Gau-Odernheim (Rheinland-Pfalz)

Bildergebnis für Gau-Odernheim karte postleitzahl Gau-Odernheim hieß bis 1896 Odernheim und gehört heute zur Verbandsgemeinde Alzey-Land (Karte aus: suche-postleitzahl.org).

Nach der Erhebung Odernheims zur freien Reichsstadt gegen Ende des 13.Jahrhunderts kamen die ersten jüdischen Familien in den Ort; Schutzgelder mussten an das Reich, aber auch an den Pfalzgrafen gezahlt werden. Von den Verfolgungen der Pestzeit waren auch die hier lebenden Juden betroffen. In den Folgezeiten wurde den Odernheimer Juden mehrfach der Schutz aufgekündigt, sodass sie wiederholt die Stadt verlassen mussten; sie durften aber bald wieder zurückkehren. Vermutlich gab es im 17.Jahrhundert, als Odernheim der Pfalzgrafschaft Bayern zugehörig war, eine recht bedeutende jüdische Gemeinde.

Zu den gemeindlichen Einrichtungen gehörten eine 1868 neu eingerichtete Synagoge in der Mainzer Straße, die einen älteren Betsaal ersetzte.

Ehem. Synagogengebäude als Wohn- u. Geschäftshaus (Aufn. um 1965)  http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2059/GauOdernheim%20Synagoge%2002.jpg

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2073/Gau-Odernheim%20Israelit%2024061889.jpg Stellenausschreibung aus der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 24.6.1889

Zeitweilig bestand in Odernheim eine israelitische Elementarschule

Ein um 1848/1850 (andere Angabe: um 1830) angelegtes Beerdigungsgelände bestand am sog. Scharlenberg, das auch verstorbenen Juden aus Bechtolsheim als letzte Ruhestätte diente. Ein alter jüdischer Friedhof hatte sich ehemals zwischen der Stadtmauer und der heutigen Brunnenstraße befunden; das Begräbnisgelände war zunächst nicht im Besitz der Gemeinde, so dass bei Beerdigungen Abgaben an die Stadt fällig wurden. 1828 wurde das Gelände von der jüdischen Gemeinde angekauft. Heute gibt es keinerlei Spuren mehr von diesem alten Friedhof. 

Die Gemeinde - ihr waren auch zeitweise die wenigen Juden aus Köngernheim angeschlossen - unterstand dem Rabbinat Alzey.

Juden in (Gau)-Odernheim:

         --- 1804 ........................   14 Juden,

    --- 1824 ........................  30   “  ,

    --- 1830 ........................  35   “  ,

    --- 1861 ........................  82   “  ,

    --- 1880 ........................ 106   “  (ca. 6% d. Bevölk.),

    --- 1891 ........................  91   “  ,*       * mit Köngernheim

    --- 1905 ........................  76   “  (in ca. 15 Familien),

    --- 1931 ........................  55   “  ,

    --- 1933 ........................  47   “  ,

    --- 1942 ........................  keine.

Angaben aus: Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Bd. 1, S. 237

und              Stefan Fischbach/Ingrid Westerhoff, Synagogen. Rheinland-Pfalz und Saarland, S. 162

                       Geschäftsanzeige von 1889

Anfang der 1930er Jahre lebten noch knapp 50 Bewohner jüdischen Glaubens in Gau-Odernheim. Im Sommer 1933 kam es hier zu ersten gewalttätigen Übergriffen auf jüdische Familien; so soll in allerkürzester Zeit ein Schuhgeschäft dreimal von Angehörigen nationalsozialistischer Verbände überfallen, der Inhaber bedroht und erheblicher Schaden angerichtet worden sein. Im Januar 1934 meldete der „Mainzer Anzeiger”: "... Der jüdische Metzger Josef Köhler aus Gau-Odernheim wurde dem Konzentrationslager Osthofen zugeführt, weil er nach glaubwürdigen Zeugenaussagen abfällige Bemerkungen über einen Obersturmführer der SA in Gau-Odernheim gemacht und dadurch versucht hat, das Ansehen der SA herabzuwürdigen. ..." 1935 folgte der Gau-Odernheimer Gemeinderat den antisemitischen Vorgaben der Parteilinie; in einer amtlichen Bekanntmachung hieß es dann u.a., dass nunmehr der Zuzug von Juden und der Erwerb von Grundstücken verboten ist, dass geschäftliche Beziehungen zu Juden und jeglicher Kauf in jüdischen Geschäften zu unterlassen seien. „Es wird von allen deutschen Volksgenossen erwartet, daß vorkommende Fälle ... uns unverzüglich gemeldet werden.” Im gleichen Jahre wurde auch der jüdische Friedhof geschändet. Wie auch in anderen rheinhessischen Gemeinden wurden auch hier an den Ortseingängen Schilder angebracht, z.B.:

                                          Antisemitisches Plakat 

Während des Pogroms sollen Synagoge und jüdische Anwesen zerstört worden sein. Das Synagogengebäude sollte - nach Angaben der Ortsverwaltung - zu einem ‚Landarbeiterlager für Mädels’ umfunktioniert werden; doch wurde es alsbald zu Wohnzwecken genutzt. Nachweislich wurden 13 aus Gau-Odernheim stammende jüdische Bewohner Opfer der Shoa.

