Prenzlau/Uckermark (Brandenburg)

Bildergebnis für prenzlau landkarte Prenzlau mit derzeit ca. 21.000 Einwohnern ist Kreisstadt und Verwaltungssitz des nordbrandenburgischen Landkreises Uckermark – ca. 45 Kilometer westlich von Stettin/Sczcecin (Karte: suche-postleitzahl.org).

In einer Urkunde des Markgrafen Waldemar von 1309 sind Juden in Prenzlau - der "Hauptstadt" der Uckermark - erstmalig erwähnt. Vermutlich waren dort bereits nach 1200 einige jüdische Familien vorübergehend ansässig oder dort als Händler tätig. In einer Urkunde aus dem Jahre 1321 wird von einem „Joden Dorpe“ in Prenzlau berichtet; wahrscheinlich handelte es sich hier um eine größere Anzahl niedergelassener Juden.

Mitte des 14.Jahrhunderts erhielten die Prenzlauer Juden vom Markgrafen Ludwig d. Römer das Privileg zugestanden, einen „Joden kerkhoff“ vor dem Steintore anzulegen. Darin hieß es: „ .. Wi heebben di egenannten unsere Borgere ok die Vriheit gegewen, dat sie mogen maken eynen Joden kerkhoff up erem acker vor der Stat in Premszlau vor deme Steyndore, als he en bequemelik ist, med alleme rechte, den eyn Joden kerkhoff hebben schall.”

Zunächst mussten die Juden alle Schutzgelder an die askanischen Markgrafen, ab 1350 Steuern und Abgaben an die Stadt entrichten; das lag daran, dass der ständig finanzschwache Markgraf, „seine“ Juden dem Rat von Prenzlau verpfändet hatte. Während der Pestpogrome von 1348/1349 blieben die jüdischen Familien in Prenzlau vermutlich von Gewalttaten verschont. Wenige Jahre später beklagte der Bischof von Kammin die Judenfreundlichkeit der Prenzlauer und forderte sie auf, diese aus der Stadt zu verjagen. Da der Magistrat aber der bischöflichen Forderung nicht nachkam, wurden die Prenzlauer mit dem Kirchenbann belegt: Gottesdienste untersagt und Kirchen geschlossen.

Unter der Hohenzollern’schen Herrschaft (ab 1415) wurden die zu zahlenden Schutzgelder, die nun wieder an den Landesherren zu entrichten waren, reduziert, weil die Prenzlauer Juden von Kriegswirren stark geschädigt worden waren.

Der sog. „Hostienschändungsprozess” in Bernau (1510) leitete die Vertreibung der Juden aus der Mark Brandenburg ein; in den 1570er Jahren wurde die Ansiedlung von Juden in brandenburgischen Landen endgültig verboten.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/f/f3/Prenzlau-1652-Merian.jpg

 Stadtansicht von Prenzlau um 1650 - Kupferstich M.Merian (Abb. aus: wikimedia.org, gemeinfrei)

Erst die schweren Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges - die Region war nahezu entvölkert - führten wieder dazu, dass erneut Juden ins Land gelassen wurden, so auch nach Prenzlau; hier lebten Ende des 17.Jahrhunderts zwei Schutzjuden-Familien. Der Landesherr achtete stets darauf, dass diese über ein bestimmtes Kapital verfügten; an ärmeren, unvergleiteten Juden bestand kein Interesse.

Anm.: Der Zuzug von zahlreichen Hugenotten-Familien unter dem Großen Kurfürsten brachte der Region eine deutliche wirtschaftliche Erholung.

Die Prenzlauer Judenschaft wuchs im Laufe des 18.Jahrhunderts langsam, aber stetig an (siehe Statistik unten). Ihren Lebensunterhalt bestritten die hier lebenden Juden vornehmlich im Leder- und Tabakhandel.

1752 erbauten die Juden Prenzlaus ihre erste Synagoge an der Wasserpforte (später: Tempelgasse); der für 1.112 Reichstaler errichtete schlichte Fachwerkbau hatte nur wenige Jahrzehnte Bestand. 1832 trug man das baufällige Gebäude ab und ersetzte es an der Ecke Prinzen-/Tempelstraße durch einen Neubau im Stile des Klassizismus mit hohen Rundbogenfenstern.

