Briesen (Westpreußen)

Bildergebnis für schwetz westpreußen landkarte In Briesen (poln. Wabrzezno) - etwa 30 Kilometer südlich von Graudenz bzw. 40 Kilometer nordöstlich von Thorn gelegen - gab es bereits zu Beginn des 18.Jahrhunderts eine mehrere hundert Angehörige zählende Gemeinde, die bis gegen Ende des 19.Jahrhunderts zahlenmäßig weiter anwuchs und 1885 immerhin nahezu 600 Personen zählte; der Synagogengemeinde waren fast 70 umliegende kleine Ortschaften eingeschlossen.

Anfänglich hielt die Judenschaft ihre Gottesdienste im Hause von Simon Ascher ab; erst 1847 wurde der Grundstein zu einem Synagogenbau gelegt, der ein Jahr später eingeweiht wurde. Ein aus den 1850er Jahren stammendes Statut der Gemeinde wurde 1883 durch ein neues ersetzt.

Die jüdischen Kinder besuchten die öffentliche Volksschule; religiöse Unterweisung erhielten sie von einem jüdischen Lehrer, der auch als Kantor tätig war.

Bereits Anfang der 1820er Jahre war ein eigener Friedhof angelegt worden.

Der Gemeinde angeschlossen waren später auch die wenigen Familien aus dem Dorfe Lissowo (etwa 20 Kilometer von Briesen entfernt).

Juden in Briesen:

--- 1775 ........................   keine Juden,

--- 1808 ........................    28    “  ,

--- 1815 ........................    11 jüdische Familien,

--- 1831 ........................   126 Juden (ca. 11% d. Bevölk.),

--- 1840 ........................   258   “  ,

--- 1852 ........................   385   “  ,

--- 1871 ........................   540   “  ,

--- 1885 ........................   589   “  ,

--- 1890 ........................ 1.025   "  ,*       * im Kreis Briesen

--- 1895 ........................   459   “   (ca. 100 Haushalte),

--- 1900 ........................   848   "  ,*

--- 1910 ........................   293   “  ,

         ........................   638   "  ,*

--- 1921 ........................    92   “  ,

--- 1925 ........................    26   “  ,

--- 1931 ........................    63   “ (?),

--- 1938 .................... ca.   80   “  .

Angaben aus: Wabrzezno, in: sztetl.org.pl

und                 Gerhard Salinger, Zur Erinnerung und zum Gedenken. Die einstigen jüdischen Gemeinden Westpreußens, S. 226/227

Die jüdischen Bewohner Briesens waren gut in die kleinstädtische Gesellschaft integriert; so waren sie gegen Ende des 19.Jahrhunderts überproportional im Stadtrat vertreten; sieben der insgesamt 18 Kommunalvertreter waren Juden (1885).

http://static3.akpool.de/images/cards/44/448226.jpg Marktplatz Briesen (hist. Postkarte, um 1935)

Ab Ende der 1880er Jahre war eine Abwanderung bzw. Emigration der Briesener Juden zu verzeichnen. So wie die nicht-jüdische deutsche Bevölkerung verließ nach Ende des Ersten Weltkrieges – Briesen gehörte nun zum neugegründeten polnischen Staat - auch die noch verbliebene jüdische Minderheit den Ort. Als Anfang der 1920er Jahre fast alle jüdischen Familien abgewandert waren, erlosch auch das hiesige Rabbinat (der letzte Rabbiner war Dr. Eppenstein; nach einer anderen Angabe Dr. Siegfried Neufeld). Die formelle Auflösung der Kultusgemeinde geschah aber erst 1932.

Die bei Kriegsbeginn hier noch lebenden jüdischen Bewohner der Stadt und des Kreises – vor allem polnische zugewanderte Familien - wurden zunächst kurzzeitig in einem Lager innerhalb der Stadt zusammengeführt und dann von hier „ins Generalgouvernement umgesiedelt“.

Nach Kriegsende lebten hier keine Juden mehr.

Vom jüdischen Friedhof sind heute keinerlei Überreste mehr vorhanden; er wurde bereits 1939 zerstört.

Jüngst wurden auf einem Hinterhofgelände etwa 150 Grabsteinrelikte entdeckt, die zur Pflasterung benutzt wurden.

Weitere Informationen:

Benno Heym, Geschichte des Kreises Briesen und seiner Ortschaften, Briesen 1902

Max Aschkewitz, Der Anteil der Juden am wirtschaftlichen Leben Westpreußens um die Mitte des 19.Jahrhunderts, in: Zeitschrift für Ostforschung 11/1962

Max Aschkewitz, Zur Geschichte der Juden in Westpreußen, in: Wissenschaftliche Beiträge zur Geschichte und Landeskunde Ost-Mitteleuropas, hrg. vom Johann Gottfried Herder-Institut No. 81, Marburg 1967

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 1), New York University Press, Washington Square, New York 2001

Rivka Schiller (Hrg.), Guide to the Records of the Briesen Jewish Community Council 1871 – 1926, online abrufbar unter: findingaids.cjh.org (2006)

Gerhard Salinger, Zur Erinnerung und zum Gedenken. Die einstigen jüdischen Gemeinden Westpreußens, Teilband 2, New York 2009, S. 221 - 228

Wabrzezno, in: sztetl.org.pl

Krzysztof Bielawski (Bearb.), Grabsteine ​​vom jüdischen Friedhof Wąbrzeźno in der Pflasterung entdeckt (in poln.), aus: sztetl.org.pl