Der ca. 1.000 m² große jüdische Friedhof „Am Scharlenberg“ - umgeben von Obst- und Weingärten zwischen Gau-Odernheim und Bechtholdsheim gelegen – besitzt heute ca. 45 Grabsteine, die in drei Reihen angeordnet sind.

jüdischer Friedhof Blick über das jüdische Friedhofsgelände (beide Aufn. Bernd Manz)

  Auf dem Friedhof steht ein Gedenkstein mit der Inschrift:

Gegen das Vergessen.

Der jüdischen Gemeinde und allen Opfern des Faschismus in Gau-Odernheim

 

Wenige Kilometer nördlich von Gau-Odernheim liegt die Ortschaft Bechtolsheim, die Mitte des 19.Jahrhunderts eine relativ große mosaische Gemeinde besaß - sie umfasste ca. 80 Angehörige. Neben einem Betraum und einer eigenen Schule - Unterricht wurde hier von einem Wanderlehrer erteilt - gab es auch weit außerhalb ein Beerdigungsgelände, das man gemeinsam mit den Juden Gau-Odernheims nutzte.

Die kleine Gemeinde gehörte zum Rabbinatsbezirk Alzey.

Juden in Bechtolsheim:

--- 1804 ...................... 39 Juden,

--- 1808 ...................... 12 jüdische Hauhaltungen,

--- 1824 ...................... 66 Juden,

--- 1855 ...................... 80   “  ,

--- 1861 ...................... 46   “  ,

--- 1900 ...................... 19   “  ,

--- 1931 ...................... 15   “  ,

--- 1933 ...................... 10   “  .

Angaben aus: Stefan Fischbach/Ingrid Westerhoff, Synagogen. Rheinland-Pfalz und Saarland, S. 100

Innerhalb nur weniger Jahrzehnte dezimierte Abwanderung die Bechtolsheimer Gemeinde signifikant; 1900 gab es am Ort noch ca. 20 jüdische Bewohner, um 1930 waren es nur noch ca. zehn. Die wenigen noch verbliebenen schlossen sich der Kultusgemeinde Wörrstadt an. Das bis ca. 1900/1910 genutzte Synagogengebäude wurde auf Grund der stark zurückgegangenen Zahl der jüdischen Einwohner geschlossen und 1925 verkauft; der neue Eigentümer ließ das baufällige Gebäude abreißen. Nachweislich wurden neun gebürtige bzw. länger in Bechtolsheim ansässige Juden Opfer der „Endlösung“. 

Eine Gedenktafel am „Valentinsgelände“ erinnert seit 2010 an die jüdischen Bürger, die vom NS-Regime aus Bechtolsheim vertrieben und zum Teil in Konzentrationslagern ermordet wurden.

Weitere Informationen:

Germania Judaica, Band II/1, Tübingen 1968, S. 270 und Band III/1, Tübingen 1987, S. 423 - 425

Paul Arnsberg, Die jüdischen Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Societäts-Verlag, Frankfurt/M. 1971, Bd. 1, S. 57/58 und S. 237

Dieter Hoffmann, “ ... wir sind doch Deutsche.” Zu Geschichte u. Schicksal der Landjuden in Rheinhessen, Hrg. Stadt Alzey, 1992, S. 23, S. 190 f. und 312/313

Stefan Fischbach/Ingrid Westerhoff (Bearb.), “ ... und dies ist die Pforte des Himmels “Synagogen. Rheinland-Pfalz Saarland, Hrg. Landesamt für Denkmalpflege, Mainz 2005, S. 100 (Bechtolsheim) und S. 162/163 (Gau-Odernheim)

Dieter Peters/Martina Strehlen (Red.), Jüdische Friedhöfe, Begräbnisstätten, Gedenkstätten in Rheinland-Pfalz, in: Sachor. Beiträge zur Jüdischen Geschichte und zur Gedenkstättenarbeit in Rheinland-Pfalz, 8 (1998) 2, Heft 16, S. 53 f.

Gau-Odernheim, in: alemannia-judaica.de(mit einigen Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Bechtolsheim, in: alemannia-judaica.de

Monica Kingreen, Die Gau-Odernheimer Opfer des Holocaust, in: Michael Kißener (Hrg), Rheinhessische Wege in den Nationalsozialismus. Studien zu rheinhessischen Landgemeinden von der Weimarer Republik bis zum Ende des NS-Diktatur, Worms 2010, S. 180 ff.

Bernd Manz/Ernst Mayer (Bearb.), Das historische Gau-Odernheim – ein Rundgang, online abrufbar unter: gau-odernheim.de