Memmelsdorf (Unterfranken/Bayern)

Datei:Untermerzbach in HAS.svg Memmelsdorf – ca. 25 Kilometer südöstlich von Coburg bzw. 30 Kilometer nördlich von Bamberg gelegen - ist ein Ortsteil der Gemeinde Untermerzbach (Karte Hagar, 2010, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-Sa 3.0).

Um die Mitte des 17.Jahrhunderts siedelten sich die ersten Juden im Dorfe an; sie standen zunächst unter dem Schutz einer reichsritterschaftlichen Familie, ab 1705 unter dem Schutz des Fürstbischofs Johann Philipp von Greiffenclau und dessen Familie. Wenige Jahrzehnte nach den ersten Ansiedlungen bildeten die jüdischen Familien eine Gemeinde, die nun kontinuierlich wuchs und um 1810 mit fast 250 Angehörigen ihren Höchststand erreichte; laut Matrikel durften sich 34 jüdische Familien in Memmelsdorf ansiedeln.

Zu den gemeindlichen Einrichtungen gehörten eine 1728/1729 erbaute Synagoge und eine Schule, die zunächst in der Schlossgasse, ab 1896 in der Judengasse stand. Wegen gesunkener Schülerzahlen wurde die jüdische Schule 1912 geschlossen.

    

                Grundriss der Synagoge Memmelsdorf  (1916)                           Blick auf den Thoraschrein (Aufn. Träger- u. Förderverein M., um 2005)          

Die Synagoge mit Sandsteinfassade und Walmdach gehörte zu den imposantesten Synagogenbauten des ländlichen Unterfrankens; sie ist das ältest noch erhaltene jüdische Gotteshaus der Region. Die jüdischen Bewohner aus dem benachbarten Untermerzbach waren der Memmelsdorfer Gemeinde angeschlossen.

In Memmelsdorf bestand eine jüdische Elementarschule bis in die Zeit des beginnenden 20.Jahrhunderts; der Rückgang der Schülerzahl führte zu deren Schließung (1911).

Stellenangebote der Gemeinde aus der Zeitschrift "Der Israelit" vom 28.Aug. 1884 und vom 20.Juni 1889

 Anzeige aus der Zeitschrift "Der Israelit" aus dem Jahre 1929

Anm.: Ein Sopher (oder auch Sofer) ist ein jüdischer Schriftgelehrter (hebr. "Schreiber"), der Thorarollen, Tefellin, Mesusot oder andere religiöse Schriften transkribierte.

Auf einer Anhöhe nördlich der Ortschaft bestand seit 1835 ein eigener Friedhof; zuvor mussten Verstorbene auf dem seit der Zeit des Dreißigjährigen Krieges bestehenden jüdischen Friedhofs in Ebern beerdigt werden. Auf dem Memmelsdorfer Friedhof sind Männer und Frauen in getrennten Reihen beerdigt worden.

Die Gemeinde unterstand um 1930 dem Bezirksrabbinat Burgpreppach.

Juden in Memmelsdorf:

         --- 1684 ........................  44 Juden,*   * nur Erwachsene

    --- 1700 ........................  12 jüdische Familien,

    --- 1734 ........................  27     “       “    ,

    --- 1800 ........................  40     “       “    ,

    --- 1810/11 .....................  46     “       “    ,

    --- 1813 ........................ 240 Juden (knapp 50% d. Bevölk.),

    --- 1834 ........................ 167   “  ,

    --- 1843 ........................ 133   “  ,

    --- 1867 ........................  77   “  ,

    --- 1885 ........................  90   “  ,

    --- 1900 ........................  78   “  ,

    --- 1925 ........................  33   “  ,

    --- 1933 ........................  25   “  ,

    --- 1938 ........................  16   “  ,

    --- 1939 ........................  10   “  ,

    --- 1940 (Dez.) .................  keine.

