Stolzenau/Weser (Niedersachsen)

Bild:Lage_Orte_Kreis_Nienburg_Niedersachsen.png Stolzenau a.d.Weser ist eine derzeit ca. 7.500 Einwohner zählende Kommune im Landkreis Nienburg/Weser; sie ist heute Sitz der Samtgemeinde Mittelweser – etwa 20 Kilometer südwestlich von Nienburg weseraufwärts gelegen (Kartenskizze aus: genwiki-genealogy.net).

 Stolzenau um 1650 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Der Landflecken Stolzenau gehörte zunächst zur ehemaligen Grafschaft Hoya, später zum Königreich Hannover. Seit Ende des 17./Anfang des 18. Jahrhunderts lebten hier nachweislich einige jüdische Familien. Fast alle sollen aus der alten Judensiedlung Moritzberg in Hildesheim, wo sie unter dem Schutz der Bischöfe gestanden hatten, hierher gekommen sein. Ihren Lebensunterhalt verdienten sie vornehmlich im Handel mit Vieh und landwirtschaftlichen Produkten. Mit Salomon Hildesheimer besaß die hiesige Judenschaft einen Mann, der durch seine, weit über die Region hinausreichenden Getreide- und Saatenunternehmungen maßgeblich zum Aufblühen der Stolzenauer jüdischen Gemeinde und auch der gesamten Kleinstadt beitrug.

1835/1836 konnte dann die finanziell gestärkte Gemeinde eine Synagoge mit angrenzendem Schulraum bauen lassen; die Frauen fanden auf der Empore Platz.

Kinderzeichnung der Synagoge (Gertraud Witte, um 1920, aus: „Die Harke“, Nov. 2013)

Die Stolzenauer Juden waren stark in ihren religiösen Traditionen verhaftet und galten in ihrer Glaubensausübung als „vorbildlich”; so soll sich der ehemalige Landrabbiner Meyer wie folgt geäußert haben: „Die Krone meiner Kehillas, das ist die Gemeinde Emden. Aber der Diamant in der Krone ist die Stolzenauer Kille.” Bis in die Zeit des Ersten Weltkrieges fanden regelmäßige Gottesdienste statt.

                   Aus der 1851 vom Landesrabbinat erlassenen Synagogenordnung:

... § 1 Beim Eingehen zur Synagoge, sowie bei der Entfernung aus derselben, ist namentlich in der kleinen Gasse, welche zu derselben führt, jedes laute umpassende Reden und Betragen zu vermeiden. Auch soll keiner mit der Pfeife im Mund zur Synagoge gehen.

§ 2 Im Gotteshaus selbst muß vor, während und nach dem Gottesdienst die größte Ruhe herrschen. Alles Gehen von den Plätzen, Reden, Unterhalten, Laufen, sowie das laute Schreinen und Mitsingen ist der Würde des Gottesdienstes zuwider und daher durchaus untersagt.

§ 3 Am Montag, Donnerstag, ... und namentlich bei Jahrzeiten muß jeder eine verhältnismäßige Anzahl zum Gottesdienst stellen. Die Jahrzeiten, welche in der Woche stattfinden, sind durch den Lehrer Sonnabend Abend nach Schluß des Gottesdienstes bekannt zu machen.

....

§ 7 Beim Schluß des Gottesdienstes dürfen die Hinausgehenden sich nicht am Eingang der Synagoge aufhalten, sondern haben ruhig und still das Gotteshaus zu verlassen ...

... Der Landesrabbiner hofft, daß die Gemeinde diese Bestimmung, wie die der Synagogenordnung genau befolgen werde, wodurch einerseits ihr Wohl gefördert und der bessere Sinn gekräftigt wird, andererseits aber der Herr Vorsteher der unangenehmen Pflicht zu Strafen überhoben wird. ...

Bis Mitte der 1920er Jahre existierte am Ort eine kleine jüdische Elementarschule; noch in den 1880er Jahren wurden hier in einer Klasse fast 80 (!) Kinder unterrichtet; zuletzt waren es nur noch sehr wenige. Bereits in der zweiten Hälfte des 18.Jahrhunderts war in Stolzenau eine Talmud-Thora-Schule gegründet worden, deren guter Ruf Schüler aus einem weiten Einzugsgebiet anzog. Zu den bekanntesten Lehrern zählten die Rabbiner Hildesheimer und Samuel Levi.

An der Schinnaer Landstraße besaß die Judenschaft ein eigenes, vermutlich nach 1730 angelegtes Begräbnisareal.

                  Aus einem Schreiben des damaligen Bürgermeisters über die Juden Stolzenaus vom 18. November 1836:

„ .. Die diesjährige Zählung ergab 98 Seelen, folglich 1/17 der Bevölkerung Stolzenaus. Sie leben mäßig, sind tätig, spekulativ und sorgsam und erwerben sich dabei Vermögen. Ihr Schacherhandel auf den umliegenden Dörfern könnte wohl etwas zum Besten der Bauern beschränkt werden. - Ihre bisherigen Verhältnisse zum Staat sind bekannt, ihre künftigen noch im Dunkeln. Der in diesem Jahre vollendete Bau eines neuen Tempels und einer Schule allhier wird hoffentlich auf Bildung und moralische Besserung wohltätig wirken. ...”

Die Stolzenauer Gemeinde – ihr waren auch die Dörfer Leese und Nendorf angeschlossen - gehörte zum Landrabbinat Hannover.

Juden in Stolzenau:

        --- um 1700/05 ......................   3 jüdische Familien,

    --- um 1770 .........................   4 - 6 jüdische Familien,

    --- 1810 ............................  48 Juden (ca. 4,5% d. Bevölk.),

    --- 1830 ............................  79   “  ,

    --- 1833 ............................  96   “  ,

    --- 1839 ............................ 103   “  (ca. 6% d. Bevölk.),

    --- 1852 ............................ 116   “  (ca. 8% d. Bevölk.),

    --- 1867 ............................ 106   “  (in 11 Familien),

    --- um 1880 ......................... 102   “  ,

    --- 1904 ........................ ca. 100   “  ,

    --- 1913 ............................  65   “  ,

    --- 1920 ............................  60   “  ,

    --- 1924 ............................  52   “  (in 7 Familien),

    --- 1930 ............................  35   “  ,

    --- 1933 ............................  25   “  ,

    --- 1940 ............................  13   “  ,

            --- 1942 ............................  keine.

Angaben aus: Norman Streat, History oft the Jews in Stolzenau

Auf Grund ihrer orthodoxen Lebensführung waren die Stolzenauer Juden nicht wirklich in die kleinstädtische Gesellschaft integriert; vielmehr lebte man meist friedlich nebeneinander und respektierte sich gegenseitig, ohne privat viel Kontakt zu haben. Zu Beginn der 1890er Jahre wurden auch in Stolzenau erste antisemitische Töne laut, fanden aber zunächst nur bei wenigen Bürgern Gehör. In den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg stand die Stolzenauer jüdische Gemeinde in voller Blüte; infolge von Abwanderung in die Großstädte und Überalterung begann ab 1910 ihr Niedergang.

Zu Beginn der NS-Zeit lebten nur noch knapp 30 Juden im Ort. Innerhalb kürzester Zeit wurden auch hier die Juden ausgegrenzt. Im August 1935 verabschiedete der Gemeinderat auf Druck der NSDAP-Ortsgruppe Stolzenau eine Verordnung, die die jüdischen Gewerbetreibenden in den wirtschaftlichen Ruin und ins soziale Abseits trieb.

                   Im Gemeinderatsbeschluss hieß es:

1. Kein Jude darf ein Haus oder ein Grundstück in Stolzenau erwerben.

2. Kein Handwerker, kein Geschäftsmann oder Volksgenosse erhält eine Gemeindearbeit oder Gemeindelieferung, der noch mit Juden Verkehr pflegt ... Das Kaufen beim Juden bedeutet Verrat an Volk und Nation.

3. An allen Ortsausgängen werden Tafeln mit folgender Aufschrift angebracht: “Juden sind hier nicht erwünscht.”

...

5. Da die Rassenfrage der Schlüssel zu unserer Freiheit ist, soll derjenige verachtet und geächtet sei, der diese Grundsätze durchbricht.

