Memel/Klaipeda (Litauen)

 Stadt und Kreis Memel/Klaipeda (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Das ehemals preußische Memel ist heute die drittgrößte Stadt Litauens mit dem Namen Klaipeda. Memel/Klaipeda wurde in der Anfangszeit durch den Deutschen Orden geprägt und geriet später kurzzeitig unter litauische und schwedische Herrschaft; ab 1701 gehörte die Stadt zu Preußen. Das Memelgebiet wurde durch den Versailler Vertrag von Deutschland abgetrennt und 1923 von litauischen Freischärlern besetzt, ohne dass die französische Besatzung Widerstand leistete. Durch das ‘Memelstatut’ von 1924 wurde das Gebiet autonomer Bestandteil Litauens. Nach der NS-Machtübernahme in Deutschland 1933 verstärkte sich das politische Gewicht der Memel-Deutschen zusehends; im Frühjahr 1939 gab Litauen das Memelgebiet an Deutschland zurück; es wurde in die Provinz Ostpreußen eingegliedert. 1944/1945 eroberten sowjetischen Truppen das Gebiet. Seit 1948 gehörte es offiziell als ‘Litauische Sozialistische Sowjetrepublik’ zum Staatsverband der UdSSR. Nach deren Zerfall ist das einstige Memelgebiet Litauen zugehörig.

Ansiedlungen von Juden in und um Memel erfolgten höchstwahrscheinlich im 15.Jahrhundert; erste dokumentarische Beweise für die Anwesenheit von Juden liegen aber erst aus der Mitte des folgenden Jahrhunderts vor. Nach 1567 wurden die jüdischen Bewohner auf Betreiben der Kirche durch den Herzog aus Memel verwiesen; für die kommenden 80 Jahre war es Juden verboten, in Memel zu leben; nur tagsüber durften sie sich zu Handelszwecken in der Stadt aufhalten.

Memel - Stich um 1685 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Anfang der 1660er Jahre stattete der Kurfürst von Brandenburg einige „Handelsjuden“ mit Privilegien aus und erlaubte ihnen mehrtägige Aufenthalte, einigen wenigen sogar ihre Ansässigkeit in Memel. So besaß der aus Holland stammende jüdische Kaufmann Jacobson Moses de Jonge eine Konzession von 1664, die ihm den Holzhandel im großen Stile erlaubte.

Doch erneute Ansiedlungsverbote sorgten dafür, dass Memel wieder eine „judenfreie“ Stadt wurde. Nur während der jährlich stattfindenden, 14 Tage andauernden Messe war jüdischen Händlern gestattet, ihre Waren aus Litauen und Russland hier anzubieten.

Erst nach dem Edikt von 1812 siedelten sich jüdische Familien erneut in Memel an. Neben Juden aus Preußen zogen vor allem solche aus der Region vom Oberlauf der Memel zu; diese trieben zumeist Holzhandel. Aber auch zahlreiche Juden aus Russland kamen nach den Pogromen von 1882 hierher; letztere gehörten zu denen, die Ende der 1880er Jahre auf Druck der preußischen Regierung die Region um Memel wieder verlassen mussten; aber auch Familien, die bereits mehrere Jahrzehnte hier gelebt hatten, wurden ausgewiesen; die meisten emigrierten in die USA. Ein Bleiberecht konnte sich nur der erkaufen, der wirtschaftlich erfolgreich war und über gewissen Einfluss in der Stadt verfügte.

1858 verlangte die preußische Regierung, dass sich die in Memel lebenden deutschen und russischen Juden zu einer Gemeinde zusammenschließen sollten - offiziell wurde die Einigung 1862 vollzogen. Allerdings blieben weiterhin zwei lose Gemeinschaften bestehen, die nur wenige Berührungspunkte hatten. Von einem organisierten Gemeindewesen in Memel kann erst ab Anfang der 1860er Jahre gesprochen werden.

