Neuruppin (Brandenburg)

 Die „Fontanestadt“ Neuruppin mit derzeit ca. 31.000 Einwohnern ist die Kreisstadt des Landkreises Ostprignitz-Ruppin im Nordwesten des Bundeslandes Brandenburg (Karte aus: sparkassengeschichtsblog.de/schlagwort/sparkasse-ostprignitz-ruppin).

Seit Mitte des 13.Jahrhunderts ist die Existenz von Juden in Neuruppin belegt, sie standen unter dem Schutz der Grafen von Lindow; auch die Stadt hatte Anteil am Judenschutz, indem sie individuelle Schutzbriefe ausstellte, die ihnen relativ weitgehende Rechte zusicherten. Aus dem Jahre 1323 ist überliefert, dass den Juden der Verkauf von Korn und Bier erlaubt war. Die Existenz einer Synagoge und einer Mikwe lassen das Bestehen einer spätmittelalterlichen jüdischen Gemeinde vermuten. Weil aber ihre Siedlung zu nahe an der Kirche lag, mussten die Juden in die Fährstraße, die spätere Seestraße, umziehen. Einen jüdischen Friedhof soll es hier damals nicht gegeben haben.

1510 erfolgte vermutlich die Vertreibung der Juden aus Neuruppin; im Jahre 1571 - unmittelbar nach dem Tode des Kurfürsten Joachim II. - wurden sie erneut aus dem Städtchen vertrieben. Damit endete für mehrere Jahrhunderte jüdisches Leben in der Mark Brandenburg und damit auch in Neuruppin.

Älteste Ansicht von Neuruppin, Ausschnitt aus einem Gemälde von 1694 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Vermutlich erst nach Ende der napoleonischen Herrschaft siedelte sich wieder eine jüdische Familie in Neuruppin an. Anderen Angaben zufolge sollen bereits um 1790 etwa 40 Juden in Neuruppin gelebt haben, die der jüdischen Gemeinde in Lindow angehörten. In den Jahrzehnten nach 1830 wuchs die Zahl der Juden in Neuruppin stetig an, sodass sich bald eine Gemeinde bilden konnte, die über eine Synagoge und Schule verfügte. Zur Gemeinde gehörte neben einigen nahen Dörfern auch Fehrbellin.

Seit Ende der 1860er Jahre war in einem Anbau in der Ferdinandstraße, der heutigen Virchowstraße, eine Synagoge untergebracht, die den orthodoxen Ritus pflegte; diese Synagoge wurde Ende der 1920er Jahre wieder aufgegeben, da offenbar aufgrund des Rückgangs der jüdischen Einwohnerzahl die Abhaltung des Gottesdienstes nicht mehr möglich war.

Der alte jüdische Friedhof wurde am Weinberg, nahe des Rheinsberger Tors, 1824 eingeweiht, Jahre später aber an eine andere Stelle verlegt und hier bis gegen Ende des 19.Jahrhunderts betrieben. Danach erwarb die jüdische Gemeinde an der Grenzstraße ein neues Begräbnisgelände.

Juden in Neuruppin:

        --- um 1790 ................... ca.   40 Juden*     * zur Gemeinde Lindow gehörig

    --- 1816 ........................... eine jüdische Familie,

    --- 1824 ...........................    3     “       “  n,

    --- 1831 ...........................   28 Juden,

    --- um 1855 .................... ca.   80   “  ,

    --- 1875 ...........................  110   “  ,

    --- 1895 ...........................  103   “  ,

    --- 1900 ...........................   98   “  ,

    --- 1910 ...........................   92   “  ,*       * andere Angabe: 42 Pers.

    --- 1925 ....................... ca.   60   “  ,

--- 1933 ...........................   22   “  ,

             ....................... ca.   90   “  ,**      ** jüdische Gemeinde

    --- 1939 (Mai) .....................    7   “  ,

    --- 1941 ...........................    3   “  .

Angaben aus: Uwe Schürmann, Die Neuruppiner Juden zur Zeit des Nationalsozialismus

                       Anm.: Die Angaben bei H.Eschwege, Geschichte der Juden im Territorium der ehemaligen DDR Band I, S. 231 f., differieren erheblich von den oben angegebenen.

