Braunsberg (Ostpreußen)

  rechts aus: wiki-de.genealogy.net/Ostpreußen

Braunsberg, das seit 1284 das Stadtrecht hat, war als Hansestadt im Spätmittelalter die bedeutendste Stadt des Ermlandes. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Altstadt schwer zerstört; das heutige Braniewo gehört der Woiwodschaft Olsztyn an.

Die ersten wenigen Juden, die sich in den 1740er Jahren in Braunsberg niederließen, besaßen Schutzbriefe des ermländischen Bischofs bzw. des Domkapitels des Fürstbistums. So lebte in Braunsberg im Jahre 1744 der Schutzjude Philipp, der sich „mit einer ganzen Kumpanei von Stammesgenossen von der Stadt die Handelserlaubnis gekauft hatte“. Nur wenige Jahre später erhielten weitere Juden Wohn- und Handelserlaubnis für Braunsberg. Die meisten jüdischen Zuwanderer stammten aus nahen westpreußischen Gebieten.

Im beginnenden 19.Jahrhundert bildete sich eine kleine jüdische Gemeinschaft, die zunächst ihren Betsaal in einem Privathaus in der Lindenstraße hatte. In den Jahren 1854/1855 ließ die Gemeinde in der Neustadt (in der Fleischerstraße) ein neues Synagogengebäude errichten und 1855 einweihen. Einer der ersten Vorsteher der erst 1858 offiziell gegründeten Kultusgemeinde war Nathan Rosenheim, der auch jahrelang als Ratsherr in Baunsberg amtierte.

Nahe der alten Richtstätte („auf dem Kahlen Berg“, der späteren Bahnhofstraße) verfügte die jüdische Gemeinde über einen eigenen Friedhof, dessen Einrichtung bereits um 1835 erfolgt war.

Juden in Braunsberg:

    --- um 1800 ....................... sehr wenige Familien,

    --- 1816 ..........................  16 Juden,

    --- 1846 .......................... 102   "  ,

    --- 1871 .......................... 142   “  ,

    --- 1880 .......................... 169   “  ,

    --- 1895 ..........................  86   “  ,

    --- 1913 ...................... ca.  80   “  ,

    --- 1925 ..........................  52   “  ,

    --- 1933 ..........................  67   “  ,

             .......................... 133   “  ,*    * im Kreis Braunsberg

    --- 1939 ..........................  10   “  ,

             ..........................  40   “  .*

Angaben aus: Aloys Sommerfeld, Juden im Ermland - Ihr Schicksal nach 1933, S. 77/78          

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Marktstraße in Braunsberg (hist. Postkarte, um 1900) und Stadtansicht (hist. Aufn., um 1915)

Ab den 1880er Jahren setzte eine deutliche Abwanderung jüdischer Familien aus Braunsberg ein; innerhalb nur weniger Jahre hatte sich die Zahl der jüdischen Einwohner in etwa halbiert.

Zu Beginn der NS-Zeit lebten in Braunsberg knapp 70 jüdische Bewohner; die allermeisten von ihnen hatten bis Kriegsbeginn die Stadt verlassen. In der Pogromnacht wurde die Synagoge von SA-Angehörigen in Brand gesetzt und der jüdische Friedhof geschändet. Auf die wenigen noch in Braunsberg verbliebenen Familien (Simonsohn, Schachmann) wurde eine regelrechte Hetzjagd gemacht.

Innerhalb kürzester Zeit erfolgte die „Arisierung“ jüdischen Eigentums und die Vertreibung aller ihrer Bewohner. Die Synagogenruine wurde später abgetragen.

Nachweislich wurden 36 aus Braunsberg stammende bzw. längere Zeit dort lebende jüdische Personen Opfer der Shoa.

Vom jüdischen Friedhof sind heute alle Spuren getilgt.

Die bekannteste Persönlichkeit der jüdischen Gemeinde war der aus Königsberg stammende Arzt Dr. Jacob Jacobson, der seit 1831 in Braunsberg tätig war. Auf Grund seiner Verdienste für die Bewohner Braunsbergs während einer schweren Cholera-Epidemie wurde ihm die Ehrenbürgerschaft der Stadt verliehen.

 

In Frauenburg (poln. Frombork), einer Kleinstadt am Frischen Haff gelegen, ließen sich zu Beginn des 19.Jahrhunderts wenige jüdische Familien nieder. Da ihre Zahl zu gering war (maximal 30 – 40 Personen), um eine autonome Gemeinde mit einer Synagoge zu bilden, schlossen sie sich der nahen Braunsberger Gemeinde an. Ein eigenes Begräbnisgelände war hingegen vorhanden. Um 1900 lebten nur noch sehr wenige Personen mosaischen Glaubens im Ort.

 

In Mühlhausen/Ostpr. (poln. Mlynary), südlich von Braunsberg, lebten im beginnenden 19.Jahrhundert einige Juden; die Zahl der Familien wuchs zwar im Laufe der Folgejahrzehnte (bis auf ca. 60 Personen), doch zu einer Gemeindegründung kam es hier nicht. Doch besaß die kleine jüdische Gemeinschaft einen eigenen Friedhof. Anfang der 1930er Jahre lebten nur noch wenige Juden in der Kleinstadt.

Weitere Informationen:

L. Aris, Geschichte der jüdischen Gemeinde und der Chewra Kaddischa zu Braunsberg, in: Königsberger Jüdisches Gemeindeblatt 6/1929, Heft 1

Franz Buchholz, Braunsberg im Wandel der Jahrhunderte. Festschrift zum 650jährigen Stadtjubiläum, Braunsberg 1934

Ronny Kabus, Juden in Ostpreußen, Husum 1998, S. 83

Aloys Sommerfeld, Juden im Ermland - Ihr Schicksal nach 1933, in: Zeitschrift für die Geschichte und Altertumskunde Ermlands, Beiheft 10/1991, Münster 1991, S. 77 - 83

Aloys Sommerfeld, Juden im Ermland, in: M.Brocke/M.Heitmann/H.Lordick (Hrg.), Zur Geschichte und Kultur der Juden in Ost- und Westpreußen, Georg Olms Verlag, Hildesheim/u.a., 2000, S. 87 ff.

Braniewo, in: sztetl.org.pl

Hubert Schulz, Reichskristallnacht in Braunsberg, in: Heimatbrief für den Kreis Braunsberg No. 22/2008, S. 65/66

Bettina Müller, Juden in Braunsberg, in: Heimatbrief für den Kreis Braunsberg No. 37/2017, S. 70 - 135 (Anm.: mit Namensliste ehemaliger jüdischer Bürger der Stadt)