Lübbecke (Nordrhein-Westfalen)

Datei:Lübbecke in MI.svg Lübbecke ist eine Kommune mit derzeit ca. 26.000 Einwohnern im Kreis Minden-Lübbecke im Nordosten Nordrhein-Westfalens - knapp 20 Kilometer westlich von Minden bzw. ca. 35 Kilometer nördlich von Bielefeld gelegen (Karte TUBS, 2008, aus: wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Bereits vor den Pestpogromen haben jüdische Familien in Lübbecke gelebt. 1350 soll es hier zu blutigen Massakern an den Juden gekommen sein. Danach finden sich mehr als 200 Jahre lang keine urkundlichen Hinweise auf jüdische Ansässigkeit in der Ortschaft. Erst zu Beginn des 17.Jahrhunderts lebten wieder einige wenige jüdische Familien in Lübbecke; im Laufe des 18.Jahrhunderts erhöhte sich allmählich ihre Anzahl.

Eine erste Synagoge durfte die Lübbecker Judenschaft „in gebührender Entfernung“ von der christlichen Kirche am späteren Steinweg errichten; in den Jahrzehnten zuvor waren Gottesdienste in angemieteten Räumen abgehalten worden. Nach dem Umbau des schon vormals als Synagoge und Schule genutzten Gebäudes wurde im Mai 1855 das Gotteshaus erneut eingeweiht. In der Stadtchronik heißt es: „ ... Nachdem die jüdische Gemeinde hier den Umbau des früher als Synagoge und Schule benutzten und von ihr später mit Vorplatz und Garten zum Eigentum erworbenen Gebäudes vollendet hat, ist am 25.Mai c (urantis anni) die neue Synagoge eingeweiht worden; es sind die Thorarollen in feierlichem Zuge aus dem interimistischen Betlocal in die neue Synagoge gebracht worden, ... und hat darauf feierlicher Gottesdienst in der erleuchteten Synagoge stattgefunden. ...” Ein Brand im Jahre 1896 zog auch die Synagoge in Mitleidenschaft, so dass die Fassade und der Innenraum umfassend renoviert werden mussten.

   Innenraum der Lübbecker Synagoge (hist. Aufn. um 1935, Stadtarchiv) 

In Lübbecke existierte auch eine private jüdische Elementar- und Religionsschule.

  Großes Bild anzeigen Die Ehefrau des jüdischen Vorstehers Heinemann Levi aus Oldendorf, Ester, starb am 24. August 1755.

Alter jüdischer Friedhof (Aufn. 1992, Stadtarchiv Lübbecke) und Grabstein von 1755 (Aufn. Dieter Besserer)

Der „Judenfriedhof“ - vermutlich eine Anlage aus der Mitte des 18.Jahrhunderts - lag weit vor der Kleinstadt in der Feldmark; auf dem Areal wurden in der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts auch Leverner Juden begraben. In den 1860er Jahren erwarb die Lübbecker Gemeinde ein anderes Bestattungsgelände an der Gehlenbecker Straße - neben dem kommunalen Friedhof.

Juden in Lübbecke:

        --- um 1680 ........................    3 Schutzjuden-Familien,

    --- um 1765 ........................    9     “         “     ,

    --- 1789 ...........................   49 Juden,

    --- 1802 ...........................   58   “  ,

    --- 1817 ...........................   66   “  (in 12 Familien),

    --- 1830 ...........................   95   “  ,

    --- 1846 ...........................  121   “  ,

    --- 1855 ...........................  117   “  ,

    --- 1864 ...........................  106   “  ,

    --- 1888 ...........................  240   “  ,*     * Synagogengemeinde

    --- 1895 ...........................   73   “  ,

    --- 1909 ...........................  241   “  ,*

    --- 1919 ....................... ca.   60   “  ,

    --- 1926 ...........................   45   “  ,

    --- 1933 ...........................   41   “   (in 16 Familien),

    --- 1938 ...........................   31   “  ,

    --- 1942 ...........................   ein  “ ().