Während des Novemberpogroms von 1938 attackierten NS-Anhänger jüdische Gemeindeeinrichtungen und private Anwesen. Die mehr als 100 Jahre alte Synagoge an der Talstraße wurde geplündert und teilweise zerstört, die Thorarollen herausgeschleppt und auf dem Marktplatz vor aller Augen verbrannt. Schon einen Tag später wurden die Reste des Synagogengebäudes niedergelegt.

                  So berichtete am 12.11.1938 das „Stolzenauer Wochenblatt”:

Sprengung der Umfassungsmauern

Nachdem die Synagoge in gerechter Empörung schon am Donnerstag bis auf die Umfassungsmauern abgebrochen worden war, wurde heute auch noch das Mauerwerk durch Sprengungen ... niedergelegt. Da die Umfassungsmauern der Synagoge ziemlich stark waren, mussten verschiedene Sprengladungen angebracht werden, bis der Judenbau endgültig zusammenstürzte. In den Nachmittagsstunden wurden von der SA die Aufräumungsarbeiten in Angriff genommen. Mit dem Abbruch der Synagoge ist ein Schandfleck aus unserer Gemeinde verschwunden und es gibt keinen Volksgenossen, der nicht froh darüber wäre, dass dieser hässliche und artfremde Bau dem Erdboden gleich gemacht worden ist.

Bei Kriegsbeginn lebten noch etwa 15 Personen israelitischen Glaubens in Stolzenau; zwölf von ihnen wurden 1942 von hier - via Nienburg - ins besetzte Polen deportiert; keiner von ihnen kehrte zurück.

 

Das Grundstück „Hinterm Dahle“, auf dem einst die Synagoge stand, wird heute als Gartenland genutzt; eine Gedenktafel bzw. ein –stein vermisste man allerdings lange Zeit. Erst 2013 – anlässlich des 75.Jahrestages des Novemberpogroms - wurde eine Gedenkplatte erstellt, die die folgende Inschrift trägt: "Zum Gedenken der verfolgten, vertriebenen und umgebrachten Stolzenauer Juden und ihrer am 9. November 1938 zerstörten Synagoge."

Im gleichen Jahre wurden auf Initiative von Schüler/innen des Gymnasiums Stolzenau acht sog. „Stolpersteine“ verlegt. Ende 2017 wurden - initiiert durch den Heimatverein „Wir Stolzenauer“, der das Projekt im November 2013 vom Gymnasium Stolzenau übernommen hat – an mehreren Standorten weitere elf „Stolpersteine“ in das Gehwegpflaster eingelassen, so dass nun insgesamt 19 dieser Gedenktäfelchen vorhanden sind (Stand 2020).

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/5/50/Stolperstein_Stolzenau_Bahnhofstra%C3%9Fe_13_Martha_Litmann.jpg Stolperstein für Hans Martin Lipmann   Stolperstein für Anni Goldschmidt Stolperstein für Sara Goldschmidt geb. Windmüller

"Stolpersteine" in der Weserstraße und Bahnhofstraße Stolzenau (Aufn. Gmbo, 2013, aus: wikipedia.org, CCO)

Einzig der mit einer roten Backsteinmauer umgebene jüdische Friedhof an der Schinnaer Landstraße - er besitzt eine Fläche von ca. 1.700 m² - mit seinen mehr als 120 Grabsteinen und den Fundamenten einer kleinen Trauerhalle erinnert als bauliches Relikt noch an die ehemalige jüdische Gemeinde Stolzenaus; der älteste Grabstein datiert von 1729.

Stolzenau jüd Friedhof Baum.jpg

Jüdischer Friedhof Stolzenau (Aufn. 1990, aus: juedischefriedhoefe.blog.de  und  A.Hindemith, 2011, wikipedia.org, CCO)

 

In Liebenau – ca. 15 Kilometer nördlich von Stolzenau – ist die Ansässigkeit jüdischer Familien seit dem beginnenden 18.Jahrhundert nachweisbar. Das Zusammenleben mit den christlichen Bewohnern war oftmals von Konflikten geprägt, die ihre Ursache in wirtschaftlicher Konkurrenz hatten. Seit 1820/1830 nahm die Zahl der jüdischen Bewohner in Liebenau deutlich zu; um 1850 waren es ca. 130 Personen, etwa 6% der gesamten Bevölkerung. Gottesdienstliche Zusammenkünfte fanden ab 1856 in einem neuen Synagogengebäude statt, dessen Finanzierung die Gemeinde in der Folgezeit stark belastete; zuvor war ein schlichter, enger Betsaal in Nutzung gewesen. Eine Religionsschule ist seit ca. 1835 nachweisbar; ab 1858 bestand auch eine Elementarschule, die nur unter Schwierigkeiten vor einer baldigen Schließung bewahrt werden konnte. Verstorbene wurden auf dem seit ca. 1780 bestehenden Friedhof - am Ortsausgang in Richtung Stolzenau gelegen - beerdigt.

Juden in Liebenau:

--- um 1720 ........................   3 jüdische Familien,

--- 1817 ...........................  11     “        “   ,

--- 1852 ........................... 128 Juden (ca. 6% d. Bevölk.),

--- 1861 ...........................  76   “   (in 11 Familien),

--- 1871 ...........................  42   “  ,

--- 1885 ...........................  23   “  ,

--- 1895 ...........................  19   “  ,

--- 1905 ...........................  11   “  ,

--- 1925 ...........................  10   “  ,

--- 1933 ....................... ca.   5   “  ,

--- 1939 ...........................   keine.

Angaben aus: N. Kratochwill-Gertich (Bearb.), Liebenau, in: H. Obenaus (Hrg.), Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und Bremen, Band 2, S. 985

Der Synagogengemeinde Liebenau waren auch die wenigen Juden Steyerbergs angeschlossen. Infolge der allgemeinen Abwanderung aus den ländlichen Gebieten ging auch die Zahl der jüdischen Bewohner in Liebenau stark zurück; um 1895 lebten noch 20 Personen im Ort, 1925 waren es nur zehn.

Das unbenutzte, inzwischen baufällige Synagogengebäude wurde in den 1930er Jahren an den Flecken Liebenau verkauft.

Die letzten beiden jüdischen Familien verließen Liebenau vor Beginn des Zweiten Weltkrieges.

Der jüdische Friedhof an der Stolzenauer Straße besitzt auf einer ca. 2.200 m² großen Fläche ungefähr 70 Grabsteine; die ältesten stammen aus der Zeit nach 1850.

Friedhof in Liebenau (beide Aufn. A. Hindemith, 2012, aus: wikipedia.org, CC BY 3.0)

 

Im Flecken Steyerberg (incl. acht Ortsteilen mit derzeit ca. 5.200 Einw.) haben stets nur wenige jüdische Familien gelebt. Gegen Mitte des 18.Jahrhunderts ist erstmals ein Jude im Ort nachweisbar; etwa ein Jahrhundert später setzte sich die hiesige jüdische Minderheit aus fünf Familien zusammen. In den Jahrzehnten nach 1860 ging deren Zahl zurück. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges lebte nur noch ein einziger Bewohner mosaischen Glaubens im Ort; Mitte der 1930er Jahre war es dann eine Familie. Dem letzten jüdischen Einwohner Steyerbergs gelang mit seinen Kindern die Emigration in die USA.

 

In Leese - heute Mitglied der Samtgemeinde Mittelweser - erinnert heute ein mit ca. 20 Grabsteinen bestandenes ca. 1.100 m² großes Friedhofsgelände an der Straße "Zappenberg" daran, dass ehemals im Ort und der nahen Umgebung jüdische Familien gelebt und hier ihre letzte Ruhe gefunden haben. Die seit Beginn des 18.Jahrhunderts hier ansässigen wenigen Familien suchten zu Gottesdiensten die Synagoge in Stolzenau auf; eine eigene Gemeinde existierte im Dorf nicht. 

 

Weitere Informationen:

Heinrich Gade, Geschichte des Fleckens Stolzenau an der Weser, Nienburg 1871

Friedrich Bomhoff, Die Juden in unserer Heimat, in: „Der Heimatbote“ – Beilage in "Die Harke“, 1974 (mehrere Ausgaben)

Heinrich Munk, 1183–1983 : 800 Jahre Gemeinde Leese, Leese 1983

Reiner Sabelleck, Synagogen, Schulen und Friedhöfe. Über die Entwicklung und das Ende der jüdischen Gemeindeeinrichtungen im Gebiet des heutigen Landkreises Nienburg (1843 - 1938), in: "Historische Schriftenreihe des Landkreises Nienburg", No. 4, Nienburg/Eystrup 1988

Albert Marx, Geschichte der Juden in Niedersachsen, Fackelträger-Verlag GmbH, Hannover 1995

Joachim Plate, Versuch einer Beschreibung des Amtes Stolzenau, o.O. o.J.

