Melsungen (Hessen)

Datei:Melsungen in HR.svg Melsungen ist heute eine Kleinstadt mit derzeit knapp 14.000 Einwohnern im nordhessischen Schwalm-Eder-Kreis – ca. 20 Kilometer südlich von Kassel gelegen (Karte NNW, 2008, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Erstmals werden Juden 1532 in der Stadt Melsungen genannt; unmittelbar nach dem Dreißigjährigen Kriege hielten sich hier zwei jüdische Familien auf.

Melsungen – Stich von M. Merian, um 1655 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Ab dem 18.Jahrhundert lebten kontinuierlich wenige jüdische Familien in Melsungen.

Im Laufe des 18.Jahrhunderts wurden einige sog. „Judenlandtage“ in Melsungen abgehalten; auf ihnen wurde die Vertretung der Landesjudenschaft bestimmt, die u.a. auch für die Bereitstellung der Schutzgelder verantwortlich war. Auf dem 1779 hier stattgefundenen „Judenlandtag“ wurde Moses Joesph Michel Kugelmann aus Meimbressen zum Landrabbiner bestimmt.

Eine jüdische Gemeinde in Melsungen bildete sich zu Beginn des 19.Jahrhunderts heraus. Ein erster Betraum soll sich im Bereich der Fritzlarer Straße befunden haben. Nachdem das Gebäude baulich in einen maroden Zustand geraten war, begann man 1837/1838 mit dem Synagogenneubau in der Rotenburger Straße, wobei auch Steine der alten Synagoge als Baumaterial Verwendung fanden. Der recht großzügige Massivbau, der ca. 150 Personen Platz bot, besaß getrennte Eingänge für Männer und Frauen; letztere saßen auf der Empore.

                    Ehem. Synagogengebäude (Aufn. um 1960)

Daneben befand sich ein Gebäude, das seit 1854 die israelitische Elementarschule beherbergte.

                                                              aus: „CV-Zeitung“ vom 10.4.1924

Ein jüdischer Friedhof wurde um 1860 westlich der Altstadt angelegt; zuvor waren die verstorbenen jüdischen Bewohner auf dem jüdischen Sammelfriedhof Binsförth beigesetzt worden.

In Binsförth liegt der älteste jüdische Friedhof Nordhessens, dessen Anlage gegen Mitte des 17.Jahrhunderts durch eine Schenkung der Rittergutsbesitzer von Baumbach ermöglicht wurde. Dieses Begräbnisgelände war gemeinsamer Friedhof für verstorbene Juden aus Beiseförth, Heinebach, Malsfeld, Nenterode, Neumorschen, Rengshausen und Röhrenfurth. Der älteste noch lesbare Grabstein datiert aus dem Jahre 1694.

Zur jüdischen Gemeinde Melsungen gehörten ab Ende des 19.Jahrhunderts auch die Juden aus dem benachbarten Röhrenfurth, deren Gemeinde 1895 offiziell aufgelöst worden war.

Juden in Melsungen :

    --- um 1680 ......................  10 Juden,

    --- 1730 .........................  22   “  ,

    --- um 1775 ......................   7 jüdische Familien,

    --- 1827 .........................  82 Juden,

    --- 1835 .........................  98   "   (ca. 3% d. Bevölk.),

    --- 1858 ......................... 121   “  ,

    --- 1861 ......................... 133   “  ,

    --- 1880 ......................... 188   “   (ca. 5% d. Bevölk.),

    --- 1895 ......................... 105   “   (ca. 3% d. Bevölk.),

    --- 1905 ......................... 112   “  ,

    --- 1925 .........................  89   “   (ca. 2% d. Bevölk.),

    --- 1933 .........................  76   “  ,

    --- 1935 .........................  62   “  ,

    --- 1939 .........................  26   “  ,

    --- 1942 (Jan.) ..................   5   “  ,

             (Okt.) ..................   keine.