1862 wurde der erste Rabbiner, Isaak Rülf (geb. 1831), angestellt. Er erwarb sich durch die Gründung einer Armenschule und eines jüdischen Krankenhauses allgemeine Anerkennung - auch beim Großteil der polnischen und russischen Juden. Wegen seines humanitären Engagements, das vor allem jüdischen Flüchtlingen aus Russland zuteil wurde, erhielt er den Spitznamen „Rabbi Hülf“. [vgl. Rauischholzhausen (Hessen)]

Neben dem Rabbiner Isaak Rülf wirkte in Memel auch der rabbinische Schriftgelehrte Yisrael Lipkin, der Begründer der „Mussar“-Bewegung; er lehrte eine religiöse Ethik, die auf alten Traditionen basierte.

Ab Mitte der 1850er Jahre übte Jesaja Wohlgemuth (geb. 1820 in Neustadt-Schiwindt/Kuruzoyo) das Amt des Rabbiners in Memel aus. Bereits mit 18 Jahren war er zum Rabbiner ordiniert worden und wirkte in dieser Tätigkeit in Memel 44 (!) Jahre. Wohlgemuth gründete am Ort einen Talmudverein und eine Jeschiwa, die von russischen Juden besucht wurde. In seinem letzten Lebensabschnitt war er Stiftsrabbiner der Klaus in Hamburg. Dort starb er 1898.

Die erste jüdische Gemeindeeinrichtung in Memel war das Anfang der 1820er Jahre angelegte Beerdigungsgelände, das im Laufe der Zeit mehrfach vergrößert wurde. Zuvor waren verstorbene Juden auf Friedhöfen in anderen preußischen Städten (oder auch in Litauen) begraben worden.

Im Jahre 1835 wurden auf Initiative zweier jüdischer Kaufleute in der Wallstraße eine Synagoge, die so genannte „Polnische Schul“, und eine Mikwe gebaut; die Einrichtungen waren vor allem für die russischen Kaufleute bestimmt, die sich nur einen Teil des Jahres in Memel aufhielten.

Auch die litauischen Juden besaßen in der Stadt in der Baderstraße ein eigenes Bethaus ("Lehrhaus"). Über dessen Einweihung hieß es in der Lokalzeitung: „Die Einweihung des neuen israelitischen Bethauses am Sonntag Mittag hat einen recht günstigen Verlauf genommen; auch das Wetter, obschon etwas kalt, war hell und freundlich. Die geladenen Ehrengäste hatten sich pünktlich elf Uhr eingefunden. Der Königl. Landrath Herr v. Gramatzki, der Herr Oberbürgermeister Krüger, der Herr Kreisgerichtsdirektor Kessler, der Herr Polizeiinspector Riechert, die Vertreter des Kaiserl. Russ. Consulats, Herr Staatsrath v. Trentowius und Herr v. Schiebel, die Spitzen der Kaufmannschaft und die Städtischen Behörden hatten die Feier mit ihrem Besuche beehrt. Bald nach 11 Uhr erfolgte die feierliche Translocation der geschmückten Thorarollen aus dem alten Beth-Hamidrasch in das neue. Der Bet- und Lehrsaal ist von stattlichem Umfange, konnte aber heute dennoch kaum die Masse der Besucher aus allen Theilen der Stadt und der Bevölkerung fassen, die zur Betheiligung an der Feier gekommen waren. Als Redner trat zuerst der Königsberger Rabbiner Malbim auf, und nach ihm Dr. Rülf, der auch das Weihegebet und das übliche Gebet für Kaiser und Vaterland sprach. Wenn man bedenkt, daß dieses stattliche und zweckentsprechende Gebäude lediglich durch milde Beiträge ... erbaut ist, so kann man den Leuten die Hochachtung nicht versagen. , auch ein hiesiger christlicher Kaufmann soll 100 Thaler gespendet haben. "

Für die hier lebenden deutschen Juden sollte es noch 50 Jahre dauern, ehe sie eine eigene Synagoge in der Kehrwiederstraße einrichten konnten; daneben soll es auch eine in der Bäckerstraße gegeben haben.