Norman Streat, History of the Jews in Stolzenau, in: pony.techctr.bcit.ca/stolzenau

Als einzige Erinnerung blieb der Friedhof (Die jüdische Gemeinde in Stolzenau), aus: “Die Harke” (Tageszeitung im Landkreis Nienburg) vom 9.3.2002

Beitrag zur Geschichte der Judengemeinden im ehemaligen hannoverschen Kreis Stolzenau (online abrufbar unter: streat.ca/stolzenau_cemetery)

Bernd-Wilhelm Linnemeier (Bearb.), Historische Entwicklung, Erwerbsstruktur und soziales Gefüge jüdischer Gemeinden im ländlichen Raum – das Beispiel Stolzenau, Kreis Nienburg/W., in: Herbert Obenaus (Hrg.), Landjuden in Nordwestdeutschland. Vorträge des Arbeitskreises Geschichte der Juden in der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen, Hannover 2005, S. 143 ff.

Nancy Kratochwill-Gertich/Antje C. Naujoks (Bearb.), Stolzenau, in: Herbert Obenaus (Hrg.), Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und Bremen, Wallstein-Verlag, Göttingen 2005, Band 2, S. 1433 – 1440

Nancy Kratochwill-Gertich (Bearb.), Liebenau (incl. Steyerberg), in: Herbert Obenaus (Hrg.), Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und Bremen, Wallstein-Verlag, Göttingen 2005, Band 2, S. 985 - 988

Ulrich Knufinke, Stätten jüdischer Kultur und Geschichte in den Landkreisen Diepholz und Nienburg, hrg. vom Landschaftsverband Weser-Hunte e.V, Nienburg 2012, S. 42 (Leese), S. 43 – 45 (Liebenau) und S. 54 – 56 (Stolzenau)

Stolzenau: Gedenktafel vor der ehemaligen Synagoge, in: "Die Harke" vom 6.11.2013

Gedenken an ehemalige jüdische Gemeindemitglieder: Stolpersteine zur Erinnerung verlegt, in: „Kreiszeitung“ vom 28.11.2013

Ulrich Rokahr, Die Geschichte der Juden in Stolzenau, Stolzenau 2015

Auflistung der in Stolzenau verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Stolzenau

Samtgemeinde Mittelweser (Hrg.), Elf neue Stolpersteine in Stolzenau verlegt, Stolzenau vom 7.12.2017

Bürger- u. Heimatverein (Hrg.), Ein Stein. Ein Name. Ein Mensch - Stolpersteine in Stolzenau, 40seitige Broschüre, Stolzenau 2018

Annika Büsching (Red.), Die Schicksale hinter den Stolpersteinen zeigen, in: „Die Harke“ vom 2.11.2018

Jens-Christian Wagner (Red.), STOLZENAU – Novemberpogrome 1938 in Niedersachsen, Hrg. Stiftung niedersächsischer Gedenkstätten, online abrufbar unter: pogrome1938-niedersachsen.de/stolzenau/

 

 

 

 

 

Stolp (Hinterpommern)

Kreis Stolp um 1905 (Ausschnitt aus hist. Karte, aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Das seit 1310 mit Stadtrechten ausgestattete Stolp ist das heutige polnische Slupsk mit derzeit ca. 90.000 Einwohnern.

Lubinus Stolpe.png Stolp(e) um 1620 (Abb. aus: commons.wikimedia.org, gemeinfrei)

Die Stadt Stolp in Hinterpommern war in der ersten Hälfte des 18.Jahrhunderts Heimat von nur einigen wenigen jüdischen Familien; 1718 erhielt der Jude Amsel Liebmann gegen Zahlung von 100 Talern als erster das Privileg, sich in Stolp dauerhaft niederzulassen. Bereits 1705 war die erste jüdische Familie (Aaron Jacob) nach Stolp gekommen, allerdings Jahre später wieder verzogen. Seit Beginn des 19. Jahrhunderts zogen Juden vor allem aus den wirtschaftlichen schwachen Gebieten Westpreußens und Posens zu; innerhalb des Jahrhunderts nahm die Zahl der jüdischen Bewohner deutlich zu; um 1900 umfasste die Gemeinde nahezu 1.000 Mitglieder.

1815 erhielt die Stolper Judenschaft einen eigenen Friedhof; bis zu diesem Zeitpunkt waren die Verstorbenen im 60 Kilometer (!) entfernten Lauenburg (Lębork) begraben worden.

Die jüdische Gemeinde „Kahal Stolpe” errichtete 1842 im Hinterhof eines Gebäudes der damaligen Synagogenstraße eine erste Synagoge; ihre Einweihung führte der Stettiner Kantor Abraham Lichtenstein durch. Erster Rabbiner der Stolper Kultusgemeinde war seit 1841 Dr. Josef Klein (geb. 1807 in Memmelsdorf/Unterfranken).

Die schon existierende jüdische Religionsschule Stolps wurde 1854 einer Elementarschule (Leitung Dr. J. Klein) angeschlossen; von nun an wurden hier auch nichtjüdische Lehrer als Hilfskräfte für die Erteilung des Fachunterrichtes eingesetzt.

Zu Beginn der 1880er Jahre erfasste Pommern und Westpreußen eine Pogromwelle; diese war durch den sog. „Radau-Antisemitismus” einzelner Politiker ausgelöst worden. Auch in der Stadt Stolp kam es zu antijüdischen gewalttätigen Ausschreitungen; trotz massiven Militäreinsatzes zog eine vielköpfige Menschenmenge marodierend durch die Straßen der Stadt und plünderte zahlreiche Geschäfte und Häuser jüdischer Einwohner. Nur durch den konsequenten Einsatz der Staatsmacht und dem Engagement von christlichen Bürgern gelang es, die Ausschreitungen unter Kontrolle zu bringen. Die Gewalttäter wurden danach vor Gericht gestellt, kamen aber mit äußerst geringen Strafen davon.

1893 gründete sich in Stolp der „Antisemitische Verein Stolp”, der zahlreiche Flugschriften verbreitete. Sieben Jahre später kam es erneut zu antijüdischen Ausschreitungen. Als Anlass diente ein angeblicher Ritualmord im westpreußischen Konitz. Mit der Parole „Raus mit den Juden” ging der Mob gegen jüdische Geschäftsleute vor, die nur mühsam von Polizei und schließlich auch Militär geschützt werden konnten.

Unmittelbar nach der Jahrhundertwende ließ die jüdische Gemeinde nach langjährigen Planungen außerhalb der Altstadt, in der Arnoldstraße, ein großes Synagogengebäude errichten; verantwortlich für den Bau zeichnete der Stolper Architekt Eduard Koch. Die Synagoge - eingeweiht im Herbst 1902 - wies insgesamt 700 Plätze auf; davon waren 300 Sitzplätze auf der Empore für die Frauen bestimmt. Im hinteren Gebäudeteil befand sich die kleine Wochentagssynagoge. - In unmittelbarer Nähe wurde fast zeitgleich das jüdische Gemeindehaus fertiggestellt, das über mehrere Wohnungen für die Gemeindebeamten verfügte; im Hofgelände befand sich ein Raum für Schächtungen.

Arnoldstraße mit Synagoge rechts (hist. Postkarte, aus: wikipedia.org, CCO) 

 

Stolper Synagoge (hist. Aufn. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Nachdem bereits mehr als drei Jahrzehnte Dr. Salomon Hahn (von 1861 bis 1898) als Rabbiner in Stolp tätig gewesen war, übte nach der Jahrhundertwende Dr. Max Joseph bis 1936 dieses Amt aus. Seit Seit Anfang der 1920er Jahre gab es in Stolp die „Jerimia-Loge”, die sich religiösen, aber auch sozialen Zielen verschrieb; in ihrer Satzung hieß es:                  

... Sie [ die Jerimia-Loge LXXXVII No. 911] will ihre Mitglieder geistig und sittlich veredeln, Menschen- und Vaterlandsliebe pflegen, will Schicksalsschläge, die ihre Mitglieder und auch Außenstehende treffen, durch Rat und Tat lindern. Sie macht es sich endlich zur Aufgabe, kranken und hilfsbedürftigen Mitgliedern beizustehen und für deren Witwen und Waisen zu sorgen. ... Sie will ferner die indifferenten Glaubensgenossen für die unvergänglichen Ideale des Judentums zurückgewinnen, die Brüder durch gesellige Zusammenkünfte einander nähern, und das Gefühl der Eintracht und Freundschaft unter ihnen stärken. ...”

