Bielefeld (Nordrhein-Westfalen)

Bildergebnis für bielefeld plz karte Bielefeld ist eine Großstadt mit derzeit ca. 335.000 Einwohnern im Regierungsbezirk Detmold im Nordosten Nordrhein-Westfalens.

Bielefeld1840.jpg

Blick auf Bielefeld um 1840 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Die Geschichte der jüdischen Gemeinde Bielefeld könnte so alt wie die Geschichte der 1214 gegründeten Stadt selbst sein; allerdings stammt der früheste dokumentarische Nachweis über in Bielefeld ansässige Juden erst aus der Mitte des 14.Jahrhunderts. Während der Pestjahre kam es auch hier zu antijüdischen Ausschreitungen, die mit Vertreibungen verbunden waren. Wenige Jahrzehnte später gestattete der Landesherr, der Graf von Berg und Ravensberg, ihre Rückkehr in die Stadt; 1370 hielten sich sieben Familien hier auf, die überwiegend vom Geldhandel lebten. Ab Mitte des 16.Jahrhunderts lebten in Bielefeld keine Juden mehr, da Herzog Wilhelm V. von Jülich 1554 in der „Jülischen Polizeiverordnung“ ein Aufenthaltsverbot für Juden in seinem gesamten Territorium erlassen hatte. Erst gegen Mitte des 17.Jahrhunderts setzte erneut eine Zuwanderung in die Stadt ein, nachdem die nun Preußen zugeschlagene Grafschaft Ravensburg eine Ansiedlung von Juden gestattete. So erlaubte der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm 1648 den beiden in Bielefeld lebenden jüdischen Familien Marcus Spanier und Salomon Reinbach in dem ihnen erteilten Schutzbrief, für 15 Jahre in Bielefeld zu wohnen und „ihren Handel und Wandel, in Kauffen und Verkauffen, es sey in gantzen Stücken oder mit Ehlen“ zu treiben. Die ravensbergische Regierung, der Magistrat und die Bürger der Stadt wurden angehalten, die beiden Judenfamilien „geleidlich wohnen zu lassen“; 1663 erfolgte eine Verlängerung des Patents auf zehn, im Januar 1673 auf weitere sechs Jahre. In einem von Kurfürst Friedrich III. erteilten General-Privileg (Juni 1691) für die Juden der Grafschaft Ravensberg (insgesamt 27 Familien) waren fünf Bielefelder Familien aufgeführt. Zu Beginn des 18.Jahrhunderts lebten etwa 30 Juden in der Stadt, die ihr Bleiberecht allerdings durch regelmäßige Schutzgeldzahlungen erkaufen und zudem besondere Steuern an die Stadtkasse abführen mussten.

Während der napoleonischen Ära – in den Jahren 1807 bis 1813 gehörte Bielefeld zum Königreich Westfalen - wurden auch hier die jüdischen Bewohner allen übrigen Untertanen gleichgestellt. Doch nach Ende der französischen Herrschaft verschlechterte sich die Situation der Juden wieder, da die französische Gesetzgebung - was die Juden angeht - teilweise wieder zurückgenommen wurde.

Bis ins beginnende 19.Jahrhundert hielt die jüdische Gemeinde Bielefeld ihre religiösen Feiern in einem Privathaus ab. Nachdem dieses endgültig in jüdischen Besitz übergegangen war, richtete man am Gehrenberg eine Synagoge ein. Da dieses Fachwerkgebäude jedoch einsturzgefährdet war und 1844 geschlossen werden musste, wurde zwei Jahre später - an fast gleicher Stelle am Klosterplatz - ein Synagogenneubau in Angriff genommen. Im September 1847 fand dann die Einweihung der neuen Synagoge statt.

                                                               Synagoge am Klosterplatz (hist. Aufn., Stadtarchiv)

Aus den Erinnerungen von Martha Modersohn-Kramme: ... Das mit einer Mauer umgebene Gotteshaus war vom Klosterplatz aus zu erreichen. Man gelangte in das einige Stufen höher liegende Andachtshaus durch die eiserne Pforte, ... Der Vorbau des Synagogengebäudes ... war zweistöckig. Im Obergeschoß befand sich nach vorn der Schulraum der jüdischen Volksschule, in der Knaben und Mädchen gemeinsam unterrichtet wurden. ...Der längliche hintere Bau, in dem der Gottesdienst abgehalten wurde, war halbrund gestaltet und nach Osten zugewandt, hier waren Altar und Allerheiligstes. Seitlich befanden sich Emporen, die Sitzplätze für die weiblichen Gemeindemitglieder. Kanzel, Orgel, Chor usw. waren mit Säulen verziert und aus Holz gearbeitet. Decke und Wandflächen waren nach damaliger Zeit dem Geschmack entsprechend feierlich und hübsch ausgestattet; alles war weiß gestrichen und vergoldet. ...” (aus: Martha Modersohn-Kramme, Aus Bielefelds vergangenen Tagen, Bielefeld/Leipzig 1929)

