Hahnheim/Selz (Rheinland-Pfalz)

Hahnheim ist eine Ortsgemeinde mit derzeit ca. 1.500 Einwohnern im Landkreis Mainz-Bingen; sie gehört der Verbandsgemeinde Rhein-Selz an, die ihren Verwaltungssitz in der Stadt Oppenheim hat - knapp 30 Kilometer südlich von Mainz gelegen.

In dem unter der Herrschaft mehrerer Adelsfamilien stehende Dorfe Hahnheim waren bereits seit „längeren Zeiten“ wenige jüdische Familien ansässig; als erster sicherer urkundlicher Nachweis gilt das sog. „Judenverzeichnis“ aus dem Jahre 1723.

Eine selbstständige Kultusgemeinde gründete sich Anfang der 1830er Jahre; drei Hahnheimer Juden bildeten den Vorstand, der nun mit der „Besorgung aller Angelegenheiten seiner Religionsgemeinde” beauftragt war. Zu den gemeindlichen Einrichtungen gehörte eine um 1840 in der Dorfmitte erbaute Synagoge; sie ersetzte einen älteren Betraum und diente der damals fast 100köpfigen Gemeinde als gottesdienstlicher Versammlungsraum.

     Modell der Synagoge in Hahnheim (erstellt vom Arbeitskreis Hahnheimer Geschichte)

                              Stellenangebot der jüdischen Gemeinde Hahnheim vom 17.6.1889  

Ein eigenes Friedhofsgelände - einige hundert Meter südlich des Ortes gelegen - bestand seit Mitte des 18.Jahrhunderts. 

Zur jüdischen Gemeinde Hahnheim gehörten auch die Familien aus Mommenheim und Selzen.

Juden in Hahnheim:

         --- um 1725 ....................   2 jüdische Familien,

    --- 1801 .......................  20 Juden,

    --- 1824 .......................  40   “  ,

    --- 1834 .......................  54   “  (ca. 9% d. Dorfbev.),

    --- 1849 .......................  92   “  (ca. 14% d. Dorfbev.),

    --- 1861 .......................  84   ”  ,

    --- 1871 .......................  75   “  ,

    --- 1873 .......................  60   “  ,

    --- 1900/05 ....................  46   “  ,

    --- 1931 .......................  25   “  ,

    --- 1936 (Apr.) ................  11   “  .

Angaben aus: Stefan Fischbach/Ingrid Westerhoff, Synagogen. Rheinland-Pfalz und Saarland, S. 177

Um die Mitte des 19.Jahrhunderts hatte die Zahl der Gemeindeangehörigen mit knapp 100 Personen ihren Höchststand erreicht; infolge Abwanderung halbierte sich bis 1900 die Zahl der Gemeindemitglieder. Zu den vier Familien, die die Geschicke der Hahnheimer Gemeinde im wesentlichen bestimmten, gehörten die Weinhändlerfamilie Trum, der Viehhändler Issak Haas und die Familien Josef Mann und Strauß. Innerhalb der Dorfgesellschaft waren die jüdischen Bewohner bis in die 1930er Jahre anerkannt und führten „ein ungestörtes Leben in guter Koexistenz”. Doch mit dem Beginn der NS-Zeit änderten sich auch in Hahnheim die Lebens- und Wirtschaftsbedingungen seiner jüdischen Bewohner. Im Frühjahr 1936 lebten hier nur noch elf Juden.

Die etwa ein Jahrhundert lang genutzte Synagoge wurde während der Novembertage 1938 völlig zerstört. „Unbekannte“ hatten das Gebäude in Brand gesetzt, wobei die Feuerwehr nicht eingriff; ins Feuer warf man noch aus jüdischen Häusern herausgeschleppte Gegenstände. Kurz danach legte man die Synagogenruine weitgehend nieder - nur das Kellergeschoss blieb erhalten.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20388/Selzen%20KK%20MZ%20Mann%20Ferdinand.jpg J-Kennkarte von Ferdinand Mann (Selzen)

