Bad Wildungen (Hessen)

Datei:Bad Wildungen in KB.svg Bad Wildungen mit derzeit etwa 18.000 Einwohnern ist ein Heilbäderzentrum/Staatsbad im Landkreis Waldeck-Frankenberg im westlichen Nordhessen – knapp 50 Kilometer südwestlich von Kassel gelegen (Karte Hagar, 2009, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Nach den frühesten Hinweisen auf Juden in Nieder-Wildungen im beginnenden 15.Jahrhundert sind erst wieder im 18.Jahrhundert einige wenige jüdische Familien genannt, denen jedoch die einheimische Bevölkerung - insbesondere die Kaufleute - mit Misstrauen und Ablehnung begegnete. Selbst noch zu Beginn des 19.Jahrhunderts mussten sich die jüdischen Einwohner Wildungens gegen meist verbale Angriffe wehren. Ein verstärkter Zuzug nach Nieder-Wildungen setzte erst in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts ein. Gegen Ende der 1870er Jahre konnte sich dann eine Gemeinde bilden.

Die neu zugezogenen Juden stammten zumeist aus anderen Waldeckschen Ortschaften. Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung Nieder-Wildungens hin zu einem bekannten Badeort, der gegen Ende des 19.Jahrhunderts stattfand, ging auch eine grundlegende Veränderung im Leben der hiesigen jüdischen Gemeinde einher. Immer mehr Juden zogen nun nach Wildungen, um hier ihren Geschäften nachzugehen; auch die Zahl der jüdischen Kurgäste nahm zu.

Die Gemeinde Bad Wildungen, welche bisher nur einen gemieteten Betsaal zur Abhaltung des Gottesdienstes besitzt, baut demnächst eine neue Synagoge. Zu der Bausumme von 50.000 Mark haben reiche Kurgäste namhafte Beiträge geleistet. Auf das erlassene Preisausschreiben sind sechs Projekte von Architekten eingelaufen.

(aus: „Allgemeine Zeitung des Judentums" vom 19. September 1913)

Somit konnte die wohlhabend gewordene Gemeinde es sich leisten, kurz vor dem Ersten Weltkrieg einen ansprechenden Synagogenbau zu errichten; zur Finanzierung hatten auch betuchte Kurgäste beigetragen. Die feierliche Einweihung des Kuppelbaues „Am Dürren Hagen“ – projektiert vom Architekten Ernst Cohn - fand am jüdischen Neujahrstag statt.

Synagoge Bad Wildungen.jpg 

Synagoge „Am Dürren Hagen“ (links: Aufn. von 1914, aus: commons.wikimedia.org, CCO,  rechts: Aufn. aus Nachlass Moritz Maus)

Bis zur Errichtung der Synagoge hatten die Gottesdienste im ehemaligen Waisenhaus Wildungens in der Waisengasse stattgefunden.

 http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20159/Bad%20Wildungen%20Israelit%2024071884.jpg  http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20159/Bad%20Wildungen%20Israelit%2018061885.jpg

Ausschreibungen für die Lehrer/Vorbeterstelle, in: Zeitschrift „Der Israelit“ vom 24.7.1884 und 18.6.1885

Der jüdische Friedhof wurde in den 1870er Jahren angelegt, er befindet sich in Hanglage oberhalb der Straße nach Reitzenhagen. Hier wurden neben den Mitgliedern der jüdischen Gemeinde auch einige Juden beerdigt, die in Bad Wildungen zur Kur weilten und hier verstorben sind.

Juden in (Bad) Wildungen:

        --- um 1750 .........................    3 jüdische Familien,

    --- 1802 ............................    3     “       “    ,

    --- 1826 ............................   29 Juden,

    --- 1847 ............................   24   “  ,

    --- 1871 ............................   66   “  ,

    --- 1880 ............................   77   “   (ca. 3% d. Bevölk.),

    --- 1895 ............................   60   “   (ca. 2% d. Bevölk.),

    --- 1905 ............................  111   “  ,

    --- um 1925 ..................... ca. 35 - 40 jüdische Familien,

    --- 1933 ............................  144 Juden,

    --- 1937 (Okt.) ................. ca.   95   “  ,

    --- 1939 ........................ ca.   40   “  ,

    --- 1942 (Dez.) .....................   keine.

Angaben aus: Volker Berbüsse, Geschichte der Juden und der jüdischen Gemeinde

Bad Wildungen, um 1925 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Zu Beginn der NS-Zeit lebten etwa 35 Familien jüdischen Glaubens in Bad Wildungen. In der Altstadt waren es vorwiegend Geschäftsleute, hinzu kamen Hotel- und Pensionsbesitzer, aber auch Viehhändler und Metzger. Insgesamt lebten sie in gesicherten wirtschaftlichen Verhältnissen, einige Familien können auch als wohlhabend bezeichnet werden.

