Hildburghausen/Werra (Thüringen)

Hildburghausen - bis 1826 die Residenzstadt des kleinen Fürstentums Sachsen-Hildburghausen, danach Teil des Herzogtums Sachsen-Meiningen – ist heute eine Kleinstadt mit etwa 12000 Einwohnern - im fränkisch geprägten Süden des Freistaates Thüringen (zwischen Suhl und Coburg) gelegen.

Wenige Jahre nach der Stadtwerdung Hildburghausens 1324 sind erstmals Juden erwähnt, die unter dem Schutz des Grafen von Henneberg hier ansässig wurden. Der Pestpogrom traf aber auch die hiesige Judenschaft. 1388 ist dann hier erneut ein Jude bezeugt. In den Folgejahrhunderten sind dann einzelne jüdische Bewohner in Hildburghausen urkundlich nachweisbar, die u.a. als „Gelddarleher“ der gräflichen Herrschaft zu Diensten waren. Mit der Gründung des Herzogtums Sachsen-Hildburghausen (1680) wurde ein Aufenthaltsverbot für „ausländische“ Juden erlassen; nur ein jüdischer Hoffaktor und ca. zehn Schutzjuden-Familien waren in der Residenzstadt zugelassen. Im Verlaufe des 18.Jahrhunderts siedelten sich weitere jüdische Familien in Hildburghausen an; 1729 wurden diese vertrieben, konnten aber kurz darauf wieder zurückkehren.

Das 1814 erlassene herzogliche Edikt regelte die rechtliche Stellung der hier ansässigen Juden neu; darin hieß es in den einleitenden Worten u.a.:

III. Hildburghäuser landesherrliche Verordnung

Edict über die rechtliche Form bei Verträgen zwischen Christen und Juden.

Wir haben Uns dadurch veranlaßt gesehen, über den Verkehr zwischen Unseren christlichen Unterthanen und den Juden nähere gesetzliche Vorschriften entwerfen zu lassen, deren Absicht es ist, auf der einen Seite den möglichen Benachtheiligungen Unserer christlichen Unterthanen ... vorzubeugen, auch denselben bei den rechtlichen Erörterungen aus Contracts Verhältnissen mit Juden die Gelegenheit zu Ausführung ihrer Einreden zu geben, auf der anderen Seite aber den Verkehr im Kleinen keinen allzulästigen Fesseln zu unterwerfen, und zugleich denjenigen Bekennern des jüdischen Glaubens, welche das Staatsbürgerrecht erlangt haben und sich eines soliden Handelsgeschäfts in offenem Laden befleißigen, eine aufmunternde Ausnahme angedeihen zu lassen. ...

Im Jahre 1811 ließ der herzogliche Hoffaktor Levi Simon auf seine Kosten - und mit Genehmigung Herzog Friedrichs - eine Synagoge in seinem an der westlichen Stadtmauer gelegenen Haus einrichten. Eine 1844 erlassene reformfreundliche Synagogen- und Gottesdienstordnung für die Kultusgemeinde Hildburghausen regelte alle Fragen des religiösen Zusammenlebens. Mitte der 1820er Jahre kaufte Levi Simon ein Gebäude in der Unteren Braugasse und übertrug es der jüdischen Gemeinde, die es fortan als Schule nutzte; bereits seit Beginn des 18.Jahrhunderts gab es in Hildburghausen ein jüdisches „Schullocal“ in der Unteren Marktstraße. Das zuletzt genutzte Schulgebäude befand sich von 1864 bis 1922 in der Oberen Braugasse.

 aus: "Allgemeine Zeitung des Judentums" vom 17. April 1848

Eine der herausragendsten jüdischen Persönlichkeiten Sachsens-Meiningens war der 1808 in Walldorf geborene und später in Hildburghausen als Religionslehrer tätige Salomon Steinhard. Sein besonderes Engagement galt der jüdischen Reformbewegung. Er vermittelte seine Überzeugungen auch am hiesigen Landeslehrerseminar künftigen jüdischen Pädagogen, die dann als Multiplikatoren seine Ideen verbreiten halfen. Salomon Steinhard galt auch als aktiver Streiter bei der Durchsetzung der Emanzipation der Juden Sachsen-Meiningens. Er war auch publizistisch sehr aktiv. Salomon Steinhard starb 1871.