Wegen ihrer wachsenden Mitgliederzahl beschloss die jüdische Gemeinde um die Jahrhundertwende, eine größere Synagoge zu errichten. Dieser Neubau in der Turnerstraße 5 konnte die Gemeinde 1905 einweihen. Das Gebäude war relativ groß und bot 450 Männern und 350 Frauen auf den Emporen Platz. In ihrem Baustil fügte sich die Synagoge ins Stadtbild ein und vermittelte somit den Eindruck der Integration in die städtische Gesellschaft.

                   In einem Bericht der „Allgemeinen Zeitung des Judentum“ vom 29.9.1905 hieß es:

Bielefeld, 20. September. Heute fand hier die feierliche Einweihung der mit einem Kostenaufwand von 250.000 Mark erbauten neuen Synagoge statt. Der Bau, mit dem am 5.April vorigen Jahres begonnen wurde, ist nach den Plänen des Regierungs- und Baurats Fürstenau-Berlin im Stile deutscher Renaissance auf byzantinischer Grundlage errichtet und umfaßt etwa 800 Plätze. Einen besonderen Schmuck erhielt das Gotteshaus durch künstlerisch ausgeführte Kuppelfenster. Die nicht unbedeutenden Mittel wurden durch Stiftungen mehrerer Gemeindemitglieder zur Verfügung gestellt. Die Weiherede hielt Rabbiner Dr. Coblenz, der als Kanzelredner rühmlichst bekannt, die ganze Versammlung durch seinen Gemüt und Geist ergreifende Predigt hingerissen hat, in der er die Bedeutung des Gotteshauses als eine Stätte des Friedens, der Humanität und der religiösen Erhebung in beredten Worten auseinandersetzte. Der Feier wohnten die Spitzen der städtischen Behörden bei. Dem besonders verdienstvollen Vorsitzenden des Vorstandes der Synagogengemeinde, Bankier Moritz Katzenstein, wurde der Kronenorden vierter Klasse verliehen. Die hiesige jüdische Gemeinde ist von 350 Mitgliedern im Jahre 1870 auf jetzt über 1.000 Seelen angewachsen und ist jetzt der Zahl wie der Intelligenz nach eine der angesehensten des Landes.

                                                                                                                                 Neue Bielefelder Synagoge in der Turnerstraße (hist. Aufn., Stadtarchiv)

Seit Beginn des 19.Jahrhunderts hatte es in Bielefeld eine jüdische Volksschule gegeben. Zunächst wurde der Unterricht in einem Privathaus Am Damm erteilt und ab 1857/1858 in den Räumen der Synagoge Am Klosterplatz 5. Aus finanziellen Gründen wurde die jüdische Schule 1876 aufgegeben, und die Kinder besuchten nun öffentliche Schulen; nur der jüdische Religionsunterricht blieb bestehen.

 Der aus Ottweiler stammende Felix Coblenz (geb. 1863), der im Alter von 15 Jahren nach Münster an die Marks-Haindorf-Stiftung ging, wo er seine Ausbildung zum Lehrer absolvierte. Neben einem Studium für Orientalische Sprachen an der Universität in Berlin besuchte er gleichzeitig die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums, um sich hier auf den Beruf eines Rabbiners vorzubereiten. 1889 trat er in Bielefeld sein neues Amt als Lehrer und Rabbiner an und engagierte sich hier auch für den Bau der neuen Synagoge (1905 eingeweiht). Nach fast 20jähriger Tätigkeit gab er während des Ersten Weltkrieges sein Amt in Bielefeld auf und wechselte zur Jüdischen Reformgemeinde nach Berlin. Wenige Jahre später starb er an seiner neuen Wirkungsstätte (obige Abb. aus: wikipedia.org).

