Hagenow (Mecklenburg-Vorpommern)

Hagenow – ca. 30 Kilometer südwestlich der Landeshauptstadt Schwerin - ist eine Kleinstadt mir derzeit ca. 12.000 Einwohnern.

Erste Spuren jüdischen Lebens im mecklenburgischen „Städtlein“ Hagenow stammen aus den 1760er Jahren; so sollen die ersten beiden Schutzjuden – beide aus Moisling (b. Lübeck) stammend – hier ansässig geworden sein. Doch vermutlich haben sich aber bereits in den Jahrzehnten zuvor jüdische Handelsleute hier tageweise aufgehalten. Gegen Ende des 18.Jahrhunderts bildete sich in Hagenow eine kleine jüdische Gemeinde, die damals aus sechs Familien bestand; diese waren aus verschiedensten Teilen Deutschlands hierher gekommen.

Zunächst existierte nur eine Betkammer, die in einem Hofgebäude eines jüdischen Anwesens untergebracht war und anscheinend bis 1828 genutzt wurde. Die Zunahme der Zahl der Gemeindeangehörigen machte einen Synagogenneubau in Hagenow notwendig, der nur unter Aufbietung aller finanziellen Mittel der insgesamt wenig begüterten Gemeinde realisiert werden konnte. Dabei handelte es sich um einen zweigeschossigen Fachwerkbau in der Hagenstraße, den die Judenschaft im Jahre 1828 einweihte. Über die Synagogenweihung vom 15.August 1828 heißt es in einem Tagebucheintrag von Lotte Brüning: „ ... Heute wurde der neue Tempel, den die hiesige jüdische Gemeinde diesen Sommer hat bauen laßen, feierlich eingeweihet. Es waren sehr viele Fremde hier; ein junger israelitischer Gelehrter hat eine sehr schöne deutsche Predigt gehalten. ... Die jungen Damen waren weiß gekleidet, zum theil sehr kostbar, die Herrn alle schwarz. Sechzehn junge Mädchen trugen Boden mit Blumen umwunden, womit sie vor dem Eingang des Tempels einen Bogengang bildeten, durch welchen die ganze Gesellschaft ging. Es war alles sehr feierlich, die Schlüßel des Tempels wurden voran getragen, zu den Seiten zwei brennende Lichter, dann folgten die Geistlichen; dann unter blauem seidenenHimmel, welche vier junge Herrn trugen, die Heiligthümer, welche sehr schwer und kostbar zu sein schienen, von den ältesten Familienvätern getragen ...”

Über den weiteren Verlauf kann man in einem ausführlichen Artikel der Ausgabe des „Freimütigen Abendblatts” vom 12.9.1828 lesen:... Viele hundert Zuschauer aus allen Klassen und von jedem Alter gaben durch ihre feierliche Stille zu erkennen, daß ihnen die Feier gefiel. ... Die Einweihungsfeier währte ungefähr eine und eine halbe Stunde. Der Gesang soll leidlich, die Rede des Predigers aber ganz vortrefflich gewesen seyn. ... Am Tage nach der Einweihung war wieder Gottesdienst und deutsche Predigt, und am Abend beschloß ein solenner Ball, mittelst welchem ein hier neu erbauter großer Salon zugleich die Weihe erhielt, das Fest. Großes Lob verdient die hiesige kleine, gewiß nicht reiche Judengemeinde für die Ausführung eines so großen Baues, und für die zweckmäßige und zierliche Einrichtung desselben. Jeder, der unser Städtchen besucht, kann sich davon überzeugen, und gewiß nicht unbefriedigt wird er das Gotteshaus verlassen. ...“         

             Gebetstafel von 1828 aus der Hagenower Synagoge (Abb. Museum Hagenow)

Auf Grund damaliger Vorschriften war der Standort des Synagogengebäudes nur „in der zweiten Reihe“ der Hagenstraße erlaubt worden! Erst 1864 erhielt die Hagenower jüdische Gemeinde eine landesherrlich verordnete Gemeindeordnung - im Gegensatz zu anderen Orten Mecklenburgs zu einem recht späten Zeitpunkt.

Zu den gemeindlichen Einrichtungen gehörten zudem eine Mikwe und ein 1806 mit herzoglicher Genehmigung angelegter Friedhof; damit musste der beschwerliche Weg zu dem weit entfernten jüdischen Friedhof in Schwerin nicht mehr gemacht werden. Auf dem Gelände haben insgesamt etwa 120 Hagenower Gemeindemitglieder ihre letzte Ruhe gefunden.