                               Siegel der „Jerimia-Loge“

Juden in Stolp:

        --- 1705 ........................... eine jüdische Familie,

    --- 1728 ...........................    2 jüdische Familien,

    --- 1764 ...........................    6    “         “   (40 Personen),

    --- 1812 ...........................   22    “         “   (63 Personen),

    --- 1816 ...........................  135 Juden,

    --- 1831 ...........................  239   “  ,

    --- 1852 ...........................  599   “  ,

    --- 1861 ...........................  757   "  ,

    --- 1871 ...........................  879   “  ,

    --- 1880 ...........................  958   "  ,

    --- 1895 ....................... ca.  950   “   (ca. 4% d. Bevölk.),

    --- 1898 ...........................  750   “  ,

    --- 1909 ...........................  549   “  ,

    --- 1925 ...........................  469   “  ,

    --- 1932 ...........................  470   “  ,*      * Stadt und Kreis

    --- 1933 ....................... ca.  390   “  ,

    --- 1937 ....................... ca.  350   “  ,*

    --- 1939 ....................... ca.  275   “  ,*

    --- 1941 (Okt.) ................ ca.  200   ”  ,*

    --- 1942 (Nov.) ....................   27   “  ,

    --- 1943 ....................... ca.    5   “  .

Angaben aus: M.Heitmann/J.H.Schoeps (Hrg.), “Halte fern dem ganzen Land jedes Verderben ...”, S. 67/68 + S. 164

und                Gerhard Salinger, “Zwischen Zeit und Ewigkeit” - Ein Rückblick und Beitrag zum Leben und Schicksal der Juden in Stolp ..., S. 104

Die Juden Stolps waren vorwiegend in kaufmännischen Berufen sowie im Kleinhandel tätig; auch handwerkliche Berufe wurden von ihnen ausgeübt. Unter besonders schweren Bedingungen lebten die Kleinhändler und Hausierer, die mit Pferd und Wagen oder auch zu Fuß unterwegs waren, um der Bevölkerung auf dem Lande ihre Waren anzubieten. Wegen des Geburtenrückgangs und des Wegzugs vieler Juden Stolps nach Berlin um die Jahrhundertwende und danach sank die Zahl der Gemeindemitglieder deutlich. In dieser Zeit existierten in Stolp etwa 20 Geschäfte, die in jüdischem Besitz waren; die Zahl der ambulanten Kleinhändler war stark zurückgegangen. Vor allem die jüdischen Textilwarengeschäfte und die Möbelfabrik Decker & Blau genossen überregional einen guten Ruf.

       Anzeige des Kaufhauses Tuchler & Neumann (1914)

Bis Anfang der 1930er Jahre hatte der Antisemitismus in Stolp keine Rolle gespielt; ab 1930 gewannen aber die Nationalsozialisten immer mehr Einfluss in der Stadt. Die Kommunalbehörden versuchten diesen zu begrenzen; so wollte der Stolper Oberbürgermeister Hasenjaeger den reichsweit durchzuführenden Boykott jüdischer Geschäfte am 1. April 1933 in seiner Stadt verhindern. Wegen seines Widerstandes wurde er im Sommer 1933 von seinem Posten abgelöst. Dessen Nachfolger Dr. Walter Sperling - obwohl NSDAP-Mitglied - soll sich gegenüber den Angehörigen der jüdischen Gemeinde respektvoll verhalten haben. Nach der NS-Machtübernahme 1933 hatte etwa die Hälfte der 1932 in Stolp lebenden Juden die Stadt verlassen und war in die Emigration gegangen; ihre Geschäfte waren vor allem zwischen 1935 und 1938 „arisiert“ worden. Der letzte Rabbiner der Gemeinde, Wilhelm Teichner, emigrierte 1939 - wie auch andere Stolper Juden - nach Shanghai.

Während des Novemberpogroms von 1938 sollte die Stolper Synagoge durch Brandlegung zerstört werden; SA-Angehörige zündeten das Gotteshaus an und hinderten die Feuerwehr am Löschen des Brandes. Allerdings erlitt der massive Bau nur geringe Schäden, sodass dieser anschließend gesprengt wurde. Nach der Zerstörung der Synagoge konzentrierte sich das Leben der Gemeinde auf das Gemeindehaus in der Arnoldstraße; in der zweiten Etage wurden ein Betsaal und Schulräume eingerichtet. Die meisten jüdischen Männer wurden inhaftiert und vorübergehend im KZ Sachsenhausen festgesetzt. Besonderen Mut zeigte damals der Bürgermeister Dr. Sperling, der die SA-Brandstifter verhaften ließ; doch blieb deren Untat auf Weisung des Gauleiters ungesühnt. 1941 musste die jüdische Gemeinde auf Anweisung der NS-Behörden ihr Friedhofsgelände veräußern; nur ein Teil blieb als solches bestehen; nach 1945 wurde der ‚Rest’-Friedhof völlig eingeebnet. 1940/1941 mussten alle arbeitsfähigen Juden unter 50 Jahren - Männer und Frauen - meist bei Bauunternehmen „Arbeitsdienst“ in Stolp und Umgebung leisten. Teilweise mussten die Stolper Juden ihre Wohnungen aufgeben; anschließend wurden sie mit anderen zusammengelegt. 

Am Morgen des 9. Juli 1942 hatten sich alle Juden unter 65 Jahre in der Turnhalle der Gemeindeschule in der Wollmarktstraße einzufinden; nachdem ihnen dort ihre Wertsachen abgenommen worden waren, wurden sie am 10.Juli 1942 in Richtung Auschwitz deportiert. In dem Zug befanden sich auch alle anderen Juden aus dem Regierungsbezirk Köslin, die tags zuvor ebenfalls nach Stolp gebracht worden waren. In Küstrin wurden an den Eisenbahnzug weitere Waggons mit Juden aus anderen Teilen Deutschlands angekoppelt. Der Zugtransport soll am 12.Juli 1942 in Auschwitz angekommen sein; er war der erste, der nach Fertigstellung der Gaskammern das Vernichtungslager erreichte. Ende August 1942 wurden die älteren jüdischen Einwohner Stolps nach Theresienstadt deportiert; nur die wenigen „in Mischehe“ lebenden Juden blieben in Stolp zurück.

 

Eine Gedenktafel erinnert an die ehemalige (neue) Synagoge mit den Worten:

Ten mur jest rekonstrukcją ogrodzenia synagogi,

która stała w tym miejscu od roku 1902 do jej zniszczenia w czasie "nocy kryształowej" w listopadzie 1938."

Im Jahre 2006 wurde der Zaun rekonstruiert, der einst die Synagoge umgab. An den wieder errichteten Pfeilern wurden zwei Gedenktafeln angebracht, die an das einstige Gotteshaus und die Gemeinde erinnern und Inschriften in polnischer, hebräischer, englischer und deutscher Sprache tragen:

Viersprachige Gedenktafel (Aufn. N., 2007, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Auf dem verbliebenen Friedhofsteil sind kaum noch Grabsteine vorhanden; die 1907/1908 errichtete Friedhofshalle steht seit 1988 unter Denkmalschutz. Mitte der 1990er Jahre wurde hier eine Gedenktafel angebracht, die in polnischer Sprache die Inschrift trägt:

„Dies war das Leichenhaus beim jüdischen Friedhof, erbaut in den Jahren 1907/08 vom Architekten E. Röser. Stiftung zum ewigen Gedenken - Gesellschaft für Denkmalschutz

Ansonsten finden sich kaum Zeugnisse jüdischer Geschichte in der Stadt.

