Geisa (Thüringen)

Bildergebnis für wartburgkreis karte geisa Geisa ist ein Landstädtchen mit derzeit knapp 5.000 Einwohnern im Süden des Wartburgkreises in der thüringischen Rhön im Ulstertal (Karte aus: suche-postleitzahl.org).

Der älteste urkundliche Nachweis über eine jüdische Ansiedlung in Geisa liegt aus der Mitte des 16.Jahrhunderts vor. Als umherziehende Händler in der Region machten Juden Geschäfte mit der zumeist zahlungsschwachen Landbevölkerung, die dann ihre benötigten Waren auf Kredit erwarb; die Bauern wurde so zu Schuldnern und waren deshalb auf die jüdischen Kleinhändler oft auch nicht gut zu sprechen. Gegen Ende des 17.Jahrhunderts waren mit der Ausweisung aller Juden aus dem Bereich des gesamten Hochstifts Fulda vermutlich auch die in Geisa lebenden jüdischen Familien betroffen. Gegen Ende des 18.Jahrhunderts muss in Geisa eine kleine jüdische Gemeinde bestanden haben; die Juden wohnten z.g.T. am „Judenhaugk“ (= Judenhügel). Als nach dem Wiener das Geisaer Amt zum Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach angeschlossen wurde, erließ der Großherzog 1823 eine "Judenordnung", in der es u.a. hieß: „Alle Juden, welche in dem Großherzogtume als Untertanen aufgenommen worden sind, haben als solche mit den übrigen Staatsuntertanen gleiche Rechte und gleiche Verbindlichkeiten.” Allerdings mussten Juden weiterhin Schutzgelder zahlen und waren nicht für jedes Gewerbe zugelassen. In der Geisaer Stadtordnung galten Juden auch weiterhin als „Nichtbürger“; sie konnten aber ein Bürgerrecht erkaufen. So achtete z.B. im Jahre 1825 der Geisaer Stadtrat noch darauf, dass „am Gründonnerstag und Karfreitag während des ganzen Tages und an gewöhnlichen Sonntagen bis nachmittags nach 4 Uhr kein Jude sich auf der Straße blicken lassen und im Übertretungsfalle folglich ohne weiteres Gehör eingezogen und bestraft werden soll”. Erst gegen Ende des 19.Jahrhunderts kann davon gesprochen werden, dass die Geisaer Juden „Vollbürger“ waren.Die Existenz einer Synagoge in Geisa ist seit der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts am „Judenhaugk“, dem heutigen Schlossberg, nachweisbar; als das Gebäude Ende der 1850er Jahre durch einen Großbrand - fast die gesamte Oberstadt war davon betroffen - vernichtet wurde, errichtete die jüdische Gemeinde an gleicher Stelle einen ansehnlichen Synagogenneubau und weihte diesen 1862 ein. Mit seinem achteckigen Turm hob sich die neue Synagoge markant aus dem Stadtbild ab. Der Bau der Synagoge war erst durch Geldspenden auswärtiger Glaubensgenossen ermöglicht worden.

                 Synagoge/Turm des Gebäudes (hist. Aufn.)  

Ab 1840 existierte eine jüdische Schule unter staatlicher Aufsicht; unterrichtet wurde zunächst in der alten Synagoge; nach dem Stadtbrand erhielten die jüdischen Kinder kurzzeitig im Wohnhaus des jüdischen Lehrers Unterricht. Ihren endgültigen Standort fand die Schule dann in einem Gebäude in der Brunnengasse/Ecke Schulstraße. Die jüdische Volksschule ging in der 1875 gegründeten katholisch-jüdischen Simultanschule auf, wo die jüdischen Kinder eine separate Klasse bildeten. Mit zurückgehender Schülerzahl wurde die jüdische Klasse 1924 aufgelöst; jüdischer Religionsunterricht fand aber weiterhin statt.

Gemeindliches Stellenangebot aus der Zeitschrift "Der Israelit" vom 29.7.1901http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20163/Geisa%20Israelit%2029071901.jpg

Der jüdische Friedhof in Geisa, am Ortsausgang in Richtung Schleid gelegen, wurde vermutlich im ausgehenden 18.Jahrhundert (andere Angabe: bereits nach 1700) angelegt; der älteste lesbare Grabstein stammt aus dem Jahre 1829.