Angaben aus: Elfi Pracht, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen, Teil III: Reg.bez. Detmold, S. 389

und                 Volker Beckmann, Dokumentation zur Geschichte der Jüdischen Gemeinde Lübbecke (1830-1945), S. 7

Bildergebnis für lübbecke stadtansicht historisch Stadtansicht Lübbecke um 1890 (Stadtarchiv Lübbecke)

Zu Beginn des 19.Jahrhunderts war die Sozialstruktur der jüdischen Bewohner alles andere als homogen: Neben wenigen wohlhabenden Familien und einem breiten jüdischen Mittelstand lebte etwa jede dritte Familie am Rande des Existenzminimums und war auf Unterstützung angewiesen. Gegen Ende des Jahrhunderts hatten sich die ökonomischen Verhältnisse der jüdischen Bevölkerung dann etwas angeglichen; die meisten verdienten ihren Lebensunterhalt im Textil-, Manufakturwaren- und Viehhandel. Zwei große in Lübbecke ansässige Unternehmen waren die Kleiderfabrik Rosenberg und die Textilfirma Nathan Ruben.

Aus dem Bericht des Bürgermeisters von Lübbecke an den Landrat vom 4.3.1930:„ ... Die jüdische Kultusgemeinde ist nur sehr klein und geht in der Mitgliederzahl von Jahr zu Jahr zurück. Durch die Aufbringung der Kultus- und Schulunterhaltungskosten werden die Gemeindemitglieder sehr belastet, da ein Teil derselben (...) ohne Einkommen ist .(...) Es liegt der Zeitpunkt nahe, wo die jüdische Gemeinde überhaupt nicht mehr in der Lage sein wird, einen hauptamtlichen Beamten für Schule und Kultusamt unterhalten zu können. ...” Um 1930 hatten die Nationalsozialisten in der Region durch zahlreiche Propagandaveranstaltungen auf sich aufmerksam gemacht. Nach Beginn der NS-Herrschaft wurde auch in Lübbecke der Antisemitismus durch „Aktionen“ manifestiert. Der erste Boykott jüdischer Geschäfte fand bereits am 11.3.1933 statt; SA-Angehörige zwangen das „Westfälische Kaufhaus G.m.b.H.” zur Schließung.

                   Zwei Jahre später schrieb das „NS-Volksblatt” in seiner Ausgabe vom 18.7.1935:

Ja, die Juden werden frecher !

Ein Beitrag zu dem Thema:” Es gibt ja sooooo viele anständige Juden bei uns”

Minden, 17.Juli

Das schöne, große Schild mit den klaren, sehr gut lesbaren Buchstaben “Juden sind in diesem Orte nicht erwünscht !” ... steht an einem für die Stadt Lübbecke mehr als wichtigen geographischen Punkt: am Ortseingang, so daß jeder, der hier des Weges kommt, genau weiß, ob sein Besuch erwünscht ist oder nicht. Als dieses Schild vor wenigen Wochen sichtbar wurde, mag es Leute gegeben haben, die ihr ehrwürdiges Antlitz mit dicken Sorgenfalten bedeckten und das erhabene Haupt ebenso erhaben schüttelten, es gab aber auch Volksgenossen - sie waren selbstverständlich in der überwiegenden Mehrzahl -, die voll innerlicher Beruhigung “Gott sei Dank” sagten und dem Mann im stillen dankbar die Hand drückten, der den Mut besessen hatte, die Tafel aufzupflanzen, um damit zu dokumentieren, welcher Geist in der kleinen Stadt Lübbecke herrscht ...

