Ballenstedt (Sachsen-Anhalt)

Ballenstedt ist eine Kleinstadt mit derzeit ca. 8.000 Einwohnern im Landkreis Harz – am nördlichen Rande des Ostharzes ca. 15 Kilometer südöstlich von Quedlinburg gelegen.

Die Ortschaft Ballenstedt beherbergte im 18.Jahrhundert einige jüdische Familien.

Sie hatten sich zu der Zeit hier niedergelassen, als Fürst Friedrich Albrecht von Anhalt-Bernburg 1765 seine Residenz von Bernburg nach Ballenstedt verlegte. Einige erhielten den Titel Hoffaktoren und standen unter dem ausdrücklichen Schutz des Landesherrn. Einer dieser Männer war David ben Herz, dessen Nachkommen den Familiennamen Sieskind wählten, und die als Hoffaktoren zur jüdischen Oberschicht in Anhalt-Bernburg gehörten; ihr wirtschaftliches Betätigungsfeld war über lange Zeit der Wollhandel.

                Schloss Ballenstedt (Stich, 1837)

 

 

Ihre Synagoge errichtete die hiesige Judenschaft in den Jahren 1790/1791 zwischen Wasser- und Tempelstraße; bei ihrer Einweihung war sogar der anhaltinische Landesfürst anwesend.

Nachdem 1863 Anhalt-Bernburg an das Herzogtum Dessau gefallen war (der letzte Herzog war kinderlos geblieben), büßte Ballenstedt noch vorhandene Standortvorteile einer einstigen Residenzstadt ein. Für die israelitische Kultusgemeinde beschleunigte sich nun ein schon längst begonnener Schrumpfungsprozess; denn in der Folgezeit lebten nun immer weniger Juden in der Kleinstadt.

Auf Grund der Abwanderung der Ballenstedter Juden konnte das Synagogengebäude ab Ende des 19.Jahrhunderts nicht mehr erhalten werden. Damit war es dem Verfall preisgegeben und wurde ab den 1920er Jahren nach und nach abgetragen. In Ballenstedt existierte seit Mitte der 1850er Jahre auch eine jüdische Elementarschule.

Einen eigenen, nordöstlich des Ortes am Steinberg gelegenen Friedhof besaß die Ballenstedter Gemeinde ab ca. 1790/1800.

Juden in Ballenstedt:

        --- um 1855 .................... 157 Juden,

    --- 1871 .......................  92   “  ,

    --- 1900 .......................  62   “  ,

    --- 1910 .......................  43   “  ,

    --- 1913 .......................  29   “  ,

    --- 1932/33 ....................  20   “  ,

    --- 1939 .......................   5   “  .

Angaben aus: Landesverband Jüdischer Gemeinden Sachsen-Anhalt (Hrg.), Geschichte jüdischer Gemeinden in Sachsen-Anhalt ..., S. 27 - 30

Zu Beginn der NS-Zeit gehörten der jüdischen Gemeinde nur noch etwa 20 Personen an; ihre Zahl verringerte sich weiter, und schließlich löste die Gemeinde sich auf. Die wenigen noch hier verbliebenen Juden schlossen sich der Halberstädter Gemeinde an. Nach der „Kristallnacht“ wurden die letzten jüdischen Einwohner aus Ballenstedt ausgewiesen.

Auf dem jüdischen Friedhof an der Hoymer Straße, der während der NS-Zeit zwar unzerstört blieb und in der Nachkriegszeit stark verwahrloste, befindet sich ein Gedenkstein mit der folgenden Inschrift:

Die Toten mahnen !

Zum Gedenken der jüdischen Opfer, die durch den brutalen faschistischen Terror

unter unsäglichen Leiden gemordet und ermordet wurden.

Errichtet von der Deutschen Demokratischen Republik.

Im Jahre 1997 wurde der Friedhof wieder in einen vorzeigbaren Zustand versetzt. An der Umfassungsmauer wurden die noch vorhandenen Grabsteine in einer Reihe aufgestellt.

Jüdischer Friedhof (Aufn. Hans-Peter Laqueur, 2007, aus: alemannia-judaica.de)  

Die Tempelstraße, die in der NS-Zeit in Nicolaistraße umbenannt worden war, trägt seit 1991 wieder ihren alten Namen. Seit 2008 erinnern an fünf Stellen der Stadt sog. „Stolpersteine“ an ehemalige verfolgte jüdische Bewohner.

An eine der bekanntesten jüdischen Familien der Stadt erinnert eine Straße des Ortes, die Sieskindstraße. Der im Wollhandel tätige jüdische Großkaufmann und Hofagent Jakob Sieskind (1800-1861) erwarb sich 1848 Verdienste im Kampf um Bürgerrechte und Parlamentarismus.

 Sieskind Sieskind wurde 1833 als erster Sohn von Jakob Herz und Mathilde Sieskind in Ballenstedt geboren. Er wuchs unter dem Einfluss des Landesrabbiners von Anhalt-Bernburg, Salomon Herxheimer, in einem der jüdischen Reformbewegung zugewandten Elternhaus auf. Mit der allgemeinen Abwanderung der Juden aus Ballenstedt verließ auch die vermögende Familie Sieskind die Kleinstadt und zog 1871 nach Leipzig. Hier wurde Sieskind Teilhaber der 1852 von Jacob Plaut gegründeten Privatbank H. C. Plaut, später war er dann Alleininhaber.