Juden in Geisa:

        --- um 1600 .........................   5 jüdische Familien,

    --- 1823 ............................ 168 Juden,

    --- 1848 ............................  33 jüdische Familien,

    --- 1861 ............................ 180 Juden (ca. 11% d. Bevölk.),

    --- 1890 ............................ 157   “  ,

    --- um 1900 ..................... ca. 130   “  ,

    --- 1910 ............................  93   “  ,

    --- 1925 ............................  85   “  ,

    --- 1933 ............................  67   “  ,

    --- 1938 ............................  35   “  ,

    --- 1941 (Dez.) .....................  22   “  ,

    --- 1942 (Dez.) .....................   3   “  ,

    --- 1945 (Jan.) .....................   keine.

Angaben aus: Heinz Kleber, Chronik jüdischen Lebens in Geisa

Die jüdischen Einwohner Geisas waren zumeist kleine Geschäftsleute in verschiedenen Branchen, Gastwirte und Viehhändler.

Gewerbliche Anzeigen aus der Zeit um 1900:

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Ab den 1880er Jahren setzte eine Abwanderung jüngerer jüdischer Einwohner aus den kleineren Ortschaften der Rhön ein, so auch aus Geisa; während ein Teil in größere deutsche Städte verzog, sah der andere Teil seine wirtschaftliche Zukunft in einer Emigration, meist nach Nordamerika. In den 1880er Jahren kam es im Ort vereinzelt zu antisemitischen Ausschreitungen gegen jüdisches Eigentum. Doch insgesamt können die Beziehungen zwischen jüdischer Minderheit und christlicher Mehrheit in Geisa als spannungsfrei, ja gut nachbarschaftlich betrachtet werden. Dies änderte sich dann allmählich in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg, als nationalistisch-antisemitische Tendenzen auch in Geisa Eingang fanden; antijüdische Übergriffe ließen sich damals nur durch eine verstärkte Polizeipräsenz verhindern.

Der mit der NS-Zeit einsetzende Boykott war in Geisa - aus Sicht der NSDAP - zunächst nicht erfolgreich, da ein Großteil der Bevölkerung weiterhin in jüdischen Geschäften einkaufte - oft aber nur nach Einbruch der Dunkelheit. Auf Anweisung des hiesigen Bürgermeisters erhielten ab 1935 die jüdischen Händler einen besonderen Platz auf dem Markt zugewiesen, um sie damit Marktbesuchern als solche kenntlich zu machen. Zu Beginn des Jahres 1938 gab es in Geisa noch sechs jüdische Geschäfte. Diese wurden dann während des Novemberpogroms von einheimischen SA-Angehörigen teilweise beschädigt, ihre Auslagen geplündert bzw. auf die Straßen geworfen. Die Synagoge wurde in Brand gesetzt und weitgehend zerstört; an den Gewaltmaßnahmen sollen sich besonders Jugendliche beteiligt haben. Zwei Jahre später wurde die Synagogenruine völlig abgetragen. Im Laufe des Jahres 1942 wurden die meisten der hier noch lebenden jüdischen Einwohner, meist ältere Menschen, deportiert; nur eine „in Mischehe“ lebende Jüdin und ihre Tochter blieben zurück, bis auch sie „umgesiedelt“ wurden. Von den deportierten 20 Geisaer Juden überlebten nur die wenigsten die NS-Verfolgung.

Nach Kriegsende kehrten kurzzeitig wenige überlebende Geisaer Juden in ihren Heimatort zurück; nach einigen Jahren verließen sie diesen wieder, gingen nach Frankfurt/M. bzw. emigrierten in die USA.

Anlässlich des 50.Jahrestages der Pogromnacht wurde am ehemaligen Standort der Synagoge eine schlichte Gedenkplatte mit folgender knapper Inschrift angebracht:

Zum Gedenken der jüdischen Gemeinde

und ihrer im Nov. 1938 zerstörten Synagoge

Ein Jahr später wurde eine Gedenktafel am Gebäude der früheren jüdischen Schule enthüllt, die dem Lehrer und Botaniker Moritz Goldschmidt gewidmet wurde.

