Mistelbach (Niederösterreich)

http://karten.plz-suche.org/at/fed4/Mistelbach_Landkarte_Bezirk.png Mistelbach a. d. Zaya ist eine Kleinstadt im nordöstlichen Niederösterreich und Bezirkshauptstadt des gleichnamigen Bezirks.

Spuren jüdischen Lebens im Weinviertel reichen bis in die erste Hälfte des 14.Jahrhunderts zurück; auch in Mistelbach waren damals Juden ansässig. Nach einem Pogrom im Jahre 1337 galt bis ins 19.Jahrhundert ein allgemeines Niederlassungsverbot für Juden in der Region; nur auf Märkten durften sich ambulante jüdische Händler - sie kamen meist aus Südmähren - hier aufhalten; dabei dominierte der Handel mit Tüchern, Kleidern und Häuten.

Erst als die Eisenbahnlinie Wien - Brünn ausgebaut und 1874 Mistelbach zur Stadt erhoben wurde, siedelten sich Juden wieder dauerhaft hier an; dabei handelte es sich zumeist um Familien aus Mähren und aus Ungarn; bis Ende der 1860er Jahre waren es aber nur wenige.

1874 kam es auch zur Gründung von bedeutenden Handelsunternehmen; auch Handwerksbetriebe, Viehhändler und kleinere Handelsgeschäfte wurden von jüdischen Zuwanderern ins Leben gerufen.

1892 wurde die Kultusgemeinde Mistelbach offiziell gegründet. Die Grenzen der jüdischen Kultusgemeinde waren damals mit denen der Bezirksgrenzen identisch; demnach gehörten die Gerichtsbezirke Mistelbach, Feldsberg, Laa, Zistersdorf und später auch Poysdorf zum Einzugsbereich.

Im Jahre 1896 weihte die israelitische Kultusgemeinde Mistelbach ihren neu errichteten Tempel ein.

 

                      Synagoge in Mistelbach (links: Abb. aus Pierre Gnenée, rechts: Ausschnitt aus einer Postkarte um 1900)                            

Der „Bote aus Mistelbach” berichtete über die Einweihung am 1.März 1896:

Mistelbach. ... Am 25.Februar fand die Einweihung des neuerbauten israelitischen Tempels in Mistelbach statt. Der Tempel ist zwar kein großes, aber ein architektonisch schön ausgeführtes Gebäude. Das Innere desselben erscheint noch etwas kahl, da mit Rücksicht auf den erst vollendeten Neubau die Ausschmückung der Wände durch Malerei unterlassen wurde. - Wie ganz selbstverständlich, waren die Israeliten aus allen Theilen unseres Bezirkes zahlreich herbeigeeilt, um an der seltenen Feier der Einweihung und an dem für sie überhaupt sehr wichtigen Ereignisse theilzunehmen. Die Cultusgemeinden: Wien, Floridsdorf, Nikolsburg und Kostel waren durch Deputationen vertreten. ... Unter Führung des Bezirksrabbiners Sor nahten nun die jüdischen Priester mit den Thorarollen und der Zug bewegte sich in den Tempel, wo die Ceremonie der Einweihung begann, welche einen durchaus erhebenden Verlauf nahm. ... Nach der Einweihung versammelten sich die Gäste zum gemeinsamen Mittagsmahle im Rathhaussaale. ... Um 7 Uhr abends begann das Promenadefest Concert von der Militärkapelle des Regiments Herzog von Sachsen Coburg Gotha, an welches sich der Festball anschloß, der erst in später Morgenstunde endete. ...

Neben einer Synagoge und einem Rabbinerhaus wurde für die schnell wachsende Gemeinde 1898 am Stadtrand, an der heutigen Waldstraße, ein eigener Friedhof angelegt, auf dem auch Verstorbene aus dem weiteren Umland ihre letzte Ruhe fanden. Insgesamt sollen hier etwa 140 Juden begraben worden sein.

Juden in Mistelbach:

        --- 1869 ..................    10 jüdische Familien,

    --- 1890 .................. 1.073 Juden,*    * gesamte Kultusgemeinde

    --- 1934 ..................    94   “  ,

    --- 1938 (März) ....... ca.    25 jüdische Familien.

