Amstetten (Österreich)

Bezirk Amstetten Landkarte Amstetten ist eine Stadt im Südwesten Niederösterreichs, dem Mostviertel; sie ist Sitz der Bezirkshauptmannschaft Amstetten und zählt derzeit ca. 23.000 Einwohner (Abb. aus: plz-suche.org).

Mit der Inbetriebnahme der Kaiserin-Elisabeth-Westbahn (1858) und der Kronprinz-Rudolf-Bahn (1872) setzte ein wirtschaftlicher Aufstieg des Marktes Amstetten ein.

 Amstetten (Merian).jpgAmstetten um 1680 (Abb. aus: commons.wikimedia.org, gemeinfrei)

Die ersten jüdische Ansiedlungen in Amstetten begannen Mitte der 1860er Jahre; knapp zwei Jahrzehnte später wurde Amstetten Sitz einer israelitischen Kultusgemeinde, die die Bezirke Amstetten und Scheibs und die Gerichtsbezirke Persenbeug, Mank und Ybbs sowie Waidhofen an der Ybbs umfasste. Um 1850/1860 war bereits in Kemmelbach, das zur Kommune Neumarkt gehörte, eine jüdische Gemeinschaft entstanden, die kurzzeitig ein eigenes Bethaus und eine Schule besaß. Um 1855 lebten ca. 75 Juden im Dorf (ca. 11% der Bevölkerung). Anfang der 1880er Jahre wurde die Gemeindeverwaltung nach Ybbs/Donau verlegt.

Seit Sommer 1896 verfügte die Gemeinde in Amstetten über einen Betraum, der Jahre später in ein Gebäude der Ardaggerstraße verlegt wurde. Der von der Gemeinde ins Auge gefasste und bereits geplante Bau einer Synagoge kam wegen der NS-Herrschaft nicht mehr zustande. Die bis 1922 besetzte Rabbinerstelle wurde anschließend von St. Pölten mitverwaltet.

Ein eigenes Beerdigungsgelände besaß die Judenschaft in Amstetten nicht; Verstorbene wurden in Göttsbach bei Ypps a. d. Donau beerdigt.

Juden in Amstetten:

        --- 1890 ...........................  40 Juden (in 9 Familien),

    --- 1900 ...........................  45   “  ,

    --- 1923 ...........................  20   “    (in 9 Familien),

    --- 1934 ....................... ca. 350   “  ,*   * gesamte Kultusgemeinde

    --- 1938 ...........................  29   “  ,

    --- 1939 (Mai) .....................   3   “  ,

             (Sept.) ...................   keine.

Angaben aus: Josef Freihammer, Das Schicksal der Amstettner Juden, Hrg. Stadtgemeinde Amstetten 1989

Hauptplatz, um 1930 (Aufn. aus: amstetten.at)

Mit der Gründung des „Antisemitenbundes“ durch die beiden späteren Bürgermeister der Stadt im Jahr 1920 manifestierte sich die seit langem hier bestehende Judenfeindschaft. Die Lokalzeitung, der „Amstetter Anzeiger“, unterstützte diese mit ihren Veröffentlichungen vehement.

Wenige Wochen nach dem sog. „Anschluss” wurden die Amstettener Juden die ersten Opfer des NS-Regimes: Sie wurden ausgegrenzt und verloren ihre bürgerlichen Rechte; diejenigen „Volksgenossen“, die noch zu ihnen hielten, wurden in der Lokalpresse schonungslos angeprangert.