Ein Teil der jüdischen Kinder besuchte eine deutsch-sprachige Schule; in Memel existierte auch eine Talmud-Thora-Schule.

                    Trauerhalle auf dem jüd. Friedhof (Aufn. 1936, zerstört 1945)

Seit 1870 besaß die jüdische Gemeinschaft ihr eigenes Krankenhaus und Altersheim; es befand sich zunächst gegenüber der „polnischen“ Synagoge, Ende der 1890er Jahre dann in der Steintorstraße.

Neben den christlichen Kindergärten in Memel gab es auch einen ausschließlich für jüdische Kinder.                                                                 

Juden in Memel:

--- 1809 ............................     2 jüdische Familien,

--- 1815 ............................    35 Juden,

    --- 1842 ........................ ca.    70   “  ,

    --- 1855 ........................ ca.   290   “  ,

    --- 1867 ...........................   887   “  ,

    --- 1875 ........................... 1.040   “  ,

    --- 1880 ........................... 1.214   “  ,

    --- 1890 ...........................   861   “  ,

    --- 1910 ....................... ca. 2.000   “   (ca. 9% d. Bevölk.),*

    --- 1928 ....................... ca. 4.500   “  ,

    --- 1938 ....................... ca. 6.000   “   (ca. 12% d.Bevölk.),

    --- 1939 (Dez.) .................... keine   “  ,

    --- 1967 ....................... ca. 1.000   “  ,

    --- 1990 ....................... ca.   680   “  .

* Bei den statistischen Angaben gibt es in der Literatur erhebliche Unterschiede; so geht die preuß. Statistik für das Jahr 1910 von nur 851 Juden aus.

Angaben aus: Joseph Rosin, Klaipeda (Memel)

und                 Ruth Leiserowitz, Juden in Memel und Heydekrug im 19.Jahrhundert

Die Mehrheit der Memeler Juden bestand gegen Ende des 19.Jahrhunderts aus russischen und polnischen Juden; nur ca. 20% waren deutsch-sprachige. Als 1923 die litauische Herrschaft im Memelland begann, wuchs der jüdische Bevölkerungsanteil enorm an; dies fand Zustimmung bei der litauischen Regierung, die damit das Gewicht der deutschen Bevölkerungsmehrheit mindern wollte. Gleichzeitig gewannen aber auch zionistische Ideen in der hiesigen Judenschaft an Einfluss. So existierten in Memel verschiedene zionistische Jugendorganisationen, wie Hashomer Hatzair, Beitar, Hanoar Hazioni, Bnei Akiva, Hrertzelia und Yolung Wizo.

Anm.: Eine Hachschara-Ausbildungsstätte von Hechaluz war zu Beginn der 1920er Jahre entstanden. Mit Spenden wohlhabender Memeler Juden wurde 1927 das Beth Hechaluz errichtet; das dreistöckige Gebäude diente als intellektuelles Zentrum aller lokaler Zionisten und als Treffpunkt für Mitglieder der Trainings-Kibbutzim in der Umgebung. 1925 gab es 13 landwirtschaftliche Hachschara-Ausbildungsstätten auf Bauernhöfen in der Region Memel mit ca. 400 Mitgliedern.