Angaben aus: Baruch Z.Ophir/F. Wiesemann (Hrg.), Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 - 1945, S. 365

und                 Cordula Kappner, Aus der jüdischen Geschichte des heutigen Landkreises Haßberge

Seit Mitte des 19.Jahrhunderts sank in Memmelsdorf - wie in fast allen Landgemeinden Bayerns – die Zahl seiner jüdischen Bewohner, die in den Städten bessere ökonomische Perspektiven sahen. Bis Anfang der 1920er Jahre bestand zwischen jüdischer und christlicher Dorfbevölkerung ein gutes Verhältnis, das der hiesige Pfarrer und Lehrer aber durch Agitation zunehmend vergiftete; Folge waren antisemitische „Aktionen“, die Ende 1923 im Dorf eskalierten.

Während des Novemberpogroms von 1938 wurde die Inneneinrichtung der Synagoge stark beschädigt: SA-Angehörige zwangen die männlichen Gemeindemitglieder, alle beweglichen Gegenstände aus dem Gebäude herauszuschleppen und diese auf offenem Gelände zu verbrennen. Auf eine Brandlegung des Gebäudes verzichtete man wegen der Gehöfte in unmittelbarer Nähe. Einige Monate später verließen die letzten jüdischen Bewohner den Ort; sie zogen meist in deutsche Großstädte wie München, Nürnberg oder Bamberg. 18 gebürtige Juden Memmelsdorfs wurden Opfer des Holocaust.

In den 1950er Jahren wurde der jüdische Friedhof in Memmelsdorf wieder in einen ansehbaren Zustand versetzt; gleichzeitig wurde die Fläche durch Versetzen der Ummauerung verkleinert.

  Friedhof in Memmelsdorf (Aufn. S. 2011, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0 de)

Zu den weiteren Zeugnissen jüdischen Lebens in Memmelsdorf zählen die „Judenhäuser“, die am Türrahmen heute noch Spuren der dort angebrachten Mesusot tragen; im Kellergewölbe eines Hauses in der Judengasse wurde 1992 eine vollkommen erhaltene Mikwe entdeckt.

Bereits einige Jahre zuvor war über einer Zwischengeschossdecke des Dachbodens der ehemaligen Dorfsynagoge eine Genisa entdeckt worden; diese wies insgesamt etwa 1.700 (!) Schriftstücke und Gegenstände auf (die meisten werden heute im Johanna-Stahl-Zentrum in Würzburg fachgerecht aufbewahrt). Dieser zufällige Fund initiierte ein zunächst von privater Seite getragenes Sanierungsprojekt. Der 1993 gegründete Träger- und Förderverein Synagoge Memmelsdorf (Ufr.) e.V. erwarb zwei Jahre später das Gebäude; unter seinem Konzept „Konservieren statt Rekonstruieren“ fanden 1998/1999 die ersten Baumaßnahmen statt.

Als „authentischer Lernort über die Geschichte des fränkischen Landjudentums“ soll fortan die ehemalige Memmelsdorfer Synagoge dienen, der die Besucher die vielschichtigen Spuren von der Errichtung bis zur Fremdnutzung des Synagogengebäudes nach 1945 erfahren lässt. Von der originalen Inneneinrichtung existiert heute nur noch der steinerne Thora-Schrein. Für die Instandsetzung des einstigen Synagogengebäudes, das 2004 der Öffentlichkeit übergeben wurde, hatte das bayrische Kultusministerium 378.000 Euro bewilligt.

  Memmelsdorfer Synagoge mit Chuppastein (Aufn. 2007)

An einem Fenstergitter prangt ein Motiv aus dem Wappen des Greiffenclau-Geschlechts: die geschmiedete Greifenklaue, die die Memmeldorfer Juden zu Ehren ihrer Schutzherren Anfang des 18. Jahrhunderts anfertigen ließen.