Angaben aus: Arbeitsgruppe “Verdrängt und vergessen” (Hrg.), Die jüdische Gemeinde in Mistelbach - Dokumentation

Die jüdischen Einwohner Mistelbachs waren bis zum sog. „Anschluss“ (1938) weitestgehend in die kleinstädtische Gesellschaft integriert.

Geschäftsanzeigen jüdischer Unternehmen aus den Jahren 1915 bis 1933:

   

Am 12.März 1938 begannen auch in Mistelbach ganz offen die antijüdischen Maßnahmen, die sich in Demütigungen, in Ausgangssperren, aber auch durch physische Gewaltanwendung ausdrückten. Durch die „Arisierungen“ in den Folgemonaten verloren die jüdischen Familien ihre wirtschaftliche Existenz; danach zwang man sie, die Stadt so rasch wie möglich zu verlassen.

Aus dem „Mistelbacher Boten” vom 1.Juli 1938:

                                

Als am 11.März 1938 die Nationalsozialisten auch im Kreis Mistelbach die Macht übernahmen, da wußten die Juden, daß nunmehr die Zeit der scharfen Abrechnung mit ihnen kommen müßte. Doch die Nationalsozialisten waren so anständig ..., als daß sie sich zu irgendwelchen kleinlichen Rachetaten gegenüber der Mistelbacher Judenschaft hätten hinreißen lassen. Allerdings erwartete die gesamte Bevölkerung von Mistelbach, daß die Juden diese Zeit dazu nützen würden, um still und leise ihre Koffer zu packen und aus Mistelbach zu verschwinden. Die darauf folgenden Wochen brachten ... so viel Arbeit, daß man sich um die Juden wenig kümmerte. Statt, daß nun die Juden ... diese Zeit benützt hätten, ihre Bindungen hier in Mistelbach zu lösen und Mistelbach zu verlassen, begannen sie ein derart provozierendes und freches Gehabe an den Tag zu legen, daß es bereits zu kleineren Zwischenfällen begreiflich erregter Volksgenossen mit Juden gekommen ist. ... Wenn eines dabei verwunderlich ist, dann ist es die Langmut der Bevölkerung, die diesem frechen Treiben der Judenschaft noch immer ruhig zusieht, statt einmal einen dieser krummfüßigen Hebräer beim Schlafittchen zu packen und eines besseren zu belehren. Es wird höchste Zeit, wenn diesem Treiben der frechen Juden ... ein Ende bereitet würde.

Die Zerschlagung der jüdischen Gemeinde in Mistelbach dauerte nur wenige Monate; bereits im August 1938 rühmte sich die Kommune Mistelbach, die erste „judenfreie Stadt” Niederösterreichs zu sein. Die Übergabe der Synagoge an die Mistelbacher Stadtgemeinde erfolgte im August 1938 in Form einer „Schenkung“.

Das Ende des Mistelbacher Judentempels

Unter allen Kleinstädten Niederdonaus war die Stadt Mistelbach als Mittelpunkt einer wohlhabenden Gegend mit dem größten Hundertsatz an Juden gesegnet. Vor allem drohte der Handel ganz in Judenhände zu geraten und im Zuge der Entjudung der Stadt wurde es erst so richtig offenbar, welch namhafter Teil der Häuser bereits in jüdischem Besitz war. Der Nationalsozialismus hat hierin gründlich Wandel geschaffen; heute ist der größte Teil des jüdischen Besitzes bereits an Arier verkauft und die noch verbliebenen Juden schicken sich an, die ungastliche Stadt zu verlassen. Zum Zeichen der Liquidierung des Judentums in Mistelbach hat der Obmann der Kultusgemeinde Wilhelm Kohn den Judentempel der Stadtgemeinde zum Geschenk gemacht. ... Damit ist sinnbildlich ein Zustand Wirklichkeit geworden, den viele nicht mehr zu hoffen gewagt haben: Mistelbach eine judenreine Stadt !  Der Judentempel aber tritt in den Dienst der Volksgemeinschaft und wird künftig als Lagerraum für die NS-Volkswohlfahrt Verwendung finden.