Kleinanzeigen zum jüdischen Alltagsleben (um 1925):

  

(Anzeigen aus: wiki-de.genealogy.net)

Die Juden Memels besaßen beachtliche wirtschaftliche Bedeutung; 1931 gab es in der Stadt ca. 120 Geschäfte und Unternehmen, die von Juden geführt wurden; dies entsprach etwa 25% aller Betriebe in Memel; besonders im Bereich des Textilhandels war ihr Anteil überproportional. Mitte der 1930er Jahre hielten sich mehrere tausend Juden in Memel auf; darunter waren auch solche, die sich auf ihr neues Leben in Palästina vorbereiteten und eine Ausbildung in einem der 13 landwirtschaftlich ausgerichteten Haschara-Lager absolvierten; andere waren zur Auswanderung in überseeische Länder entschlossen. Ebenfalls sollen auch jüdische Flüchtlinge aus Deutschland vorübergehend in Memel Station gemacht haben, um von hier aus Europa zu emigrieren.

Ende 1938 setzten im Memelgebiet - in Anlehnung an das NS-Deutschland - antisemitische Übergriffe ein. Seitens der Behörden des autonomen Memelgebietes waren nun verschiedene Einschränkungen zu verzeichnen, die jüdisches Eigentum und Lizenzen für deren selbstständige Produktion betrafen. Ebenfalls wurden nun Fenster jüdischer Geschäfte beschmiert, Schlägertrupps raubten jüdische Häuser und Geschäfte aus, jüdische Bewohner wurden verprügelt.

Anfang 1939 verließ etwa die Hälfte der in Memel lebenden Juden die Stadt und suchte im westlichen Teil Litauens vorübergehend Unterschlupf; Grund für ihren überstürzten Weggang war der bevorstehende Anschluss des Memelgebietes an das nationalsozialistische Deutschland. Als am 22.März 1939 die deutsche Wehrmacht einmarschierte, verließen erneut zahlreiche Familien die Stadt und gingen ins grenznahe litauische Gebiet; etwa einen Monat später sollen sich bereits keine jüdischen Bewohner mehr in Memel aufgehalten haben. Die Synagoge wurde später zerstört.

  Brennende Memeler Synagoge (Aufn.Mai 1939, aus: wiki-de.genealogy.net/Memel)

Mit dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion fielen die meisten Memeler Juden in die Hände der NS-Besatzungsbehörden und wurden Opfer der Shoa.

Im litauischen Gardsen kam es am 23./24.Juni 1941 zu der ersten Massenerschießung von Juden - darunter auch Flüchtlinge aus Memel; Angehörige von SS-Einsatzkommandos ermordeten in Zusammenarbeit mit der Schutzpolizei Memel einige hundert Menschen. Bis Ende September 1941 sollen im litauischen Grenzraum mehr als 5.000 jüdische Männer, Frauen und Kinder den SS-Kommandos zum Opfer gefallen sein.

Als nach Kriegsende Memel - das jetzige Klaipeda - Teil des sowjetischen Staatsgebietes wurde, zogen jüdische Familien wieder zu; bis in die Mitte der 1960er Jahre sollen bis zu 1.000 Juden in der Stadt gelebt haben. Allerdings gab es in der Stadt kein organisiertes jüdisches Gemeindewesen und auch keine gemeindlichen Einrichtungen.

In der „sowjetischen Zeit“ war der alte jüdische Friedhof eingeebnet worden; er hatte einem Radiosender weichen müssen. Als Litauen 1990 selbstständig wurde, sollen in Klaipeda etwa 680 Juden gelebt haben; das entsprach nur 0,3% der Stadtbevölkerung. Heute gibt es in Klaipeda zwei jüdische organisierte Gemeinschaften: die jüdische Gemeinschaft und die religiöse jüdische Gemeinde. Die Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft fühlen sich der traditionellen Richtung des Judentums zugehörig.

1997 wurden der jüdischen Gemeinschaft Klaipedas aus der Nationalbibliothek Vilnius mehrere Thora-Rollen übereignet; seitdem finden regelmäßig Gottesdienste statt.