Zu Beginn der 1920er Jahre war Neuruppin ein Zentrum jüdischen Lebens in dieser Region; so hatten sich in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts fast 50 Dörfer der Synagogengemeinde Neuruppin angeschlossen. Zur Zeit der NS-Machtübernahme war die Zahl der jüdischen Bewohner Neuruppins bereits stark rückläufig; so lebten 1933 schätzungsweise nur noch 30 bis 40 Juden in der Kleinstadt.

                   Über den Boykott der wenigen jüdischen Geschäfte berichtete die „Märkische Zeitung” am 1.4.1933:

... Die Boykottbewegung setzte programmgemäß um 10 Uhr ein. Eine große Menge verfolgte die Aufstellung der Boykottposten. Außer dem Lebensmittelgeschäft Nordstern und dem Schuhgeschäft Tack wurden jedoch die meisten der zu bekämpfenden Geschäfte schon frühzeitig geschlossen. Eine Person wurde verhaftet, ansonsten gab es keine nennenswerten Zwischenfälle.

Während des Novemberpogroms von 1938 wurden Wohnungen jüdischer Einwohner aufgebrochen und Teile des Mobiliars aus den Fenstern geworfen und in Brand gesetzt. Vermutlich wurde auch der jüdische Friedhof teilweise zerstört, später durch Kriegseinwirkung und durch Wasserbaumaßnahmen komplett vernichtet. Die Synagoge selbst blieb unangetastet.

Beendet wurden die Gewaltakte mit einer abendlichen NSDAP-Kundgebung „gegen das jüdische Mordgesindel” auf dem Paradeplatz in Neuruppin.

Die jüdische Gemeinde in Neuruppin wurde im Frühjahr 1941 offiziell aufgelöst. Das letzte gemeindliche Vermögen, der jüdische Friedhof, wurde an die evangelische Kirchengemeinde verkauft. Nur einige wenige „in Mischehe“ verheiratete Juden und ihre Kinder überlebten die Kriegsjahre in Neuruppin.

In der Neuruppiner Landes- und Pflegeanstalt waren auch ca. 60 jüdische Geisteskranke untergebracht, die im Sommer 1940 nach Berlin-Buch verlegt; von hier aus sind sie vermutlich der Brandenburger ‘Euthanasie’-Anstalt überstellt worden, wo sie ermordet wurden.

Auf dem kleinen jüdischen Friedhof in Zernitz sind die 48 Opfer eines Häftlingstransportes begraben, die am 16.April 1945 durch Beschuss alliierter Flugzeuge getötet wurden. Der aus dem KZ Bergen-Belsen kommende „verlorene Zug“ hatte als Ziel Theresienstadt, wurde aber wenige Tage später „auf offener Strecke“ befreit.

Angrenzend an den kommunalen evangelischen Friedhof befindet sich der jüdische Friedhof mit einer Fläche von ca. 1.300 m², der durch Schändung beim Novemberpogrom und durch Bombenangriffe (April 1945) weitgehend zerstört worden war. Mitte der 1980er Jahre wurden auf Initiative der evangelischen Gemeinde einige wenige Grabsteine des jüdischen Friedhofs im hinteren Bereich des Neuen Friedhofs wieder aufgerichtet. Der Davidstern-Fries ist das einzig erhaltene Mauerstück auf dieser jüdischen Begräbnisstätte.

                        Davidstern-Fries (Aufn. Kirchenkreis Wittstock-Ruppin)

Dahinter legte man 1996 - auf Anregung des Deutschen Städtetags - den sog. „Jerusalem-Hain” an. Drei Blutbuchen wurden angepflanzt, die die Rückkehr jüdischen Lebens nach Brandenburg symbolisieren sollen. 2001 stellte man vor dem Friedhof eine Plastik des Bildhauers Wieland Schmiedel auf, die an das Schicksal der Juden Neuruppins erinnert.

Das Vorderhaus der ehemaligen Synagoge in der Virchowstraße steht heute noch; allerdings erinnert nichts mehr an dessen einstige Nutzung.

Seit 2003 werden auch in Neuruppin - als erstem Ort im Lande Brandenburg - sog. „Stolpersteine“ verlegt, die den Opfern der NS-Zeit gewidmet sind; neben ehemaligen jüdischen Bewohnern wird auch derjenigen gedacht, die zu den „Euthanasie“-Opfern (Aktion T4) der Landesirrenanstalt Neuruppin gehörten.

