Nidda (Hessen)

Datei:Municipalities in FB.svg Nidda ist heute eine aus 18 Stadtteilen bestehende Kommune mit derzeit ca. 18.000 Einwohnern im hessischen Wetteraukreis - knapp 40 Kilometer südöstlich von Gießen (Karte Hagar, 2009, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Nidda in der Topographia Hassiae, M. Merian um 1655 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Bereits Ende des 13.Jahrhunderts müssen sich jüdische Familien im oberhessischen Nidda angesiedelt haben; das geht aus einer Pfändungsurkunde des damaligen Kaisers Rudolf von Habsburg zugunsten des Landesherrn Ulrich von Hanau hervor. In den folgenden Jahrhunderten werden Juden in Nidda nur sehr sporadisch erwähnt; erst im 17.Jahrhundert tauchen namentliche Nennung jüdischer Familien auf.

Die ab Mitte des 19.Jahrhunderts wachsende orthodoxe jüdische Gemeinde weihte 1877 in der Schillerstraße eine Synagoge im neugotischen Stil ein; hier befand sich auch ein rituelles Bad. Bis zum Synagogenbau versammelten sich die etwa 60 Niddaer Juden in Obergeschossen von zwei Häusern in der Gerbergasse; ebenfalls in der Gerbergasse hatte die Judenschaft ein Gebäude angemietet, das als Schule diente.

Synagoge von Nidda (hist. Aufn., vor 1935) und Synagogenmodell (Zimmermann-Strauß-Museum)

                  Über die Einweihung der Synagoge berichtete der „Niddaer Anzeiger” am 30.Oktober 1877:

Nidda, 28. Oct. - Schon längst war für die hiesige israelitische Gemeinde der Bau einer neuen Synagoge ein dringendes Bedürfniß, allein die Ausführung des Projectes verzögerte sich wegen der nicht sehr günstigen finanziellen Lage der kleinen Gemeinde. Unter schwierigen Verhältnissen, nach vielen Mühen und Opfern, kam endlich der Bau zu Stande. Aber je größer die überwundenen Schwierigkeiten, desto größer die Freude am gelungenen Werk - dies bewies die am Freitag unter großer Betheiligung stattgehabte Einweihungsfeier  ... Freuen wir uns, daß wir in einer aufgeklärten (wenn auch von mancher Seite geschmähten) Zeit leben und daß die Thorheit vergangener Jahrhunderte, in denen man sich der Religion wegen haßte, verfolgte, bekriegte, (bei uns wenigstens) überwunden ist. ...

 

Anzeigen aus der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 13.Sept. 1886, vom 28.Aug. 1893 und 18.April 1907

Die Begräbnisstätte der Niddaer Juden befand sich zunächst in der Gemarkung Ulfa; um 1880 wurde diese geschlossen und ein neues Gelände in der Nähe des städtischen Friedhofs in Nidda belegt.

Zur Gemeinde, die dem orthodoxen Bezirksrabbinat Gießen unterstand, gehörten auch die wenigen Familien in Geiss-Nidda.

Juden in Nidda:

        --- um 1620 .......................   3 jüdische Familien,

    --- 1830 ..........................  40 Juden,

    --- 1861 ..........................  77   “  (ca. 4% d. Bevölk.),

    --- 1880 ..........................  77   “  ,

    --- 1894 .......................... 109   “  (in 22 Familien),

    --- 1898 ..........................  89   “  ,

    --- 1905 ..........................  95   “  (ca. 5% d. Bevölk.),

    --- 1909 ..........................  75   “  ,

    --- 1911 ..........................  90   “  ,

    --- 1925 ..........................  60   “  ,

    --- 1933 ..........................  58   “  (in 16 Familien),

    --- 1938 ..........................  13   “  .

Angaben aus: Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen - Anfang, Untergang, Neubeginn, Bd. 2, S. 127

und                 Wolfgang Gilbert Stingl, Fragmente jüdischen Lebens in Nidda, S. 167 f.

http://images.zeno.org/Ansichtskarten/I/big/AK07385a.jpg Marktplatz von Nidda (hist. Postkarte)

Die meisten Juden Niddas waren Viehhändler oder Kaufleute, aber auch Handwerkerberufe waren vertreten.

Geschäftsanzeige von 1905

Das Zusammenleben der christlichen und jüdischen Bevölkerung Niddas verlief im allgemeinen problemlos; daran konnte auch der zu Beginn der 1920er Jahre aufkeimende Antisemitismus zunächst nichts ändern.