Jew hgn 1940.jpg hist. Aufn., um 1940 (C. aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)

Bis zu Beginn des 20.Jahrhunderts unterhielt die Gemeinde einen eigenen Religionslehrer, der zugleich auch die Funktionen des Vorbeters und Schächters inne hatte.

Juden in Hagenow:

       --- 1765 .................... eine jüdische Familie,

    --- um 1795 .................  6      “        “   n,

    --- um 1825 ............. ca. 80 Juden (in 12 Familien),

    --- 1840 ................ ca. 85   "   (in 18 Familien)

    --- 1867 .................... 57   “  ,

    --- um 1900 ............. ca. 20   "  ,

    --- 1910 .................... 22   “  ,

    --- 1922 ....................  4 jüdische Familien,

    --- 1933 .................... 11 Juden,

    --- 1942 (Aug.) .............  keine.

Angaben aus: Henry Gawlick, Von der Betkammer zur Zierde der Stadt - Ein Beitrag zur Geschichte ...

Dem allgemeinen Trend - Abwanderung aus kleineren Orte in größere Städte - konnte sich auch die Hagenower Gemeinde nicht entziehen; so verließ in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts der weitaus größte Teil der jüdischen Bewohner ihr bisheriges Zuhause. Als durch den Wegzug jüdischer Familien aus Hagenow kein Minjan mehr zustande kam, blieb die Synagoge über lange Jahre ungenutzt; letztmalig fanden regelmäßige Gottesdienste im Jahre 1907 statt.

Mit dem Jahre 1933 setzte auch in Hagenow Verfolgung und Demütigung der jüdischen Einwohner ein. Der damalige Gemeindevorsteher Samuel Meinungen richtete 1933 in Hagenow ein sog. Hachschara-Lager ein, in dem auswanderungswillige Jugendliche auf ihr neues Leben in Palästina vorbereitet wurden (landwirtschaftliche Ausbildung). Diese Ausbildungsstätte bestand bis 1935, nachdem aufgehetzte Hagenower Bürger dagegen protestiert hatten.

Das Synagogengebäude überstand die "Kristallnacht" äußerlich unversehrt; ob es hier zu Zerstörungen im Innenraum kam, kann nicht eindeutig belegt werden. Im Jahre 1941/1942 soll das Gebäude verkauft worden sein; zu DDR-Zeiten diente es unterschiedlichsten Zwecken, so z.B. als Lager für die Bäckereigenossenschaft.

Die letzten beiden Juden, die in einer „privilegierten Mischehe“ lebten, konnten im Ort noch bis 1942 verbleiben; die Familie von Hermann Meinungen wurde dann nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Der jüdische Friedhof, der nach Kriegsende noch ca. 35 Grabsteine zählte, wurde um 1960 völlig eingeebnet, die Grabsteine zweckentfremdet. Auf dem Gelände an der Pätower Straße wurde 1988 ein Gedenkstein aufgerichtet.

Seit dem Jahre 1988 erinnert in der Hagenstraße eine Gedenktafel an die einstige Synagoge; ihre Inschrift lautet:

Im hinteren Gebäude dieses Grundstückes

befand sich von 1928 - 1938 die Synagoge der Jüdischen Gemeinde Hagenows.

Den im Laufe der Jahre stark verfallenen, heute unter Denkmalschutz stehenden Gebäudekomplex hat die Kommune Hagenow 2001 erworben. Zu ihm gehören Synagoge, Gemeindehaus, Religionsschule und Ritualbad. Nach erfolgter jahrelanger Sanierung des in dieser Form in Mecklenburg-Vorpommern einzigartigen Synagogenbaus wurde er im Jahre 2007 als Kulturzentrum der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Heute gehört das Gebäude-Ensemble zum Museum für Alltagskultur der Stadt Hagenow.

