Arheilgen (Hessen)

Arheilgen ist seit 1937 ein Stadtteil im Norden der Großstadt Darmstadt (Ausschnitt aus hist. Karte von 1905, aus: wikipedia.org CCO und Kartenskizze 'Stadtteile von Darmstadt', St. 2010, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0).
In Arheilgen bestand bis zu Beginn des 20.Jahrhunderts eine jüdische Gemeinde, deren Entstehung vermutlich bereits im 17.Jahrhundert lag; um 1530/50 soll bereits eine jüdische Familie im Dorf gelebt haben; einzelne (namentlich genannte) Schutzjuden sind in den Folgejahrzehnten hier wohnhaft gewesen; dasselbe gilt für die Zeit des 30jährigen Krieges, in der drei Schutzjuden (Abraham, Hayum und Issac) namentlich in Rechnungen der landgräflichen Kammer aufgeführt sind.
Das mehr als 200 Jahre zu Hessen-Darmstadt gehörige Dorf, ging 1806 in das Herrschaftsgebiet des Großherzogtums Hessen über.
Um 1830/1840 erreichte die Judenschaft mit mehr als 100 Personen ihren zahlenmäßigen Höchststand.
Zu den gemeindlichen Einrichtungen gehörten seit ca. 1800 eine Synagoge in der Kleinen Hundsgasse (heute Kleine Brückenstraße)*, eine jüdische Schule und eine Mikwe.
*Anlässlich der Synagogeneinweihung soll es ‚feucht-fröhlich‘ zugegangen sein, was den Darmstädter Landrabbiner missfiel und ihn veranlasste, für dieses Verhalten eine Bestrafung zu fordern.
Etwa ein halbes Jahrhundert später ließ die Gemeinde einen Synagogenneubau erstellen.
Synagoge – Rekonstruktionsskizze von Walter Weber, um 1990
Zur Verrichtung religiös-ritueller Aufgaben der Gemeinde war im 19. Jahrhundert zeitweise ein Lehrer angestellt, der zugleich als Vorbeter tätig war.
Anzeige aus der Zeitschrift „Der Israelit" vom 8.Juni 1870
Verstorbene fanden ihre letzte Ruhe auf dem jüdischen Friedhof in Groß-Gerau.
Die Gemeinde gehörte bis in die 1920er Jahre zum orthodoxen Bezirksrabbinat Darmstadt II, in den Folgejahren dann zum liberalen Bezirksrabbinat Darmstadt I.
Juden in Arheilgen:
--- um 1620 .......................... 5 jüdische Familien,
--- um 1695 .......................... 6 “ “ ,
--- 1776 ............................. 9 “ “ ,
--- 1797 ............................. 17 " " ,
--- 1802 ............................. 16 “ “ ,
--- 1828/29 .......................... 111 Juden,
--- 1861 ............................. 98 “ (ca. 4% d. Bevök.),
--- 1880 ............................. 48 “ ,
--- 1900 ............................. 31 “ ,
--- 1910 ............................. 24 “ ,
--- 1925 ......................... ca. 20 “ ,
--- 1937 ............................. 14 " ,
--- 1939 (Mai) ....................... 15 “ .
Angaben aus: P. Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Bd. 1, S. 46
und Arheilgen, in: alemannia-judaica.de
und Wolfgang Treue/Kamila Lenartowicz (Bearb.), Arheilgen (Stadt Darmstadt), in: Zerbrechliche Nachbarschaft …, S. 461
In den Jahrzehnten nach 1860 ging die Zahl ihrer Gemeindeangehörigen deutlich zurück; trotz dieser Tatsache unterzog man die Synagoge einer umfassenden Renovierung wie das "Frankfurter Israelitischen Familienblatt" vom 11. Sept. 1903 berichtete:

1910 lebten in Arheilgen nur noch 24 Personen mosaischen Glaubens.
