “  ,

    --- 1923 ........................   2 jüdische Familien,

    --- 1925 ........................   keine.

Angaben aus: Klaus Guth (Hrg.), Jüdische Landgemeinden in Oberfranken (1800 - 1942), S. 104

      Künstler Ak Gutmann, Jenny, Autenhausen Seßlach, Panorama von der Ortschaft Autenhausen um 1910 (Abb. aus: akpool.de)

 

In der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts war die Zahl der Gemeindeangehörigen rückläufig: Auswanderung und Abwanderung in größere Städte reduzierte die Zahl der jüdischen Familien; wenige Jahre vor dem Ersten Weltkrieg wohnten nur noch 20 Bewohner mosaischen Glaubens im Ort.

https://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20209/Autenhausen%20Israelit%2021081902.jpg https://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20183/Autenhausen%20Israelit%2017021904.jpgKleinanzeigen von 1902/1904

Anfang der 1920er Jahre wurde die jüdische Kultusgemeinde schließlich aufgelöst. Die beiden zuletzt hier wohnhaft gewesenen Ehepaare hatten Anfang November 1923 unter tätlichen Attacken von Angehörigen 'völkischer' rechtsradikaler Gruppierungen zu leiden: sie wurden überfallen, ausgeraubt und schwer misshandelt. Daraufhin verließen auch sie das Dorf; Anfang Januar 1924 wurde hier kein einziger jüdischer Bewohner mehr gezählt.

  In einem Artikel der Zeitung des "Central-Vereins" (CV-Zeitung) vom 23. Nov. 1923 wurde über das pogromartige Geschehen in Autenhausen wie folgt berichtet:

https://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20263/Autenhausen%20CV%20Ztg%2023111923.jpg

Wenige Jahre später wurde auch das Synagogengrundstück verkauft. Die neuen Besitzer ließen das Synagogengebäude alsbald abreißen; die Ritualien wurden auf die umliegenden jüdischen Gemeinden aufgeteilt.

Nach Angaben der Gedenkstätte Yad Vashem/Jerusalem und des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden ..." fielen sieben aus Autenhausen stammende Bewohner mosaischen Glaubens der Shoa zum Opfer (namentliche Nennung der betroffenen Personen siehe: alemannia-judaica.de/autenhausen_synagoge.htm).

 

Einziges bauliches Zeugnis jüdischer Vergangenheit Autenhausens ist der auf einer Anhöhe liegende Friedhof; der von einer Bruchsteinmauer umgebene ca. 3.700 m² große Begräbnisplatz wurde bis um 1920 belegt; etwa 100 Grabsteine sind erhalten geblieben.

https://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20434/Autenhausen%20Friedhof%20IMG_20190914_182719.jpgAufn. R. Povolotsky, 2019, aus: alemannia-judaica.de

 

 

                 Weitere Informationen:

Baruch Z. Ophir/F. Wiesemann (Hrg.), Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 - 1945. Geschichte und Zerstörung, München/Wien 1979, S. 108/109

Klaus Guth (Hrg.), Jüdische Landgemeinden in Oberfranken (1800 - 1942). Ein historisch-topographisches Handbuch, Bayrische Verlagsanstalt Bamberg, Bamberg 1988, S. 103 - 109

Israel Schwierz, Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens in Bayern - Eine Dokumentation, Hrg. Bayrische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, München 1992, S. 205/206

Michael Trüger, Der jüdische Friedhof in Autenhausen, in: Der Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern, 11. Jg. Nr. 69 vom April 1996, S. 18

Autenhausen, in: alemannia-judaica.de (mit zahlreichen zumeist personenbezogenen Dokumenten zur jüdischen Lokalgeschichte)

A. Hager/H.-Chr. Haas, Bamberg, in: Mehr als Steine ... Synagogengedenkband Bayern, Band 1, Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg/Allgäu 2007, S. 125 (unter „Coburg“ erwähnt)

Wolfgang Braunschmidt (Red.), Jüdische Geschichte: Die Autenhausener Pogromnacht, in: „Neue Presse Coburg“ vom 15.2.2023