   Kurznotiz im „Amstetter Anzeiger“  (19.5.1938)                            

 

 

 

 

Bald zeigten die Boykottmaßnahmen Wirkung: Die wirtschaftliche Situation der Amstetter Juden verschlechterte sich derart, dass sie zur Abwanderung gezwungen wurden; sie verkauften ihre Geschäfte und Liegenschaften - oft weit unter Preis - und verließen den Ort. Die letzten verbliebenen jüdischen Einwohner wurden zu Opfern der gezielten Zerstörungsaktionen des Novembers 1938: SS-Angehörige setzten den jüdischen Betraum in der Ardaggerstraße in Brand, drangen in von Juden bewohnte Häuser und Geschäfte ein, zerschlugen das Mobiliar und zertrümmerten die Schaufensterscheiben mitsamt der Auslagen. Tags darauf wurden mehrere jüdische Männer in Haft genommen; zudem fanden Hausdurchsuchungen statt.

  Die Lokalpresse meldete am 17.November 1938:

                                                    aus: „Amstetter Anzeiger“ vom 17.11.1938

BH Amstetten, XI-153/VI-303
DÖW E 19.829

Der Monat November ist im Verwaltungsbezirk politisch vollkommen ruhig verlaufen. Nur am 9. November ereigneten sich in einzelnen Gemeinden, so Amstetten, Waidhofen a. d. Ybbs und Kematen, kleinere Zwischenfälle, bei welchen die erbitterte Bevölkerung die Auslagen von Judengeschäften zertrümmerte und auch in den Judenwohnungen Verheerungen verursachte. Zwecks Vermeidung weiterer Zwischenfälle mußten die männlichen Juden zwischen 18 und 50 Jahren in Schutzhaft genommen werden.

 (aus: Situationsbericht des Landrats des Kreises Amstetten für November 1938 an die GESTAPO Wien, 2. 12. 1938)

Wenige Wochen später verkündete die lokale NSDAP-Führung, dass Amstetten als eine der ersten Städte Niederdonaus „judenfrei“ sei. Die letzte jüdische Familie verließ den Ort im August 1939; allerdings wurde ein jüdischer Bewohner „übersehen“; er konnte hier bis Herbst 1941 unerkannt überleben.

In der Endphase des Krieges gab es in Amstetten zwei Außenlager des KZ Mauthausen, in denen jüdische Häftlinge untergebracht und bei Aufräum- und Reparaturarbeiten am zerbombten Bahnhof eingesetzt waren. Dem Männerlager ‘Bahnbau I’ gehörten bis zu 3.000 Häftlinge an, im Frauenlager ‘Bahnbau II’ waren es ca. 500. Bereits im Jahr zuvor hatten ungarische Juden Arbeitseinsätze bei verschiedenen Amstetter Firmen leisten müssen; beim Bau eines Luftschutzstollens waren außerdem Häftlinge aus dem KZ Mauthausen eingesetzt; diese wurden täglich mit dem Zug hierher gebracht. Bei einem schweren Bombenangriff auf Amstetten am 20.3.1945 wurde auch eine nicht bekannte Anzahl von Häftlingen getötet.

 

Nahe dem Stadtzentrum, im Schulpark, richtete die Kommune 1999 eine Gedenkstätte ein; das außergewöhnlich gestaltete, von Norbert Maringer geschaffene Mahnmal - in einer Rasenfläche kreisförmig ausgelegte Glaszylinder – ist mit den Namen der elf vertriebenen jüdischen Familien versehen.

Datei:Gedenkstätte im Schulpark Amstetten.jpg Gedenkstätte im Schulpark (Aufn. H. Pinki, 2018, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)

 

Ybbs an der Donau – östlich von Amstetten gelegen – existierte eine kleine „Cultusgemeinde“, die um 1895 in Göttsbach (heute Ortsteil von Ybbs) einen Begräbnisplatz anlegte; das ca. 4.000 m² umfassende Areal stand auch verstorbenen Juden aus dem südlichen und westlichen Waldviertel zur Verfügung.