Bereits seit dem ausgehenden 17.Jahrhundert existierte ein jüdischer Friedhof vor den Toren der Stadt, im Gadderbaumer Tal, der auch von der Gemeinde in Werther mitbenutzt wurde. Als das Friedhofsgelände zu klein geworden war, erwarb die jüdische Gemeinde einen neuen Bestattungsplatz unterhalb des Kahlen Berges neben dem Johannisfriedhof, der ab Ende des 19.Jahrhunderts genutzt wurde und bis heute besteht.

Juden in Bielefeld:

        --- 1647 ...............................   2 jüdische Familien,

    --- 1691 ...............................   5     “       “    ,

    --- 1718 ...............................  30 Juden,

    --- 1785 ...............................  65   “  ,

    --- 1812 ...............................  89   “  (in 25 Familien),

    --- 1825 ............................... 134   “  ,

    --- 1843 ............................... 169   “  ,

    --- 1875 ............................... 525   “  ,

    --- 1881 ............................... 728   “  ,

    --- 1900 ........................... ca. 980   “  ,

    --- 1925 ........................... ca. 900   “  ,

    --- 1933 ............................... 797   “  ,

    --- 1936 (Dez.) ........................ 660   “  ,

    --- 1939 (Dez.) ........................ 514   “  ,

    --- 1941 (Dez.) ........................ 346   “  ,

    --- 1943 (Dez.) ........................  24   “  .

Angaben aus: Elfi Pracht, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen: Band III: Reg.bez. Detmold, S. 24

Am Markt um 1900 (hist. Aufn. aus: bielefeld.jetzt/tour)

Mit dem Aufstieg Bielefelds zur Industriestadt ging ein wachsender Wohlstand zahlreicher jüdischer Familien einher, der ihr gesellschaftliches Ansehen in der Stadt erheblich stärkte. Der Schwerpunkt ihrer Wirtschaftstätigkeit lag in der Textilbranche. Nach der Bevölkerungsstatistik lebten 1933 in Bielefeld knapp 800 Juden, dies entsprach einem Anteil von knapp 0,7% der Stadtbevölkerung. Die Juden Bielefelds waren zumeist in selbstständigen Berufen tätig, wobei der kaufmännische Sektor, vor allem der Einzelhandel, den größten Teil ausmachte. So lebte die Mehrheit in gesicherten ökonomischen Verhältnissen und gehörte der Mittelschicht und dem gehobenen Bürgertum an.

Bereits drei Tage vor dem reichsweiten Boykotttag besetzten Angehörige von SA und SS die Eingänge der jüdischen Geschäften, um mit Parolen wie „Wer beim Juden kauft, betrügt den deutschen Arbeiter” und „Meidet die jüdischen Ramschläden” die Käufer abzuschrecken. Am 1.April 1933 wurde diese „Aktion“ fortgesetzt; nun wurden auch Rechtsanwaltspraxen einbezogen. Die Bielefelder Bevölkerung soll den antisemitischen Parolen der Apriltage meist indifferent gegenübergestanden haben.

                    Schuhgeschäft Dessauer in der Niedernstraße, Okt. 1938 (Stadtarchiv Bielefeld)

Die Verschärfung antisemitischer Hetze führte - vor allem ab 1935 - dazu, dass immer mehr Bielefelder Juden ihr Heil in der Emigration suchten. Diese erreichte nach dem Novemberpogrom einen Höhepunkt: Allein in den nachfolgenden zehn Monaten verließen fast 200 Juden ihre Heimatstadt.

In der Nacht vom 9./10.November 1938 setzten SS-Angehörige mit Hilfe von Brandbeschleunigern die Synagoge in der Turnerstraße in Brand, die bis auf die Grundmauern abbrannte; auch das angrenzende Verwaltungsgebäude fiel den Flammen zum Opfer. Mit dem Abbruch der Ruine wurde im Dezember 1939 begonnen, 1942 waren dann die letzten Reste aus dem Stadtbild verschwunden.

                          Brennende Synagogenkuppel (aus: presse.phoenix.de)

Während jüdische Wohnungen verschont blieben, wurden mindestens 18 jüdische Geschäfte demoliert und einige geplündert.