  

Synagoge in Prenzlau (links: Lithographie  -  rechts: hist. Postkarte, aus: akpool.de)

Die Synagogengemeinde Prenzlau – sie war erst 1847 offiziell gegründet worden und umfasste auch die Judenschaften aus Brüssow und Strasburg - war die größte in der Uckermark; Prenzlau war dort die einzige Stadt, die auf Grund ihrer Größe einen eigenen Rabbiner besaß (Anm.: Das Rabbinat bestand bis Anfang der 1930er Jahre). In der gesamten Mark Brandenburg hatten nur die Gemeinden von Berlin, Frankfurt/O. und der Stadt Brandenburg mehr Angehörige.

Erhielten zunächst die meisten jüdischen Kinder zunächst Privatunterricht, übernahm etwa ab 1825 ein Rabbiner die Unterweisung der Kinder; die Einrichtung einer jüdischen Elementarschule war der nächste Schritt. Untergebracht waren die drei Klassen der Prenzlauer jüdischen Elementarschule in einem Hause in der Prinzenstraße; Jungen und Mädchen wurden getrennt unterrichtet.

Der 1716 am Wasserturm, im Bereich des heutigen Stadtparks angelegte jüdische Friedhof wurde im Laufe der Zeit mehrfach erweitert und in den 1890er Jahren aufgegeben. Eine neue Begräbnisstätte „Am Süßen Grund“ (Puschkinstraße) ersetzte die alte. 

Zur Synagogengemeinde Prenzlau gehörten seit 1847 auch die Juden aus Brüssow und Strasburg.

Juden in Prenzlau:

       --- um 1715 .......................   6 jüdische Familien,

    --- 1728 ..........................   7    "        "    ,

    --- 1743 ..........................  24    “        “    ,

    --- 1800 ..........................  41    “        “    ,

    --- 1812 ..........................  72    “        “    ,

    --- 1850 .......................... 385 Juden,*       * gesamte Kultusgemeinde

    --- 1890 .......................... 423   “  ,*

    --- 1905 .......................... 315   “  ,

    --- 1912 .......................... 312   “  ,*

    --- 1914 .......................... 297   “  ,*

    --- 1925 .......................... 232   “  ,

    --- 1932 .......................... 174   “  ,

    --- 1933 .......................... 111   “  ,**     ** andere Angabe: 270 Pers.

    --- 1939 ..........................  64   “  ,*

    --- 1940 (Mai) ....................  40   “  ,

    --- 1942 (Dez.) ...................  keine.

Angaben aus: Irene Diekmann/Julius H.Schoeps (Hrg.), Wegweiser durch das jüdische Brandenburg

und                 Lutz Libert, Zur Geschichte der jüdischen Gemeinden in der Uckermark

Die aus den östlichen preußischen Provinzen nach Prenzlau zugewanderten Juden glichen eine Zeitlang die um 1815 begonnene Abwanderung alteingesessener jüdischer Familien aus. Ihren zahlenmäßigen Höchststand erreichte die Prenzlauer Gemeinde Ende des 19.Jahrhundert, als „Ostjuden“ vor Pogromen aus ihren Heimatländern nach Deutschland geflüchtet waren; sie hielten sich aber nur kurzzeitig in Prenzlau auf; die meisten gingen nach Berlin oder in andere deutsche Großstädte. Ihren Lebensunterhalt verdienten die Juden Prenzlaus zumeist als Geschäftsleute, Händler und Kleinstunternehmer.

Kurz nach dem Ersten Weltkrieg traten in Prenzlau vermehrt Anhänger des antisemitischen „Deutsch-Völkischen Schutz- und Trutzbundes“ in Erscheinung. - Juden selbst nahmen am politischen Leben Prenzlaus nicht teil; einige engagierten sich innerhalb ihrer Gemeinde in einigen Vereinen, so in der Ortsgruppe des „Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens”, im „Reichsbund jüdischer Frontsoldaten” oder im „Verein für jüdische Geschichte und Literatur”.

Nach der NS-Machtübernahme und dem Boykott jüdischer Geschäfte 1933 begannen Prenzlauer Juden alsbald, ihre Geschäfte und Häuser zu veräußern, um entweder zu emigrieren oder in die nahe Metropole Berlin zu ziehen. Zu größeren antijüdischen Ausschreitungen kam es in Prenzlau bereits im August 1935, als die Schaufensterscheiben von sieben Geschäften eingeschlagen wurden.

