Erfelden (Hessen)

Erfelden mit derzeit ca. 4.000 Einwohnern ist heute ein Ortsteil der Kommune Riedstadt im Kreis Groß-Gerau - knapp 20 Kilometer westlich von Darmstadt gelegen.

Die ersten urkundlichen Erwähnungen jüdischer Bewohner in Erfelden reichen bis in die Zeit des Dreißigjährigen Krieges zurück. Bis gegen die Mitte des 19.Jahrhunderts lebten nur wenige jüdische Familien in Erfelden; genaue Angaben über erste Ansässigkeit jüdischer Bewohner im Dorfe Erfelden gibt es nicht. Gottesdienste besuchten die wenigen Erfelder Juden im nahen Wolfskehlen. 1875 bildeten die acht jüdischen Familien Erfeldens eine eigenständige Synagogengemeinde; zwei Jahre später weihten sie in Anwesenheit des orthodoxen Darmstädter Rabbiners Dr. Marx ihre kleine, schlichte Synagoge in der Neugasse ein.

         Abb. Förderverein Jüd. Geschichte u. Kultur im Kreis Gross-Gerau e.V

     Ein Religionslehrer, dessen Stelle seitens der kleinen Gemeinde häufig ausgeschrieben werden musste, war gleichzeitig als Vorbeter und Schochet tätig.

       

Stellenangebote der Kultusgemeinde Erfelden aus der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 3.Aug. 1885, 22.Aug.1892 und 10.Juni 1909

Ihre Verstorbenen begruben die Erfelder Juden auf dem jüdischen Friedhof in Groß-Gerau.

Die kleine Gemeinde gehörte zum orthodoxen Bezirksrabbinat Darmstadt II.

Juden in Erfelden:

        --- um 1815 ......................  3 jüdische Familien,

--- um 1830 ...................... 25 Juden,

--- 1860 ......................... 35   “  (ca. 4% d. Bevölk.),

    --- um 1875 ......................  8 jüdische Familien,

    --- 1895 ......................... 35 Juden,

    --- 1905 ......................... 44   “  ,

    --- 1910 ......................... 46   "  ,

    --- um 1930 ...................... 35   “  (in 7 Familien),

    --- 1933 ......................... 26   “ ,

    --- 1940 .........................  keine.

Angaben aus: Paul Arnsberg, Die jüdische Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Bd. 1, S. 166

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20297/Erfelden%20Israelit%2009041903.jpg Lehrstellenangebot von 1903

Anfang der 1930er Jahre wohnten sieben Familien mosaischen Glaubens im Ort; es waren: Fam. Isaak Kahn (Rindsmetzgerei u. Viehhandel, Bahnhofstraße), Fam. Isidor May (Viehhäutehandlung, Bahnhofstraße), Fam. Abraham Sternfels (Pferde- u. Spezereihandel, Wilhelm-Leuschner-Straße), Fam. Abraham Sternfels (Rindsmetzgerei u. Spezereihandel, Wilhelm-Leuschner-Straße), Fam. Julius Sternfels (Manufakturwaren- u. Getreidehandel, Wilhelm-Leuschner-Straße), Fam. Simon (Handel mit Vieh, Butter u. Öl, Bahnstraße 22) und die Geschwister Martha und Jenny Sternfels (Neugasse). 

In den Jahren nach der NS-Machtergreifung verließen die jüdischen Familien nach und nach Erfelden, weil ihnen hier ihre Lebensgrundlage entzogen wurde; fast alle emigrierten in die USA. Das Synagogengebäude war bereits im Laufe des Jahres 1937 verkauft worden; mit dem Erlös wurde die Auswanderung der Familien finanziert. Das Gebäude wurde beim Novemberpogrom nicht zerstört; es diente als Wohnhaus. Männer aus Erfelden wurden in den Novembertagen 1938 ins KZ Buchenwald verschleppt; zuvor waren sie - zusammen mit anderen Juden aus den Dörfern des Ried - nach Groß-Gerau geschafft worden, wo sie sich einem demütigenden „Appell“ unterziehen mussten. Im Januar 1940 konnte der NSDAP-Ortsgruppenleiter vermelden, dass Erfelden „judenfrei“ sei.

1989 wurde die ehemalige Dorfsynagoge in Erfelden vom neugegründeten „Förderverein Jüdische Geschichte und Kultur im Kreis Gross-Gerau e.V.“ erworben und anschließend mit hohen Kostenaufwand restauriert. 

 

Synagogengebäude vor und nach der Sanierung (links: Aufn. Förderverein Erfelden, um 1980; rechts: J. Hahn, 2007)

Seit 1994 dient das Gebäude als Dokumentationszentrum für jüdisches Leben der Region und als Begegnungsstätte; an der Einweihungsfeier nahmen auch der damalige hessische Ministerpräsident Hans Eichel und Landesrabbiner Chaim Liebschitz teil. Bereits 1991 erhielt der Förderverein den Denkmalschutzpreis.