    Anzeigen im Adressbuch von Bad Wildungen

Bereits in den Wochen nach der NS-Machtübernahme zeigte auch in Bad Wildungen die antisemitische Propaganda Wirkung: Anfang Februar war ein Anschlag auf das Haus eines Juden zu verzeichnen; Ende März trieben SA-Angehörige „zur Abwehr von Greuelpropaganda ... einige hiesige Juden” unter den Augen von Kurgästen durch den Ort, und anschließend wurden sie für mehrere Tage inhaftiert. Auch der reichsweit angeordnete Boykott am 1.4.1933 wurde befolgt: SA-Posten zogen vor den ca. 30 jüdischen Geschäften, Hotels und Pensionen auf. - Zwei Jahre später erreichte die Kampagne gegen die hiesige jüdische Geschäftswelt einen vorläufigen Höhepunkt. Nun mussten Geschäfte dauerhaft als „arisch“ oder „jüdisch“ gekennzeichnet werden. Begründet wurde diese Maßnahme damit, dass dadurch „in Zukunft vor allem sofort unsere Kurfremden bei einem beabsichtigten Einkauf feststellen, ob sie sich vor einem jüdischen oder nichtjüdischen Geschäft befinden.” Einige „Volksgenossen“ brachten noch zusätzlich Schilder antijüdischen Inhalts an Hotels und Gaststätten und sogar an den Ortseingängen an.

Höhepunkt der antisemitischen Gewalt war der Abend am 9.November 1938: Eine größere Menschenmenge zog durch den Ort, verwüstete und plünderte Wohnungen und Geschäfte, bedrohte und misshandelte jüdische Bewohner. Nachdem der Mob dann auch die Inneneinrichtung der Synagoge herausgerissen hatte, wurde das Gebäude in den frühen Morgenstunden des 10.November in Brand gesetzt, ohne dass die anwesende Feuerwehr eingegriffen hätte. Nach einer Teilsprengung wurde die Ruine später abgerissen.

 Synagogenruine (Aufn. Felix Pusch, Dez. 1938, aus: commons.wikimedia.org, CCO)

Die männlichen Juden brachte man zunächst ins Rathausgefängnis. Über Kassel wurden sie dann in einem Sammeltransport ins KZ Buchenwald eingeliefert. Nach der „Reichskristallnacht“ verließen die meisten noch in Bad Wildungen lebenden jüdischen Bürger den Ort und gingen mehrheitlich in die Emigration. Ende 1939 verließ der Textilhändler Jakob Behrentz als letzter noch in der Stadt lebende Jude Bad Wildungen.

Nach Angaben der Gedenkstätte Yad Vashem/Jerusalem und des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden ..." sind 62 aus Bad Wildungen stammende bzw. hier längere Zeit ansässig gewesene jüdische Bürger in den „Lagern des Ostens“ ums Leben gekommen; nur drei der Deportierten haben überlebt (namentliche Nennung der betroffenen Personen siehe: alemannia-judaica.de/bad_wildungen_synagoge.htm).

 

Unmittelbar nach Kriegsende bildete sich in Bad Wildungen eine neue jüdische Gemeinschaft, die sich aus Überlebenden der Lager - meist polnische DPs - sowie aus jüdischen US-Besatzungssoldaten zusammensetzte. Gottesdienste wurden in einem Betsaal im „Hessischen Hof“ abgehalten. Im Jahr 1946 zählte die Gemeinschaft ca. 30 Mitglieder.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20252/Bad%20Wildungen%20Friedhof%20490.jpg Blick auf den jüdischen Friedhof (Aufn. J. Hahn, 2010)

Auf dem jüdischen Friedhof - nahezu 100 Grabsteine sind erhalten - befindet sich heute ein Gedenkstein, der an die ehemalige jüdische Gemeinde von Bad Wildungen erinnert. Zuvor stand dieser am Platz der einstigen Synagoge Am Dürren Hagen. Der Inschriftentext lautet:

Zum ewigen Gedenken an die Opfer der Israelitischen Gemeinde Bad Wildungen,

die in den Jahren 1933 - 1945 ihr Leben in KZ-Lagern qualvoll lassen mußten

In Liebe gewidmet von den Überlebenden.

An dieser Stelle stand die jüdische Synagoge, die in der Schreckensnacht am 9.11.38 zerstört wurde.

Gedenktafel am Dürrer Hagen.JPG Aufn. Klaus Heubusch, 2013, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0      Am ehemaligen Synagogenplatz, der neu bebaut wurde, erinnert heute fast nichts mehr an die frühere Bestimmung; nur in einer kleinen Mauernische ist eine Tafel mit folgendem Text angebracht:

Zum Gedenken an die Synagoge der jüdischen Gemeinde Bad Wildungen,

zerstört am 9.November 1938,

und an unsere jüdischen Mitbürger, die in verhängnisvoller Zeit deutscher Geschichte umkamen oder ihre Heimat verlassen mußten.

Die Bürger der Stadt Bad Wildungen. 1985

Seit 2006 wurden in mehreren Etappen im Stadtgebiet insgesamt etwa 90 sog. „Stolpersteine“ verlegt (Stand 2020).