                                   Innenansicht der alten Synagoge (hist. Aufn.)

                  Das 100jährige Bestehen der Synagoge konnte 1911 begangen werden; dazu hieß im „Der Israelit“ vom 15.Sept. d.J.:

„Hildburghausen. Am 1. und 2. September feierte die hiesige Gemeinde das 100jährige Synagogenjubiläum. Im Mittelpunkt der Jubelfeier stand der am letzten Freitag Abend in der festlich geschmückten Synagoge abgehaltene Festgottesdienst, zu dem auch die Vertreter der hiesigen Staats-, Stadt-, Kirchen- und Schulbehörden erschienen waren. Die Festrede hielt Landrabbiner Fränkel. Superintendent Kirchenrat Dr. Human sprach den Dank der geladenen Gäste aus und verlas eine Urkunde, welche die Glückwünsche der evangelischen Kirchengemeinde enthielt und auch das schöne und innige Verhältnis zwischen den Konfessionen betonte. Samstag früh fand ein zweiter Festgottesdienst statt und Samstagabend ein Bankett. Auf dem telegraphischen Festgruß sandte Herzog Georg eine Depesche, in der er für den Gruß von Herzen dankt und ihn wärmstens erwidert."    

1933 wurde im Zuge der Vergrößerung eines Bankhauses das 1811 errichtete Synagogengebäude abgerissen; als neue religiöse Heimstatt diente nun ein umgebautes Gartenhaus des jüdischen Fabrikanten Gassenheimer. Zu den gemeindlichen Einrichtungen gehörte auch ein Frauenbad. Laut Stadtchronik war den Juden in der spätmittelalterlichen Stadt zunächst ein gesonderter Badetag in der städtischen Badestube eingeräumt worden.

Seit 1680 nutzten die Hildburghausener Juden ein Begräbnisgelände bei Weitersroda. Bereits im Spätmittelalter soll sich in Hildburghausen ein jüdischer Begräbnisplatz befunden haben; Spuren sucht man heute allerdings vergebens.

Juden in Hildburghausen:

         --- 1726 .....................  12 jüdische Familien,

    --- 1729 ..................... keine             

    --- 1748 .....................  12     “       “    ,

    --- 1796 .....................  22     “       “   (128 Pers.),

    --- 1819 ..................... 113 Juden,

    --- 1833 ..................... 123   “  ,

    --- 1844 ..................... 130   “  ,

    --- 1856 ..................... 106   “  ,

    --- 1871 ..................... 120   “  ,

    --- 1898 ..................... 114   “  ,

    --- 1910 ..................... 118   “  ,

    --- 1918 ................. ca. 100   “  ,

    --- 1930 ................. ca.  35 jüdische Familien (ca. 60 Pers.),

    --- 1940 .....................   ?   “  .

Angaben aus: Karl-Heinz Roß/Hans Nothnagel, Juden in Hildburghausen. Ein chronokalischer Überblick ..., S. 33 - 47

Stadtansicht von Hildburghausen um 1870 (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

            zwei gewerbliche Anzeigen von 1871/1897

Zu Beginn der NS-Herrschaft wohnten in Hildburghausen ca. 30 jüdische Familien. Wie fast überall in Deutschland führten auch in Hildburghausen SA-Angehörige am 1. April 1933 den Boykott der jüdischen Geschäfte durch. Direkt danach setzte die Abwanderung der ersten jüdischen Familien ein; weitere folgten bald.

Die antijüdischen Maßnahmen eskalierten in der „Reichskristallnacht“: Am frühen Morgen des 10.November 1938 wurden die jüdischen Einwohner auf dem Marktplatz zusammengetrieben, verhöhnt und misshandelt und später im Rathauskeller festgesetzt. Währenddessen wurden ihre Geschäfte demoliert und geplündert, sowie der Synagogenraum entweiht, Kultgeräte und Teile der Inneneinrichtung verbrannt. Während ein Teil der inhaftierten jüdischen Bewohner abtransportiert wurde, setzte man die übrigen wieder auf freien Fuß. Mit den 1942/1943 erfolgten Deportationen endete jegliches jüdische Leben in Hildburghausen.