Während der NS-Zeit wurden ca. 300 Grabsteine von hier entfernt und einem Steinmetzbetrieb zur weiteren Verwendung überlassen. Von diesen Steinen konnten in den 1960er Jahren noch ca. 100 aufgefunden werden, die dann erneut auf dem Friedhof - mangels genauer Kenntnis ihres früheren Standortes - in einer Doppelreihe aufgestellt wurden. In freiwilliger Arbeit haben Schüler der Höheren Landwirtschaftlichen Bundeslehranstalt Francisco-Josephinum in einem transnationalen Schulprojekt sich um die Pflege des Friedhofs bemüht: Grabsteine wurden gereinigt, Inschriften erneuert, die Grünanlage gepflegt und zudem eine Gedenktafel auf dem Gelände aufgestellt.

Ehem. Zeremonienhalle und Grabsteinreihe (Aufn. Grisu, 2008, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

 

Weitere Informationen:

Josef Freihammer, Das Schichsal der Amstettner Juden, in: "Heimatkundliche Beilage zum Amtsblatt der Bezirkshauptmannschaft Amstetten", No. 203 vom 15.11.1988 (Anm.: fast nur personenbezogene Daten)

Gerhard Zeillinger (Hrg.), Amstetten 1938 - 1945. Dokumentation und Kritik, Kulturamt der Stadtgemeinde Amstetten, 1996, S. 58 f. und S. 65/66

Gerhard Zeilinger, Die jüdische Kultusgemeinde von Amstetten, in: "Die Zeitschrift für Amstetten", No.1/1997, S. 10 f.

Gerhard Zeilinger, Gedenken an die jüdische Kultusgemeinde von Amstetten (1881 - 1939) und ihre Opfer, in: "Unsere Heimat - Zeitschrift für Landeskunde in Niederösterreich", 4/1999

Die jüdische Gemeinde und der jüdische Friedhof Ybbs – Juden im niederösterreichischen Mostviertel“, Projekt der Höheren Landwirtschaftlichen Bundeslehranstalt Francisco-Josephinum, 2002

Simon Paulus/Karin Kessler, Religiöse Bauten jüdischer Gemeinden in Österreich. Zur Dokumentation eines vergessenen architektonischen Erbes, in: "DAVID. Jüdische Kulturzeitschrift", Heft 56 (Mai 2003)

Walter Baumgartner/Robert Streibel, Juden in Niederösterreich: ‘Arisierungen’ und Rückstellungen in den Städten Amstetten, Baden, Hollabrunn ... und Wiener Neustadt. Veröffentlichungen der österreichischen Historikerkommission, Band 18, Wien 2004

Christoph Lind, “Der letzte Jude hat den Tempel verlassen ...” - Juden in Niederösterreich 1938 - 1945, Mandelbaum-Verlag, Wien 2004, S. 56 – 73

Christoph Lind (Bearb.), Die Zerstörung der jüdischen Gemeinden Niederösterreichs 1938 – 1945, in: H. Arnberger/C. Kuretsidis-Haider (Hrg.), Gedenken und Mahnen in Niederösterreich. Erinnerungszeichen zu Widerstand, Verfolgung, Exil und Befreiung, Mandelbaum-Verlag, Wien 2011, S. 46 ff.

Johannes Kammerstätter, Heimat trotz alledem - Unsere jüdischen Landsleute und ihr tragbares Vaterland, Band 1, papercomm verlag, Wieselburg 2012

Johannes Kammerstätter, Heimat zum Mitnehmen - Unsere jüdischen Landsleute und ihr tragbares Vaterland, Band 2, papercomm verlag, Wieselburg 2012

Johannes Kammerstätter, Tragbares Vaterland - Unsere jüdischen Landsleute und ihr tragbares Vaterland, Band 3, papercomm-verlag, Wieselburg 2012

Johannes Kammerstätter, Das Erbe lebt - Trotz traumatisierter Familien und deformierter Geschichtsbilder, Band 4, papercomm verlag, Wieselburg 2017 (?)

Margareta Pittl (Red.), Wider das Vergessen: Die dem Mostviertel gewaltsam Entrissenen, in: tips.at vom 17.4.2018

N.N. (Red.), Jüdischer Friedhof Göttsbach/Ypps geschändet, in: erinnern.at vom 21.8.2019