Angerburg (Ostpreußen)

Karte Kreis Angerburg (Abb. wiki-de.genealogy.net/Kreis_Angerburg) Karte Kreis

In Angerburg (poln. Wegorzewo) - ca. 30 Kilometer nordöstlich von Rastenburg gelegen - bildete sich im Laufe des 19.Jahrhunderts eine kleine jüdische Gemeinde, die sich um 1870 aus ca. 60 - 70 Angehörigen zusammensetzte. Händler aus Polen, die mit Holz und Fischen handelten, waren die ersten Juden, die sich in Angerburg kurzzeitig aufhielten.

Die sich in Angerburg ansiedelnden Juden – die ersten Familien sind nach 1810 belegt - stammten zumeist aus dem Grenzgebiet von Großpolen und Westpommern und handelten vor allem mit Leinen und anderen Tuchen, Schuhen und Pferden; unter ihnen gab es auch Branntweinbrenner.

Juden in Angerburg:

--- 1816 .....................   3 Juden,

--- 1839 .....................   16   “  ,

--- 1849 .....................  28   “  ,

--- 1871 .....................  72   “  ,

--- 1880 .....................  54   “  ,

--- 1885 .....................  65   “  ,

--- 1890 ..................... 106   “  ,*    * im Kreisgebiet

--- 1895 .....................  59   “  ,

--- 1902 .....................  57   “  ,

--- 1933 .....................  42   “  ,

--- 1937 .....................  35   “  ,

--- 1939 .....................  16   “  .

Angaben aus: Wegorzewo, in: sztetl.org.pl

hist. Ansicht von Angerburg (Aufn. aus: wikipedia.org, CCO)

Nach der Jahrhundertwende verkleinerte sich die ohnehin schon nur eine überschaubare Zahl von Familien umfassende jüdische Gemeinschaft. 1880 lebten hier 65 und 1933 nur noch 42 Juden.

Ein eigenes Synagogengebäude haben die Juden Angerburgs nie besessen; sie versammelten sich in Räumlichkeiten eines Privathauses. Während des Ersten Weltkrieges blieb der angemietete Betraum geschlossen, weil der Prediger nicht mehr bezahlt werden konnte. Ansonsten wurde die Synagoge in Rastenburg aufgesucht.

In der Königsberger Straße/Ecke Alter Markt besaß Max Radinowski das wohl am Ort größte Textilgeschäft „E. Jaruslawsky“. Am Alten Markt befand sich das Schuhgeschäft seines Bruders Albert; beides waren alt-eingesessene Geschäftsleute.  

Über das Schicksal der wenigen während der NS-Zeit in Angerburg lebenden jüdischen Einwohner ist kaum etwas bekannt; 1939 sollen in der Kleinstadt noch 16 Personen gelebt haben.

Nach Schätzungen sollen etwa 30 gebürtige bzw. über einen längeren Zeitraum in Angerburg lebende Personen israelitischen Glaubens Opfer der Shoa geworden sein.

Nach 1945 kehrten keine Juden mehr nach Wegorzewo zurück.

Vom einstigen jüdischen Friedhof sind heute kaum noch Überreste vorhanden.

http://collections1.yadvashem.org/arch_srika/4501-5000/4620_1-4620_1200/4620_845.jpg Jüdischer Friedhof in Angerburg (Aufn. 1963, aus: yadvashem.org)

 Aus Angerburg stammte der als Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie geborene Siegfried Heinrich Aronhold (geb. 1819), der sich als Mathematiker (und Physiker) einen Namen machte. Aronhold, der später zum evangelischen Glauben konvertierte, lehrte in Königsberg und Berlin. Noch heute finden seine mathematischen Erkenntnisse Anwendung (Invariantentheorie). Er starb 1884 in Berlin.

Weitere Informationen:

Moritz Cantor, Aronhold, Siegfried Heinrich, in: Allgemeine Deutsche Biographie, Band 46, Leipzig 1902, S. 58 f.

Johannes Zachau, Chronik der Stadt Angerburg, Angerburg 1921

Otto Sadlack, Unsere jüdischen Mitbürger. Der Kreis Angerburg, Hrg. E. Pfeiffer, Rotenburg 1973, S. 346

M.Brocke/M.Heitmann/H.Lordick (Hrg.), Zur Geschichte und Kultur der Juden in Ost- und Westpreußen, Georg Olms Verlag, Hildesheim/u.a. 2000

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 1), New York University Press, Washington Square, New York 2001, S. 45

A. Wolosz, Żydzi w miastach Prus Wschodnich. Obecność zapomniana czy zatarta?, „Studia Angerburgica”, 7/2002, S. 104/105

Wegorzewo, in: sztetl.org.pl