Coswig (Sachsen-Anhalt)

Datei:Coswig in MEI.svg Die direkt an der Elbe liegende anhaltinische Stadt besitzt derzeit ca. 12.500 Einwohner – etwa zwölf Kilometer westlich der Lutherstadt Wittenberg gelegen (Karte Hagar, 2009, aus: commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0).

Die Anfänge einer kleinen jüdischen Gemeinschaft im anhaltinischen Coswig lassen sich spätestens in den 1770er Jahren finden, als Familien vom Anhaltinisch-Bernburger Fürsten hier Wohnrecht erhielten. In den folgenden fünf Jahrzehnten vergrößerte sich die Zahl der jüdischen Anwohner deutlich. Zunächst suchten die Juden Coswigs Gottesdienste in der Synagoge in Wörlitz auf. 1800 erbauten die Coswiger Juden in der Domstraße ihre eigene kleine Synagoge, einen schlichten Fachwerkbau; der kleine Saalbau war nach orthodoxem Ritus geordnet; so stand der Almemor in der Mitte des Raumes, wie es nach altem askenasischen Brauch üblich war. Etwa ca. 100 Jahre später erfolgte ein Umbau.

Die Gemeinde gehörte seit 1832 zum Landrabbinat Anhalt-Bernburg und gab sich 1859 ein Statut. Als ab Mitte der 1860er Jahre aus „eigener Kraft“ kein Minjam mehr zustande kam, griff man auf Teilnehmer von außerhalb zurück; schließlich musste man die regelmäßigen Gottesdienste ganz einstellen.

Ab Ende der 1880er Jahre konnte die immer kleiner werdende Coswiger Judenschaft keinen eigenen Kantor mehr beschäftigen, sodass man die Dienste des Wörlitzer Kantors in Anspruch nahm.

Von dem um 1800 angelegten jüdischen Friedhof in der Heidestraße sind heute nur noch wenige Grabsteine erhalten; das Gelände war in der NS-Zeit eingeebnet, die Grabsteine zweckentfremdet worden. Möglicherweise wurden auf dem hiesigen Begräbnisareal auch Verstorbene aus umliegenden Ortschaften begraben. Vor 1800 diente der jüdische Friedhöfe in Wörlitz bzw. Wittenberg als „Guter Ort“.

Juden in Coswig:

    --- 1793 .............................  4 jüdische Familien,

    --- um 1800 .......................... 10     “       “    ,

    --- 1828 ............................. 16     “       “   (62 Pers.),

    --- um 1845 ...................... ca. 65 Juden,

    --- um 1865 ...................... ca. 45   “  ,

    --- 1913 ............................. 12   “  ,

    --- 1933 .............................  9   “  ,

    --- 1938 ............................. 12   “  .

Angaben aus: Auskünfte des Stadtarchivs Coswig

Bildergebnis für coswig historisch Ansicht Coswig – Stahlstich um 1840 (Abb. aus: ZVAB.com)

Zu Beginn des 20.Jahrhunderts war die Zahl der jüdischen Bürger in Coswig stark zurückgegangen.

Während des Novemberpogroms wurden das bis ca. 1928 genutzte Synagogengebäude schwer beschädigt; Versuche, das Gebäude anzuzünden, scheiterten aber. 1939 wurde es abgerissen.

Das Warenhaus von Max Maerker in der Friederikenstraße wurde geplündert. Der jüdische Friedhof wurde fast völlig zerstört, Grabsteine zerschlagen bzw. andersweitig verwendet.

Auf dem Begräbnisgelände sind heute nur noch drei Grabsteine zu finden; auch die 1843 erbaute Trauerhalle ist nicht mehr vorhanden.

                friedhof coswig Aufn. aus: juedischegrabsteine-anhalt.de

Eine an einer Mauer angebrachte Gedenktafel am einstigen Standort der Synagoge erinnert heute wie folgt:

Wie schön sind deine Zelte, Jakob, deine Wohnstätten Israel.

Synagoge Coswig 1800 – 1938

An dieser Stelle erbauten die jüdischen Bürger unserer Stadt im Jahre 1800 ihre Synagoge,

im Jahre 1939 wurde die Synagoge auf Betreiben der Stadt abgerissen.

