Strasburg/Kulmer Land (Westpreußen)

Pommern Bildergebnis für graudenz strasburg landkarte Strasburg - im Rahmen (mittig gelegen)

Das westpreußische Strasburg an der Drewenz – seit 1298 mit Stadtrechten versehen - ist das heutige polnische Brodnica.

Bis zur ersten polnischen Teilung 1772 waren in Strasburg keine jüdischen Familien ansässig; allerdings lebten in den Dörfern des Kreises Strasburg damals etwa 300 Juden. Die ersten Juden erreichten Strasburg als wandernde Handelsjuden im 18.Jahrhundert; Niederlassungen zunächst nur weniger Familien erfolgten gegen Ende des Jahrhunderts (erstmalig 1793 erwähnt). Um die Mitte des 19.Jahrhunderts stieg die Zahl jüdischer Bewohner erheblich an, besonders im Landkreis; so lebten um 1890 im Kreis Strasburg mehr als 2.100 Juden; allerdings reduzierte sich in der Folgezeit ihre Zahl ganz erheblich; 1910 waren es noch etwa 580 Juden.

Im Jahre 1839 wurde in Strasburg ein Synagogengebäude errichtet.

                                                     Synagoge in Strasburg (hist. Postkarte, um 1910)  

In der Stadt existierte auch eine jüdische Elementarschule; mehr als vier Jahrzehnte war hier Benjamim Moses als Lehrer tätig. Daneben gab es für eine gewisse Zeit eine private jüdische Schule, die Kinder streng-orthodox ausgerichteter Familien besuchten.

Ein jüdischer Begräbnisplatz wurde in den 1790er Jahren südlich der Stadt angelegt; etwa ein Jahrhundert später erfolgte eine Erweiterung des Friedhofsgeländes, das auch Verstorbene aus umliegenden Orten aufnahm.

Juden in Strasburg:

    --- 1783 .........................   27 Juden,

    --- 1816 .........................  150   “   (ca. 7% d. Bevölk.),

    --- 1859 .........................  573   “   (ca. 13% d. Bevölk.)

    --- 1871 .........................  626   “  ,*   * gesamte Gemeinde

    --- 1885 .........................  571   “  ,*

    --- 1895 .........................  437   “  ,*

    --- 1905 .........................  318   “   (ca. 4,5% d. Bevölk.),

    --- 1910 .........................  286   “  ,

    --- 1921 .........................   56   “  ,

    --- 1931 .........................   30   “  .

Angaben aus: Max Aschkewitz, Zur Geschichte der Juden in Westpreußen, S. 20 und S. 160

und                 Gerhard Salinger, Zur Erinnerung und zum Gedenken. Die einstigen jüdischen Gemeinden Westpreußens, Teilband 3, S. 692 f.

Um die Jahrhundertwende spielten die jüdischen Familien eine nicht unbedeutende Rolle im Wirtschaftsleben der Kleinstadt. So wurden zahlreiche Geschäfte im Stadtzentrum von jüdischen Familien betrieben. Auch zwei der vier großen lokalen Handelsunternehmen wurden von Juden (Ascher und Casper) geführt.

Nach der Angliederung des westpreußischen Gebiets an den polnischen Staat 1920 setzte sich die Abwanderung der jüdischen Bevölkerung auf deutsches Reichsgebiet verstärkt fort. In diesen Jahren kamen zunehmend Juden aus Ostpolen in die Region; allerdings erfolgte ihre Niederlassung nicht in der Stadt selbst, sondern in mehreren umliegenden Dörfern. Alsbald bildeten die zahlreichen angekommenen jüdischen Familien mit mehreren hundert Personen eine neue Gemeinde. Ihr angeschlossen waren die früheren selbstständigen Gemeinden von Löbau (Lubawa), Neumark (Nowe Miasto), Gorzno und weitere ländliche Ortschaften.

Anfang der 1930er Jahre war die frühere jüdische Gemeinde in Auflösung begriffen. Beeinflusst durch die politischen Verhältnisse in Deutschland kam es hier auch zum Boykott jüdischer Geschäfte.

Bei Ausbruch des Zweiten Weltkrieges lebten nur noch zwei jüdische Familien in der Stadt. Ende September 1939 wurde die Synagoge durch die deutschen Okkupanten in Brand gesetzt; die Ruine alsbald abgetragen.

                                       in Brand gesteckte Synagoge (Aufn. 29.Sept. 1939) 

Auch der jüdische Friedhof wurde während der NS-Zeit mitsamt allen Grabsteinen teilzerstört; dessen völlige Zerstörung erfolgte vermutlich in den 1960er Jahren.

In den Jahren 1942 bis 1945 bestand in der Stadt ein Arbeitslager für Juden; etwa 200 ungarische Jüdinnen fanden hier den Tod; an sie erinnert heute eine Gedenktafel.

 Als Sohn eines Rabbiners wurde Sammy Gronemann 1875 in Strasburg geboren. Nach Abbruch seines Studiums am Berliner Rabbinerseminar machte er eine Ausbildung zum Juristen. Geprägt von der Begegnung mit dem „Ostjudentum“ während des Ersten Weltkrieges wurde Gronemann ein überzeugter Zionist. In seinen Veröffentlichungen - so in „Hawdoloh und Zapfenstreich“ und „Tohuwabohu“ - widmete er sich dem jüdisch-zionistischen Milieu. 1933 emigrierte er nach Frankreich, zwei Jahre später übersiedelte er nach Palästina. 1952 verstarb er in Tel-Aviv. Seine „Erinnerungen“ sind in deutscher Sprache 2002 veröffentlicht worden.

Weitere Informationen:

Max Aschkewitz, Der Anteil der Juden am wirtschaftlichen Leben Westpreußens um die Mitte des 19.Jahrhunderts, in: Zeitschrift für Ostforschung 11/1962, S. 482 ff.

Max Aschkewitz, Zur Geschichte der Juden in Westpreußen, in: Wissenschaftliche Beiträge zur Geschichte und Landeskunde Ost-Mitteleuropas, hrg. vom Johann Gottfried Herder-Institut No. 81, Marburg 1967

Ronny Kabus, Juden in Ostpreußen, Husum 1998, S. 170

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust (Vol. 1), New York University Press, Washington Square, New York 2001, S. 200/201

Sammy Gronemann, Erinnerungen, Philo-Verlag, Berlin 2002

Gerhard Salinger, Zur Erinnerung und zum Gedenken. Die einstigen jüdischen Gemeinden Westpreußens, New York 2009, Teilband 3, S. 692 – 704

Brodnica, in: sztetl.org.pl