          Hinweisschild für das Kulturzentrum

 Alte Synagoge Hagenow - Gebetshaus.JPG Alte Synagoge Hagenow - Innenraum B.JPG

Außen- und Innenansicht der Synagoge Hagenow (Aufn. Daniel Rohde-Kage, 2015, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 4.0)

Im Frühjahr 2009 wurde auch die Sanierung des ehemaligen Schulhauses abgeschlossen; es trägt nun den Namen „Hanna-Meinungen-Haus“; mit der Namensgebung wird an Hanna Meinungen (geb. 1940 in Hagenow) erinnert, die im Alter von zwei Jahren in Auschwitz ermordet wurde. Seit 2010 wird in den dortigen Räumen jüdische Geschichte wach gehalten: Eine Dauerausstellung „Spuren jüdischen Lebens in Hagenow und Westmecklenburg“ informiert die Besucher; so werden u.a. der vergoldete Teil des Thoraschreins aus der alten Synagoge sowie verschiedene Ritualien gezeigt.

2009 wurden die ersten fünf sog. „Stolpersteine“ in den Gehweg der Langen Straßen in Hagenow verlegt; zwei Jahre später kamen elf weitere hinzu.

2012 wurde seitens der Kommune beschlossen, das ca. 1.700 m² große Areal des einstigen jüdischen Friedhofs an der Friedrich-Heincke-Straße zu einer schlichten Stätte der Erinnerns zu gestalten; zwei Jahre später wurde auf der wiederhergerichteten Begräbnisstätte eine schwarze granitene Stele aufgestellt, die die ca. 30 Namen aller einst in Hagenow lebenden jüdischen Familien nennt. 2017 sollen die Sanierungsmaßnahmen abgeschlossen sein.

  Landesrabbiner William Wolff an der neuen Stele (Aufn. museum-hagenow.de)

Weitere Informationen:

Zeugnisse jüdischer Kultur. Erinnerungsstätten in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Berlin, Sachsen-Anhalt, Sachsen u. Thüringen, Berlin 1992

M.Brocke/E.Ruthenberg/K.U.Schulenburg, Stein und Name. Die jüdischen Friedhöfe in Ostdeutschland (Neue Bundesländer/DDR und Berlin), in: Veröffentlichungen aus dem Institut Kirche und Judentum, Hrg. Peter v.d.Osten-Sacken, Band 22, Berlin 1994, S. 393/394

Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus - Eine Dokumentation II, Hrg. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 1995, S. 420/421

Irene Diekmann (Hrg.), Wegweiser durch das jüdische Mecklenburg-Vorpommern, Potsdam 1998

Jüdisches Leben in Hagenow - Bilanz einer Spurensuche. Sonderausstellung im Museum Hagenow, 1998

Henry Gawlick, Von der Betkammer zur Zierde der Stadt - Ein Beitrag zur Geschichte der ehemaligen Hagenower Synagoge, in: Blätter zur Kulturgeschichte und Volkskunde Südwestmecklenburgs, Hrg. Museum der Stadt Hagenow und Freundeskreis Hagenower Museum e.V., Hagenow 2000

Norbert Francke/Bärbel Krieger, Schutzjuden in Mecklenburg. Ihre rechtliche Stellung, ihr Gewerbe ...., Hrg. Verein für jüdische Geschichte und Kultur in Mecklenburg u. Vorpommern e.V., Schwerin 2002

Mercedes Peters, Alte Synagoge: ein Kulturzentrum entsteht, hrg. von der Stadt Hagenow, 2007

Zentralrat der Juden in Deutschland (Hrg.), Hagenows Synagoge lebt (wieder)!, Ausgabe vom 26.9.2008

Dieter Hirschmann, Abtauchen in das jüdische Leben: historisches Ritualbad und andere jüdische Zeitzeugnisse locken in das Hanna-Meinungen-Haus nach Hagenow, in: Mecklenburgische Zeitung vom 25.2.2011, S. 19

Heidi Vormann, Synagogen in Mecklenburg – Eine baupflegerische Untersuchung, in: Schriftenreihe der Bet Tfila-Forschungsstelle für jüdische Architektur in Europa, Band 20, Braunschweig 2011

Dieter Hischmann (Red.), Hagenow saniert jüdischen Friedhof, in: „Hagenower Kreisblatt“ vom 10.10.2012

Dieter Hirschmann (Red.), Friedhof bekommt Würde zurück, in: „Hagenower Kreisblatt“ vom 22.10.2014

 

Von der Synagoge zum Kulturzentrum, online abrufbar unter: ndr.de vom 7.9.2015

Jürgen Gramenz/Sylvia Ulmer, Ehemaliges jüdisches Leben in Hagenow, in: Geschichte der Juden in Mecklenburg, Aufsatz vom 23.1.2016, in: http://www.juden-in-mecklenburg.de/Orte/Hagenow