Auflistung der in Bielefeld existierenden und vom Pogrom betroffenen Geschäfte jüdischer Besitzer (Angaben aus: Jochen Rath, Die Pogromnacht in Bielefeld):

Kartonagenfabrik M. Heinemann, Waldhof 7 - Damenputzgeschäft Else Arnholz, Obernstraße 23 - Strumpfhaus Martha Meyer, Obernstraße 30 - Konfektionen Koch & Co. Nachf., Niedernstraße 18 - Berufskleidung Louis Mosberg, Breite Straße 44 - Korsettgeschäft Geschwister Salomon, Rathausstraße 12 - Herren- und Damenkonfektionen Alfriede Arronge, Hermannstraße 6 - Öfen und Eisenwaren Adolf Heine, Ritterstraße 57 - Lederhandlung Gottlieb Vogt, Ritterstraße 75 - An- und Verkauf getragener Kleidungsstücke Witwe Berta Münz, Oberntorwall 25 - Strumpfhaus Meyer, Niederwall 17 - Metzgerei Rudolf Rose, Hagenbruchstraße 7 - Wäschegeschäft Louis Goldschmidt, Steinstraße 6 - Roßschlächterei Fritz Grünewald, Gütersloher Straße 72 - Altmöbelhandlung Max Langendorf, Goldstraße 5 - Wollwarenhändler Hermann Löwenberg, Engersche Straße 103 - Metzger Sally Grünewald, Schildesche, Im Stift 14.

Etwa 40 bis 50 jüdische Männer wurden inhaftiert und zumeist ins KZ Buchenwald verschleppt. In der Lokalpresse – „Westfälische Neueste Nachrichten” - war am 11.11.1938 zu lesen:

Antwort an das Judenpack

Der Judentempel brannte aus. Die freche Herausforderung des feigen Mörderjuden Seibel Grünspan konnte das deutsche Volk nicht lammfromm hinnehmen. Wie anderswo im Reich kam es auch in Bielefeld zu erregten Demonstrationen der deutschen Bevölkerung gegen das internationale Judenpack. Einzelnen Geschäftsjuden, die immer noch nicht begriffen haben, daß mit dem deutschen Volk kein Reibach zu machen ist, klirrten die Fensterscheiben in den Laden. Im Judentempel in der Turnerstraße brach in den Donnerstag-Morgenstunden Feuer aus; die Synagoge brannte vollkommen aus, die protzige Kugel krachte in sich zusammen. Der Feuerlöschpolizei gelang es jedoch, die umliegenden Häuser vor einem Übergreifen des Feuers zu bewahren.

Im Zuge der „Entjudung“ wurden auch die noch bestehenden jüdischen Unternehmen Bielefelds „arisiert“, und um die Jahreswende 1938/1939 gab es in der Stadt keine jüdischen Einzelhandelsgeschäfte mehr; auch im Landkreis Bielefeld ging die „Arisierung“ schnell vonstatten. Ab Ende 1939 erfolgten die ersten Zusammenlegungen jüdischer Familien in „Judenhäuser“, in denen die Menschen auf engstem Raum leben mussten. Arbeitsfähige wurden in den Betrieben der Stadt zur Zwangsarbeit herangezogen, und zahllose Verordnungen schränkten den Lebensraum immer mehr ein.

                   Aus einer Rundverfügung der Geheimen Staatspolizei - Staatspolizeistelle Bielefeld - vom 13.September 1939:

...

R u n d v e r f ü g u n g Nr.84/39

Betrifft:     Zuweisung von besonderen Lebensmittelgeschäften für Juden.

Vorgang: ohne

Es hat sich herausgestellt, dass nach Einführung der Bezugsscheine für lebenswichtige Güter sich auch Juden in Käuferschlangen vor den Lebensmittelgeschäften eingereiht haben. Die Juden wirken allein durch ihre Anwesenheit provozierend. Keinem Deutschen kann zugemutet werden, sich zusammen mit einem Juden vor einem Geschäft aufzustellen. Auf Anordnung des Chefs der Sicherheitspolizei sind aus diesem Grunde allen Juden bestimmte Lebensmittelgeschäfte zuzuweisen, in denen sie kaufen dürfen. ... Die Wiedereinführung rein jüdischer Geschäfte ist verboten. Zwecks Durchführung vorstehender Anordnung bitte ich, mir im Einvernehmen mit den Parteidienststellen sofort Lebensmittelgeschäftsinhaber namhaft zu machen, die als durchweg zuverlässig anzusehen sind und denen die jüdischen Käufer ohne Bedenken zugewiesen werden können. ...  ist eine bestimmte Kaufzeit für Juden anzusetzen. ... Diese Anordnung darf nicht in der Presse bekanntgegeben werden.     gez.   vom F e l d e                                                            

aus: K.K.Rüter/Chr. Happel, Schicksale 1933 - 1945. Verfolgung jüdischer Bürger in Minden, S. 181

Anm.: Eine weitere Verordnung betraf das Verbot, den Bielefelder Wochenmarkt zu betreten.