  In Stolp wurde 1878 der Maler, Bildhauer und Graphiker Otto Freundlich geboren, einer der frühesten Vertreter der abstrakten Kunst. Nach Studien in Berlin unternahm er 1908 eine erste Reise nach Paris und fand dort Anschluss an die avantgardistischen Künstlerkreise auf dem Montmartre. Seine später in München eröffnete eigene „Malschule“ war allerdings nicht erfolgreich. Nach der Revolution 1918 engagierte sich Otto Freundlich auch politisch. Die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 zerstörte Freundlichs enge Kontakte zu den deutschen Kunstkreisen; seine Werke wurden aus deutschen Museen entfernt - seine monumentale Plastik „Der neue Mensch“ von 1912 wählten die NS-Kunstexperten als Titelmotiv des Ausstellungskatalogs „Entartete Kunst“. In den 1930er Jahren lebte Freundlich vorwiegend in Frankreich; bei Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wurde er hier interniert und auf Betreiben Picassos von den französischen Behörden freigelassen. Nach seiner Denunzierung wurde er von der deutschen Besatzungsmacht ins KZ Majdanek-Lublin deportiert, wo er 1943 umkam. - In St. Wendel erinnert heute eine vom Künstler Leo Kornbrust gestaltete Basalt-Pyramide an Otto Freundlich; dessen Idee, eine völkerverbindende Skulpturenstraße zu schaffen, wurde inzwischen realisiert; man findet diese zwischen St.Wendel und Bostalsee.

 

Weitere Informationen:

F. Schulz/B. Wolter, Stolp - Bilder aus dem Leben der Stadt von 1860 - 1984, hrg. im Auftrag der Heimatkreisausschüsse Stadt Stolp und Landkreis Stolp, Bonn/Bad-Godesberg 1984

Gerhard Salinger, “Zwischen Zeit und Ewigkeit” - Ein Rückblick und Beitrag zum Leben und Schicksal der Juden in Stolp in Pommern, Wedel 1991 (Selbstverlag)

Paul Salinger (Bearb.), Die jüdische Gemeinde in Stolp, in: M.Heitmann/J.H.Schoeps (Hrg.), “Halte fern dem ganzen Land jedes Verderben ...” Geschichte und Kultur der Juden in Pommern, Georg Olms Verlag, Hildesheim/Zürich 1995, S. 163 - 172

Bernhard Vogt, Antisemitismus und Justiz im Kaiserreich: Der Synagogenbrand in Neustettin, in: M.Heitmann/J.H.Schoeps (Hrg.), “Halte fern dem ganzen Land jedes Verderben ...” Geschichte und Kultur der Juden, in Pommern, Georg Olms Verlag, Hildesheim/Zürich 1995, S. 388 f.

Peter Kohlhas (Bearb.), Bildung einer jüdischen Gemeinde, Hrg. Stolper Heimatkreise e.V., online abrufbar unter: stolp.de/stolp_kirchliche_gemeinden

Wolfgang Wilhelmus, Geschichte der Juden in Pommern, Ingo Koch Verlag, Rostock 2004

Joel Mattey, Die verlorene Spur. Auf der Suche nach Otto Freundlich, Wallstein-Verlag, Göttingen 2005

Gerhard Salinger, Die einstigen jüdischen Gemeinden Pommerns. Zur Erinnerung und zum Gedenken, New York 2006, Teilband 3, Teil III, S. 774 – 812

Slupsk, in: sztetl.org.pl

K.Bielawski (Red.), Der jüdische Friedhof von Stolp (Slupsk), in: kirkuty.xip.pl

 


Stockerau (Österreich)

http://karten.plz-suche.org/at/fb4c/Karte_Stockerau.png Stockerau - im Bezirk Korneuburg gelegen – ist mit derzeit ca. 16.000 Einwohnern die größte Stadt im niederösterreichischen Weinviertel.

Erst in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts wurden die ersten jüdische Familien im niederösterreichischen Stockerau ansässig; diese relativ späte Ansiedlung stand im Zusammenhang mit der bürgerlichen Gleichberechtigung der Juden nach 1848.

Zunächst organisierten sich die jüdischen Bewohner Stockeraus in einem 1856 gegründeten „Minjan-Verein“, der für die Abhaltung gottesdienstlicher Zusammenkünfte und die Pflege des religiösen Lebens verantwortlich war; allerdings waren die Stockerauer Juden offiziell Teil der Wiener Kultusgemeinde. 1905 lösten sich die Juden Stockeraus von der Wiener Gemeinde und gründeten eine autonome Kultusgemeinde, denen auch die Juden aus den Orten Korneuburg und Langenzersdorf angehörten. Zu diesem Zeitpunkt verfügte die Stockerauer Judenschaft bereits über eine 1903 eingeweihte Synagoge in der Schießstattgasse und einen eigenen Begräbnisplatz, der in den 1870er Jahren am Ortsrand gegenüber dem kommunalen Friedhof angelegt wurde. Eine Chewra Kadischa gründete sich zwei Jahre nach nach der Gemeindekonstituierung.                             

                                                               Synagoge in Stockerau (hist. Aufn.)

Juden in Stockerau:

        --- 1900 .....................  165 Juden,

    --- 1910 .....................  199   "  ,

    --- 1932 ................. ca.  130   “  ,

    --- 1940 .....................   keine.

Angaben aus: Renate Ludwiczek, Die Situation der jüdischen Mitbürger im Laufe der Geschichte in Stockerau

http://static0.akpool.de/images/cards/28/288923.jpg zentraler Platz in Stockerau (hist. Postkarte, um 1935 ?)

Die jüdischen Bewohner Stockeraus verdienten ihren Lebensunterhalt im wesentlichen im Einzelhandel; einige waren auch in freien Berufen tätig.

Nach dem sog. „Anschluss“ an das Deutsche Reich im März 1938 wurde auch in Stockerau der Antisemitismus offizielle Politik, was zur Folge hatte, dass die jüdischen Familien den Ort verließen und nach Wien übersiedelten. Einige konnten noch rechtzeitig emigrieren, andere wurden später in die „Lagern des Ostens“ deportiert. Beim Novemberpogrom von 1938 blieb das Synagogengebäude von Brandstiftung verschont, da es zu diesem Zeitpunkt bereits in den Besitz der evangelischen Gemeinde übergegangen war. Die Stockerauer NS-Stadtverwaltung hatte kurze Zeit zuvor mittels eines erzwungenen Schenkungsvertrags der jüdischen Gemeinde das Gebäude an die hiesige evangelische Kirche übergeben.

Nach der Abschiebung der jüdischen Bewohner nach Wien wurde Ende März 1940 offiziell die jüdische Kultusgemeinde in Stockerau aufgelöst.

In der Nähe von Stockerau (in Sitzenberg-Reidling) gab es während der letzten Kriegsjahre ein Lager für jüdische Zwangsarbeiter.

 In unmittelbarer Nähe der einstigen Synagoge erinnert heute die Holdaus-Gasse an den jüdischen Architekten des Gebäudes. Vor der Lutherkirche steht seit 2001 ein hochaufragender Gedenkstein (Aufn. M. Müllner, 2008), auf dem die folgende Inschrift sich befindet:

„Dieses Gotteshaus erinnert an die furchtbare Geschichte der gezielten Vernichtung der Juden. 1908 als Synagoge erbaut, 1938 unter der Unrechtsherrschaft des Nationalsozialismus enteignet – zur evangelischen Kirche umgebaut. 1953 durch die Evangelische Pfarrgemeinde von der Israelitischen Kultusgemeinde rechtmäßig erworben.

Der gemeinsame Glaube an den einen Gott verbindet Juden und Christen.“

   File:Stockerau Ehem. Synagoge, Evang. Lutherkirche.jpg Lutherkirche - ehemals Synagoge (Aufn. K., 2011, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Das großflächige Friedhofsgelände - hier befinden sich noch ca. 135 Grabsteine - ist nach seiner Sanierung in einem sehr gepflegten Zustand.

                   Teilansicht des Friedhofs (Aufn. Magdalena Müllner, 2008) 

Auf dem Areal gibt es auch Grab mit fünf unbekannten Zwangsarbeitern, die gegen Ende des Zweiten Weltkrieges hier beerdigt worden sind.