Während des Novemberpogroms von 1938 wurde auf Anweisung des Bürgermeisters die Synagoge in Brand gesetzt; die Feuerwehr war nur zum Schutz der umliegenden Gebäude aufgefahren. Auch die beiden jüdischen Friedhöfe wurden verwüstet und teilweise ‚beseitigt’, Grabsteinreste des alten Friedhofs  als Straßenpflaster zweckentfremdet. NS-Trupps vergriffen sich zudem an jüdischem Eigentum und versetzten die Bewohner in Angst und Schrecken. Einige jüdische Männer wurden ins KZ Sachsenhausen verschleppt. Auf Kosten der jüdischen Gemeinde ließ die Stadt Prenzlau die Synagogenruine abtragen; um den anfallenden Betrag von mehr als 10.000 RM begleichen zu können, musste die Synagogengemeinde Friedhofs- und Synagogengrundstück verkaufen. Im Laufe des Jahres 1942 wurden die etwa 30 noch in Prenzlau verbliebenen Juden „nach dem Osten“ bzw. nach Theresienstadt deportiert, darunter auch der 86jährige vormalige Rabbiner Dr. Oscar Mayer-Bähr und seine Frau. Nur drei „in Mischehe“ verheiratete Juden überstanden in Prenzlau die NS-Zeit.

Vor der St. Nikolai-Kirche, in der Diesterwegstraße, erinnert seit 1988 eine Gedenktafel in deutscher und hebräischer Sprache an die Juden Prenzlaus (Abb. Molgreen, 2015, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 4.0).

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/5/59/20150425_xl_3881-Prenzlau_den_Grundrissen_von_Synagoge_und_Rabbinerhaus_nachempfundene_Terrassenanlage_sowie_Gedenktafeln.JPG Gestiftet von den Prenzlauer Kirchengemeinden ist auf der mit einem Davidstern versehenen Bronzetafel zu lesen:

Den jüdischen Männern Frauen Kindern aus Prenzlau,

die in den Jahren 1933 - 1945 verfolgt - vertrieben - ermordet wurden.

An der Wasserpforte stand die Synagoge der Jüdischen Gemeinde

niedergebrannt am 10.11.1938

Der neue jüdischen Friedhof an der Puschkinstraße wurde nach 1945 wieder hergerichtet und besitzt heute ca. 120 Grabsteine; er zählt damit zu den besterhaltenen jüdischen Begräbnisstätten in der Uckermark.

Jüdischer Friedhof Prenzlau (Aufn. aus: prenzlau.eu) http://www.prenzlau.eu/sixcms/media.php/566/thumbnails/J%C3%BCdischer%20Friedhof.jpg..237203.jpg

Giebel der jüdischen Trauerhalle (Aufn. Rolf Blase)

Ein von der Jüdischen Landesgemeinde aufgestellter Findling trägt die kurze Inschrift "Zum Gedenken an die Opfer des Faschismus".

Im Rahmen eines deutsch-polnischen Jugendprojektes 2003 wurde der alte jüdische Friedhof durch eine Steineinfriedung wieder kenntlich gemacht und eine Gedenkmauer errichtet, die auch geborgene Grabsteinrelikte enthält.

2012 wurden die ersten zehn sog. „Stolpersteine“ in Gehwegen von Prenzlau verlegt; drei Jahre später waren es elf weitere, die an ermordete Juden Prenzlaus erinnern sollen.

Weitere Informationen:

Oscar Bähr, Aus der älteren Geschichte der Juden in Prenzlau, in: Prenzlauer Zeitung und Kreisblatt 1901 (?)  (Reprint als Sonderdruck der AG für uckermärkische Geschichte im Geschichts- u. Museumsverein Buchholz, 1988)

Germania Judaica, Band II/2, Tübingen 1968, S. 662/663 und Band III/2, Tübingen 1995, S. 1152/1153

Bernhard Brilling, Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde in Prenzlau (1698 - 1942), in: Prenzlau, Hauptstadt der Uckermark 1234 - 1984, Hamburg 1984, S. 167 - 182

Gerhard Kegel (Bearb.), „Als wenn durch Naturereignisse die Anlage zerstört wäre“. Das Ende des alten jüdischen Friedhofs im Adolf-Hitler-Park in Prenzlau, in: Uckermärkische Hefte No. 1/1989, S. 261 - 284

Lutz Libert, Zur Geschichte der jüdischen Gemeinden in der Uckermark, in: Die Uckermark - Beiträge zur Kulturgeschichte einer Region, Hrg. Gesellschaft für Heimatgeschichte Frankfurt (Oder), 1990, S. 55 - 77

Helmut Eschwege, Geschichte der Juden im Territorium der ehemaligen DDR, Dresden 1990, Band III, S. 1118 f.