Ende 1941/Anfang 1942 begannen reichsweit die Deportationen der noch in Deutschland verbliebenen jüdischen Familien.

Von Ende 1941 bis Anfang 1945 verließen insgesamt neun Transporte Bielefeld; Zielorte waren Riga, Auschwitz und Theresienstadt. Der mit Abstand größte Deportationstransport mit 590 vor allem älteren Jüdinnen/Juden aus ganz Ostwestfalen-Lippe verließ den Bielefelder Hauptbahnhof am 31.Juli 1942 mit Ziel Theresienstadt. Bereits Mitte Juli d.J. war ein Transport mit ca. 100 Personen aus der Region nach Auschwitz-Birkenau abgefertigt worden. Die letzte Deportation nach Theresienstadt erfolgte noch Mitte Februar 1945 (!).

                      

                           Abfahrt des Deportationszuges am 13.Dezember 1941 nach Riga (Stadtarchiv Bielefeld)

Nach heutigem Kenntnisstand sind ca. 500 in Bielefeld geborene oder hier lebende jüdische Männer, Frauen und Kinder Opfer des Holocaust geworden.

In Bielefeld gab es seit September 1939 für Juden ein „Umschulungslager”, das auch „Arbeitseinsatzstelle” genannt wurde. Es befand sich zunächst in der Koblenzer Straße 4, danach wurde es in der Schlosshofstraße 73a in einem ehemaligen Gasthof untergebracht und stand dann unter ständiger Aufsicht und Kontrolle der Gestapo Bielefeld. Durchschnittlich war es von ca. 75 Personen belegt. Zu Beginn diente es internierten Juden als Wohnstätte. Kontakte zur jüdischen Gemeinde Bielefelds bestanden nicht. Da der Bedarf an Arbeitskräften stieg, war die Kapazität des Hauses in der Koblenzer Straße 4 bald erschöpft, sodass eine Verlegung des Lagers in die Schlosshofstraße erforderlich wurde. Die Lagerinsassen waren überwiegend Männer, deren Unterbringung in einem großen Saal erfolgte. Familien waren im oberen Stockwerk untergebracht. Auf dem Lagergelände gab es weder Gestapo- noch SS-Bewachung. Der bis Januar 1942 zuständige jüdische Lagerleiter Ernst Jaruslawski hatte den Weisungen der Bielefelder Gestapo zu folgen: Täglich musste er Bericht erstatten, auch war er verantwortlich für die gesamte Lagerorganisation und die Aufgabenverteilung bzw. den Einsatz der Arbeitskräfte. Gearbeitet wurde an sechs Tagen in der Woche, jeweils 11 Stunden täglich. Vom Lager aus wurden die Männer kolonnenweise bei den Straßen-, Tief- und Gleisbauarbeiten der Fa. Nebelung & Sohn eingesetzt. Nur ganz wenigen Insassen ist aus dem Lager heraus die Emigration gelungen.

Am 3.März 1943 wurden die Insassen des Lagers Schlosshofstraße geschlossen nach Auschwitz deportiert. Dem selben Transport mussten sich auch die jüdischen Insassen des am Grünen Weg gelegenen Lagers Paderborn anschließen, nachdem sie zwei Tage in Bielefeld im Saal der Gaststätte „Kyffhäuser“ kaserniert waren.

In den Jahren 1948/1949 wurde gegen den ehem. NSDAP-Kreisleiter Gustav Reineking (1945 bei Kämpfen um Rinteln gefallen) und weitere 18 Rädelsführer beim Pogrom von 1938 ermittelt; ein beim Landgericht Bielefeld anhängiges Verfahren wurde schließlich aus Mangel an Beweisen eingestellt.

Offiziellen Angaben zufolge lebten ein Jahr nach Kriegsende wieder 52 jüdische Bewohner in Bielefeld, etwa die Hälfte stammte aus der Stadt.

Bielefeld Mahnmal alte Synagoge Progrom 1938.jpg Anlässlich des 40.Jahrestages der Pogromnacht wurde am Haus Turnerstraße 5 ein Gedenkstein aufgerichtet, der - unter einer Abbildung der ehemaligen Synagoge - auf einer Bronzeplatte die folgende Inschrift trägt:

Hier stand seit 1905 die Synagoge der Jüdischen Gemeinde.