1879 hatte Sieskind für seine Geburtsstadt eine Stiftung ins Leben gerufen, die zum einen den Lebensabend ärmerer Einwohner von Ballenstedt unterstützen und zum anderen die Berufsausbildung junger Menschen fördern sollte. In Anerkennung seiner Verdienste für das Gemeinwohl war ihm die Ehrenbürgerwürde verliehen worden.

1925 verstarb Sieskind Sieskind im Alter von 91 Jahren in Leipzig; dort wurde er auf dem jüdischen Friedhof an der Berliner Straße beerdigt.

 Im Jahre 1898 wurde Arthur Spier in Ballenstedt geboren. Seit 1926 war er langjähriger Direktor der Talmud-Thora-Schule in Hamburg. Kurz vor Kriegsbeginn stellte er gemeinsam mit ausländischen Hilfsorganisationen Ausreisetransporte für jüdische Kinder zusammen. 1940 machten ihn die NS-Behörden zum „Leiter des gesamten jüdischen Schulwesens im Reich“. Bei einem Aufenthalt in den USA blieb er dort und leitete anschließend die Religionsschule des „Jewish Center“. Arthur Spier starb 1985 in New York.

In der wenige Kilometer nördlich von Ballenstedt gelegenen Ortschaft Hoym wurden jüdische Bewohner erstmals um 1740 erwähnt. Die kleine Gemeinde besaß 1860 ca. 60 Mitglieder, die jedoch fast alle bis ca. 1900 abgewandert waren; kurz danach löste sich die Gemeinde ganz auf. Neben einem Bethaus mit Schule gab es am Ort seit 1828 auch einen Friedhof; auf diesem, von einer Steinmauer umgebenen Areal am Gieseckenberg stehen heute noch ca. 50 Grabsteine mit zumeist hebräischen Inschriften.

  Jüdischer Friedhof in Hoym (Aufn. H.-P. Laqueur, 2007)

In Harzgerode - ca. 15 Kilometer südwestlich von Ballenstedt - haben seit der ersten Hälfte des 18.Jahrhunderts einige wenige jüdische Familien dauerhaft gelebt; erst nach 1800 nahm dann ihre Zahl deutlich zu; um 1850/1860 waren hier ca. 20 Familien zuhause. Neben einer im Jahre 1809 eingeweihten Synagoge unterhielt die Gemeinde auch eine kleine Elementarschule und einen Friedhof, der an der Straße nach Silberhütte (westlicher Ortsausgang) lag.

          Kaufhaus Meyer Ahlfeld und Synagoge (um 1880)

Nach 1900 war die Zahl der Gemeindemitglieder stark rückläufig: 1925 betrug sie 12 und 1932 noch zehn Personen.

Während der NS-Zeit wurde der jüdische Friedhof fast vollständig zerstört. Seit 1964 befindet sich auf dem eingeebneten Gelände ein Gedenkstein (Aufn. J.K.Müller, 2013, aus: wikipedia.org, CC BY-SA 3.0) mit folgender Inschrift:

Ehemaliger Friedhof der jüdischen Gemeinde Harzgerode.

Zum Gedenken an die 6 Millionen vom Faschismus ermordeten Juden.

Friedhofsgelände vor der Instandsetzung (Aufn. aus: harzgerode.de, 2010)

Anlässlich des 73.Jahrestages des Novemberpogroms wurde auf dem jüdischen Friedhof, der im Rahmen eines Schülerprojektes in einen ansehnlichen Zustand versetzt wurde, ein neuer Gedenkstein enthüllt.

Aus Harzgerode stammte der Pädagoge und jüdische Publizist Immanuel Wohlwill (später Immanuel Wolf, geb. 1799), der nach seiner Ausbildung zunächst an der Israelitischen Freischule in Hamburg (1823-1838) und anschließend Direktor an der Jabobson-Schule in Seesen tätig war. Als Anhänger des Reformjudentums setzte sich Wohlwill für die kulturelle Assimilation der Juden in die deutsche Gesellschaft ein. Bereits im Alter von 48 Jahren verstarb er in Seesen.

Weitere Informationen:

M.Brocke/E.Ruthenberg/K.U.Schulenburg (Hrg.), Stein und Name. Die jüdischen Friedhöfe in Ostdeutschland, in: Veröffentlichungen aus dem Institut Kirche und Judentum, Band 22, Berlin 1994, S. 239

Geschichte jüdischer Gemeinden in Sachsen-Anhalt - Versuch einer Erinnerung, Hrg. Landesverband Jüdischer Gemeinden Sachsen-Anhalt, Oemler-Verlag, Wernigerode 1997, S. 27 – 30, S. 152 – 154 und S. 160 – 162

Bernhard Heese/Hans Peper (Hrg.), Ballenstedter Chronik. Eine Geschichte des Schlosses und der Stadt in Einzeldarstellungen. Von den Anfängen bis 1920, Ballenstedt 2004

Der jüdische Friedhof in Harzgerode wurde restauriert, in: "Unterharzbote" - Amtsblatt der Stadt Harzgerode, Dez. 2011

Karl-Heinz Börner, Die Harzgeröder Juden, in: Harzgeröder Heft 6/2014