Gegenwärtiges jüdisches Gemeindezentrum in Klaipeda http://www.memorialmuseums.org/img/cache/d68b7ba44f252f2034e9fc08d41bf8a3_w369_h268.jpg Abb. aus: memorialmuseums.org

Am Standort des alten jüdischen Friedhofs erinnert seit 1991 ein Denkmal an die ehemalige jüdische Gemeinde Memels; der Inschriftentext - in drei Sprachen erstellt - lautet:

Im Gedenken der jüdischen Gemeinschaft von Kleipeda,

die grausam durch die Nazis vernichtet wurde.

 

In Georgenburg a. d. Memel (lit.: Jurbarkas; jidd.: Yurburk) – südöstlich von Memel, in Grenzlage zu Ostpreußen – war jahrhundertelang ein Ort, in dem zahlreiche Nationalitäten sich ansiedelten und vermischten. Juden waren hier besonders zahlreich vertreten. Die ersten Familien sollen hier bereits um 1600 gelebt haben; um 1650 sind zehn jüdische Familien urkundlich belegt. Auf Grund der günstigen Verkehrslage an der Memel prosperierte die Stadt. Anfang der 1860er Jahre wurden hier mehr als 2.500 jüdische Einwohner gezählt.

Zu den gemeindlichen Einrichtungen gehörten ein Friedhof und eine Synagoge (erbaut um 1790).

  hölzerne Synagoge Georgenburg (Lithographie um 1870, aus: wikipedia.org)

Drei Schulen in der Stadt standen den jüdischen Kindern zur Verfügung.Während des Ersten Weltkrieges verließen viele Juden die Stadt und gingen zumeist in die Emigration. In den Folgejahren vergrößerte sich aber wieder die Zahl der jüdischen Bewohner. Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges lebten in der Stadt mehr als 2.000 Juden und machten damit etwa ein Drittel der Gesamtbevölkerung aus. Fast alle Geschäfte/Handelsunternehmen befanden sich damals in jüdischem Besitz. Nach der deutschen Okkupation (Sommer 1941) wurde die jüdische Bevölkerung von litauischen Nationalisten umgebracht bzw. wurde zu Zwangsarbeit herangezogen. Vor ihrer Ermordung waren die Juden noch gezwungen worden, ihre Synagoge niederzureißen. Vor wenigen Jahren wurde der jüdische Friedhof restauriert; seit 2006 erinnert ein neuerstelltes Tor aus gelben Ziegeln an den einstigen Eingang der Begräbnisstätte. vgl. dazu: Georgenburg/Memel (Litauen)

 

In Crottingen (auch Krottingen oder Krettingen, lit. Kretinga) – im Westen Litauens, ca. 25 Kilometer von Memel entfernt – gab es eine sehr große jüdische Gemeinde. Obwohl seit dem 14. Jahrhundert Juden als Händler in Kretinga nachweisbar sind, haben sich erst im Laufe des 17. Jahrhunderts jüdische Familien in der Stadt niedergelassen. Nachdem in der Mitte des 18. Jahrhunderts der polnische König besondere Privilegien erlassen hatte, kamen Juden in nennenswerter Zahl nach Kretinga. 1771 lebten 14 jüdische Familien in der Stadt. Vier jüdische Familien wohnten in der Vokieciu Straße (der Deutschen Straße) und in der Altstadt, bis ein bischöfliches Verbot dies unterband. Eine Stadtbeschreibung aus dem frühen 19. Jahrhundert führt 28 von Juden bewohnte Häuser mit ca. 120 Bewohnern auf (von insgesamt ca. 110 Häuser mit 435 Bewohnern). Auch eine Synagoge an der Straße nach Memel wurde erwähnt. Mit der Stadtentwicklung wuchs die jüdische Gemeinde, die sich im Stadtzentrum konzentrierte.

Unter den um 1850 in Kretinga lebenden Einwohnern waren mehr als 1.500 jüdischen Glaubens und stellten damit fast 60% (!) der dortigen Bevölkerung.