Sie wurde in der Nacht vom 9. zum 10.November 1938

von Nationalsozialisten niedergebrannt.

(Obige Aufn. des Mahnmals: P., 2018, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 4.0)

Auf dem jüdischen Friedhof in der Nähe des Botanischen Gartens befindet sich eine Gedenktafel der Jüdischen Kultusgemeinde Bielefeld, die an die ermordeten jüdischen Bürger der Stadt erinnert:

In treuem Gedenken an unsere 388 Gemeindemitglieder.

In den Jahren 1933 - 1945 mußten sie ihr Leben für unser Judentum lassen.

Am Neuen Rathaus am Schillerplatz wurde anlässlich des 50.Jahrestages der NS-Machtübernahme eine Gedenktafel mit folgender Inschrift angebracht:

Zur Erinnerung an unsere Bürgerinnen und Bürger,

die unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft 1933 bis 1945

aus rassischen, politischen, religiösen und weltanschaulichen Gründen verfolgt worden sind.

Zum Gedenken an die Opfer in den Gefängnissen und Konzentrationslagern,

zur Mahnung an die Lebenden, gegen Unrecht einzutreten und die Würde des Menschen zu verteidigen.

Im Sommer 1998 wurde - auf Initiative der Friedensgruppe der Altstädter Nicolaigemeinde - auf dem Vorplatz des Bielefelder Hauptbahnhofes ein Mahnmal errichtet, das an die von dort erfolgten Deportationen erinnern soll. Der Hauptbahnhof war ab 1938/1939 zentraler Deportationsbahnhof für die Gestapostelle Bielefeld gewesen.

In den Gehwegen der Stadt Bielefeld bislang mehr als 150 sog. „Stolpersteine“ (Stand: 2019) verlegt worden, die Personen verschiedener "Opfergruppen" gewidmet sind.

Stolperstein Oberntorwall 2.jpg Stolpersteine Meyer 1Bielefeld.JPG Hesse rathausstr bi.jpg

"Stolpersteine" verlegt am Oberntorwall, in der Falkstraße und Rathausstraße (alle Aufn. B., 2015, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)

Im September 2008 wurde das Gebäude der ehemaligen Paul-Gerhardt-Kirche an der Detmolder Straße zu einer Synagoge umgewidmet, die fortan als religiöses Zentrum der auf ca. 300 Personen angewachsenen jüdischen Gemeinde Bielefelds dient. Zum Festakt der Einweihung des „Beit Tikwa“ („Haus der Hoffnung“) waren Persönlichkeiten aus Politik und Gesellschaft zugegen, so der in Bielefeld gebürtige und derzeitige deutsche Botschafter in Israel, Harald Kindermann, und der Ministerpräsident Nordrhein-Westfalens, Jürgen Rüttgers.

Neue Synagoge „Beit Tikwa“ (Aufn. A., 2008, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Im heutigen Bielefelder Stadtteil Schildesche gab es ebenfalls eine kleine jüdische Gemeinde. [vgl. Schildesche (Nordrhein-Westfalen)]

 

In Löhne – etwa 25 Kilometer nordöstlich von Bielefeld – wurden 2016 die ersten vier sog. „Stolpersteine“ für jüdische und nicht-jüdische Opfer der NS-Herrschaft verlegt; im Jahr darauf folgten weitere vier Steine. Eine jüdische Gemeinde hat in der Kleinstadt zu keiner Zeit bestanden.

Weitere Informationen:

Felix Coblenz, Das Gotteshaus. Predigt gehalten bei der Einweihung der neuen Synagoge in Bielefeld am 20.9.1905, Bielefeld 1905

Hans Kronheim, Geschichte der Synagogengemeinde Bielefeld, in: Magistrat der Stadt Bielefeld (Hrg.), Das Buch der Stadt, Bielefeld 1926, S. 160 - 164

Martha Moderson-Kramme, Die alte Synagoge, in: Aus Bielefelds vergangenen Tagen, Bielefeld/Leipzig 1929, S. 90 f.