                   Aus einer Meldung des „Niddaer Anzeiger” vom 22.Juni 1922:

In der Nacht von Sonntag auf Montag wurde die Niddaer Synagoge mit abscheulichen Inschriften beschmiert. Auf den Stufen und Steinplatten standen die jüdische Bevölkerung schwer herabsetzende und verächtlich machende Ausdrücke, die wir hier nicht wiedergeben können. In alle sechs Füllungen der schweren Eingangstür sind offenbar mit einem eisernen Gegenstand Hakenkreuze eingegraben, ... Die jüdische Gemeinde setzt natürlich alles daran, um die Täter ausfindig zu machen, nach denen auch die Polizei fahndet. Hoffentlich findet das volksverhetzende Treiben der Täter eine exemplarische Sühne.

Mit Beginn der NS-Zeit vollzog sich ein deutlicher Wandel in der Kommunalpolitik in Nidda; der Einfluss der Nationalsozialisten wurde erheblich stärker. Auch in Nidda wurde am 1.April 1933 der reichsweit organisierte Boykott jüdischer Geschäfte durchgeführt.

                  Aus der „Niddaer Zeitung” vom 2.April 1933:

... Plakate wurden durch die Stadt getragen, die vor dem Einkauf in jüdischen Geschäften warnten, und vor den Geschäftseingängen postierten sich SA-Leute. Der Boykott verlief ohne jeden Zwischenfall. Die meisten in Betracht kommenden Geschäfte hielten geschlossen oder schlossen um 10 Uhr. Die strenggläubigen Juden, die ohnehin am Samstag ihre Läden nicht offen halten, merkten eigentlich nichts davon.

Die hiesige NSDAP-Ortsgruppenleitung forderte zudem alle Bauern und Bürger auf, sich bei der Parteileitung zu melden, wenn sie in den letzten Jahren durch Juden geschädigt bzw. betrogen worden seien. Im Frühjahr 1936 beschloss der Niddaer Gemeinderat, in Zukunft nur diejenigen „arischen“ Betriebe und Unternehmen mit Arbeiten für die Kommune zu beauftragen, die keinerlei Kontakte mehr zu „nicht-arischen“ Personen pflegten. Wer dennoch weiterhin Beziehungen zu jüdischen Händlern unterhielt, wurde öffentlich bloßgestellt. Da den Niddaer Juden immer mehr ihre Wirtschaftsgrundlage entzogen wurde, verließen die meisten von ihnen bereits vor 1938 die Kleinstadt; fast alle zogen in andere Städte, vor allem nach Frankfurt/M., oder emigrierten in die USA oder nach Palästina. 1938 bestand die Restgemeinde nur noch aus drei bis vier Familien; ihre Gottesdienste hielten sie in der Wohnung des Gemeindevorstehers Emanuel Eckstein in der Schlossgasse ab. Monate vor der Pogromnacht hatte die Gemeinde ihr Synagogengebäude verkauft, sodass es in der „Kristallnacht“ einem Anschlag entging. (Anm.: Später wurde das Gebäude abgerissen bzw. zu einem Wohnhaus umgebaut.)

Die Kultgeräte der Synagoge überdauerten den Krieg, weil ein Niddaer Bürger diese versteckt hatte; Jahre nach Kriegsende übergab dieser die Thora-Rollen einem früheren Mitglied der jüdischen Gemeinde Nidda.

                 Erhalten gebliebene Thoramäntel (Aufn. S. Jesberger)    

Das Geschäft des Gemeindevorstehers Emanuel Eckstein wurde von NSDAP-Angehörigen geplündert. Im Herbst 1939 wurde Eckstein, der sich vorübergehend in Nidda aufhielt, von einer Horde Niddaer Jugendlicher mit Steinwürfen durch die Straßen getrieben und buchstäblich zu Tode gehetzt. Offiziell wurde die israelitische Gemeinde in Nidda 1941 aufgelöst. Einige Niddaer Juden wurden nach Minsk deportiert.

1979 ließ die Stadt Nidda am Standort der ehemaligen Synagoge in der Schillerstraße - heute ein Wohnhaus - eine Bronzetafel mit der folgenden Inschrift anbringen:

Ehemalige Synagoge mit Frauenbad

der durch Auswanderung, Deportation und Tod im Jahre 1937 aufgelösten Jüdischen Gemeinde von Nidda.

Erbaut im Jahre 1877, eingeweiht unter großer Beteiligung der gesamten Niddaer Einwohnerschaft am 26.Oktober 1877.

Verkauft vom letzten Vorsteher der Jüdischen Gemeinde Samuel Eckstein in private Hände im Jahre 1937,

ein Jahr vor der Reichskristallnacht am 9.November 1938.