(aus: „Laaer Nachrichten” vom 19.Aug. 1938)

In den Jahren 1943/1944 waren ungarische Juden zur Zwangsarbeit nach Mistelbach verfrachtet worden, wo sie in einer Baracke an der Siebenhirtener Straße untergebracht waren.

Nach Kriegsende kehrte kein einziger jüdischer Bewohner mehr nach Mistelbach zurück. Das schwer beschädigte Synagogengebäude, das nach Kriegsende der israelitischen Kultusgemeinde Wien übertragen worden war, wurde Mitte der 1970er Jahre verkauft und abgerissen.

Heute erinnert nur noch der 1898 angelegte jüdische Friedhof mit seinen etwa 140 Gräbern daran, dass in Mistelbach einst jüdische Familien ihr Zuhause gehabt hatten; die Pflege der Begräbnisstätte hat die Kommune Mistelbach übernommen.

 IsraelitischerFriedhofMistelbach.C.JPG

Friedhofsgelände und Gedenktafel für die jüdischen Opfer des Ersten Weltkrieges (Aufn. 2009, aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Weitere Informationen:

Magdelena Müllner, Den Toten den Namen zurückgeben - Die Wiederherstellung des Jüdischen Friedhofs in Mistelbach, in: DAVID - Jüdische Kulturzeitschrift, 1988

Klaus Lohrmann, Die Wurzeln lebendiger Tradition - Niederösterreich im Spiegel jüdischer Friedhöfe, in: Mahnmale - Friedhöfe in Wien, Niederösterreich und Burgenland, Wien 1992

Pierre Genée, Synagogen in Österreich, Löcker Verlag, Wien 1992, S. 80/81

Elisabeth Koller-Glück, Von den neuzeitlichen Synagogen in Niederösterreich, in: Denkmalpflege in Niederösterreich, Bd. 14/1995, S. 27 ff.

Andreas Matthias Kloner, Die Israelitische Kultusgemeinde in Mistelbach, in: DAVID - Jüdische Kulturzeitschrift Heft Nr. 30/1996, S. 9 ff.

Magdalena Müllner/Benjamin Smith-Mannschott, Den Toten den Namen zurückgeben: Die Wiederherstellung des jüdischen Friedhofs in Mistelbach, in: DAVID - Jüdische Kulturzeitschrift, 1998

Gerhard Milchram, Die gesetzlichen Rahmenbedingungen zur Ansiedlung von Juden in Niederösterreich im 19.Jahrhundert, in: DAVID - Jüdische Kulturzeitschrift, März 2002

Ferdinand Altmann, Die Juden in Mistelbach, in: Morgen Archiv, 7/2002

Heinz Eybel/Christa Jakob/Susanne Neuburger - Arbeitsgruppe “Verdrängt und vergessen” (Hrg.), Die jüdische Gemeinde in Mistelbach - Dokumentation über die ehemalige jüdische Bevölkerung Mistelbachs, Begleitband zur gleichnamigen Ausstellung, Mistelbach 2003

Christoph Lind, “Der letzte Jude hat den Tempel verlassen ...” - Juden in Niederösterreich 1938 - 1945, Mandelbaum-Verlag, Wien 2004, S. 137 ff.

Tina Walzer, Jüdisches Niederösterreich erfahren - eine Reise durch das Weinviertel der vergangenen 150 Jahre, in: DAVID - Jüdische Kulturzeitschrift, Heft Nr. 62 (Sept. 2004)

Ursula Prokop, Die Synagoge von Mistelbach und ihr Architekt Friedrich Schön (1857 – 1941), in: DAVID - Jüdische Kulturzeitschrift, Heft Nr. 84 (April 2010)

Ida Olga Höfler, Die jüdische Gemeinden im Weinviertel und ihre rituellen Einrichtungen 1848 - 1938/45", Ausgabe in fünf Bänden, 2017 (über Mistelbach Band 1)