In den Morgenstunden des 10.November 1938 wurde die Lübbecker Synagoge völlig zerstört; eine große Menschenmenge soll den Brand verfolgt haben; die Feuerwehr beschränkte sich nur auf den Schutz der Nachbargebäude. Die Kommune erwarb im Frühjahr 1939 das Synagogengrundstück zu einem Preis, der genau die Abrisskosten deckte. Auch jüdische Geschäfte und Wohnungen wurden zerstört.

Aus dem Bericht des Polizeihauptwachtmeisters Fregin vom 23.11.1938: In der Nacht vom 9. zum 10.November 1938 gegen 3.45 Uhr wurde mir von dem Nachtschutzbeamten Theodor Jacobsen mitgeteilt, daß die Synagoge brenne und daß jüdische Geschäfte demoliert worden seien. Täter will er jedoch nicht gesehen haben. Ich begab mich sofort zur Brandstätte. Die Synagoge stand in hellen Flammen und es war mit einem Übergreifen des Feuers auf die Nachbargrundstücke zu rechnen. Die Feuerwehr wurde sofort alarmiert und war bald zur Stelle und nahm die Löscharbeiten auf. ... Die Synagoge brannte bis auf die Grundmauern nieder. Es liegt Brandstiftung vor. Die Täter sind unbekannt. In der gleichen Nacht sind die Fensterscheiben von 4 jüdischen Wohnungen zertrümmert und zum größten Teil die Wohnungseinrichtungen zerstört worden. Die Täter sind nicht bekannt.

Aus den „Westfälischen Neueste Nachrichten” vom 31.12.1938:

Die Entjudung macht Fortschritte

Die jüdischen Betriebe, die es früher noch in unserer Stadt gab, sind der Reihe nach in arische Hände übergegangen, ebenso ist es auch mit den jüdischen Geschäften gegangen. Deutsche haben unser Volksvermögen zu verwalten. Nun sind auch mehrere jüdische Häuser in Lübbecke in nichtjüdischen Besitz übergegangen. Wir dürfen mit Befriedigung feststellen, daß die Befreiung unserer schönen Stadt von den Juden starke Fortschritte macht.

Nach Kriegsbeginn lebten nur noch wenige jüdische Familien in Lübbecke. Nachweislich wurden 62 jüdische Bewohner aus dem Altkreis Lübbecke Opfer der „Endlösung“.

Am Standort der einstigen Synagoge in der Bäckerstraße steht ein Gedenkblock; davor ist eine bronzene Gedenkplatte in die Pflasterung des Fußweges eingelassen, die auch die Namen der jüdischen Familien trägt, die während der NS-Zeit in der Kleinstadt gelebt haben.

  (Aufn. Arnold Plesse, 2012, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0)

Die Inschrift des Gedenksteines: "Gedenke des Opfers, das jüdische Bürger mit dem Leben brachten" und die Inschrift auf der davor liegenden Gedenkplatte: "Jahrhundertelang haben Juden in dieser Stadt leben können, in der Zeit des Nationalsozialismus aber nahmen Mitmenschen ihnen die Bürgerrechte, den Besitz und manchen auch das Leben. Verfolgt wurden die Familien: Löwenstein, Mansbach, Hurwitz, Wolff, Bloch, Weinberg, Schöndelen, Levy, Mergentheim, Neustädter, Steinberg, Ruben, Hecht, Lazarus, Rosenberg, Schöneberg. Ihre Leiden verpflichten uns zu Toleranz und politischer Wachsamkeit. Der Herr sprach zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel? Er sprach: Ich weiss es nicht, soll ich meines Bruders Hüter sein? (1.Mos. 4,9)"

Vom alten, bis ca. 1860 belegten jüdischen Friedhof in der Feldmark sind noch ca. 35 Grabsteine erhalten. Das jüngere Begräbnisgelände an der Gehlenbecker Straße (Teil des kommunalen Friedhofs) weist ca. 60 Grabstätten auf.

Grabstätten auf dem neuen jüdischen Friedhof (Aufn. G., 2015, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0)

Auf dem Areal weist die Inschrift eines Gedenksteins auf die Ermordung von Juden im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau hin.