Zu Ehren der erfolgreichen jüdischen Unternehmerfamilie Nordheimer, die bis in die 1930er Jahre mit ihrem sozialen Engagement den Ort mitprägten, wurde 2011 der bisherige Goldplatz in „Gebrüder-Nordheimer-Platz“ umbenannt. - Derzeit befindet sich ein Projekt des „Förderverein Synagoge Memmelsdorf“ in Planung: Es soll ein „Lehrpfad“ zur Geschichte des fränkischen Landjudentums mit der Synagoge Memmelsdorf als Informationsmittelpunkt geschaffen werden; dieser soll dann in der Region mehrere Orte mit jüdischer Vergangenheit miteinander verbinden und über jüdisches Leben informieren.

  Die Gebrüder Adolf und Ignaz Bing stammten aus Memmelsdorf, wo ihr Vater als Färbermeister seinen Lebensunterhalt für sich und seine Familie verdient hatte; später verzog er nach Gunzenhausen. Beide Söhne gingen nach Nürnberg, wo sie aus kleinsten Anfängen heraus die "Nürnberger Metallwarenfabrik Gebrüder Bing“ führten und dieses Industrieunternehmen in den 1920er Jahren zur größten Spielwarenfabrik weltweit machten; zeitweilig beschäftigte das Unternehmen mehr als 20.000 Arbeitskräfte. Während der Weltwirtschaftskrise geriet der Großbetrieb in große Schwierigkeiten, die alsbald zum Konkurs führten. - Am Geburtshaus von Ignaz Bing - in der Judengasse von Memmelsdorf - erinnert heute eine Gedenktafel.

In Untermerzbach lebten bereits im ausgehenden 17.Jahrhundert einige jüdische Familien, die hier alsbald eine Gemeinde bildeten. Im 18. und bis in die Mitte des 19.Jahrhunderts war der Ort ein Zentrum jüdischen Lebens, das sich auch im hier angesiedelten Rabbinatssitz manifestierte. Denn die Juden im östlichen Bereich des Hochstifts Würzburg gehörten im 17./18. Jahrhundert zum „Land Grabfeld”, einem Verbund jüdischer Gemeinden unter einem gemeinsamen Rabbinat. Der Landesrabbiner hatte seinen Sitz aber meist in Burgpreppach, nur zeitweise in Untermerzbach. Die jüdischen Familien Untermerzbachs hatten einen eigenen Wohnbereich, den „Judenhof“.

Zu den gemeindlichen Einrichtungen gehörten eine nach 1800 erbaute Synagoge und ein westlich des Dorfes liegender Friedhof, der erst um 1840 angelegt worden war; in den Jahrzehnten zuvor waren verstorbene Juden aus Untermerzbach auf dem jüdischen Friedhof in Ebern beerdigt worden. Eine eigene Schule besaß die Gemeinde bis Ende der 1870er Jahre, ehe diese dann wegen mangelnder Schülerzahl aufgegeben wurde.

Juden in Untermerzbach:

         --- 1814 ...................... 121 Juden (ca. 22% d. Bevölk.),

    --- 1837 ...................... 122   “   (ca. 23% d. Bevölk.),

    --- 1867 ......................  44   “   (ca. 8% d. Bevölk.),

    --- 1880 ......................  20   “   (ca. 3% d. Bevölk.),

    --- 1900 ......................  12   “  ,

    --- 1910 ......................   5   "  ,

--- 1925 ......................   7   “  .

Angaben aus: Untermerzbach, in: alemannia-judaica.de

Die jüdischen Familien stellten um 1820/1830 knapp 25% der Dorfbevölkerung; bis zur Jahrhundertwende ging ihr Anteil durch Abwanderung ganz erheblich zurück (1900 nur noch 12 Pers.); die nun winzige Gemeinde löste sich auf, die verbliebenen zumeist verarmten Angehörigen schlossen sich Memmelsdorf an.                                    

1923 soll es zu Tätlichkeiten gegenüber den beiden noch im Dorf lebenden jüdischen Familien gekommen sein; die jugendlichen Täter gehörten dem rechten Spektrum an. Im Jahre 1933 hielten sich noch sechs jüdische Bewohner in Untermerzbach auf; die letzte Jüdin wurde 1942 nach Theresienstadt deportiert. Das Synagogengebäude war 1930 verkauft worden; anschließend wurde es als Scheune benutzt und danach zu einem Wohnhaus umgebaut, das bis heute erhalten ist.