Herbert Adolf Maas, Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde in Bielefeld in der brandenburgisch-preußischen Zeit bis zur Emanzipation, in: 65.Jahresbericht des Historischen Vereins für die Grafschaft Ravensberg, 1966/67, S. 79 - 94

Ursula Niemann (Bearb.), Überblick über die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Bielefeld ..., hrg. vom Stadtarchiv und Landesgeschichtlicher Bibliothek, Bielefeld 1972

Wolfgang Splitter, Der Wiederaufbau der jüdischen Kultusgemeinde zu Bielefeld nach dem Zweiten Weltkrieg, Bielefeld 1982

Joachim Meynert/Friedhelm Schäffer, Die Juden in der Stadt Bielefeld während der Zeit des Nationalsozialismus, in: Bielefelder Beiträge zur Stadt- u. Regionalgeschichte, Band 3, Bielefeld 1983

J.Meynert/F.Schäffer, Judenverfolgung in Bielefeld, in: W.Emer/U.Horst/u.a. (Hrg.), Provinz unterm Hakenkreuz - Diktatur und Widerstand in Ostwestfalen-Lippe, Bielefeld 1984, S. 147 – 165

Monika Minninger, Bielefelder Juden im Zeitalter von Emanzipation und Assimilation 1807 – 1933, in: Vorträge zu Veranstaltungen der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Bielefeld e.V. zur Woche der Brüderlichkeit, Bielefeld 1984, S. 9 - 31

M.Minninger/J.Meynert/F.Schäffer (Hrg.), Antisemitisch Verfolgte, registriert in Bielefeld 1933 - 1945. Eine Dokumentation jüdischer Einzelschicksale, Stadtarchiv Bielefeld 1985

Joachim Meynert, Zwangsarbeit und Ghettoisierung - Zur Existenz sog. jüdischer “Umschulungslager” 1939 - 1943 am Beispiel des Lagers ‘Bielefeld-Schloßhofstraße’, in: J.Meynert/A.Klönne (Hrg.), Verdrängte Geschichte, Verfolgung und Vernichtung in Ostwestfalen 1933 - 1945, AJC-Verlag, Bielefeld 1986, S. 147 ff.

Monika Minninger, Frau in einer bürgerlichen Minderheit - Bielefelder Jüdinnen ca. 1850 bis 1933, in: Ilse Brehme/u.a. (Hrg.), Frauenalltag in Bielefeld, Bielefeld 1986, S. 142 – 200

Germania Judaica, Band III/1, Tübingen 1987, S. 114/115

K.-Wilhelm Röhrs, ‘Der gute Ort’ - Die jüdischen Friedhöfe in Bielefeld, Hrg. Gartenamt Stadt Bielefeld, Bielefeld 1987

Gisela Lehrke, Bildungsmaterial zu Orten des Widerstandes und der Verfolgung in Bielefeld 1933 - 1945, Hrg. ‘Arbeit und Leben’, Bielefeld 1987

Monika Minninger/Anke Stüber/Rita Klussmann (Bearb.), Einwohner, Bürger, Entrechtete - Sieben Jahrhunderte jüdisches Leben im Raum Bielefeld, Hrg. Stadtarchiv und landesgeschichtlicher Bibliothek (Ausstellungskatalog zur Ausstellung des Stadtarchivs zum 50.Jahrestag des Novemberpogroms von 1938), in: Bielefelder Beiträge zur Stadt- und Regionalgeschichte, Band 6, Bielefeld 1988

Joachim Meynert, Das Ende vor Augen. Die Deportationen der Juden aus Bielefeld, in: Anselm Faust (Hrg.), Verfolgung und Widerstand im Rheinland und in Westfalen 1933 - 1945, Schriften zur politischen Landeskunde Nordrhein-Westfalen 7/1992, Köln 1992, S. 162 - 174

Benno Reicher, Jüdische Geschichte und Kultur in NRW - ein Handbuch, in: Kulturhandbücher NRW, Band 4, S. 51 - 58, Hrg. Sekretariat für gemeinsame Kulturarbeit in NRW, 1993

Monika Minninger, Die Verdrängung jüdischer Juristen im Landgerichtsbezirk Bielefeld, in: Karl Teppe (Hrg.), Verdrängung und Vernichtung der Juden in Westfalen, Westfälisches Institut für Regionalgeschichte, Landschaftsverband Westfalen Lippe Münster 1994, S. 15 f.

K.K.Rüter/Chr. Happel, Schicksale 1933 - 1945. Verfolgung jüdischer Bürger in Minden, Petershagen, Lübbecke, Hrg. Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Minden e.V., Bielefeld o.J.