Bereits Anfang März 1933 war es in Arheilgen zu antisemitischen Ausschreitungen gekommen. Das Synagogengebäude überstand die Jahre der NS-Zeit nur deshalb, weil es vor 1938 in „arischen“ Besitz übergegangen war; allerdings kam es durch eine spätere Brandstiftung (1944) zu Schaden. Gewalttätigkeiten gegenüber jüdischen Bewohnern während der Novembertage 1938 führten im Ort zu mehreren Todesfällen. 1939 wurden hier noch 15 jüdische Einwohner gezählt. Während einigen jüdischen Bewohnern Arheilgens noch die rettende Emigration gelang, wurden die verbliebenen Opfer des Holocaust, nachdem sie zunächst zwangsweise in einem „Judenhaus“ in Darmstadt untergebracht und von dort ins Ghetto Theresienstadt „umgesiedelt“ worden waren..
Nach Angaben der Gedenkstätte Yad Vashem/Jerusalem und des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden ..." fielen 14 gebürtige bzw. länger im Ort wohnhaft gewesene Arheilger Bürger mosaischen Glaubens der Shoa zum Opfer (namentliche Nennung der betroffenen Personen siehe: alemannia-judaica.de/arheilgen_synagoge.htm).
An den jüdischen Getreidehändler Heinrich Wechsler (geb. 1901), der im März 1933 an den Folgen antisemitischer Gewalt zu Tode kam, erinnert seit 1974 in Arheilgen die Wechslerstraße.
Seit 2009 nimmt Arheilgen am sog. „Stolperstein“-Projekt teil.
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verlegt in der Aron-Reinhardt-Straße
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verlegt in der Darmstädter Straße und Felchesgasse (Aufn. G., 2022, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)
2018 fand eine von Schülern der Stadtteilschule Arheilgen organisierte Verlege-Aktion statt: so wurden in der Darmstädter Straße vier Steine in Erinnerung an Angehörige der Familie Karlsberg in den Gehweg eingefügt.
vgl. dazu auch: Darmstadt (Hessen) und Eberstadt (Hessen)
Weitere Informationen:
J. Lebermann, Das Darmstädter Landesrabbinat, Frankfurt/M., 1929
Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Societäts-Verlag, Frankfurt/M. 1971, Bd. 1, S. 46
W. Andres, Alt-Arheilgen - Geschichte eines Dorfes, Darmstadt 1978, S. 206 – 213
The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 1), New York University Press, Washington Square, New York 2001, S. 54
Arheilger Geschichtsverein AGV e.V. (Hrg.), Streiflichter auf die Geschichte und Gegenwart Arheilgens, Schriftenreihe Band 2, Darmstadt 2012
Arheilger Geschichtsverein AGV e.V. (Hrg.), Das Leben jüdischer Mitbürger in Arheilgen – Projekt Stolpersteine, in: arheilger-geschichtsverein.de
Arheilgen, in: alemannia-judaica.de
Stolpersteine in Darmstadt, Arheilgen und Eberstadt (Stand Okt. 2015), in: dfg-vk-darmstadt.de (mit z.T. detaillierten Biografien der Opfer)
N.N. (Red.), Neue Stolpersteine in Darmstadt-Arheilgen, in: echo-online.de vom 9.10.2015
Auflistung der in Darmstadt verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Darmstadt
Bettina Bergstedt (Red.), Erinnerung an Familie Karlsberg. Schüler der Stadtteilschule Arheilgen verlegen Stolpersteine in der Darmstädter Straße 3, in: "Echo" vom 17.5.2018
Helmut W. Diedrichs, Die Arheilger Synagoge, hrg. vom Arheilger Geschichtsverein, 2022
Geschichtsverein Arheilgen, Ein Gang im November. Wegmarken jüdischen Lebens in Arheilgen, Fundsachen des Arheilger Geschichtsvereins, 2024
Wolfgang Treue/Kamila Lenartowicz (Bearb.), Arheilgen (Stadt Darmstadt), in: Chr. Wiese/Stefan Vogt u.a. (Hrg.), Zerbrechliche Nachbarschaft – Gedenkbuch der Synagogen und jüdischen Gemeinden in Hessen, Verlag De Gruyter Oldenbourg, 2025, S. 456 - 463