Der „Pest-Stein“ von 1350 am Nordportal der Lübbecker St.-Andreas-Kirche ist steinernes Zeugnis eines Judenpogroms; dessen lateinische Inschrift lautet in Übersetzung: „Im Jahre des Herrn 1350, dem Jubeljahr, als die Geißler auf den Straßen waren, die Pest war, die Juden getötet wurden, ist diese Kirche erweitert worden.“

Weitere Informationen:

Detlef-Joachim Schacht/Jörg Witteborg, NS-Machtergreifung und Herrschaftsstabilisierung in Stadt und Kreis Lübbecke in den Jahren 1930 - 1939, Bielefeld 1976 (Pädagog. Hochschule)

K.K.Rüter/Chr. Hampel, Schicksale 1933 - 1945. Verfolgung jüdischer Bürger in Minden, Petershagen, Lübbecke, Hrg. Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Minden e.V., Minden 1986

Dieter Zassenhaus, Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde Lübbecke. Vom Spätmittelalter bis ins frühe 19.Jahrhundert, Hrg. Stadt Lübbecke, Lübbecke 1988

Volker Beckmann, Dokumentation zur Geschichte der jüdischen Gemeinde Lübbecke (1830-1945), Hrg. Stadt Lübbecke, Lübbecke 1993

Volker Beckmann, Aus der Geschichte der Jüdischen Gemeinde Lübbecke (1830-1945). Vom Vormärz bis zur Befreiung vom Faschismus, Hrg. Stadt Lübbecke in Verbindung mit der AG “Geschichte der Juden in Lübbecke”, Lübbecke 1994

Elfi Pracht, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen, Teil III: Regierungsbezirk Detmold, J.P.Bachem Verlag, Köln 1998, S. 388 - 393

G. Birkmann/H. Stratmann, Bedenke vor wem du stehst - 300 Synagogen und ihre Geschichte in Westfalen u. Lippe, Klartext Verlag, Essen 1998, S. 181 - 183

Michael Brocke (Hrg.), Feuer an dein Heiligtum gelegt - Zerstörte Synagogen 1938 Nordrhein-Westfalen, Ludwig Steinheim-Institut, Kamp Verlag, Bochum 1999, S. 348 - 350

Volker Beckmann, Die jüdische Bevölkerung der Landkreise Lübbecke und Halle i.W. (1815-1945) - Vom Vormärz bis zur Befreiung vom Faschismus (1815 - 1945), Dissertation Univ. Bielefeld 2000/2001 (2015 überarb. als PDF-Datei vorliegend, S. 67 - 75 u.a.)

Volker Beckmann, Archivalien, Sammlungsgut und Literatur zur deutsch-jüdischen Geschichte des 19./20.Jahrhunderts in Ostwestfalen Lippe, Diplomarbeit, Fachhochschule Potsdam 2004, S. 17 – 26

Volker Beckmann (Bearb.), Lübbecke, in: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe. Die Ortschaften und Territorien im heutigen Regierungsbezirk Detmold, Ardey-Verlag, Münster 2013, S. 511 - 519

Alexander Räber/u.a., „Vom Peststein zum Holocaust (1350 – 1945)“ - Ausstellung in der Alten Synagoge Petershagen, 2013

Lara Heuer/Sina Moog/Mareike Schlingheide (Red.), Weg der Erinnerung, Wittekind-Gymnasium 2017

Sandra Spieker-Beutler (Red.), Erinnerung an 19 Mordopfer aus Lübbecke, in: „NW - Neue Westfälische“ vom 12.11.2018

Mindener Geschichtsverein/Kreis Minden-Lübbecke (Hrg.), Orte erinnern – Spuren der NS-Zeit in Minden-Lübbecke, online abrufbar unter: minden-luebbecke.de/media/custom/2832_1688_1.PDF?1557728062, S. 32 - 35