Angaben aus: Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Bd. 1, S. 174

Im Revolutionsjahr 1848 soll es auch in Melsungen zu Ausschreitungen gegen jüdische Familien, gekommen sein; darüber berichtete die „Allgemeine Zeitung des Judenthums“ am 15.5.1848:

Kassel, 2. Mai. Die Exzesse gegen Personen und Eigenthum in den Landständen und Dörfern, namentlich gegen Beamte und Juden, nehmen auf eine bedauerliche Weise überhand; von Hofgeismar, Melsungen, Rothenburg und Breidenbach sind Judenfamilien mit ihren geretteten Habseligkeiten hier eingetroffen; ... Es ist endlich einmal Zeit, gegen diese Übeltätiger, deren Absicht lediglich auf Plünderung und Raub gerichtet ist, energisch einzuschreiten und die Gesetze wieder zu Ansehen zu bringen. Vor allen Dingen sind die Aufwiegler und Verführer in Haft zu nehmen und den Gerichten zu überweisen; ... Milde und Nachsicht wäre hier ein Verbrechen gegen das Land.

Im Laufe der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts verdienten zahlreiche Juden Melsungens als Händler und Handwerker verschiedener Branchen ihren Lebensunterhalt. Die Zahl der zu Beginn der NS-Zeit in Melsungen lebenden jüdischen Bürger nahm in den folgenden Jahren stark ab.

Während des Novemberpogroms von 1938 wurden einige jüdische Männer ins KZ Breitenau verschleppt. Das Synagogengebäude ging 1939 in die Hände der Kommune über; diese veräußerte das Haus zwei Jahre später an die Handwerkerschaft. Die letzten fünf noch in Melsungen verbliebenen Juden verzogen nach Guxhagen bzw. wurden deportiert. Mindestens 20 jüdische Bürger von Melsungen wurden Opfer der NS-Verfolgung.

Gegenüber dem einstigen Synagogengebäude - heute dient es als Büro- und Geschäftshaus - erinnert eine Gedenktafel an dessen einstige Nutzung:

Das gegenüberliegende Gebäude Rotenburger Straße 13 wurde 1841 erbaut und diente der jüdischen Gemeinde als Synagoge. Die Synagoge ist während des Pogroms im November 1938 durch nationalsozialistischen Terror geschändet und schwer beschädigt worden. Die jüdische Gemeinde in Melsungen, die hier ein Jahrhundert lang ihren Mittelpunkt hatte, wurde durch erzwungene Emigration oder Ermordung ihrer Mitglieder vollständig ausgelöscht.

In den Straßen von Melsungen erinnern seit 2008 sog. „Stolpersteine” an ehemals am Ort etablierte Angehörige von Handwerker- und Kaufmannsfamilien mosaischen Glaubens, die Opfer der NS-Gewalt wurden; mittlerweile wurden in mehreren Aktionen ca. 45 Steine verlegt (Stand 2018).

http://www.stolpersteine-melsungen.de/fileadmin/user_upload/verlegung1/31.jpg Vier "Stolpersteine" für Fam. Speier (Aufn. Dieter Hoppe)

 

Blick auf den jüdischen Friedhof in Melsungen                -               einige ältere Grabstätten (Aufn. J. Hahn, 2008)

 

In Röhrenfurth - es gehört heute zu Melsungen - gab es bis um 1900 eine kleine jüdische Gemeinde. Namentlich wurden erstmals im Jahre 1711 drei Juden genannt: "Jude Joseph Hammerschlag, hat ein eigen Häuschen und handelt mit Vieh, garn und allerhand Wahren. Es sind noch zwey Juden allhier haben aber keine eigene Häuser, Levi Abrahamb, treibt Pferdehandel, Levi Schier, treibt allerhand Handel", heißt es in der "Taxierung der Häuser zu Röhrenfurth". Im Jahre 1760 zahlten sechs jüdische Röhrenfurther Familien jeweils 5 Rthl. Judenschutzgeld. Im Laufe der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts vergrößerte sich die Zahl der Juden in Röhrenfurth deutlich; die Gemeinde erreichte ihren zahlenmäßigen Höchststand dann in den 1850/1860er Jahren mit beinahe 100 Angehörigen. In einer Ortsbeschreibung aus dem Jahre 1858 hieß es: "Die Juden treiben Nothhandel und Ackerbau". Einige konnten, wie überliefert ist, nur Dank der Unterstützung ihrer Glaubensgenossen in Melsungen existieren.