Am Rathaus Hildburghausens ist heute eine Tafel mit folgendem Wortlaut angebracht:

An diesem Ort wurde über das Schicksal unserer letzten jüdischen Mitbürger entschieden.

Den Opfern zum Gedenken. Den Lebenden zur Mahnung.

Das über Jahrzehnte hinweg als Lagerraum benutzte Gebäude, in dem die Behelfssynagoge untergebracht war, wurde 1990 unter Denkmalschutz gestellt; trotzdem wurde das Haus 15 Jahre später abgebrochen.

Eine Gedenkstele für die in den 1930er Jahren benutzte ehemalige Synagoge in der Gerbergasse trägt eine Inschriftentafel mit den Worten:

                                                                Aufn. J. Hanke, 2009

1900 war am Marktplatz der Herzog-Georg-Brunnen dank einer Stiftung des jüdischen Bürgers Max Michaelis errichtet worden. Nachdem der Brunnen im Zuge der Neugestaltung des Marktplatzes 1975 in die Grünanlage am Stadttheater versetzt worden war, kehrte er 1990 an seinen alten Standort zurück.

Seit 2008 wurden in Hildburghausen sog. „Stolpersteine“ verlegt; mittlerweile sind es ca. 25.

Im Dorfe Weitersroda – heute ist es Ortsteil von Hildburghausen - müssen bereits im 17.Jahrhundert Juden gewohnt haben, denn ein hier gelegener jüdischer Beerdigungsplatz wird urkundlich im Jahre 1680 erstmals erwähnt; damit gehört er zu den ältesten bekannten Friedhöfen Südthüringens. Dass die kleine Ortschaft zeitweilig von jüdischen Familien bewohnt wurde, kann daran gelegen haben, dass die nahe Kleinstadt Hildburghausen die Ansässigkeit von Juden zeitweilig behindert bzw. gänzlich verboten hatte. Eine Gemeinde soll es hier aber zu keiner Zeit gegeben haben.

Im Bereich des alten Tiergartens - am Ortsausgang Richtung Hildburghausen gelegen - hatten die jüdischen Familien Hildburghausens mit fürstlicher Erlaubnis ihren Friedhof anlegen können; dieser war im Laufe der Zeit mehrfach erweitert worden. Das Areal war seit etwa 1720 im Besitz der Gemeinde Hildburghausen. Im 19.Jahrhundert diente das Beerdigungsgelände auch verstorbenen Juden aus Simmershausen als letzte Ruhestätte. Mehr als 200 Grabsteine - zumeist aus dem 19.Jahrhundert - haben die Zeiten überdauert; auch die um 1900 erbaute Friedhofshalle ist noch erhalten.

  

Ehemaliges Taharahaus und Teilansicht des jüdischen Friedhofs in Weitersroda (Aufn. J. Hahn, 2005)

In Römhild - ca. 15 Kilometer westlich von Hildburghausen - sind vereinzelt Juden bereits im 13./14.Jahrhundert nachweisbar. Gegen Mitte des 16.Jahrhunderts sollen sie von der Landesherrschaft vertrieben worden sein. Erst nach 1850 zogen wieder einige jüdische Familien aus benachbarten Gemeinden nach Römhild; zu Beginn des 20.Jahrhunderts lebten ca. fünf Familien im Ort; zu Beginn der NS-Zeit waren es ca. 30 Personen. Eigene gemeindliche Einrichtungen waren nicht vorhanden; Verstorbene wurden auf dem jüdischen Friedhof in Gleicherwiesen beerdigt.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20192/Roemhild%20Israelit%2017021904.jpg Kleinanzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 17.Febr. 1904

Nach der „Kristallnacht“ wurden die jüdischen Familien im „Judenhaus“ in der Heurichstraße zusammengelegt. Im Mai 1942 mussten sie sich in Erfurt einfinden; von hier aus wurden sie deportiert. Mindestens elf Römhilder Juden wurden Opfer der Shoa.

Eine Gedenktafel erinnert mit den Worten:

Zum Gedächtnis an die jüdischen Bürger der Stadt Römhild,

die der faschistischen Barbarei zum Opfer gefallen sind.

