Neunkirchen (Saarland)

Datei:Neunkirchen in NK.svg Neunkirchen ist mit seinen derzeit ca. 45.000 Einwohnern eine saarländische Kreisstadt a. d. Blies - etwa 20 Kilometer nordöstlich der Landeshauptstadt Saarbrücken gelegen (Karte TUBS, 2009, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Ansiedlungen von Juden in Neunkirchen lassen sich aus den 1770er Jahren nachweisen. Die ersten Schutzbriefe für Juden in Neunkirchen hatte Fürst Ludwig von Nassau-Saarbrücken ausgestellt. Ihren Lebensunterhalt verdienten sie zumeist als Viehzüchter und -händler. Im Streit um die gemeindlichen Weiderechte verfügte Fürst Ludwig in einem Dekret von 1778:

 ... Wir Verwilligen und Verordnen, daß denen Supplicantischen Schutz-Juden erlaubt seyn und verstattet werden solle, nicht nur ihr Milch-Vieh zur Neukircher Kühherde gegen Zahlung des gewöhnlichen hirten-Geldes zu Treiben, sondern auch, und zwar jeder Schutz-Jude, Sechs Stück handels-Vieh auf ersagten Bann gegen ein jährliches an die Gemeinde zu entrichtendes Weid-Geld von drey Gulden fünfzehen albus, mit weiden zu laßen, als somit sie, die Gemeinde Neunkirchen, sich zu begnügen und zu beruhigen andurch zugleich gnädigst angweisen wird. ...

1790 wurde die Zahl der Familien, die sich in der Stadt niederlassen konnten, für einige Jahre auf zehn begrenzt.

Anfang des 19. Jahrhunderts erwarb die jüdische Gemeinde ein Grundstück, auf dem Ende der 1840er Jahre ein jüdisches Gemeindezentrum erbaut wurde. Wenige Jahre später bemühte man sich um den Bau einer Synagoge; dieser wurde auf den Fundamenten eines Renaissance-Schlosses der Fürsten von Nassau-Saarbrücken erstellt. Der fast quadratische Bau im romanischen Stile wurde im Spätherbst 1865 eingeweiht; als Gotteshaus war das Gebäude durch die beiden Gebotstafeln deutlich erkennbar. Anfang der 1920er Jahre ließ die Gemeinde das Synagogengebäude umfassend renovieren.  

            http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2062/Neunkirchen%20Synagoge%20002.jpg      (Sammlung J. Hahn)

                            Synagoge Neunkirchen, rechts im Bild (hist. Postkarte)                                   Synagoge (Ausschnitt aus hist. Postkarte)

                 Über die Einweihung berichtete die Zeitschrift „Ben Chananja” am 20.12.1865:

Neunkirchen (Regierungsbezirk Trier), im Dezember. Wenn auch nur aus weiter Ferne, verdient ein Fest und die Art und Weise, wie es gefeiert wurde, allenthalben bekannt zu werden. Leider nicht an allen Orten offenbart sich ein solcher Geist der Liebe, wie er sich in diesem Feste kundtat. Hier wurde am 1. d. M. eine Synagoge eingeweiht, die der kleinen jüdischen Gemeinde Ehre macht. Dieselbe hat keine Opfer gescheut, ihr Gotteshaus so geschmack- und prachtvoll auszuführen, als nur ihre Mittel reichten. Das ist übrigens keine seltene Erscheinung in unserem Regierungsbezirk, dem der würdige und tätige Oberrabbiner Herr Kahn als Geistlicher vorsteht. In den 26 Jahren seiner Amtsverwaltung ist dies die 28. neue Synagoge, die auf seine Veranlassung in seinem Sprengel gebaut wurde, was derselbe in seiner Weiherede auch bemerkte und mit c.ch (unklare Abkürzung oder Begriff) bezeichnete.  Das Fest der Einweihung wurde auf recht sinnige und erhebende Weise begangen. Es war mehr ein Triumphzug von dem Hause des Herrn Dampfmüllers Pioch bis an die neue Synagoge, wie ihn der hiesige Ort noch nie gesehen hat. Voran die Torarollen in ihren prächtigen Umhüllungen ... und zuletzt die hiesige Gemeinde, der größte Teil der hiesigen Einwohner ohne Unterschied der Konfession und eine unzählbare Menge auswärtiger Glaubensgenossen. Der ganze Ort war festlich geschmückt. ... Die Krone des Ganzen aber war die Rede des Herrn Oberrabbiners, der er die Worte des 1. Buches Mose 32,25-31 zu Grunde legte. Israel ist ein Gotteskämpfer und das ist der göttliche Auftrag an das jüdische Volk, zu kämpfen für die Weiterverbreitung der Kenntnis des wahren Gottes, des Allgütigen und Allbarmherzigen, zu kämpfen, nicht mit dem Schwerte in der Hand, sondern mit den Waffen der Duldsamkeit und Liebe ... Nicht minder, wie bei den Feierlichkeiten beteiligten sich auch die hiesigen christlichen Einwohner an dem auf diese Feierlichkeiten folgenden Festessen und Bällen ... Ich schließe mit den Worten eines hiesigen christlichen Berichterstatters in der hiesigen Blies-Zeitung: “ ... Mögen alle Glieder der jüdischen nicht nur, sondern auch unserer christlichen Gemeinden beherzigen, was im Vorstehenden gesagt ist, dann wird unsere Zeit, der man so oft den Vorwurf macht, dass sie im Materialismus versumpfte, verderbe, den Namen des goldenen Zeitalters weit eher verdienen, als irgend eine der ‘guten alten Zeiten’.

