Angenrod (Hessen)

Datei:Mittelhessen Vogelsberg Als.png Angenrod ist heute ein Ortsteil von Alsfeld im mittelhessischen Vogelsbergkreis (Karte: Andreas Trepte, 2006, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 2.5).

Nachweislich haben bereits um 1650 wenige Juden in Angenrod gelebt. Eine kleine jüdische Gemeinde gründete sich im Dorf vermutlich zu Beginn des 18.Jahrhunderts, zu der Zeit, als der Fürstabt von Fulda alle Juden aus seinem Herrschaftsbereich ausgewiesen hatte und die Adelsfamilie derer von Nodung den jüdischen Flüchtlingen in ihrem Herrschaftsbereich Schutz gewährte und damit eine Ansiedlung ermöglichte. Auf gutseigenem Gelände ließ der Schutzherr kleine Häuser errichten, die von den jüdischen Familien bezogen wurden und im Jahre 1807 von ihnen erworben werden konnten. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts avancierte die Kultusgemeinde Angenrod mit 179 Einwohnern zur zahlenmäßig stärksten jüdischen Gemeinde im Altkreis Alsfeld, weshalb sie „Klein-Jerusalem“ genannt wurde. Der Warenhandel in und um Angenrod lag damals fast ausschließlich in jüdischer Hand, nebenbei wurde auch ein wenig Landwirtschaft betrieben.

Ihre erste Synagoge, ein stattliches Fachwerkgebäude auf dem Gutsgelände, errichtete die Judenschaft im Jahre 1797; der 1802 formell eingeweihte Bau war Eigentum der zwölf hier lebenden Familien. Wenig später hat es in Angenrod auch eine jüdische Elementarschule gegeben; diese wurde ab den 1880er Jahren als Religionsschule geführt.

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Stellenangebote aus der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 9.11.1870 und vom 11.9.1884

Nach einer umfassenden Renovierung der Synagoge wurde diese erneut eingeweiht; in einem Artikel der „Allgemeinen Zeitung des Judentums“ vom 26.Nov. 1861 hieß es:

„Aus Oberhessen, Kurhessen, November (Privatmitth.). In Angenrode, Kreisamtsbezirkes Alsfeld, im Großherzogthume Hessen, einem von vielen Israeliten bewohnten Dorfe, in welchem diese fast die Hälfte der Einwohnerzahl bilden, fand am 18. October d. J. die Einweihung der restaurirten und durch Neubau erweiterten Synagoge statt. Die Feier wurde in der würdigsten Weise vollzogen. Hr. Dr. Bamberger, Sohn des dortigen Lehrers und Zögling des Rabbinerseminars in Breslau, hielt die Einweihungsrede und erntete allgemeinen Beifall. Was von dieser Feier besonders hervorgehoben werden muß, ist die freundliche Betheiligung der christlichen Bewohner des Ortes. Die an der Straße, durch welche der schön geordnete Zug sich bewegte, wohnenden Christen hatten gleich den Israeliten ihre Häuser decorirt und die sämmtliche christliche Einwohnerschaft des Ortes war festlich gekleidet. Auch die Kreisamtlichen Behörden in Alsfeld betheiligten sich an der Feier in hervorragender Weise. Von solchen Vorgängen muß Act genommen werden, da sie Belege dafür sind, daß das eigentliche Rischus (Anm.: Antisemitismus) im Volke keinen rechten Boden mehr hat. ...“ 

   

Synagoge in Angenrod (hist. Aufn. und Ausschnitt aus hist. Bildpostkarte)