1855 zerstörte ein Brand das Synagogengebäude, das alsbald wieder aufgebaut wurde. Ein erneutes Schadensfeuer (1889) vernichtete dieses aber wieder. Ein Spendenaufruf, der auch im Ausland erfolgte, führte zum abermaligen Aufbau einer Synagoge.

neue Synagoge von Kretinga (hist. Aufn.)

In den 1920er Jahren gab es in Kretinga eine Schule, in der Jiddish Unterrichtssprache war.

Alsbald sank die Zahl der Juden auf Grund von Auswanderung, vor allem nach England. Rabbi Binyomim Persky war der letzte Rabbiner der Gemeinde.

Nach dem Einmarsch deutscher Truppen in die Sowjetunion (Juni 1941) setzte sofort das Wüten der „SS-Einsatzgruppe Tilsit“ ein; innerhalb von zwei Tagen waren hunderte Juden ermordet. Bereits im August 1941 gab es in Kretinga keine jüdische Gemeinde mehr; alle jüdischen Männer, Frauen und Kinder waren umgebracht worden.

Heute findet man auf dem alten jüdischen Friedhof in Kretinga - im Süden der Stadt - noch einige Grabsteine sehen; auch das Eingangsportal mit der schmiedeeisernen Menora steht noch.

Ehem. Eingangsportal (Aufn. 2011, aus: memorialmuseums.org)

vgl. dazu: Crottingen (Litauen)

Weitere Informationen:

Isaak Rülf, Zur Geschichte der Juden in Memel, Memel 1900

Ronny Kabus, Juden in Ostpreußen, Husum 1998, S. 87 und S. 193

Letas Palmaitis, Juden in Litauen - Ein Abriß über die Geschichte der Lite und die Blütezeit der jüdischen Kultur 1918 - 1941, in: ‘Zeitschrift Osteuropa’, 52.Jg., Heft 9/10, S. 1326 f.

Joachim Tauber, ‘Juden, Eure Geschichte auf litauischen Boden ist zu Ende!’ Litauen u. der Holocaust im Jahre 1941, in: ‘Zeitschrift Osteuropa’, 52.Jg., Heft 9/10

Joseph Rosin, Klaipeda (Memel), English edited by Sarah and Mordechai Kopfstein, o.O. o.J.

R. Kibelka, Klaipedos ir Šilutes žydai XIX. amžiuje (Die Juden von Memel und Šilute im 19. Jahrhundert), Klaipeda 2001

Ruth Leiserowitz, Juden in Memel und Heydekrug im 19.Jahrhundert, Vortrag in Klaipeda aus dem Jahre 2001

Ruth Leiserowitz, Jüdisches Leben in Klaipeda im 20.Jahrhundert, in: ‘Nordostarchiv’, 2002 (?)

Ausstellung: Von der Grenzstadt hinaus in die Welt. 100 Jahre jüdisches Leben in Memel/Klaipeda, bearbeitet von "Juden in Ostpreußen, Verein zur Kultur und Geschichte e.V.", 2005

Ruth Leiserowitz, Der Aufstieg der Memeler Holzhändler und die Familie Nafthal, in: Rūta Eidukevičienė/u.a. (Hrg.), Von Kaunas bis Klaipéda - deutsch-jüdisch-litauisches Leben entlang der Memel, Fernwald 2007, S. 35 ff.

Sada Petruziene, Die jüdische Gemeinschaft in Klaipeda/Memel, in: Annaberger Annalen 16/2008, S. 227 – 256

Joel Alpert, Yurburg (Lithuania), Materialiensammlung

Holocaust in Jurbarkas. Die Massenvernichtung der Juden von Jurbarkas in den Provinzen Litauen während der deutschen Nazi-Besatzung (online)

From the border town into the World – Jews in Memel. 100 years of jewish life in Memel (Klaipeda), 2013 (Exhibition)

Memel, online abrufbar unter: http://wiki-de.genealogy.net/Memel

Krettingen, online abrufbar unter: http://wiki-de.genealogy.net/Krettingen