"Judengasse" in Röhrenfurth (hist. Abb. aus: roehrenfurth.de) chronik_s168

Ihre 1829 eingerichtete Synagoge stand in der Mühlenstraße, heute „Zum Breitenbach“; sie wurde Anfang der 1920er Jahre zu einem Wohnhaus umgebaut; an weiteren gemeindlichen Einrichtungen gab es eine Religionsschule und ein rituelles Bad. Ein eigenes Begräbnisgelände stand am Ort nicht zur Verfügung; Verstorbene wurden auf dem jüdischen Friedhof in Binsförth, nach 1860 auf dem in Melsungen beerdigt.

Nach der Abwanderung der meisten Juden schlossen sich die verbliebenen vier (weniger bemittelten) Familien der Gemeinde in Melsungen an. 1933 lebten am Ort noch zwölf Bewohner mosaischen Glaubens. Nach 1939 diente das ehem. Synagogengebäude als „Judenhaus“ für die wenigen noch in Röhrenfurth lebenden Bewohner, die im Dezember 1941 deportiert wurden.

2018 wurde auf dem Röhrenfurter Friedhof eine Stele errichtet, die namentlich an die elf von hier ins Ghetto Riga verschleppten jüdischen Bewohner erinnert.

Weitere Informationen:

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Societäts-Verlag, Frankfurt 1971, Bd. 2 , S. 67 - 69

800 Jahre Röhrenfurth. Geschichte und Geschichten eines Dorfes, Kapitel: Die jüdischen Mitbürger (aktualisierte Version von 1982, online abrufbar unter: roehrenfurth.de)

Thea Altaras, Synagogen in Hessen - was geschah seit 1945 ? Verlag K.R. Langewiesche Nachfolger Hans Köster Verlagsbuchhandlung, Königstein (Taunus) 1988, S. 54/55

Eva Grulms/Bernd Kleibl, Jüdische Friedhöfe in Nordhessen - Bestand und Sicherung, Johannes Stauda Verlag, Kassel, S. 138

Studienkreis Deutscher Widerstand (Hrg.), Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933 - 1945, Hessen I Regierungsbezirk Darmstadt, 1995, S. 178/179 (Melsungen/Röhrenfurt)

Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933 - 1945, Hessen II - Reg.bezirke Gießen und Kassel, Hrg. Studienkreis Deutscher Widerstand, VAS-Verlag, Frankfurt/M. 1996, S. 177/178

Bernd Köhler (Hrg.), Die Geschichte des Hauses Kasseler Straße 28 (unter besonderer Berücksichtigung seiner jüdischen Vergangenheit). Eine Darstellung in Dokumenten und Bildern, Melsungen 2001 

Dieter Hoppe, War die „Alte Synagoge“ eine Synagoge ?, Geschichtsverein Melsungen (Vortrag 2005)

Dieter Hoppe, Das Ensemble des Kasseler Klassizismus in Melsungen: Die Stadthalle und die ehemalige Synagoge in der Rotenburger Straße, Geschichtsverein Melsungen (Vortrag 2005)

Nachbarn zweiter Klasse - In Melsungen haben jüdische Einwohner Spuren hinterlassen - bis zum Terror der Nazis, in: Niedersächsische Allgemeine vom 7.7.2007

Melsungen, in: alemannia-judaica.de (mit diversen Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Röhrenfurth, in: alemannia-judaica.de

Stolperstein-Initiative Melsungen e.V., Stolpersteine Melsungen – Sie waren unsere Nachbarn. Es soll kein Gras darüber wachsen, online abrufbar unter: stolpersteine-melsungen.de ( mit vielen biographische Daten)

Manfred Schaake (Red.), Neue Stele in Röhrenfurt erinnert an die in der NS-Zeit ermordeten Juden, in: „HNA - Hessisch-Niedersächsische Allgemeine" vom 6.11.2018