Zeugnisse jüdischer Kultur - Erinnerungsstätten in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Berlin, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen, Tourist Verlag GmbH, Berlin 1992, S. 106/107

Klaus Arlt, Aufbau und Niedergang jüdischer Gemeinden in der Mark Brandenburg im 19. und beginnenden 20.Jahrhundert, in: Menora - Jahrbuch für deutsch-jüdische Geschichte 1993

Janina Krenz, Das Judentum in der Uckermark, prämierte Projektarbeit am Städtischen Gymnasium (um 1995)

M.Brocke/E.Ruthenberg/K.U.Schulenburg, Stein und Name. Die jüdischen Friedhöfe in Ostdeutschland (Neue Bundesländer/DDR und Berlin), in: Veröffentlichungen aus dem Institut Kirche und Judentum, Hrg. Peter v.d.Osten-Sacken, Band 22, Berlin 1994, S. 563 - 565

Gerhard Kegel, Zur Geschichte der Juden in Prenzlau, in: Irene Diekmann/Julius H.Schoeps (Hrg.), Wegweiser durch das jüdische Brandenburg, Edition Hentrich, Berlin 1995. S. 196 ff. und S. 233 f.

Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus - Eine Dokumentation II, Hrg. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 1999, S. 336 f.

Wolfgang Weißleder, Der Gute Ort - Jüdische Friedhöfe im Land Brandenburg, hrg. vom Verein zur Förderung antimilitaristischer Traditionen in der Stadt Potsdam e.V., Potsdam 2002, S. 47

Edda Weiß, Die nationalsozialistische Judenverfolgung in der Provinz Brandenburg 1933 - 1945, Berlin 2003

Gerhard Kohn, Prenzlau, in: Irene A. Diekmann (Hrg.), Jüdisches Brandenburg. Geschichte und Gegenwart, Beiträge zur Geschichte und Kultur der Juden in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen, Band 5, Berlin 2008, S. 292 - 303

Die Namen sind unauslöschbar: Erste Stolpersteine wurden in Prenzlau verlegt, Pressemeldung der Stadt Prenzlau vom 6.5.2012

Rolf Blase (Red.) Die jüdischen Friedhöfe in Prenzlau als Zeugnisse jüdischer Stadtgeschichte, in: Mitteilungen des Uckermärkischen Geschichtsvereins zu Prenzlau, 22/2015, S. 32  - 53

Untermärkischer Geschichtsverein zu Prenzlau e.V., Die Stolpersteine in Prenzlau, online abrufbar unter: uckermaerkischer-geschichtsverein.de

jec (Red.), Stolpersteine in Prenzlau verlegt, in: "BlickPunkt" vom 4.7.2015

Stadt Prenzlau/Uckermark (Red.), Gedenken am 9.November, in: Pressemitteilung vom 5.11.2015

Matthias Baum, Prenzlau im Wandel der Zeiten, online unter: prenzlau-smb.de, 2016 (zeigt mehrere Abbildungen der Synagoge)

Rolf Blase (Red.), Geschichte der Jüdischen Gemeinde Prenzlau und ihres Friedhof, in: Universität Potsdam – Institut für jüdische Studien und Religionswissenschaft (Hrg.), Jüdische Friedhöfe in Brandenburg, online abrufbar unter: uni-potsdam.de

Schüler/innen des Christa-und-Peter-Scherpf-Gymnasiums (Beab.), Letzte Spuren. Jüdisches Leben in Prenzlau früher und heute, in: Internetpräsentation „Eternal memory – Ewiges Gedenken“, abrufbar unter: denktag.de/2016eternalmemory/spuren-der-zeit-in-prenzlau