Im Jahre 1897 beging die Gemeinde das 100jährige Synagogen-Jubiläum; dazu erschien in der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 15. März 1897 der folgende Artikel: "Angerode, 7. März. Ein seltenes Fest feierte unsere Gemeinde vergangenen Samstag, Paraschat Schekalim, nämlich das 100jährige Jubiläum unserer Synagoge. Bereits am Freitag waren von Nah und Fern zahlreiche Theilnehmer herbeigeeilt.
Freitagnachmittag begann die Festlichkeit mit einem Zuge vom isr. Gemeindehause nach der festlich geschmückten Synagoge, wobei sich auch u.A. die Vertreter der christlichen Gemeinde, wie z.B. der Bürgermeister, die Lehrer, der Rechner etc. betheiligten. Nach Absingen eines hübschen Psalms hielt der Lehrer, Herr Eisenberger, eine ergreifende Festrede. Anknüpfend an den Vers 7 des 5. B. M., Cap. 32 entrollte Redner ein Bild der Verhältnisse, ein Bild von Einst und Jetzt. Zum Schlusse ermahnte Redner festzuhalten an dem heiligen Erbe unserer Vorfahren. Alsdann folgte ein Gebet für die Obrigkeit. Samstag morgens 7 Uhr fand Schacharis-Gottesdienst statt. Um 10 Uhr versammelten sich sämmtliche Festtheilnehmer zum Mussaw-Gottesdienste, wobei die an und für sich ziemlich große Synagoge sehr überfüllt war. Nachmittags 2 Uhr begann die Lustbarkeit mit einem heiteren Commers, durch diverse hübsche Vorträge ernsten und heiteren Inhalts verschönert mit am Abend darauf folgendem Ball. Daß dieses seltene Fest einen so glänzenden Verlauf genommen, haben wir größtentheils unserem Lehrer, Herrn Eisenberger, zu verdanken. Mit dem Bewußtsein, ein erhebendes und in allen Theilen glanzvoll abgelaufenes Fest gefeiert zu haben, trennten sich erst beim anbrechenden Morgen die Theilnehmer"

Ältestes jüdisches Zeugnis Angenrods ist der jüdische Friedhof; seine Entstehung geht vermutlich auf die Zeit nach 1700 zurück. Damit zählt diese Friedhofsanlage zu den ältesten in der Region Vogelsberg.

Auf dem Angenroder Friedhof fanden auch verstorbene Juden aus Alsfeld und anderen Ortschaften der Region, z.B. Grebenau, Leusel und Ober-Gleen ihre letzte Ruhe; bis in die letzten Jahrzehnte des 19.Jahrhunderts diente er damit als „Sammelfriedhof“.

  Gesuch für eine Thorarolle (1909)

Die Gemeinde Angenrod unterstand dem Provinzialrabbinat Gießen.

Juden in Angenrod:

        --- um 1800 ........................  12 jüdische Familien,

    --- um 1830/40 ................. ca. 170 Juden,

    --- 1861 ........................... 247   “   (ca. 42% d. Dorfbev.),

    --- 1880 ........................... 180   “   (ca. 30% d. Dorfbev.),

    --- 1895 ........................... 132   “  ,

    --- 1905 ........................... 129   “   (ca. 26% d. Dorfbev.),

    --- 1910 ........................... 109   “   (ca. 20% d. Dorfbev.),

    --- 1925 ...........................  70   “  ,

    --- 1932/33 .................... ca.  60   “  ,

    --- 1939 (Sept.) ...................   7   “  ,

    --- 1942 (Dez.) ....................  keine.

Angaben aus: Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Bd. 1, S. 44

Um 1900 machte der jüdische Bevölkerungsanteil noch fast ein Viertel der Dorfbevölkerung aus; wenige Jahre später setzte jedoch eine stärkere Abwanderung ein. Zu Beginn der NS-Zeit hielten sich noch etwa 60 jüdische Bewohner im Dorf auf; zu Kriegsbeginn war ihre Anzahl auf nur noch sieben Personen geschrumpft. Die letzten noch hier verbliebenen jüdischen Dorfbewohner - sie lebten monatelang im „Ghetto-Haus Speier“ - wurden 1942 nach Theresienstadt bzw. ins besetzte Polen deportiert. 41 gebürtige Angenröder Bürger mosaischen Glaubens fielen während der NS-Diktatur der Shoa zum Opfer.

Anfang der 1960er Jahre riss man das leerstehende Synagogengebäude ab, um einem Neubau Platz zu machen. Einen Gedenkstein bzw. eine –tafel für die in der NS-Zeit ermordeten jüdischen Angeröder vermisste man bislang. Im Jahre 2013 wurde dann am Standort der ehemaligen Synagoge eine Gedenkstätte eingeweiht, die an die ehemalige jüdische Gemeinde und deren Synagoge erinnert.

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Gedenkstätte für die jüdische Gemeinde und Darstellung der Synagoge auf der Gedenktafel (Aufn. Ingfried Stahl, 2013)

Der jüdische Friedhof mit seinen ca. 200 Grabsteinen bzw. -relikten erinnert heute noch an das Vorhandensein einer einst bedeutenden jüdischen Gemeinde in Angenrod; der älteste vorhandene Stein stammt aus dem Jahre 1842.