Der jüdische Friedhof in Hahnheim wurde 1944 weitgehend zerstört; die Grabsteine wurden abgeräumt und zu einer Panzersperre verbaut. Namentlich sind drei jüdische Bewohner Hahnheims bekannt, die Opfer der Shoa wurden.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2056/Hahnheim%20Friedhof%20205.jpg 

Drei Jahre nach Kriegsende wurde der Friedhof - so gut es eben ging - wieder hergerichtet (Aufn. J. Hahn, 2005) und eine Gedenkstele (Aufn. N., 2015, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0) errichtet, die unter einem Davidstern die Inschrift trägt:

Dem Andenken der durch das Nazi-Regime umgekommenen Mitglieder der israelitischen Kultusgemeinde Hahnheim

Der Friedhof wurde 1944 von den Nazis zerstört und die Grabsteine zu einer Panzersperre verwandt.

Am ehemaligen Standort der Synagoge ließ die Kommune einen Stein mit Gedenktafel aufstellen, die folgende Worte trägt:

Zum Gedenken an die Synagoge

erbaut im Jahre 1840 zerstört in der Nacht zum 10.Nov. 1938

Zudem weist ein jüngst in die Pflasterung eingefügter Davidstern auf den früheren Standort des Synagogengebäudes hin.

In der Unteren Hauptstraße wurden mehrere sog. „Stolpersteine“ verlegt, die an Angehörige der Familien Trum und Mann erinnern.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20400/Selzen%20Sto%202015%2001.jpg verlegt für Amalie und Ferdinand Mann in Hahnheim-Selzen, Gaustraße

[vgl. Nierstein und Oppenheim (Rheinland-Pfalz)]

In Mommenheim - ebenfalls Teil der heutigen Verbandsgemeinde Rhein-Selz - war im 19. und beginnenden 20.Jahrhundert eine nur aus mehreren Familien bestehende kleine israelitische Gemeinde existent, die dem Rabbinat Mainz unterstand. Um 1830/1840 setzte sie sich aus knapp 40 Angehörigen zusammen. Nachdem die Synagoge baufällig geworden war, wurden Zusammenkünfte in einem Betraum eines Privathauses abgehalten. Begräbnisse fanden zunächst auf den Friedhöfen in Lörzweiler und Sörgenloch bzw. Ebersheim statt, ehe ein eigenes Begräbnisgelände am Nazarienberg angelegt wurde. Um 1910/1920 löste sich die immer kleiner gewordene Gemeinde auf; die noch hier lebenden Juden gehörten fortan der Kultusgemeinde Hahnheim an. Anfang der 1930er Jahre lebten noch vier jüdische Bewohner im Dorf.

Der Friedhof – am Ortsausgang Richtung Selzen gelegen - ist heute das einzig erhaltene Zeugnis jüdischer Geschichte Mommenheims.

Teilansicht des jüdischen Friedhofs (Aufn. J. Hahn, 2005)  http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2056/Mommenheim%20Friedhof%20202.jpg

Weitere Informationen:

Jakob Grimm, Ortsgeschichte von Mommenheim, Mommenheim 1912/1913 

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Societäts-Verlag, Frankfurt/M. 1971, Bd. 1, S. 314

Marek Zurowski, Die Hahnheimer Juden und ihre Gemeinde, in: Hahnheim 764 - 1990. Aus der Geschichte einer rheinhessischen Weinbaugemeinde, Horb 1991, S. 193 - 204

Stefan Fischbach/Ingrid Westerhoff (Bearb.), “ ... und dies ist die Pforte des Himmels “. Synagogen. Rheinland-Pfalz Saarland, Hrg. Landesamt für Denkmalpflege, Mainz 2005, S. 177/178

Hahnheim, in: alemannia-judaica.de

Mommenheim, in: alemannia-judaica.de

Walter Schwamb, Die jüdischen Bewohner der Selztalgemeinden: Hahnheim, Selzen, Friesenheim, Undenheim, Dahlheim, Mommenheim und ihrer Nachbardörfer Schornsheim und Udenheim, 2012 

Torben Schröder (Red.), Hahnheim: Verneigung vor den Opfern, in: „Allgemeine Zeitung – Rhein Main Presse“ vom 6.9.2016