File:Stolpersteine Herbert Mannheimer Bad Wildungen.jpg Stolpersteine Adolf Hammerschlag Bad Wildungen.jpg Stolpersteine Irene Hammerschlag Bad Wildungen.jpg File:Stolpersteine Salomon Levi Bad Wildungen.jpg

Stolpersteine Friedel Rothschild Bad Wildungen.jpg Stolpersteine Rosel Grüneberg Bad Wildungen.jpg Stolpersteine Salomon Levi Bad Wildungen.jpg

einige "Stolpersteine (Aufn. Clemens Franz, 2014, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0)

 

Weitere Informationen:

N.N. (Red.), Die Steine der Unweisen, in Kleines Feuilleton, vom Aug. 1921 (betr. Historie der sog. „Judenquelle“ in Bad Wildungen)

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Societäts-Verlag Frankfurt/M., Bd. 2, S. 403 - 406

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Bilder - Dokumente, Eduard Roether Verlag, Darmstadt 1973, S. 206

Volker Berbüsse, Ein Gotteshaus im Stil der „neuen Monumentalität“, in: "Waldeckische Landeszeitung" vom 23.4. 1987

Johannes Grötecke (Bearb.), Bad Wildunger Juden und ihre Schicksale 1933 bis 1945, in: "Geschichtsblätter für Waldeck", Band 77, Korbach 1989, S. 245 - 275

Volker Berbüsse, Geschichte der Juden in Waldeck - Emanzipation und Antisemitismus vor 1900, Wiesbaden 1990 (Dissertation)

Volker Berbüsse, Geschichte der Juden und der jüdischen Gemeinde, in: Bad Wildungen - Die Geschichte von Stadt und Bad, Hrg. Magistrat der Stadt Bad Wildungen, 1992, S. 151 f.

Studienkreis Deutscher Widerstand (Hrg.), Heimatgeschichtlicher Wegweise zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933 – 1945, Hessen Band II, Frankfurt/M. 1996, S. 211 f.

Johannes Grötecke, Spurensuche. Ein Rundgang über den jüdischen Friedhof in Bad Wildungen, Bad Wildungen 2003

N.N. (Red.), Der jüdische Friedhof in Bad Wildungen, in: hagalil.com/deutschland/hessen vom 13.2.2005

Bad Wildungen, in: alemannia-judaica.de (mit diversen, zumeist personenbezogenen Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Johannes Grötecke, Stadtrundgang: Juden und NS-Zeit in Bad Wildungen, Selbstverlag, Bad Wildungen 2005

Johannes Grötecke (Red.), Bäder-Antisemitismus in Bad Wildungen, in: "Rundbrief des Vereins zur Förderung der Gedenkstätte und des Archivs Breitenau", No. 26, Kassel 2007, S. 46 f.

Stolperstein“-Initiative (Bearb.), „Hier wohnte ... Stolpersteine in Bad Wildungen, 2007

Werner Senzel (Red.), Stolpersteine erinnern, in: „HNA - Hessische Niedersächsische Allgemeine“ vom 21.10.2012

Arbeitsgemeinschaft Synagoge Bad Wildungen (Hrg.), Ein Himmel voller Sterne: Synagoge Bad Wildungen, eine Spurensuche - Begleitheft zur Ausstellung, Bad Wildungen  2013/2014

Johannes Grötecke (Red.), Die Familie Hirsch aus Bad Wildungen, in: Förderkreis Synagoge Vöhl (Hrg.), Auschwitz – Ort der Vernichtung, o.O., 2016, S. 34 - 42

Johannes Grötecke (Bearb.), Bad Wildungen in der NS-Zeit: Neue Forschungsergebnisse zur Verfolgung von „Volksfeinden“ und zur sog. Entnazifizierung, in: "Geschichtsblätter für Waldeck", Band 104/2016, S. 97 – 152

Johannes Grötecke (Bearb.), Pogromnacht in Bad Wildungen, in: M.Lilienthal/K.-H. Stadtler (Hrg.), Novemberpogrome 1938. Ausschreitungen und Übergriffe in Waldeck-Frankenberg; Berlin 2018, S. 77 - 99

Initiative will weitere Stolpersteine in Bad Wildungen verlegen, in: lokalo24.de vom 6.1.2018

Cornelia Höhne (Red.), Bad Wildunger Stolperstein-Projekt ab sofort im Internet, in: „Waldeckische Landeszeitung“ vom 14.8.2018  (siehe: stolpersteine-badwildungen.de)

Johannes Grötecke (Red.), Weitere Verlegung von „Stolpersteinen“ in Bad Wildungen, in: „Waldeckische Landeszeitung“ vom 30.9.2018

Stolpersteine in Bad Wildungen, online abrufbar unter: in: stolpersteine-badwildungen.de

Auflistung der in Bad Wildungen verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Bad_Wildungen

Johannes Grötecke (Red.), Bald mehr als 100 Wildunger „Stolpersteine“, in: „Waldeckische Landeszeitung“ vom 21.4.2020