2013 wurden auf Initiative von Schülern fünf sog. „Stolpersteine“ in der Berliner Straße in Coswig verlegt; diese sind Angehörigen der Familie des ehemaligen Korksteinfabrikanten Heinz Rheinhold gewidmet. Nach dem Diebstahl dieser fünf Steine wurde diese 2019 durch neue ersetzt.

                                          Aufn. aus: panoramio.com  http://mw2.google.com/mw-panoramio/photos/medium/103561662.jpg

 Ein berühmter Sohn der Stadt Coswig war der 1842 geborene Hermann Cohen. Er machte sich als Philosoph und Publizist einen Namen. Der einzige Sohn des jüdischen Vorsängers und Lehrers der Coswiger Gemeinde, Gerson Cohn, war ein Anhänger Kants. Mehr als 30 Jahre war er an der Universität Marburg als Philosophie-Professor tätig und begründete mit seinem Schüler Paul Natorp die ‘Marburger Schule’ des Neukantianismus. Wenige Jahre vor dem Ersten Weltkrieg ging Cohen nach Berlin. In seinem „Bekenntnis in der Judenfrage“ formulierte er die Idee eines deutsch-jüdischen Symbiose und vertrat damit die mehrheitliche Meinung der deutschen Juden gegen Ende des 19.Jahrhunderts. Seine politische Philosophie eines ethischen Sozialismus übte großen Einfluss auf die deutsche Sozialdemokratie aus. Sein wichtigste Arbeit ist sein religionsphilosophisches Werk „Die Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums”; es erschien erst kurz nach seinem Tode. Hermann Cohen verstarb 1918 in Berlin; sein Grab findet sich in der Ehrenreihe des Jüdischen Friedhofs Berlin-Weißensee. In seiner Geburtsstadt besteht seit 2000 die Cohen-Gesellschaft Coswig e.V., die sich das Ziel gesetzt hat, aufklärerische Kultur in und um Coswig und die wissenschaftliche Bedeutung der Philosophie und Ethik des Namensträgers zu erforschen, zu fördern und zu pflegen.

Weitere Informationen:

M.Brocke/E.Ruthenberg/K.U.Schulenburg, Stein und Name. Die jüdischen Friedhöfe in Ostdeutschland (Neue Bundesländer/DDR und Berlin), in: Veröffentlichungen aus dem Institut Kirche und Judentum, Hrg. Peter v.d.Osten-Sacken, Band 22, Berlin 1994, S. 285/286

Geschichte jüdischer Gemeinden in Sachsen-Anhalt - Versuch einer Erinnerung, Hrg. Landesverband Jüdischer Gemeinden Sachsen-Anhalt, Oemler-Verlag Wernigerode 1997, S. 53 - 56

Frank Orlik, “Mit der Kritik in der Hand und vor dem Auge die Domgasse abschreitend”. Der Philosoph Hermann Cohen (1842 - 1918) aus Coswig, in: Jutta Dick/Marina Sassenberg (Hrg.), Wegweiser durch das jüdische Sachsen-Anhalt Verlag für Berlin-Brandenburg, Potsdam 1998, S. 262 ff.

Karl Schmidt, Die Juden in Coswig. Eine Erinnerung an Coswiger jüdische Mitbürger, Museum Stadt Coswig, o.J.

Bernd Gerhard Ulbrich, Nationalsozialismus und Antisemitismus in Anhalt. Skizzen zu den Jahren 1932 bis 1942, edition RK, Dessau 2005

Ilka Hillger (Red.), Schüler geben Anstoß für Stolperstein, aus: „MZ – Mitteldeutsche Zeitung“ vom 7.12.2012

Auskünfte seitens der Archivarin der Stadt Coswig (Jutta Preiß)

Auflistung der in Coswig verlegten Stolpersteine, online abrufbar unter: wikipedia.org/wiki/Liste_der_Stolpersteine_in_Coswig_(Anhalt)

Hartwich Wiedebach (Red.), Hermann Cohens Kindheit – Aus Anlass seines 100. Todestages am 4.April 2018, in: Kalonymos – Beiträge zur deutsch-jüdischen Geschichte aus dem Salomon Ludwig Steinheim-Institut, 21. Jg. Heft 1/2018, S. 1 - 9

Ilka Hillger (Red.) Stolpersteine in Coswig. Mahnmale werden ersetzt – und bleiben, in: „Mitteldeutsche Zeitung“ vom 23.3.2019