2018 wurden an zwei Standorten in Erfelden neun sog. „Stolpersteine“ verlegt.

Der Schriftsteller Ernst Glaeser (geb.1902) verfasste 1928 den Roman „Jahrgang 1902“;  hier beschrieb er einen jungen Juden aus Erfelden, seinen 1901 geborenen Schulfreund Julius Sternfels (Pseudonym Leo Silberstein). Die beiden hatten gemeinsam die Bürgerschule in Groß-Gerau besucht. Julius Sternfels war Sohn des Erfelder Manufakturwaren- und Getreidehändlers Julius Sternfels.

 

In Leeheim - heute Ortsteil von Riedstadt und nur wenige Kilometer westlich von Griesheim gelegen - sind jüdische Bewohner seit dem 18.Jahrhundert nachweisbar. Während des 19.Jahrhunderts zählte die Gemeinde fast 50 Personen; seit den 1870er Jahren war deren Zahl dann rückläufig. Ihr Betraum befand in einem Hause an der Hauptstraße/Ecke Klappergasse.

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2084/Leeheim%20Synagoge%20111.jpg Bildmitte Bethaus (hist. Aufn., Heimat- u. Geschichtsverein Leeheim)

http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%2080/Leeheim%20Israelit%2011121861.jpg  http://www.alemannia-judaica.de/images/Images%20195/Leeheim%20Israelit%2016121868.jpgKleinanzeigen von 1861/1867

Verstorbene fanden auf dem Sammelfriedhof in Groß-Gerau ihre letzte Ruhe. Anfang der 1930er Jahren lebten nur noch vier jüdische Familien im Ort; wenige Monate vor Kriegsbeginn verließ die letzte den Ort. Das Synagogengebäude wurden in den letzten Kriegswochen zerstört.

2017 wurden in der Kirchstraße die ersten vier sog. „Stolpersteine“ für die Familie Moses verlegt. Samuel Moses und seine Frau hatten im Ort ein kleines Kolonialwarengeschäft und einen Viehhandel betrieben; zusammen mit ihren beiden Kindern emigrierten sie 1937 in die USA. - In der Hauptstraße sind weitere vier „Stolpersteine“ zu finden, die der vierköpfigen Familie Löwenthal gewidmet sind. Weitere neun Steine wurden 2018 verlegt - so allein sechs für Angehörige der Familie Regenstein.

* Die Familie Regenstein - sie hatte eine Metzgerei betrieben - konnte ihr Leben durch Emigration in die USA retten.

 

In den beiden anderen Ortsteilen von Riedstadt, in Crumstadt und in Goddelau-Wolfskehlen, gab es auch sehr kleine jüdische Gemeinden.

[vgl. Crumstadt (Hessen) und Goddelau (Hessen)]

Weitere Informationen:

Philipp Schäfer, Geschichte von Erfelder Juden und der israelischen Religionsgemeinde Erfelden, Erfelden 1949 (Manuskript)

Paul Arnsberg, Die jüdische Gemeinden in Hessen. Anfang - Untergang - Neubeginn, Societäts-Verlag, Frankfurt/M. 1971, Bd. 1, S. 166

Archiv Heimat- und Geschichtsverein (Hrg.), Die jüdischen Familien in Leeheim, Leeheim 1988

Angelika Schleindl, Verschwundene Nachbarn - Jüdische Gemeinden und Synagogen im Kreis Groß-Gerau, Hrg. vom Kreisausschuß des Kreises Groß-Gerau, 1990, S. 233 ff. und S. 242 - 265

Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933 - 1945, Hessen I: Regierungsbezirk Darmstadt, VAS, Frankfurt 1995, S. 170/171

Faltblatt des Fördervereins Jüdische Geschichte und Kultur im Kreis Gross-Gerau e.V., 64560 Riedstadt, Neugasse 43

Mechthild Kratz, Jüdisches Leben im Kreis Groß-Gerau im Spiegel der Heimatpresse 1925 - 1933. Ein Beitrag zur Spurensuche, in: Erfelder Heft 2, Riedstadt 2000

Erfelden, in: alemannia-judaica.de (mit Dokumenten zur jüdischen Ortshistorie)

Leeheim, in: alemannia-judaica.de

Anke Mosch (Red.), Stolpersteine in Leeheim und Crumstadt verlegt, in: „Bürstädter Zeitung“ vom 13.11.2017

N.N. (Red.), Weitere Stolpersteine in Leeheim, in: focus.de/regional/hessen/riedstadt vom 17.12.2017

Magistrat der Stadt Riedstadt (Hrg.), Riedstadt: Kleine Denkmale aus Messing, in: focus.de vom 7.5.2018

Anke Mosch (Red.), In Geinsheim und Leeheim werden Stolpersteine für Familien verlegt, in: "Bürstädter Zeitung" vom 18.5.2018

Ute Sebastian (Red.), In Erfelden werden die ersten neun Stolpersteine verlegt, in: „Echo“ vom 29.10.2018