 

Weitere Informationen:

Albert Starzer, Geschichte der Stadt Stockerau, Stockerau 1911, S. 375

Hans Krehan, Geschichte von Stockerau, Verlag Josef Faber KG, Krems 1979

Josef Mayer, Die Juden in Stockerau, in: "Heimatspiegel - Organ des Kunstförderungsvereines Stockerau und Umgebung", Juli/Dez. 1988

Pierre Genée, Synagogen in Österreich, Löcker Verlag, Wien 1992, S. 85/86

Günter Sellinger, Stockerauer Bilderalbum, Hrg. Stadtgemeinde Stockerau (Bezirksmuseum), 1993

Renate Ludwiczek, Die Situation der jüdischen Mitbürger im Laufe der Geschichte in Stockerau, in: www.myworld.privateweb.at/evang.stockerau/juden

Walter Baumgartner/Robert Streibel, Juden in Niederösterreich: ‘Arisierungen’ und Rückstellungen in den Städten Amstetten, ....Horn, Korneuburg, Krems, Neunkirchen ... und Wiener Neustadt, in: "Veröffentlichungen der österreichischen Historikerkommission", Band 18, Wien 2004

Christoph Lind, “Der letzte Jude hat den Tempel verlassen ...” Juden in Niederösterreich 1938 - 1945, Mandelbaum-Verlag, Wien 2004, S. 179 - 191

Tina Walzer, Jüdisches Niederösterreich erfahren - eine Reise durch das Weinviertel der vergangenen 150 Jahre, in: "DAVID - Jüdische Kulturzeitschrift", Heft 62 (Sept. 2004)

Magdalena Müllner, Der jüdische Friedhof von Stockerau – Eine Etappe des Glaubensweges 2008 (Aufsatz), 2008

Jüdischer Friedhof in Stockerau saniert, in: orf.at vom 24.12.2016

Jüdischer Friedhof an Gemeinde übergeben, in: orf.at vom 1.9.2017

 

 

Stolberg (Nordrhein-Westfalen)

Datei:Stolberg in AC (2009).svg Stolberg (Rheinland) ist eine Stadt mit derzeit ca. 58.000 Einwohnern in der nordrhein-westfälischen Städteregion Aachen (Karte TUBS, 2008, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Stolberg um 1800 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Bis Mitte des 19.Jahrhunderts lebten in Stolberg nie mehr als 20 bis 25 Juden; der erste in Stolberg aktenkundig erfasste Jude war „Jüdt Davidt“, der hier um 1670/1680 ansässig war. Erst nach 1865 zogen weitere jüdische Familien nach Stolberg. Die Stadt erlebte zu diesem Zeitpunkt einen gewissen wirtschaftlichen Aufschwung.

In Stolberg gab es zu keiner Zeit eine autonome israelitische Gemeinde; die jüdischen Einwohner gehörten stets als Filialgemeinde zur Aachener Kultusgemeinde. Ein „Betlocal“ im Haus des Vorstehers Albert Falkenstein am Steinweg stand den Angehörigen der kleinen Gemeinschaft seit den 1890er Jahren zu gottesdienstlichen Treffen zur Verfügung.

Ein erster jüdischer Friedhof war bereits um 1650 angelegt worden; dieses auf einem Teil des katholischen Friedhofs durch Mauern abgegrenzte Areal wurde bis in die Mitte des 19.Jahrhunderts genutzt. Als um 1850 die katholische Pfarrgemeinde St. Luzia eine Erweiterung ihres Friedhofes beabsichtigte und dafür die Fläche des jüdischen Friedhofteils ins Auge fasste, wurde der jüdischen Gemeinde im Tausch ein gleich großes Grundstück auf dem „Trockenen Weiher“ angeboten, um dort einen Friedhof anzulegen. Nach langen Verhandlungen erfolgte dann 1859 der Grundstückstausch. Ein Jahr später wurde der neue jüdische Friedhof am „Trockenen Weiher“ (Im Turmblick“) angelegt; wobei das Friedhofsgelände auf Kosten der Pfarrei St. Luzia hergerichtet und mit einer Hecke versehen wurde.

Anm.: Ob Umbettungen von Verstorbenen und Umsetzung von Grabsteinen erfolgten, ist nicht belegt, gilt aber als wahrscheinlich.

Juden in Stolberg:

    --- um 1750 .........................   5 jüdische Familien,

    --- 1785 ............................  12 (erwachsene) Juden,

    --- 1808 ............................  25 Juden,

    --- 1850 ............................   6   “  ,

    --- 1872 ............................  37   “  ,

    --- 1895 ............................  75   “  ,

    --- 1900 ............................  86   “  ,

    --- 1905 ............................  57   "  ,

    --- 1911 ............................  54   “  ,   

    --- 1930 ............................  41   “  ,

    --- 1933 ............................  76   “  ,

    --- 1938 (Nov.) .....................  29   “  ,

    --- 1940 (Jan.) .....................   8   “  ,

    --- 1942 ............................   2   “  .

Angaben aus: Elfi Pracht, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen, Teil I: Reg.bez. Köln, S. 65

und               Ulrich Flecken (Privatarchiv)     

                       * Abweichende demographische Angaben siehe: Manfred Bierganz, Die Leidensgeschichte der Juden in Stolberg während der NS-Zeit, Hrg. Stadt Stolberg, Stolberg 1989, S. 9

Um 1900 hatte die jüdische Gemeinschaft in Stolberg ihren numerischen Höchststand erreicht; zu Beginn der 1930er Jahre lebten in Stolberg noch etwa 40 Personen mosaischen Glaubens.

Der reichsweit angeordnete Boykott vom 1.April 1933 wurde auch in Stolberg durchgeführt; SA-Angehörige zogen vor den sechs jüdischen Geschäften auf, um potenzielle Kunden von Einkäufen abzuschrecken. In den Folgejahren trieben Schikanen und Demütigungen die meisten jüdischen Einwohner in die Emigration; ihre Immobilien mussten sie meist weit unter Wert veräußern.

Die beiden noch bestehenden jüdischen Geschäfte (die Schuhläden von Bernhard Wächter und von Sigmund Zinader) wurden von SA- und SS-Angehörigen in der Nacht vom 9. auf den 10.November 1938 teilweise zerstört. Kurz danach hatte eine Anweisung des Landratsamts den damaligen Stadtinspektor Kleinen erreicht, in der es hieß: „Ab heute 10 Uhr hat kein Jude den Laden zu verlassen. Wer trotzdem die Wohnung verlässt, soll in Haft genommen werden." Fünf Männer wurden „in Schutzhaft“ genommen und ins KZ Buchenwald bzw. Sachsenhausen verschleppt. Anfang 1939 war die „Arisierung“ jüdischen Besitzes abgeschlossen. Einige Stolberger Juden konnten noch vor Kriegsbeginn emigrieren. Im Sommer 1941 wurde auf Veranlassung des Landrats das letzte in Stolberg verbliebene jüdische Ehepaar in das jüdische Sammellager nach Eschweiler „umgesiedelt“; von hier aus erfolgte im März 1942 ihre Deportation nach Theresienstadt. Nur zwei „in Mischehe“ lebende Jüdinnen blieben von einer Deportation verschont. Nachweislich sind während der NS-Herrschaft mindestens 19 Stolberger Bewohner mosaischen Glaubens gewaltsam ums Leben gekommen bzw. gelten als "verschollen".

 

Eine in den Boden gelassene Gedenkplatte vor dem Hause Steinweg 78 erinnert seit 1988 an den Betsaal der kleinen Stolberger Judenschaft:

Bis zum 9.November 1938 beteten in diesem Haus Nr. 78 jüdische Mitbürger.

                         Die Nazis sorgten für ein grausames Ende.                 1988

  Sichtbarstes Zeugnis früheren jüdischen Lebens in Stolberg ist der kleine Friedhof am „Trockenen Weiher“ mit Grabsteinen aus dem 19.Jahrhundert.

Einige Gräber auf dem jüdischen Friedhof von Stolberg - Stilisierte Menora (Aufn. Gruppe-Z-stolberg.de)

 

In der Rhenaniastraße in Stolberg-Atsch existierte seit Herbst 1941 ein Lager für ca. 120 jüdische Zwangsarbeiter; diese waren in verschiedenen Betrieben eingesetzt. Im Sommer 1942 wurde das Lager aufgelöst, seine Insassen überwiegend in die „Lager des Ostens“ deportiert. Heute erinnert ein Gedenkstein mit folgender Inschrift an das Lager:

Zur Erinnerung an das ehemalige Zwangsarbeiterlager Rhenaniastraße und die darin Internierten.

Die über 100 jüdischen Häftlinge wurde Mitte 1942 in die Vernichtungslager der Nazis abtransportiert.

Eine Grünfläche an der Rhenaniastraße wurde zum Andenken an den jüdischen Textilhändler in Berthold-Wolff-Park umbenannt.