In Eisfeld wird erstmals 1394 ein Jude erwähnt. Im Zuge der Vertreibungen aus dem wettinischen Territorium mussten nach 1441 auch die wenigen jüdischen Familien den Ort verlassen. - Erst zu Beginn des 20.Jahrhunderts gab es in Eisfeld wieder eine winzige jüdische Gemeinschaft; um 1930 gehörten ihr zehn Mitglieder an. Ihr Betraum befand sich im Hause des Vorstehers Hermann Gerson.

Der 1852 in Eisfeld geborene Max Michaelis gelangte in seinem Leben zu großem Reichtum, den er sich in südafrikanischen Minenunternehmen erwarb. Den Großteil seines Lebens verbrachte er im Ausland. Seiner Geburtsstadt Eisfeld machte er 1902 eine finanzielle Zusendung, die den Bau des Ortskrankenhauses ermöglichte. Max Michaelis starb in London 1920. Eine Straße ist in Eisfeld heute nach Max Michaelis benannt.

Weitere Informationen:

Armin Human, Chronik der Stadt Hildburghausen, Hildburghausen 1886

Armin Human, Geschichte der Juden in Sachsen-Meinigen-Hildburghausen, in: Schriften des Vereins für Sachsen Meiningische Geschichte und Landeskunde 30, Hildburghausen 1898

Hugo Kühn, Kulturgeschichtliche Bilder aus Thüringen ‘ Die Juden im Herzogtum Sachsen-Meiningen-Hildburghausen’, Leipzig 1914, S. 132 - 141 (Anmerkung: antisemitisch gefärbt)

Germania Judaica, Band III/1, Tübingen 1987, S. 554/555

G.Wölfing, Geschichte des Henneberger Landes zwischen Grabfeld, Rennsteig und Rhön, Hildburghausen 1992

Cordula Führer (Red.), Zeugnisse jüdischer Kultur. Erinnerungsstätten in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Berlin, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen, Berlin 1992, S. 292

M.Brocke/E.Ruthenberg/K.U.Schulenburg, Stein und Name. Die jüdischen Friedhöfe in Ostdeutschland (Neue Bundesländer/DDR und Berlin), in: Veröffentlichungen aus dem Institut Kirche und Judentum, Hrg. Peter v.d.Osten-Sacken, Band 22, Berlin 1994, S. 420 u. S. 659

Thomas Bahr (Hrg.), Beiträge zur Geschichte jüdischen Lebens in Thüringen, in: Zeitschrift des Vereins für Thüringische Geschichte, Beiheft 29, Jena 1996

Karl-Heinz Roß/Hans Nothnagel, Juden in Hildburghausen - Ein chronokalischer Überblick von 1331 bis 1943, in: H.Nothnagel (Hrg.), Juden in Südthüringen geschützt und gejagt, Band 2: Juden in den ehem. Residenzstädten Römhild, Hildburghausen und deren Umfeld, Verlag Buchhaus Suhl, Suhl 1998, S. 31 - 73

Gabriele Olbrisch, Landrabbinate in Thüringen 1811 - 1871. Jüdische Schul- und Kulturreform unter staatlicher Regie, in: Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Thüringen - Kleine Reihe, Band 9, Böhlau Verlag, Köln - Weimar - Wien 2003, S. 45/46

Spurensuche nach jüdischem Leben in Thüringen, Hrg. Thüringer Institut für Lehrerfortbildung, Lehrplanentwicklung und Medien, Bad Berka 2004, S. 108/109

Israel Schwierz, Zeugnisse jüdischer Vergangenheit in Thüringen. Eine Dokumentation, hrg. von der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen, Sömmerda 2007, S. 99, S. 156 – 160, S. 208 – 210 u. S. 270 - 272

Hildburghausen, in: alemannia-judaica.de (mit diversen Textdokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Der jüdische Friedhof in Weitersroda, in: alemannia-judaica.de (mit Aufnahmen vom Begräbnisgelände)

Römhild, in: alemannia-judaica.de

Eisfeld, in: alemannia-judaica.de

Wolfgang Swietek, Schöne Grabsteine und ein seltenes Haus, in: Glaube und Heimat. Mitteldeutsche Kirchenzeitung, Jan. 2012