 Neuruppin Stolperstein Drucker.jpg Vier "Stolpersteine" (aus: cafehinterhof.de)

 

In Lindow - nordöstlich von Neuruppin gelegen - gab es im ausgehenden 18. und 19.Jahrhundert eine kleine israelitische Gemeinde, zu der um 1850 auch die Juden aus Gransee, Himmelpfort und Rheinsberg zählten. Ihren Betraum hatte die Gemeinde im Obergeschoss eines Privathauses in der Seestraße eingerichtet. Die jüdische Gemeinde beschäftigte von 1839 bis 1844 mit Moritz Herzberg einen eigenen Kantor, der auch das Amt des Schächters übernahm. Für die Jahre 1863/1864 ist Nathan Lewithal als „Schächter, Vorbeter und Privatlehrer“  belegt.

Ein kleinflächiges Begräbnisgelände wurde im Jahre 1824 angelegt; die Initiative ging offenbar vom Kaufmann Michaelis aus, dessen Familie bis heute das Grundstück als Privateigentum besitzt. Anm.: Ungewöhnlich ist, dass der jüdische Begräbnisplatz im Ortszentrum liegt – gleich neben dem Kommunalen Friedhof an der heutigen Harnackstraße.

Wenige Jahre nach dem Ersten Weltkrieg löste sich die Lindower Gemeinde auf. Anfang der 1930er Jahre wohnten nur noch sechs Juden in Lindow; sie gehörten bereits seit Jahrzehnten der israelitischen Gemeinde Neuruppin an.

Der inzwischen restaurierte jüdische Friedhof – er wurde letztmalig Ende der 1930er Jahre benutzt, blieb in der NS-Zeit unangetastet und fiel erst in den 1970er Jahren der Zerstörung anheim - ist in der jüngsten Vergangenheit beinahe wieder in seinen ursprünglichen Zustand versetzt worden.

Tafel am Friedhofseingang (Aufn. Anke Geißler) 

2011 wurden in Lindow die ersten beiden sog. „Stolpersteine“ verlegt.

File:Lindow Stolpersteine Frankfurter.jpg Aufn. Doris Antony, 2012, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 4.0)

 

In Kyritz – westlich von Neuruppin gelegen – gab es eine sehr kleine jüdische Gemeinde, die um 1850/1860 aus 13 Familien bestand. 1853 ist erstmals eine Synagoge erwähnt. Ab 1892 befand sich in einem Privathaus in der Prinzenstraße (nahe der Stadtmauer) ein Betsaal; dieses Haus gehörte seit 1885 dem jüdischen Kaufmann Theodor Calmon, der dort ein Haushaltswarengeschäft betrieb; 1936 verließ er Kyritz in Richtung Berlin, wo er alsbald verstarb. In der Stadt soll es zwei kleinflächige Beerdigungsplätze gegeben haben - einer lag in der Holzhausener Straße.

2017 wurden in Kyritz die ersten sog. "Stolpersteine" verlegt.

Theodor Calmon und seine Tochter Henny Lucie gelten als die letzten Vertreter der einstigen jüdischen Gemeinde in Kyritz Zwei "Stolpersteine" in der Prinzenstraße Aufn. Alexander Beckmann, 2017

 

In Rheinsberg sollen seit dem beginnenden 19.Jahrhundert sehr wenige jüdische Familien gelebt haben; gegen Ende des Jahrhunderts waren es immerhin zehn. Eine autonome Gemeinde bildete sich hier aber nicht. Seit 1819 gab es im Ort ein eigenes Begräbnisgelände. - Ende der 1920er Jahre lebten noch vier Familien im Ort.

Im Rahmen eines Projektes der „Sozialistischen Jugend - Die Falken“ werden derzeit Recherchen durchgeführt - mit dem Ziel, sog. "Stolpersteine" für ehemalige jüdische Bewohner Rheinsbergs zu setzen.

Weitere Informationen:

Germania Judaica, Band II/2, Tübingen 1968, S. 580/581 und Band III/2, Tübingen 1995, S. 954/955

Helmut Eschwege, Geschichte der Juden im Territorium der ehemaligen DDR, Dresden 1990, Band I, S. 231 f.