Umgebaut zu Wohnungen in den Jahren 1938/39.

Nach Protesten des Landesverbandes Jüdischer Gemeinden in Hessen gegen die obige ‚geschichtsfälschende’ Inschrift wurde diese in den 1980er Jahren durch eine neue mit folgendem Text ersetzt:

Dieses nebenstehende Wohngebäude diente von 1877 bis 1937

der Jüdischen Gemeinde Nidda als Synagoge.

Ein von der Niddaer Kommune in der Ortsmitte am Johanniterturm aufgestellter Gedenkstein trägt unter dem siebenarmigen Leuchter die Inschrift:

Zur Erinnerung an unsere 91 jüdischen Bürger,

die während der Gewaltherrschaft 1933 - 1945 vertrieben und ermordet wurden

Die vom Faschismus verfolgten jüdischen Familien

...

Im Gedenken und zur Mahnung !

An den 1939 ermordeten Emanuel Eckstein erinnert unweit des Bahnhofes die Emanuel-Eckstein-Anlage.

In Nidda besteht seit 2003 das Zimmermann-Strauß-Museum, das die jüdische Geschichte der unmittelbaren Region dokumentiert. Träger des Museums ist der 2001 gegründete Verein "Jüdische Museum Nidda e.V.".

          Thora-Rollen im Zimmermann-Strauß-Museum (aus: niddas-juden.lima-city.de)

In Nidda wurden erstmals 2014 - auf private Initiative hin - fünf sog. „Stolpersteine“ in der Schlossgasse verlegt, die an Emanuel Eckstein (letzter Gemeindevorsteher) und seine Familie erinnern sollen.

 

In Geiss-Nidda - heute ein Stadtteil von Nidda - liegt oberhalb des Ortes ein kleines umfriedetes Friedhofsgeländes (angelegt um 1890); nur wenige Grabstellen sind heute noch erhalten.

Jüdischer Friedhof in Geiss-Nidda (Aufn. E., 2011, aus: wikipedia.org)

 

Im ca. zehn Kilometer südlich von Nidda gelegenen Dorfe Ober Mockstadt gab es eine kleine israelitische Gemeinde, deren Angehörigenzahl im 19.Jahrhundert kaum 40 Personen überstieg und zu der zeitweilig auch die jüdischen Bewohner aus Ranstadt zählten. Neben einem in einem älteren Fachwerkhause in der Untergasse untergebrachten Betraum gehörte auch ein kleines Friedhofsgelände - angelegt um 1895 - zu ihren Kultuseinrichtungen. Ende der 1930er Jahre löste sich die Gemeinde auf. Der Verbleib der letzten jüdischen Bewohner Ober Mockstadts ist unbekannt.

Weitere Informationen:

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Societäts-Verlag, Frankfurt/M. 1971, Bd. 2, S. 127 - 129 und S. 153/154

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Bilder - Dokumente, Eduard Roether Verlag, Darmstadt 1973, S. 155

Thea Altaras, Synagogen in Hessen - Was geschah seit 1945 ?, Verlag K.R.Langewiesche Nachfolger Hans Köster, Königstein/T. 1988, S. 189/190

Ottfried Dascher, u.a. (Hrg.), Nidda - Die Geschichte einer Stadt und ihres Umlandes, Nidda 1992

Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933 - 1945, Hessen I: Regierungsbezirk Darmstadt, VAS-Verlag, Frankfurt/M. 1995, S. 328/329

Wolfgang Gilbert Stingl, Fragmente jüdischen Lebens in Nidda, Nidda 1995

Wolfgang Gilbert Stingl, Jüdisches Leben in Nidda im 19. und 20.Jahrhundert - Untersuchung zur Lokalgeschichte des oberhessischen Landjudentums, Dissertation Universität Frankfurt/M., Context-Verlag, Obertshausen 2001

Susanne Gerschlauer, Synagogen, in: Kirchen und Synagogen in den Dörfern der Wetterau. Reihe Wetterauer Geschichtsblätter - Beiträge zur Geschichte und Landeskunde, Band 53, Friedberg 2004, S. 289 - 326

Zimmermann-Strauß-Museum. Jüdisches Museum Nidda e.V., online abrufbar unter: niddas-juden.de

Nidda mit Geiss-Nidda, in: alemannia-judaica.de (mit zahlreichen Dokumenten/Bildern zur jüdischen Ortshistorie)

Stolpersteine in Nidda: Kein Ruhmesblatt, in: Die LINKE – Kreisverband Wetterau, vom 16.6.2014