 Der 1863 in Birkhausen/bei Eschwege geborene Moritz Goldschmidt war jahrzehntelang in Geisa als Lehrer an der jüdischen Schule tätig. Als Botaniker, der während seines Lebens mehr als 20.000 Pflanzen der Rhön gesammelt und beschrieben hat, veröffentlichte er zahlreiche Beiträge in verschiedenen Fachzeitschriften. Seine Pflanzensammlung befindet sich heute im Senckenbergmuseum in Frankfurt/M. Moritz Goldschmidt verstarb bereits im Alter von 53 Jahren (1916); sein Grab befindet sich auf dem am Stadtrand von Geisa befindlichen jüdischen Friedhof.

Der jüdische Friedhof hat die NS-Zeit weitgehend unversehrt überstanden; der ältere Teil liegt an einem bewaldeten Hang am südlichen Rande der Stadt. Die Anzahl der Bestattungen - derzeit sind insgesamt noch 48 Grabsteine vorhanden - kann wohl mit ursprünglich 200 angenommen werden.

 

Teilansichten des jüdischen Friedhofs in Geisa (Aufn. J. Hahn, 2009)

Weitere Informationen:

Helmut Eschwege, Geschichte der Juden im Territorium der ehemaligen DDR, Dresden 1990, Band II, S. 940 f.

Heinz Kleber, Zur Geschichte der ehemaligen jüdischen Gemeinde in Geisa, in: Festschrift “ 1175 Jahre Geisa “, Hrg. Stadtverwaltung Geisa, Fulda 1992, S. 82 - 95

M.Brocke/E.Ruthenberg/K.U.Schulenburg, Stein und Name. Die jüdischen Friedhöfe in Ostdeutschland (Neue Bundesländer/DDR und Berlin), in: Veröffentlichungen aus dem Institut Kirche und Judentum, Hrg. Peter v.d.Osten-Sacken, Band 22, Berlin 1994, S. 359

Heinz Kleber, Chronik jüdischen Lebens in Geisa, in: Hans Nothnagel (Hrg.), Juden in Südthüringen geschützt und gejagt, Band 5: Jüdische Gemeinden in der Vorderrhön, Verlag Buchhaus Suhl, Suhl 1999, S. 164 - 205

Ulrike Schramm-Häder, Jeder erfreuet sich der Gleichheit vor dem Gesetze, nur nicht der Jude. Die Emanzipation der Juden in Sachsen-Weimar-Eisenach (1823 - 1850), in: Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Thüringen, Kleine Reihe, Band 5, Verlag Urban & Fischer, München/Jena 2001, S. 221 ff.

Gabriele Olbrisch, Landrabbinate in Thüringen 1811 - 1871. Jüdische Schul- und Kulturreform unter staatlicher Regie, in: Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Thüringen - Kleine Reihe, Band 9, Böhlau-Verlag, Köln - Weimar - Wien 2003, S. 53 – 55

Heinz Kleber, Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde Geisa/Rhön, hrg. von der Stadtverwaltung Geisa, 2003 (ergänzte Neuaufl. 2009)

Israel Schwierz, Zeugnisse jüdischer Vergangenheit in Thüringen. Eine Dokumentation, hrg. von der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen, Sömmerda 2007, S. 126/127

Geisa, in: alemannia-judaica.de (mit Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Heinz Kleber, Christen und Juden lebten einst friedlich zusammen. Aufstieg, Blütezeit und Niedergang der jüdischen Gemeinde Geisa (Rhön), hrg. vom Heimat- und Geschichtsverein Geisaer Amt, 2012 (2. Aufl., 2013)

Heinz Kleber (Bearb.), Juden in Geisa, online unter: juedisches-leben.geisa.jimdo.com

Gerhild Elisabeth Birmann-Dähne, Jüdische Friedhöfe in der Rhön, Michael Imhof Verlag, Petersberg 2018