Aufgaben der Gemeinde bestritt ein angestellter Religionslehrer, der neben der religiösen Unterweisung der Kinder zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war.

 

Zwei Stellenangebote aus der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 23.8.1876 und vom 26.10.1885

Bereits drei Jahrzehnte vor dem Synagogenbau hatten die Neunkirchener und Spiesener Juden ein Stück Ackerland erworben und hier 1831 ihren Begräbnisplatz angelegt; bis zu diesem Zeitpunkt waren die Verstorbenen in Illingen beerdigt worden.

Jüdischer Friedhof Neunkirchen (hist. Aufn., um 1935) http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20375/Spiesen-Elversberg%20Friedhof%20080.jpg

Zur israelitischen Gemeinde Neunkirchen gehörten zeitweise auch die Juden aus Elbersberg, Wiebelskirchen, Schiffweiler, Wellesweiler und Spiesen.

Juden in Neunkirchen:

        --- 1785 ...........................  11 jüdische Familien,

    --- 1808 ...........................  78 Juden,

    --- 1833 ...........................  97   “  ,

    --- 1843 ........................... 101   “  ,

    --- 1895 ........................... 154   “  ,

    --- 1925 ........................... 234   “   (5,3% d. Bevölk.),

    --- 1933 ....................... ca. 240   “  ,

    --- 1935 ........................... 142   “  ,

    --- 1939 (Dez.) ................ ca.  15   “  .

Angaben aus: Albert Marx, Die Geschichte der Juden im Saarland

Clara Vogedes - Deutschland, Neunkirchen, 1935.jpg

Das industrialisierte Neunkirchen 1935 - Gemälde von Clara Vogedes (Abb. aus: commons.wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)

Die Spannungen zwischen christlicher Mehrheit und jüdischer Minderheit, die vorwiegend wirtschaftliche Hintergründe hatten, wurden im Laufe der 19.Jahrhunderts beigelegt, sodass sich danach ein „normales“ Verhältnis zwischen beiden „Gruppen“ herausbildete. Gegen Ende des 19.Jahrhunderts zogen immer mehr Juden nach Neunkirchen; das lag an der sich entwickelnden Industrialisierung der Region; so ließen sich hier auch zahlreiche jüdische Geschäftsleute nieder, die zum einen als Einzel- und Großhändler und zum anderen als Handwerker ihren Lebensunterhalt verdienten.

 Lehrstellenangebote (um 1900/1905)

Mit der in den 1920er Jahren erfolgten Einwanderung von Juden aus Osteuropa kam es zu neuen Spannungen in Neunkirchen. Erste Anschläge gegen jüdische Geschäfte und Synagogen wurden nach dem Ersten Weltkrieg verübt, als das Saargebiet unter französischer Verwaltung stand. Mit der NS-Machtübernahme verstärkte sich auch hier die antisemitische Propaganda; so vertraten die hiesigen Zeitungen ab Sommer 1933 antisemitischen Positionen, obwohl die saarländische Presse derzeit noch nicht „gleichgeschaltet“ war. Nach der „Rückkehr der Saar heim ins Reich“ im Januar 1935 stieg auch in Neunkirchen der Strom der jüdischen Emigranten enorm an. Bis Anfang 1936 war ihnen eine Frist eingeräumt worden, ihre Besitztümer zu verkaufen und die erzielten Erlöse mitzunehmen. Fast alle jüdischen Geschäfte wechselten nun ihre Besitzer.

In der Nacht vom 9./10.November 1938 brachen SA-Trupps die Neunkirchener Synagoge auf, verwüsteten den Innenraum vollständig und setzten das Gebäude anschließend in Brand; einige Einheimische halfen tatkräftig mit, viele sahen zu.