Auf dem Gelände des ehemaligen Zinkhütter Hofs steht ein Mahnmal für die NS-Opfer in Form eines Hakenkreuzes aus Stacheldraht.*   * In der Zeit seiner Einweihung (1991) war die Verwendung eines Hakenkreuzes umstritten; eigens reiste der damalige Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Paul Spiegel, nach Stolberg. Der Zweck des Gedenkens wurde nun durch eine Inschriftentafel präzisiert.

2015 wurden - nach jahrelangen Diskussionen - im Steinweg die ersten zwölf sog. „Stolpersteine“ verlegt; sie erinnern an die Angehörigen zweier jüdischer Familien (Fam. Salomon und Zinader), die in der NS-Zeit verschleppt und ermordet wurden. Vier weitere Steine erinnern an das Schicksal der Familie Hartog.

 

 "Stolpersteine" in Stolberg (Aufn. Gruppe Z - Stolberg, 2015, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 4.0)

 

Im 1972 eingemeindeten Ortsteil Mausbach wurde im Juni 1942 in ehem. RAD-Baracken ein Internierungslager für alte Menschen jüdischen Glaubens - sie kamen zumeist aus Altersheimen des Kölner Raums - eingerichtet. Zwei Wochen nach ihrer Internierung wurden von Mausbach aus etwa 340 alte Menschen nach Theresienstadt "überstellt".

 

Weitere Informationen:

Manfred Bierganz, Jüdische Zwangsarbeiter in Stolberg und der Leidensweg der Stolberger Juden während der Naziherrschaft, in: "Menorah. Zeitschrift der jüdischen Gemeinde Aachen", No. 3/1986, S. 17 f.

Manfred Bierganz, Das Schicksal der Stolberger Juden, in: "Stolberger Nachrichten" - Artikelserie März/Mai 1986

Manfred Bierganz, Verwüstungen auf dem jüdischen Friedhof zu Stolberg, in: "Menorah. Zeitschrift der jüdischen Gemeinde Aachen", No. 1/1987, S. 18

Manfred Bierganz, Die Leidensgeschichte der Juden in Stolberg während der NS-Zeit, Hrg. Stadt Stolberg, Stolberg 1989

Elfi Pracht, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen, Teil I: Regierungsbezirk Köln, J.P.Bachem Verlag, Köln 1997, S. 65 - 67

Michael Brocke (Hrg.), Feuer an dein Heiligtum gelegt - Zerstörte Synagogen 1938 Nordrhein-Westfalen, Ludwig Steinheim-Institut, Kamp Verlag, Bochum 1999, S. 515

Ulrich Flecken, unveröffentlichte Chronik “Jüdische Historie Stolbergs vom späten Mittelalter bis zum Holocaust, o.J.

Ottmar Hansen (Red.), Stolpersteine als Mahnmal auch in Stolberg, in: „Aachener Zeitung“ vom 31.8.2015

Auflistung der in Stolberg verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Stolberg

Sonja Essers (Red.), Vier Stolpersteinre erinnern an das Schicksal der Hartogs, in: „Aachener Nachrichten“ vom 3.7.2018

Karl-Heinz Oedekoven (Red.), Der jüdische Friedhof in Stolberg, in: „Aachener Nachrichten“ vom 24.10.2018

 

 

 

 

Steyr (Österreich)

http://karten.plz-suche.org/at/10739/Karte_Steyr.png Steyr ist mit derzeit ca. 39.000 Einwohnern heute die drittgrößte Stadt Oberösterreichs.

Vermutlich haben sich jüdische Familien bereits im 13.Jahrhundert im oberösterreichischen Steyr angesiedelt; erstmals werden Juden allerdings erst 1345 urkundlich erwähnt. Ihre Rechte wurden ihnen in einer Urkunde des österreichischen Herzogs Albrecht III. (1365-1395) erteilt; hierin hieß es:

„ Wir Albrecht ... entbieten unsern Juden gemeiniglich zu Steyer unsere Gnad. Uns haben fürgebracht Unsere getreuen, die Burger daselbst zu Steyer, daß Ihr alle Arbeit und Kauffmannschafft daselbsten treiben wollet, mit Wein, Getraidt, und meinet auch in solchen Sachen alle die Rechte zu haben, die andere Unsere Burger daselbt habendt. Das dunckt uns unbillich, darum empfehlen wir Euch, und wollen gar ernstlich daß ihr davon lasset, und fürbaß kein andere Arbeit treibet noch thut, in keinen Weg, dann allein mit euren Gewerbe. Auch wollen wir, daß Ihr kein Hauß in der nur genandten Stadt Steyer bestellet und darinnen wohnet, denn allein das Haus, da Ihr vor innen gewesen seyd. ...”

1420 wurden die Juden wegen einer angeblichen „Hostienschändung“ aus allen herzoglichen Ortschaften und Städten Österreichs vertrieben, auch aus Steyr. Ob es vor ihrer Vertreibung eine Synagoge in Steyr gab, kann nicht belegt werden. In den folgenden Jahrhunderten lassen sich nur vereinzelt Juden in Steyr nachweisen.

Stadtansicht von Steyr von 1554 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Erst nach 1849 konnten sich die ersten Familien hier wieder ansiedeln; in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts zogen dann nach und nach Juden aus dem südböhmischen Raume zu; doch stießen sie dabei auf Vorbehalte in der einheimischen Bevölkerung. Die ersten Zugezogenen lebten hauptsächlich vom Hausier- und Tauschhandel mit Rohprodukten und Waren in und um Steyr.

Ende des Jahres 1870 wurde ein israelitischer Kultusverein behördlich genehmigt; laut den Statuten waren seine Ziele: die Abhaltung mosaischer Gottesdienste und die Unterrichtung der jüdischen Kinder in der Religionslehre. Die Bildung einer autonomen Kultusgemeinde wurde noch lange Jahre verwehrt - mit der Begründung, dass die finanziellen Grundlagen dafür nicht gegeben wären; zudem wäre eine zweite Kultusgemeinde in Ober-Österreich „unnötig und zumindestens verfrüht”. Erst 1894 erlangte die Steyrsche Judenschaft den Status einer autonomen Gemeinde; diese umfasste das Gebiet der politischen Bezirke Kirchdorf und Steyr. Im gleichen Jahre kaufte die neue Kultusgemeinde ein ehemaliges Restaurationsgebäude einer Brauerei an und baute es zu ihrem Bethaus aus.

  Israelitisches Bethaus Bahnhofstraße, hist. Postkarte (Abb. aus: mkoe-steyr.net)

Heinrich Schön war von 1896 bis 1926 Rabbiner in Steyr; sein Nachfolger bis 1938 war Chaim Nürnberger.

1873 wurden der jüdische Friedhof angelegt und ein Krankenpflege- und Beerdigungsverein gegründet.

Juden in Steyr:

    --- 1855 ......................   7 jüdische Familien,

    --- 1857 ......................  16     “       “   (ca. 50 Pers.),

    --- 1890 .................. ca. 190 Juden,

    --- 1900 .................. ca. 200   “  ,

    --- 1897 ...................... 188   “  ,

    --- 1934 ......................  82   “  ,

            --- 1938 ......................  62   “  ,

    --- 1939 ...................... keine

    --- 1941 ......................  12 ‘Halbjuden’.

Angaben aus: W.Neuhauser-Pfeiffer/K.Ramsmaier, Vergessene Spuren - Die Geschichte der Juden in Steyr

Die Steyrischen Juden, die sich durch große Loyalität zum Kaiser und zur Monarchie auszeichneten, waren um 1900 in das gesellschaftliche Leben der Stadt integriert und zumeist geachtet.

Die in Steyr seit 1882 erscheinende Zeitung „Die Judenfrage”, die extrem antisemitisch ausgerichtet war, machte aber auch deutlich, dass antijüdisches Gedankengut hier auf Resonanz stieß. Mit dem Tode des Verlegers (1896) wurde das Presseorgan aber eingestellt.

Um die Jahrhundertwende stellte sich die berufliche Struktur der Angehörigen der Kultusgemeinde wie folgt dar: 25 Handel- und Gewerbetreibende, darunter fünf Rohproduktenhändler, zwei Fabrikanten und vier Hausierer; mehrere Beamte und Fabrikarbeiter und zwei Freiberufler.