Angenrod (Alsfeld) Jüdischer Friedhof 2468.JPG Angenrod (Alsfeld) Jüdischer Friedhof 2464.JPG

Jüdischer Friedhof in Angenrod (Aufn. Reinhard Hauke, 2012, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Das einzige, heute noch stehende und von Anfang in jüdischem Besitz stehende Haus ist das sog. „Ghetto-Haus“ an der Leuseler Straße. Ziel des 2014 gegründeten Vereins „Gedenkstätte Speier Angenrod“ ist es, das denkmalgeschützte Haus vor dem Verfall zu bewahren und einer neuen Bestimmung als Erinnerungsstätte an den jüdischen Vogelsberg zuzuführen.

Ein Sohn der Angenroder Gemeinde war der Rabbiner Isaac Bamberger (geb. 1834), Sohn eines jüdischen Lehrers. Nach seiner Ausbildung in Fulda und Gießen wurde Isaac Bamberger 1861 in Breslau zum Rabbiner ernannt. Seit 1865 bis zu seinem Tod 1896 fungierte er als erster Rabbiner der liberalen Gemeinde in Königsberg.  Dessen Bruder Gabriel Bamberger (geb. 1845 in Angenrod), der ebenfalls ein Theologiestudium in Breslau begonnen hatte, machte eine Universitätskarriere, die ihn schließlich in die USA führte. Er war seit 1890 Leiter einer Bildungseinrichtung in Chicago, die der Amerikanisierung osteuropäischer Einwanderer diente. Prof. Gabriel Bamberger verstarb 1903.

 

Um die Wende des 19. zum 20.Jahrhundert gab es im Gebiet des heutigen Vogelsberg-Kreises 18 israelitische Religionsgemeinden, die alle dem Provinzialrabbinat Gießen unterstanden. Neben den mehrheitlich religiös-orthodox ausgerichteten Gemeinden wie Alsfeld, Crainfeld, Einartshausen, Kestrich, Kirtorf, Lauterbach, Schlitz, Schotten und Storndorf sind die mehr liberal eingestellten Kultusgemeinden von Bobenhausen, Grebenau, Homberg, Nieder-Gemünden, Romrod und Ulrichstein zu nennen. Zudem gab es je eine jüdische Gemeinde in Nieder-Ohmen und Ober-Gleen.

Weitere Informationen:

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Societäts-Verlag Frankfurt/M. 1971, Bd. 1, S. 44

Heinrich Dittmar, Spuren ... Spurensuche im Vogelsberg - Wegweiser zu den jüdischen Stätten im Vogelsberg, Alsfeld 1994

Studienkreis Deutscher Widerstand (Hrg.), Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933-1945, Hessen I Regierungsbezirk Darmstadt (1995), S. 190-192

A. Wiesemüller/M. Krauss, Jüdische Friedhöfe im Vogelsbergkreis, in: Kulturverein Lauterbach e.V. (Hrg.), Fragmente ... jüdischen Lebens im Vogelsberg, Lauterbach 1994, S. 77 - 79

Faltblatt: Spurensuche - Jüdischer Friedhof Angenrod, Hrg. Förderverein zur Geschichte des Judentums im Vogelsberg e.V., Alsfeld 1999

www.judaica-vogelsberg.de

Norbert Hansen, Rothschild, Geschichte einer jüdischen Familie aus Angenrod, hrg. vom Geschichts- und Museumsverein Alsfeld, 2007

Ingfried Stahl, Die Israelitische Religionsgemeinde Angenrod, in: Mitteilungen des Geschichts- und Altertumsvereins Alsfeld, Heft 1/Juni 2007

Ingfried Stahl, Opfer der NS-Ideologie - Angenrods letzte Israeliten. Die Israelitische Religionsgemeinde Angenrod (1736 - 1942), 2013

Angenrod, in: alemannia-judaica.de (mit zahlreichen Dokumenten zur jüdischen Ortsgeschichte)

drs (Red.), Gedenktafel an die 1961 niedergelegte Synagoge in Angenrod, in: „Oberhessische Zeitung“ vom 20.10.2018