                                             Ausgebrannte Synagoge (hist. Aufn., aus: E. Tigmann)

Der jüdische Friedhof an der Herrmannstraße wurde ebenfalls verwüstet; das Gelände ging 1942 in Kommunalbesitz über. Die letzten zwölf noch in Neunkirchen lebenden Juden wurden im Oktober 1940 - zusammen mit den übrigen noch im Saarland lebenden Juden - nach Gurs deportiert. Etwa 60 in Neunkirchen wohnhaft gewesene jüdische Bürger wurden Opfer der „Endlösung“.

Auf dem jüdischen Friedhofsgelände, auf dem nur noch etwa zehn historische Grabsteine erhalten geblieben sind (die anderen Steine wurden nach 1945 ersetzt), wurde Mitte der 1950er Jahre ein Mahnmal errichtet, das folgende Inschrift trägt:

Den Mitgliedern der Synagogengemeinde Neunkirchen, die in den Jahren 1933 - 1945 roher Gewalt erlagen.

Allen in diesem Gottesacker ruhenden Menschen zur ehrenden Erinnerung.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2049/Neunkirchen%20Friedhof%20052.jpg Jüdischer Friedhof in Neunkirchen (Aufn. J. Hahn, 2004)

Der Friedhof ist in der jüngeren Vergangenheit wiederholt geschändet worden.

Anlässlich des 40.Jahrestages des Novemberpogroms von 1938 wurde am Standort der einstigen Synagoge, dem heutigen Gebäude der Deutschen Bank, eine Gedenktafel mit folgender Inschrift enthüllt:

An dieser Stelle stand die Synagoge.

Sie wurde am 9.November 1938 ein Opfer der Gewaltherrschaft

Kreisstadt Neunkirchen

Seit Nov. 2008 trägt eine am Oberen Markt/Ecke Irrgartenstraße angebrachte Gedenktafel die Namen der Neukircher Opfer der Shoa.

Die ersten neun sog. „Stolpersteine“ wurden an zentraler Stelle auf dem Wibiloplatz verlegt; bei einer zweiten Verlegung (2015) fanden die Steine in der Kernstadt sowie den Stadtteilen Heinitz, Sinnerthal und Wellesweiler ihren Platz; die meisten erinnern an jüdische NS-Opfer. Weitere 19 Stolpersteine wurden 2018 verlegt.

 Alfred Vooss Hüttenberg.jpg Else Voos Hüttenberg.jpg in der Hüttenbergstraße (Aufn. G., 2015, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)

... und in der Bahnhofstraße Stolperstein Fanny Günzburger - NK Bahnhof25.jpg Stolperstein Johanna Günzburger - NK Bahnhof25.jpg Stolperstein Siegfried Günzburger - NK Bahnhof25.jpg

[vgl. Spiesen (Saarland)]

Weitere Informationen:

Ottmar Paulus, Die Synagogengemeinde Neunkirchen, Neunkirchen 1978

Dokumentation und Materialsammlung “Alternativer Stadtrundgang zum 50.Jahrestag der Reichspogromnacht im November 1988 in Neunkirchen”, Hrg. Evangelisches Jugendwerk an der Saar, Saarbrücken 1988

Werner Fried, Die Juden in Neunkirchen, veröffentlicht vom Historischen Verein der Stadt Neunkirchen, o.J.

Marcus Krämer, Novemberpogrom 1938 - “Kristallnacht” in Neunkirchen, Neunkirchen 1990

Albert Marx, Die Geschichte der Juden im Saarland, Verlag “Die Mitte”, Saarbrücken 1992

H.Jochum/J.P.Lüth (Hrg.), Jüdische Friedhöfe im Saarland - Informationen zu Orten jüdischer Kultur. Ausstellungsführer, Saarbrücken 1992, S. 19 - 20

Eva Tigmann, Was geschah am 9.November 1938 ? - Eine Dokumentation über die Verbrechen an der jüdischen Bevölkerung im Saarland im November 1938, hrg. vom Adolf-Bender-Zentrum St. Wendel, St. Wendel 1998

S. Fischbach/I. Westerhoff (Bearb.), “ ... und dies ist die Pforte des Himmels “. Synagogen. Rheinland-Pfalz Saarland, Hrg. Landesamt für Denkmalpflege, Mainz 2005, S. 449/450

Neunkirchen/Saarland, in: alemannia-judaica.de (mit diversen Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Wolfgang Melnyk, Juden in Neunkirchen, hrg. vom historischen Verein Stadt Neunkirchen, 2010

Dokumentation des jüdischen Friedhof in Neunkirchen, in: epidat - epigrafische Datenbank, Hrg. Salomon Ludwig Steinheim-Institut

Auflistung der in Neunkirchen verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Neunkirchen_(Saar)

Solveig Lenz-Engel (Red.), Stolpersteine, dritter Akt, in: „Saarbrücker Zeitung“ vom 4.5.2018