Erika Herms, Die jüdische Bevölkerung in Ruppin, in: “Ruppiner Anzeiger” vom 26./28.1.1991

Zeugnisse jüdischer Kultur - Erinnerungsstätten in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Berlin, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen, Tourist Verlag GmbH, Berlin 1992, S. 102

Klaus Arlt, Aufbau und Niedergang jüdischer Gemeinden in der Mark Brandenburg im 19. und beginnenden 20.Jahrhundert, in: ‘Menora’ - Jahrbuch für deutsch-jüdische Geschichte 1993

M.Brocke/E.Ruthenberg/K.U.Schulenburg, Stein und Name. Die jüdischen Friedhöfe in Ostdeutschland (Neue Bundesländer/DDR und Berlin), in: Veröffentlichungen aus dem Institut Kirche und Judentum, Hrg. Peter v.d.Osten-Sacken, Band 22, Berlin 1994, S. 519 – 523

Heinz-Joachim Karau, Spurensuche nach jüdischen Mitbürgern in Neuruppin, in:Ostprignitz-Ruppin Jahrbuch 1995, S. 72 – 75

Irina Rockel, Der jüdische Friedhof in Neuruppin, in:Ostprignitz-Ruppin Jahrbuch 1995, S. 75/76

Uwe Schürmann, Die jüdischen Friedhöfe in Neuruppin, in: Mitteilungsblatt No. 8/1997 des “Historischen Verein der Grafschaft Ruppin e.V.”, Neuruppin 1997, S. 25 - 39 f.

Uwe Schürmann, Die Neuruppiner Juden zur Zeit des Nationalsozialismus, in: Mitteilungsblatt No. 10/1999 des “Historischen Verein der Grafschaft Ruppin e.V.”, Neuruppin 1999, S. 1 - 22

Wolfgang Weißleder, Der Gute Ort - Jüdische Friedhöfe im Land Brandenburg, hrg. vom Verein zur Förderung antimilitaristischer Traditionen in der Stadt Potsdam e.V., Potsdam 2002, S. 28

Peter Böthig/Stefanie Oswalt, Jüdische Einwohner in Rheinsberg, in: Ostprignitz-Ruppin Jahrbuch 2005, S. 69 – 78

Peter Böthig/Stefanie Oswalt, Juden in Rheinsberg – eine Spurensuche, Edition Rieger, 2005

Angaben der Stadtverwaltung Lindow (Mark), 2006

Uwe Schürmann, Neuruppins jüdische Bürger, in: G. Heinrich/u.a., Fontanestadt Neuruppin 1256 – 2006, Festschrift 750 Jahre Verleihung des Stadtrechts, Neuruppin 2006

Stefanie Oswalt, Lindow und Uwe Schürmann, Neuruppin, in: Irene A. Diekmann (Hrg.), Jüdisches Brandenburg. Geschichte und Gegenwart, Beiträge zur Geschichte und Kultur der Juden in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen, Band 5, Berlin 2008, S. 185 – 191 und 219 – 245

Jaqueline Krattner, Stolpersteine in Neuruppin, 2008 (online abrufbar unter: cafrehinterhof.de)

Auflistung der Stolpersteine in Neuruppin, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Neuruppin (Stand 2014)

Nicole Schmitz (Red.), Geschichte der jüdischen Gemeinde in Neuruppin und der jüdische Friedhof, in: Universität Potsdam – Institut für jüdische Studien und Religionswissenschaft (Hrg.), Jüdische Friedhöfe in Brandenburg, online abrufbar unter: uni-potsdam.de/

Susann Schober/Anke Geißler (Red.), Jüdische Geschichte von Lindow (Mark), in: Universität Potsdam – Institut für jüdische Studien und Religionswissenschaft (Hrg.), Jüdische Friedhöfe in Brandenburg, online abrufbar unter: uni-potsdam.de/

Alexander Beckmann (Red.), Kyritz: Gepflasterte Erinnerung, in: „Märkische Allgemeine“ vom 24.3.2017

Brian Kehnscherper (Red.), Gedenken. Wunsch nach Stolpersteinen für die Prinzenstadt, in: „Märkische Oder-Zeitung“ vom 6.2.2019