Gerhard Renda, Jüdisches Leben in Bielefeld: Zeugnisse, Spuren, Orte, Hrg. Historische Museen, Heft 9, Bielefeld 1996/1997

Elfi Pracht, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen: Band III: Regierungsbezirk Detmold, J.P.Bachem Verlag, Köln 1998, S. 23 - 56

G. Birkmann/H. Stratmann, Bedenke vor wem du stehst - 300 Synagogen und ihre Geschichte in Westfalen u. Lippe, Klartext Verlag, Essen 1998, S. 131 – 134

Monika Minninger, Kein Begräbnisplatz wie andere. Bielefelds jüdischer Friedhof von 1891, in: Ravensburger Blätter Heft 2/1998, S. 32 - 47

Michael Brocke (Hrg.), Feuer an dein Heiligtum gelegt - Zerstörte Synagogen 1938 Nordrhein-Westfalen, Ludwig Steinheim-Institut, Kamp Verlag, Bochum 1999, S. 43 f.

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 1), New York University Press, Washington Square, New York 2001, S. 143 – 145

Manfred Kluge (Hrg.), Wir wollen weiterleben ... Das Schicksal der jüdischen Familie Loeb, in: Quellen zur Regionalgeschichte 10, Bielefeld 2003

Monika Minninger, Verlorener Raum. Geschichte der Bielefelder Synagoge 1905 – 1938 – 2005, Bielefeld 2006

Monika Minninger, Aus einer Hochburg des Reformjudentums: Quellensammlung zum Bielefelder Judentum des 19. und 20.Jahrhunderts, Verlag für Regionalgeschichte, Bielefeld 2006

Brigitte Decker (Hrg.), Heimweh nach Bielefeld? Vertrieben oder deportiert: Kinder aus jüdischen Familien erinnern sich, in: Bielefelder Beiträge zur Stadt- und Regionalgeschichte, Band 22, Bielefeld 2007

Dieter Klose/u.a. (Red.), 9.11.1938 – Reichspogromnacht in Ostwestfalen-Lippe, Detmold 2007

Dagmar Giesecke (Red.), 20.September 1905: Die neue Synagoge in der Turnerstraße wird eingeweiht, online abrufbar unter: bielefeld.de/de/biju/stadtar/rc/rar/01092015.html

Jochen Rath (Red.), Die Pogromnacht in Bielefeld, hrg. vom Stadtarchiv/Landesgeschichtliche Bibliothek 2013 (auch online abrufbar)

Bernd J. Wagner (Red.), 13.Dezember 1941: Deportation von Juden nach Riga, hrg. vom Stadtarchiv/Landesgeschichtliche Bibliothek (auch online abrufbar)

Monika Minninger (Bearb.), Bielefeld, in: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe. Die Ortschaften und Territorien im heutigen Regierungsbezirk Detmold, Ardey-Verlag, Münster 2013, S. 258 – 275

Kai-Uwe von Hollen (Bearb.), Bielefeld-Schildesche, in: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe. Die Ortschaften und Territorien im heutigen Regierungsbezirk Detmold, Ardey-Verlag, Münster 2013, S. 275 – 277

Sylvia Tetmeyer (Red.), Stolperstein für jüdische Familie Wertheimer, in: „Neue Westfälische“ vom 28.9.2016

Auflistung der in Bielefeld verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Bielefeld

Raphael Cyrill Vásquez (Red.), Gedenksteine: Hier haben zwei jüdische Bielefelder Familien gelebt, in: „Neue Westfälische“ vom 2.10.2016

Kulturreise-Ideen.de (Red.), Jüdische Geschichte Bielefeld, omnline abrufbar unter: kulturreise-ideen.de/religion/juedische-geschichte/Tour-juedische-geschichte-in-bielefeld.html

Auflistung der in Löhne verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Löhne

Christine Panhorst (Red.) Größte Deportation aus Bielefeld, in: „Neue Westfälische“ vom 31.7.2017

Dirk Windmöller (Red.), Neue Stolpersteine gesetzt, in: „Neue Westfälische“ vom 25.12.2017

Radio Bielefeld (Hrg.), Zum 25.Mal Verlegung von „Stolpersteinen“, in: Lokalnachrichten vom 11.2.2019

Christine Panhorst (Red.), Erste Deportation nach Auschwitz startete vom Bielefelder Bahnhof, in: „Neue Westfälische“ vom 10.7.2019