Während des Ersten Weltkrieges hielten sich in Steyr und Umland auch jüdische Flüchtlinge aus Osteuropa auf. Anfang der 1930er Jahre nahmen die Anfeindungen gegenüber der jüdischen Bevölkerungsminderheit deutlich zu. Bereits 1931 legte der spätere Gauleiter Eigruber den Grundstein für eine NS-Ortsgruppe in Steyr; auch im „Klub der Reichsdeutschen“ fanden sich Nationalsozialisten zu gemeinsamen Treffen. - Unmittelbar nach dem sog. „Anschluss” 1938 setzte offiziell die Entrechtung des jüdischen Bevölkerungsteiles ein; in Steyr begannen die „Arisierungen“ und die Abwanderung der Betroffenen.

Aus der „Steyrer Volksstimme” vom 2.9.1938:

Der Auszug Israels aus der alten Eisenstadt

... Es dürfte der Tag nicht mehr allzu ferne sein, an welchem alle Söhne Israels, einerlei ob getauft oder ungetauft, restlos aus unserer Stadt verschwunden sein werden. Ein Teil derselben hat sich übrigens bereits ein anderes Betätigungsfeld gesucht. Tränen dürften diesen artfremden Schmarotzern wohl kaum nachgeweint werden, außer von jenen rührseligen, weichherzigen Humanitätsaposteln, die behaupten: ‘Ja, aber die Juden sind doch auch Menschen !’ Dies stimmt vollkommen, doch sei diesen entgegnet, daß auch die Wanzen Tiere sind und trotzdem ... ihre Gattung äußerst unerwünscht ist, nirgends gelitten, sondern solidarisch von allen Kulturvölkern der Erde äußerst verfolgt werden. Unsere uralte, kerndeutsche Stadt der Arbeit zählte bei der Heimkehr der deutschen Ostmark ins Reich ein Dutzend Judenfamilien mit insgesamt 62 Personen. ... Es ist mit voller Sicherheit damit zu rechnen, daß in Kürze und in diesem Jahre noch alle dem Stamme Israel angehörenden Mitbewohner aus unserer Stadt verschwunden sein werden; wo sie hin verschwinden, ist vollkommen belanglos, die Hauptsache ist, daß die alte Eisenstadt bald vollkommen judenfrei sein wird.

Am 1.Oktober 1938 wurde die Jüdische Kultusgemeinde Steyr von der Gestapo Linz aufgelöst. Während der Pogromnacht im November 1938 blieb die Synagoge in Steyr von Zerstörungen verschont, weil das Gebäude bereits im Sommer 1938 veräußert worden war.

                  Über die Vorgänge des 9.November 1938 in Steyr berichteten die „Steyrer Nachrichten”:

... Auch in Steyr wurde die SS alarmiert und die Juden wurden von den schwarzen Männern aus den Betten geholt. Wieder einmal zeigte sich die Feinmaschigkeit der jüdischen Organisation. Denn merkwürdigerweise waren fast alle männlichen Juden ‘geschäftlich’ verreist. Die in ihren Wohnungen angetroffen wurden, wurden in die Polizeikaserne gebracht und dort angehalten, um berechtigte Ausschreitungen der erbitterten Bevölkerung zu verhindern. Sie wurden diesmal noch höflich behandelt. Aber bei einer Wiederholung könnten wir keine Gewähr mehr dafür übernehmen.

 Zu Beginn des Jahres 1939 hielten sich bereits keine Juden mehr in Steyr auf.

In Steyr-Münichholz bestand von 1941 bis Anfang 1942 ein Arbeitslager für Juden; vermutlich war es ausgegliederter Teil des Umschulungslagers „Gut Sandhof“ (unweit von Waidhofen/Ybbs). Ab März 1942 war in Steyr-Münichholz ein Außenkommando des KZ Mauthausen, in dem auch jüdische Häftlinge zur Zwangsarbeit bei der Steyr-Daimler-Puch AG herangezogen wurden. Am 5.Mai 1945 wurde das Lager von US-Truppen befreit. In den letzten Kriegstagen wurden ungarische jüdische Häftlinge durch das Ennstal in Richtung KZ Mauthausen getrieben; auf diesem „Todesmarsch“ fanden viele den Tod; mehr als 100 Menschen wurden in einem Massengrab auf dem jüdischen Friedhof in Steyr begraben.

            

Nach Kriegsende waren in Steyr etwa 2.000 jüdische DPs – meist aus Polen und Ungarn stammend - untergebracht, die auf ihre Auswanderung nach Amerika bzw. Palästina/Israel warteten. Im Camp gab es auch eine Kultusgemeinde, die allerdings nur wenige Jahre bestand.

Auf dem jüdischen Friedhof in Steyr zeugen heute noch ca. 140 Gräber von der ehemaligen jüdischen Gemeinde. 1945 sollte der Friedhof zerstört werden, doch das Kriegsende verhinderte es. 

Jüdischer Friedhof in Steyr (Aufn. aus: wikipedia.org, 2012)

Ende der 1980er Jahre wurde an der Außenmauer des jüdischen Friedhofs eine Gedenktafel - es handelte sich dabei um das erste öffentliche Erinnerungszeichen an die jüdische Bevölkerung - mit folgender Inschrift angebracht:

Hier befindet sich der Friedhof unserer jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger.

Er erinnert an ihre jahrhundertelange Ansiedlung in Steyr bis zur Vertreibung und Ermordung in Konzentrationslagern durch das menschenverachtende NS-Regime.

Ein Massengrab von ungarischen Juden, die auf dem Weg nach Mauthausen 1945 ermordet wurden, mahnt uns, die unsagbare Leidensgeschichte der jüdischen Bevölkerung nie zu vergessen.

Anm. Mehrere Denkmale erinnern auf dem Gelände an die ca. 100 Opfer des Todesmarsches ungarischer JüdInnen im Frühjahr 1945.

Seit November 2008 erinnert auf dem jüdischen Friedhof in Steyr ein Denkmal namentlich an die hiesigen jüdischen 86 Opfer der NS-Zeit.

Holocaust Denkmal Steyr mit den Namen der Ermordeten einige Namen der Opfer (Abb. aus: tagdesdenkmals.at/)

1992 enthüllte man am ehemaligen Synagogengebäude Ecke Bahnhofstraße/Pachergasse eine Gedenkstele, die folgenden Text trägt:

                                                      In diesem Haus befand sich von 1894 bis 1938 die Synagoge unserer jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger.

Sie wurden von der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft gedemütigt und aus ihrer Heimat vertrieben,

viele von ihnen in Konzentrationslagern ermordet.

Gegen Ende 2008 wurde das Gebäude - es ist das einzig erhalten gebliebene Synagogengebäude Oberösterreichs - unter Denkmalschutz gestellt.

Nach dem letzten Steyrer Juden, Friedrich Uprimny (1921-1992), wurde eine Straße benannt - stellvertretend für alle ehemaligen jüdischen Bewohner der Stadt.

 

Weitere Informationen:

W. Neuhauser-Pfeiffer/K.Ramsmaier, Vergessene Spuren - Die Geschichte der Juden in Steyr, edition sandkorn, Linz 1993

Waltraud Neuhauser-Pfeiffer/Karl Ramsmaier, Vergessene Spuren. Die Geschichte der Juden in Steyr, Grünbach 1998

Karl Ramsmaier, Vergessene Spuren - Neueste Forschungsergebnisse zur Geschichte der Juden in Steyr, in: "Zeitschrift des Zeitgeschichtemuseums Ebensee", No. 43/1999

Karl Ramsmaier, Hannas Familie, in: Erich Hackl/Till Mairhofer (Hrg.), Das Y im Namen dieser Stadt - Ein Steyr Lesebuch, Steyr 2005

N.N. (Red.), Holocaust-Denkmal im Judenfriedhof enthüllt, in: „OÖ-Nachrichten“ vom 12.11.2008

Karl Ramsmaier, Jüdische Gedenkstätten in Steyr. 20 Jahre Mauthausen Komitee in Steyr, in: "DAVID – Jüdische Kulturzeitschrift", No. 83/2009

Karl Ramsmaier, Jüdische Häftlinge im KZ-Nebenlager Steyr-Münichholz, in: "DAVID – Jüdische Kulturzeitschrift", No. 87/2010

Die Geschichte der Juden in Steyr, online abrufbar unter: mkoe-steyr.net/informationen/juedisches-steyr

Steyrer Denkmal, Gedenkstele für Friedrich Uprimny, online abrufbar unter: steyrerdenkmal.wordpress.com (vom 26.9.2013)

Annemarie Löv-Steiner, Auf Spurensuche – Jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger in Steyr (Unterrichtsbausteine). Abschlussarbeit, PH Oberösterreich 2014/2015