Auf dem ca. 1.500 m² großen jüdischen Friedhofsareal - etwa 500 Meter westlich der Ortschaft gelegen - findet man heute noch ca. 50 Grabsteine.

Friedhof in Untermerzbach (Aufn. S. 2011, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Im Bereich der Kommune Untermerzbach wurde im Frühjahr 2014 eine Etappe des „Lehrpfades zur Geschichte des Fränkischen Landjudentums“ eröffnet.

vgl. Untermerzbach (Unterfranken/Bayern)

Weitere Informationen:

Baruch Z.Ophir/F. Wiesemann (Hrg.), Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 - 1945. Geschichte und Zerstörung, Oldenbourg-Verlag, München/Wien 1979, S. 365/366

Herbert Schultheis, Juden in Mainfranken 1933 - 1945 unter besonderer Berücksichtigung der Deportationen Würzburger Juden, in: Bad Neustädter Beiträge zur Geschichte und Heimatkunde Frankens, Band 1, Verlag Max Rötter, Bad Neustadt a.d.Saale 1980, S. 207/208

Gerhard Wilhelm Daniel Mühlinghaus, Der Synagogenbau des 17. u. 18.Jahrhunderts im aschkenasischen Raum, Dissertation, Philosophische Fakultät Marburg/Lahn, 1986, Band 2, S. 254 - 256

Gisela Krug, Die Juden in Mainfranken zu Beginn des 19.Jahrhunderts: Statistische Untersuchungen zu ihrer sozialen und wirtschaftlichen Situation, in: Mittelfränkische Studien, Band 39/1987, Würzburg 1987, S. 19 ff.

Harm-Hinrich Brandt (Hrg.), Zwischen Schutzherrschaft und Emanzipation. Studien zur Geschichte der mainfränkischen Juden im 19.Jahrhundert, in: Märkische Studien, Band 39, Würzburg 1987

Israel Schwierz, Steinerne Zeugen jüdischen Lebens in Bayern. Eine Dokumentation, Hrg. Bayrische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, München 1992, S. 99 (Memmelsdorf) und S. 128/129 (Untermerzbach)

Israel Schwierz, Zeugnisse jüdischen Lebens in unterfränkischen Gemeinden. Beispiele Memmelsdorf, Kleinheubach, Mainstockheim und Untermerzbach, in: ‘Frankenland’ - Zeitschrift für Fränkische Landeskunde und Kulturpflege, Heft 3/1993, S. 69 f.

Cordula Kappner, Aus der jüdischen Geschichte des heutigen Landkreises Hassberge, Hrg. Landratsamt Haßberge, Haßfurt 1998

Chr. Hans-Schuller, Die ehemalige Synagoge von Memmelsdorf (Ufr.). Ergebnisse der bauhistorischen und restauratorischen Untersuchung, in: ‘Heimat Bamberger Land’ 11/2 (1999), S. 39 - 52

Herbert Liedel/Helmut Dollhopf, Jerusalem lag in Franken. Synagogen und jüdische Friedhöfe, Echter-Verlag GmbH, Würzburg 2006, S. 104 – 107

Hans-Peter Süss: Jüdische Archäologie im nördlichen Bayern - Franken und Oberfranken, in: Arbeiten zur Archäologie Süddeutschlands, Bd. 25, Büchenbach 2010, S. 87 – 89

Lothar Mayer, Jüdische Friedhöfe in Unterfranken, Michael Imhof Verlag, Petersberg 2010, S. 124 -127 (Memmelsdorf) und S. 188 - 191 (Untermerzbach)

Memmelsdorf, in: alemannia.judaica.de (mit zahlreichen Text- u. Bilddokumenten aus der Gemeindehistorie)

Untermerzbach, in: alemannia-judaica.de

Jüdisches Museum Berlin (Hrg.), Zufallsfund von oben: die Memmelsdorfer Genisa, online abrufbar unter: jmberlin.de/objekt-memmelsdorfer-genisa